Kamtschatka – Marcelo Figueras

24. Juli 2009 § 4 Kommentare

Wir sind umgezogen – und ja, ich gehöre zu den Menschen, die trotzdem noch ein Buch gelesen kriegen. Liegt vielleicht auch daran, dass man durchdreht, wenn man nicht irgendeinen Ausgleich zum Kisten packen und Möbel aufbauen kriegt. Oder es liegt daran, dass „Kamtschatka“ einfach ein schönes Buch ist, wo man Seite um Seite umblättert, ohne richtig zu merken, dass man sich dem Ende viel zu schnell nähert.

Worum geht’s? Als im Jahr 1976 in Argentinien die Militärs die Macht ergreifen, muss ein regimekritischer Anwalt mit seiner Familie in einem Landhaus außerhalb von Buenos Aires untertauchen. Für die beiden Söhne, fünf und zehn Jahre alt, ist das erstmal ein großes Abenteuer – sie dürfen sich sogar Decknamen ausdenken! Wie der 10jährige Ich-Erzähler berichtet, vertrieben sich die Jungs die Zeit mit der Rettung von Kröten aus dem Swimming Pool und der Einübung von Entfesselungstricks nach Vorbild des großen Harry Houdini. Die Politik kommt nur in Nebensätzen und Andeutungen vor: Als der Vater erst nur noch von Cafés aus arbeiten kann, weil sein Büro durchsucht und verwüstet wurde, als später nicht einmal mehr das möglich ist, als die Mutter ebenfalls ihre Stelle verliert, weil sie dem Regime ebenfalls wenig freundlich gesonnen ist, als Lucas zur Familie kommt, dessen echter Name nicht Lucas ist und der eines Morgens genauso schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist.

Fazit: Ich glaube, es ist sehr schwer, zum Thema „Militärdiktatur“ ein schönes Buch zu schreiben. Aber interessanterweise ist „Kamtschatka“ in der Tat ein schönes Buch. Im Vordergrund steht nie die Politik, sondern immer der Alltag dieser (extrem sympathischen*) Familie, ihr Zusammenhalt und ihre Versuche, alles möglichst normal wirken zu lassen. Es geht vor allem um Anekdoten aus dem – scheinbar – ganz normalen Alltag eines Zehnjährigen, vermischt mit teils fast philosophischen Betrachtungen über das Leben, die Erde und die Geschichte, auch wenn über allem so eine dunkle Wolke hängt und man irgendwie dieses dumpfe Gefühl hat, das nicht alles so gut enden wird (wie es denn endet, wird natürlich nicht verraten!). Ich finde zwar diese Phrase etwas abgedroschen, aber sie trifft es gut: Kamtschatka ist ein warmherziges Buch, das wirklich schön zu lesen ist und bei dem man richtig mit den Protagonisten mithofft, dass alles bitte gut werden wird.

Ach ja: Was die argentinische Militärdiktatur mit der russischen Halbinsel Kamtschatka gemein hat, das wird hier natürlich nicht verraten. Denn um das rauszufinden, gibt es einen Grund mehr, das Buch auch zu lesen!

* Die Feministin in mir fand natürlich vor allem die Mutter toll, die arbeiten geht, sich politisch engagiert und mit Kochen und Hausarbeit nix am Hut hat. ;D

Advertisements

§ 4 Antworten auf Kamtschatka – Marcelo Figueras

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Kamtschatka – Marcelo Figueras auf Besser lesen.

Meta

%d Bloggern gefällt das: