Glückseligkeit – Zülfü Livaneli

21. Juli 2010 § 3 Kommentare

Meryem war bisher nicht wirklich vom Glück verfolgt: Sie kennt nur ihr ostanatolisches Dorf, ihre lieblose Familie und den begrenzten Horizont der Dorfbewohner. Nach der Vergewaltigung durch ihren ach-so-gläubigen Onkel wird sie in den Keller gesperrt, wo jeder darauf wartet, dass sie sich umbringt – vollkommen klar, schließlich hat sie die Ehre ihrer Familie beschmutzt. Aber Meryem bringt sich nicht um – sie hofft darauf, nach Istanbul gebracht zu werden, so, wie man es schon mit anderen Mädchen aus dem Dorf gemacht hat. Was sie nicht weiß: Die Mädchen werden zwar nach Istanbul gebracht, kommen von dort aber nicht wieder – sie werden in der Anonymität der Großstadt von ihren Cousins oder Brüdern umgebracht.

Ihr Cousin Cemal wird ausgesucht, Meryem zu beseitigen. Cemal hat gerade den Militärdienst in den Bergen beendet, wo er gegen die Kurden gekämpft hat. Eher widerwillig macht er sich also mit Meryem auf nach Istanbul, denn eigentlich will er diese Pflicht nur schnell hinter sich bringen, um dann zurückzukehren und seine Jugendliebe Emine zu heiraten.

Parallel dazu wird Irfan in die Geschichte eingeführt: Der Professor aus Istanbul hat alles, was man sich nur wünschen kann: Er verkehrt in den besten akademischen, einflussreichen und wohlhabenden Kreisen, hat eine schöne Frau und ist durch seine TV-Auftritte bekannt und meistens beliebt. Er bräuchte sich also keine Gedanken über sein weiteres Leben machen – doch er tut genau das: Die klassischen Midlife-Crisis bringen ihn dazu, seine Frau zu verlassen, seine Zelte in Istanbul abzubrechen und sich fortan nur noch durchs Leben treiben zu lassen. Er mietet sich ein Segelboot, um durch die Ägäis zu schippern, an einem Buch zu schreiben und sonst einfach in den Tag hineinzuleben.

Die Wege von Irfan, Meryem und Cemal sollen sich im Laufe der Geschichte noch kreuzen, aber alles möchte ich hier nicht erzählen. Viel eher solltet ihr dieses tolle Buch selbst lesen. Ich kann gar nicht so richtig sagen, was mir so gut daran gefallen hat, aber irgendwie war alles stimmig: Jeder der drei Hauptcharaktere bekommt einen nahezu gleich großen Anteil an der Geschichte, die jeweiligen Vorgeschichten, Charaktereigenschaften und Beweggründe sind gut ausgearbeitet. Ob man sich nun mit den Handelnden identifizieren kann, ist sicherlich das eine, aber man kann immer verstehen, wieso diese so handeln, wie sie handeln.

Letztlich geht es um die Zwänge, in denen jeder von uns steckt: Nicht nur traditionelle Gemeinschaften üben diese Zwänge auf Individuen aus, auch unsere vermeintlich individualistische Gesellschaft ist nicht frei davon.

ISBN: 978-3499253584

368 Seiten

Originaltitel: Mutluluk

rororo

€8,95

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