The Whisperers – Orlando Figes

4. Oktober 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_4301Ja, ein gewisses Interesse für die Geschichte der Sowjetunion kann ich nicht leugnen. Kürzlich ausgelebt wurde diese Neigung in den über 600 Seiten von „The Whisperers“. Hier meine Rezension:

Um was gehts? Der Untertitel des Buches ist Programm: „Private Life in Stalin’s Russia“. Dazu hat Figes zahlreiche Interviews geführt und andere Quellen, beispielsweise Briefe und Tagebücher, ausgewertet, um ein Bild davon zu zeichnen, wie die Menschen während Stalins Regierungszeit lebten und welche Auswirkungen der Staatsterror auf sie hatte. Verflochten wird dies immer wieder mit darstellenden Teilen, die sozusagen einen historischen Rahmen um die privaten Erzählungen bilden. Zu einem großen Teil wird das Schicksal einzelner Familien im Laufe der Zeit nachvollzogen. Und was da zu Tage kommt, ist wirklich sehr heftig. Bei manchen Familien sind zahlreiche Mitglieder in Arbeitslagern verschwunden oder gleich erschossen worden, bei manchen auch „nur“ einer, manche kamen ganz davon – aber trotzdem waren alle davon betroffen, denn zumindest die Angst war immer da und brachte die Menschen dazu, sich möglichst zurückzuziehen, sich nicht über Politik zu äußern und wichtige Gespräche nur zu flüstern (daher auch der Titel des Buchs, wobei am Anfang erklärt wird, dass es im Russischen zwei Begriffe für „flüstern“ gibt: einen für das leise Reden, damit keiner mithören kann, ein anderer für das Flüstern, um andere zu denunzieren). Aber auch die Mitläufer und Denunzianten kommen zu Wort, und man fragt sich, wie so oft bei solchen Themen, ob man diese Leute so einfach verurteilen kann für das, was sie getan haben.

Fazit: Uff. So viele Eindrücke und Informationen! Und so viele schlimme Geschichten! Ich habe es auch nicht geschafft, das am Stück zu lesen, habe zwischendurch immer wieder was anderes gelesen. Aber: Wer sich für das Thema interessiert, sollte auf jeden Fall dieses Buch lesen. Zunächst einmal liest es sich die meiste Zeit sowieso spannend und flüssig wie ein Roman. Und außerdem, und das ist das Entscheidende, lernt man wirklich unheimlich viel über diese Epoche. Es ist eben sehr viel anschaulicher, wenn alles anhand von persönlichen Schicksalen nachvollzogen wird. Das Ganze noch illustriert mit Familienfotos, und es geht einem wirklich zu Herzen. Gleichzeitig gibt es einem auch eine kleine Idee davon, was ein Leben im Totalitarismus von Menschen abverlangt – alles lässt sich sicherlich nicht auf andere Systeme übertragen, aber ich denke, Parallelen lassen sich durchaus finden. Ich bin zum Beispiel absolut erstaunt, wieviel manche Menschen ertragen haben und wie sie trotzdem überlebt und weitergemacht haben. Dieses Buch ist wirklich sehr dicht und voller Informationen, die man erstmal alle aufnehmen muss. Aber dafür nimmt man auch wirklich was mit von der Lektüre.

„The Whisperers“ ist bisher übrigens zwar in 22 Sprachen übersetzt worden – in Russland wird es aber vorerst wohl nicht erscheinen, wie der Guardian informiert.

Ach ja: Normalerweise sehen meine Bücher nicht so zerlesen aus – mein Exemplar sieht vor allem deswegen so mitgenommen aus, weil mir jemand im Zug Kaffee drübergeschüttet hatte.

ISBN: 978-0141013510

656 Seiten

Deutscher Titel: Die Flüsterer

Penguin

€12,95

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