3096 Tage – Natascha Kampusch

27. Dezember 2010 § 2 Kommentare

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich hoffe, ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest? Bei mir war das der Fall, und da ich grad noch ein paar freie Tage habe, geht es äußerst entspannt zu – lange schlafen, viel lesen und endlich mal wirklich ausspannen. Insofern kann ich auch endlich mal damit beginnen, meinen Rezensions-Rückstand etwas zu verringern…

Den Fall der Natascha Kampusch kennt wohl jeder: Natascha wurde 1998 als Zehnjährige auf dem Schulweg in Wien entführt und über 8 Jahre lang von Wolfgang Priklopil in einem Kellerverlies gefangen gehalten. In dieser Zeit lebte sie wie eine Sklavin, musste dem Täter den Haushalt führen, ihm bei Renovierungsarbeiten zur Hand gehen, wurde von ihm misshandelt und schikaniert. Der Täter selbst war psychisch schwer krank und lebte auf diese Weise offenbar seinen Größenwahn und seine Machtphantasien aus. Mit 18, im August 2006, konnte sich Natascha schließlich selbst befreien; Priklopil beging noch am Tag ihrer Flucht Selbstmord.

Nach einigen Jahren hat sie nun dieses Buch geschrieben – ihre Intention war es vor allem, ihre Geschichte selbst zu erzählen und die Deutung nicht allein den Boulevardmedien zu überlassen. An verschiedenen Stellen im Buch wird das besonders deutlich, beispielsweise wenn sie kritisiert, dass die Medien Priklopil vor allem als „Sexmonster“ darstellten oder wenn sie auf wenig Verständnis stieß, dass sie trotz allem eine gewisse Bindung zu dem Täter aufgebaut hatte – immerhin war er über acht Jahre ihre einzige menschliche Bezugsperson, von dem sie komplett abhängig war.

Die Lektüre ist erwartungsgemäß wirklich heftig. Kampusch beschreibt zunächst ihre Kindheit, den Tag ihrer Entführung und die Zeit unmittelbar danach. Es geht sowohl um konkrete Vorkommnisse und um Beschreibungen ihres „Alltags“, aber vor allem auch darum, ihre Gefühle und Gedanken nachzuvollziehen – der Situation, aber auch dem Täter gegenüber. Da der Täter zwischen Fürsorge und Gewaltausbrüchen schwankte, war auch Natascha ständig auf der Hut und in Angst. Mal erfüllte er ihr jeden Wunsch, mal ließ er sie zur Strafe für Nichtigkeiten hungern. Und in der ganzen Zeit war sie bis auf ein Radio komplett von der Außenwelt abgeschnitten, wusste nicht, was ihre Familie und ihre Freunde machten und wie sie alle mit Nataschas Verschwinden umgegangen waren. Ich habe mir beim Lesen immer wieder überlegt, was in meinem Leben in den letzten acht Jahren alles passiert ist und was für eine verdammt lange Zeit das ist – was es bedeutet, diese Zeit komplett isoliert in Gefangenschaft zu leben, kann man nicht auch nur ansatzweise verstehen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wirklich sehr heftig und beeindruckend. Insbesondere die Stärke Nataschas hat mich wirklich beeindruckt – es ist mir ein Rätsel, wie man so etwas überstehen kann. Was mir gefallen hat, war, dass der Schreibstil und der Aufbau des Buches voyeuristischen Tendenzen entgegenwirkt. Es gibt nichts Reißerisches, keine Befriedigung von Sensationslust, sondern nur Beschreibungen von Tatsachen. Es gibt beispielsweise auch keine Fotos. Das tut gerade diesem Fall gut, der ja über Wochen vor allem in Boulevardmedien ausgebreitet wurde, mit allen entsprechenden Spekulationen und Halbwahrheiten.

ISBN: 978-3471350409

288 Seiten

List Verlag

€19,95

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