Warum hast du geweint – Dace Rukšāne

4. Februar 2011 § 2 Kommentare

Ja, ich gebe es zu: Es waren vor allem die Stichwörter „Riga“ und „Lettland“, die zuverlässig dafür gesorgt haben, dass dieses Buch sehr schnell auf meiner Wunschliste und dann ohne größere Umwege in meinem amazon-Einkaufswagen gelandet ist. Immerhin ist schon wieder ein Jahr rum, seit ich in Riga war, und da brauchte ich einfach mal wieder ein bisschen Auffrischung.

Wobei es gar nicht so einfach ist, Autoren aus dem Baltikum (und allgemein aus Osteuropa) zu finden – klar, Sofi Oksanen ist momentan hoch im Kurs, aber sonst…? Das mag wohl auch daran liegen, dass viele Werke gar nicht erst auf Deutsch erscheinen – von Dace Rukšāne beispielsweise wurden bisher nur zwei Bücher übersetzt: Das hier besprochene sowie ein Theaterstück.

Es gibt ja Bücher, da lässt sich eine Rezension ganz locker aus dem Ärmel schütteln. Und es gibt Bücher wie dieses. Zuerst einmal die grobe Handlung zum Einstieg: Die Protagonistin heißt Katrina und lebt mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Riga. Die Eltern haben sich nicht mehr allzu viel zu sagen, und Freunde hat Katrina auch so gut wie keine. Deswegen sind die Alpinistencamps, die jeden Sommer im Kaukasus stattfinden, eine willkommene Abwechslung. Dort verliebt sich Katrina in Oleg; für ihn ist sie sein Krümelchen – das Krümelchen dagegen weiß nicht, dass Oleg daheim in Moskau Frau und Kind hat und es daher nicht sonderlich ernst mit ihr meint.

Es geht also auf den ersten Blick um die (unglückliche) Liebe, denn auch mit den anderen Jungs, die Katrina kennenlernt, hat sie kein Glück: Mit Sergej und Genna verbindet sie auch nach dem Camp noch eine Brieffreundschaft (ob noch mehr Gefühle im Spiel sind, bleibt etwas in der Schwebe), doch Sergej stirbt an einer rätselhaften Krankheit, und Genna ist zur falschen Zeit am falschen Ort, als der Atomreaktor in Tschernobyl explodiert. Eigentlich geht es aber in erster Linie um das Erwachsenwerden unter schwierigen Umständen in einer schwierigen Zeit – der politische Umbruch in den 1990er Jahren bildet den Hintergrund zu dieser Geschichte.

Eine „richtige“ Rezension fällt mir auch deswegen so schwer, weil sich Rukšāne nicht an eine Chronologie hält – sie springt mal hierhin, mal dorthin, und auf einmal sind ein paar Jahre vergangen und man hat es nichtmal gemerkt. Man erfährt nur durch Anspielungen, in welchem Zeitabschnitt man sich gerade befindet – manchmal nicht einmal das. Etwas weniger von diesem Hin und Her hätte das Buch gut vertragen, weil es zu sehr aus dem Lesefluss herausreißt und man diese einzelnen Handlungsschnipsel nicht wirklich einordnen kann. Ansonsten aber ist dieses Buch überaus poetisch und schön geschrieben, dabei aber niemals kitschig. Trotz der teilweise traurigen Thematik macht das Lesen überraschenderweise Spaß, und Katrina, die das Ganze meist (selbst)ironisch kommentiert, nimmt selbst den tragischen Stellen ein wenig die Härte.

Es gibt trotzdem noch ein „Aber“: Das Ende. Gegen Ende hin gibt es überhaupt keinen roten Faden mehr, die Geschichte wird mehr zu einem inneren Monolog Katrinas, mit verschiedenen kurzen Handlungsschnipseln und aus dem Zusammenhang gerissenen Dialogen. Klar ist Katrina da selbst sehr durcheinander und verwirrt (sie hat auch ausreichend Gründe dazu, aber ich will ja nicht spoilern), über weite Strecken weiß man allerdings nicht mehr wirklich, um was es nun eigentlich geht. Das macht nicht die komplette Geschichte gleich schlecht, aber zum Ende hin fällt dieses sonst sehr interessant geschriebene Buch dann doch etwas ab.

Ach ja: Rukšāne gilt in Lettland als Skandalautorin. Und Überraschung: Sie schreibt natürlich über Sex. Es wird auch masturbiert, und seltsame Sachen werden mit Büchern veranstaltet (ich hab es nicht verstanden und wäre dankbar, wenn mir jemand, der das Buch ebenfalls kennt, seine Interpretation dessen mitteilen könnte. Danke.). Aber das alles ist auch eher um- denn zu deutlich beschrieben. Und nimmt außerdem nur einen sehr kleinen Teil der ganzen Handlung ein. Vielleicht stammt der Ruf der Autorin von ihren anderen Werken, vielleicht sieht man das in Lettland einfach anders. Sollte jedenfalls keinen abschrecken, der Bücher von Skandalautoren nicht gerne liest (ich gehöre normalerweise nämlich auch zu dieser Gruppe).

Es gibt Bücher, die kann man ganz locker rezensieren. Nur hat man dazu dann oft nicht allzu viel zu sagen. Und es gibt Bücher wie dieses, wo eine klassische Rezension schwerfällt, man dafür aber viele Assoziationen und Gedanken dazu hat. Und sind nicht solche Bücher oft die interessanteren?

Für mich war „Warum hast du geweint“ wieder mal ein Beleg, dass es sich überaus lohnt, auch abseits des Mainstreams zu lesen, insbesondere auch mal Autorinnen und Autoren aus eher „exotischen“ Ländern (jedenfalls, was die auf Deutsch erhältliche Literatur anbelangt). Ich hoffe mal, dass noch mehr von Dace Rukšāne auf Deutsch erscheint, denn ihr Stil hat es mir sehr angetan. Bitte mehr davon!

ISBN: 978-3596178858

255 Seiten

Originaltitel: Kāpēc tu raudāji?

Fischer Taschenbuch

€9,95

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