Time’s Arrow – Martin Amis

13. Mai 2009 § Ein Kommentar

img_3717Ein Buchtipp meiner Freundin Janina – der mich, soviel darf ich bereits verraten, nicht enttäuscht hat.

Um was gehts? Nachdem der Arzt Dr. Tod Friendly gestorben ist, löst sich seine Seele* vom Körper und erlebt Tods Leben noch einmal – rückwärts. Als Ich-Erzähler muss sich die Seele zunächst einmal den Sinn vieler Tätigkeiten erschließen, doch als Tod immer jünger geworden ist und seine Arbeit aufgenommen hat, erkennt sie: Tod ist Arzt, und seine Arbeit ist es zu zerstören. Nun, wenn man den Prozess der Heilung rückwärts betrachtet, muss dabei Zerstörung herauskommen, denn die Leute „kommen“ gesund zum Arzt und „gehen“ krank. Ebenso werden Kinder immer kleiner und verschwinden schließlich. Die Seele merkt schnell: Tod wird von Albträumen geplagt, er scheint ein Geheimnis zu haben – und diesem kommen sie immer näher. Tod ändert seinen Namen, wird zu John Young, „wandert aus“ nach Europa, um sich dort im Zweiten Weltkrieg wiederzufinden – unter dem Namen Odilo Unverdorben arbeitet er schließlich als Arzt im KZ Auschwitz. Und die Seele erkennt: Hier werden Menschen geschaffen! Ihre Seelen warten in den Wolken, ehe sie mit Hilfe von Gas und Feuer zu gesunden Menschen gemacht und schließlich auf der Rampe mit ihren Liebsten vereinigt werden. Und Odilo wird jünger, absolviert sein Medizinstudium und wird immer kleiner, ehe er in den 1920er Jahren wieder im Leib seiner Mutter verschwindet…

* Man erfährt nicht explizit, dass seine Seele erzählt, aber ich hab es so interpretiert.

Fazit: Ich merke, man kann die Handlung nicht wirklich sinnvoll wiedergeben – am besten lest ihr dieses Buch selbst, denn es lohnt sich tatsächlich. Gerade diese Interpretation von Auschwitz klingt richtig zynisch, aber das ganze Buch ist schlichtweg faszninierend geschrieben. Anfangs und auch immer wieder im Laufe des Buches muss man sich ziemlich konzentrieren, um erstmal den Sinn der einzelnen Tätigkeiten zu erkennen – es läuft ja tatsächlich alles rückwärts. Auch Dialoge sollte man von unten nach oben lesen… Manchmal war mir die Handlung zu sehr gerafft, es geht wenig um die wirkliche Entwicklung, die Tod/John/Odilo durchmacht – klar geht es darum, dass er „nach“ Auschwitz plötzlich wieder Gefühle hat, aber meistens wird doch nur knapp beschrieben, was alles passiert, und dann kommt schon wieder ein Zeitsprung von mehreren Jahren – man bekommt keine Analyse der Gefühlswelten des Protagonisten vorgesetzt, und ich glaube auch nicht, dass das Amis‘ Intention war. Wenn man sich überlegt, so war es ja Ziel der Nazis, eine „neue“ Rasse zu schaffen, und dazu dienten die KZs – die Interpretation der Seele scheint unter diesem Gesichtspunkt nicht allzu weit hergeholt zu sein. Und sicherlich diente auch genau dieses „höhere“ Ziel dem ein oder anderen als Rechtfertigung für die begangenen Grausamkeiten. Ein Buch jedenfalls, über das man diskutieren muss, wie ich finde.

ISBN: 978-0-099-45535-6

173 Seiten

Deutscher Titel: Pfeil der Zeit

Vintage Books

€8,26

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§ Eine Antwort auf Time’s Arrow – Martin Amis

  • Janina sagt:

    Hallo zusammen, hallo Julia,

    ich werde das Buch vermutlich in meiner Magisterarbeit mitverwenden, daher vielleicht ein Kommentar zu der Erzählweise. Zwar habe ich noch nicht viel zu diesem Thema speziell gelesen, aber offenbar haben Autoren nach einer Herangehensweise für das schlimmste Verbrechen des 20. Jahrhunderts gesucht – oder suchen immer noch – und nach einer Art und Weise, das Unaussprechliche auszusprechen bzw. zu schreiben. Eine Art ist eben die, die Amis wählt: die Erzählweise rückwärts, wiedergegeben von einem Erzähler, der mit dem Holokaust nicht vertraut ist. Alles, was Tod/John/Odilo tut, ist ironischerweise für den Erzähler genau das Gegenteil: alles Gute, alle heilenden Handlungen sehen wie Zerstörung aus – dagegen wird die Vernichtungsprozedur von Auschwitz als die gute Tat schlechthin gesehen – und endlich macht die Welt Sinn.
    Eine fürchterliche Vergangenheit, die allgegenwärtig und vielleicht gerade dehsalb so vertraut geworden ist, wird hier aus einer neuen Perspektive beleuchtet – und rüttelt vielleicht auch diejenigen, die viel über den Holokaust wissen, noch einmal neu auf. Eine Art von Vergangenheitsbewältigung…?

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