Änderungsschneiderei Los Milagros – María Cecilia Barbetta

21. Dezember 2008 § Ein Kommentar

Dieses Mal stelle ich ein Buch für diejenigen vor, die sich auch mal gerne auf Experimente einlassen…
Um was gehts?
Es gibt hier weniger eine Handlung, viel mehr besteht dieser Roman aus verschiedenen Episoden, die in der Vergangenheit oder Gegenwart spielen und das Leben einiger Personen ausschnittweise beschreiben, deren Lebenswege irgendwie in der Änderungsschneiderei Los Milagros in Buenos Aires zusammenlaufen: So ist da die junge Schneiderin Mariana, deren Tante die Schneiderei gehört, oder Analía, die Mathematiklehrerin, die in die Änderungsschneiderei kommt, weil sie das Hochzeitskleid ihrer Mutter ändern lassen will – denn bald heiratet sie Roberto, einen vielversprechenden Bankangestellten. Mariana hat weniger Glück in der Liebe: Ihr Freund Gerardo kam aus einem USA-Urlaub nicht zurück, hat ihr nur drei wenig verbindliche Postkarten geschrieben. Je länger Mariana an Analías Hochzeitskleid arbeitet, desto mehr freunden sich die beiden Frauen an – bis Mariana allmählich erstaunliche Parallelen zwischen ihnen beiden entdeckt.
Fazit: Was mir an diesem Buch so gut gefallen hat, war weniger die Story, die jetzt nicht so spektakulär zu sein scheint, sondern einige andere Dinge: Zunächst muss unbedingt die Ausstattung genannt werden, denn die Geschichte wird durch Bilder und Zeichnungen jeweils am Ende eines Kapitels fantasievoll illustriert. Dazu kommt das Spiel mit Schriftgrößen und -arten sowie mit verschiedenen Satztechniken: So wird beispielsweise ein Dialog zwischen Mariana (die gerade an der Nähmaschine arbeitet) und ihrer Mutter wiedergegeben, die sich über Gerardo unterhalten, während im Hintergrund ein Radio läuft. Dementsprechend ist die Seite in drei Spalten geteilt: Der Monolog der Mutter links, die einsilbigen Antworten Marianas sowie das „tktktktktktktk“ der Nähmaschine in der Mitte, das Radio mit einer Reportage übers Bermudadreieck rechts. Das ist außergewöhnlich und macht wirklich Spaß – man muss sich allerdings darauf einlassen. Weiterhin wirklich schön fand ich Barbettas Sprache: Sie verwendet wunderbare Metaphern und Wortspiele, sie „spielt“ wirklich mit der Sprache, wenn ich das so ausdrücken soll. Ihr Erzählstil hat es an sich, dass viele Nebensächlichkeiten (die jedoch auch ihren Platz in der Geschichte bekommen) scheinbar unendlich ausgebreitet werden. Wie gesagt: Man muss es mögen, und auch ich war zwischendurch ein klein wenig genervt von einem seitenlangen Dialog bekiffter 20jähriger Jungs, aber der Rest der Geschichte entschädigt dafür.
Es gibt nicht „den“ roten Faden, ich glaube, es liegt am Leser, welchen der zahlreichen roten Fäden, die Barbetta auslegt, man aufnimmt, um ihm für den Rest des Buches zu folgen. Und auch, wenn mir das Ende nicht ganz klar geworden ist: Ich kann dieses wirklich schöne Buch wärmstens empfehlen!

S. Fischer Verlag, 329 Seiten, €19,90.

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