So weit die Knie tragen – Rory Stewart

30. März 2011 § Ein Kommentar

Ich hoffe mal, der aktuelle Zustand der Rezensionsunlust ist nur vorübergehend und keine allgemeine Examens-Ausfallerscheinung. Wenn das jetzt den Rest des Jahres so geht, wär das nicht so schön. Da hole ich lieber mal ein bisschen was nach.

Wenn es ein Reiseland gibt, das schon seit Jahren ganz weit unten auf der Hitliste des Otto-Normaltouristen steht, so ist das sicherlich Afghanistan. Rory Stewart ist jedoch mitnichten Otto-Normaltourist, denn da er sowieso schon zu Fuß durch Asien (inkl. Iran, Pakistan, Nepal) unterwegs ist, wollte er Afghanistan nicht alleine schon deswegen auslassen, weil gerade die Taliban gestürzt worden waren und – gelinde gesagt – unsichere Zustände herrschten.

Stewart war natürlich auch gut vorbereitet: Als Historiker mit profunden Kenntnissen über die Region und nicht zuletzt die Sprache(n), die die Menschen dort sprechen, konnte er zumindest die gröbsten Fallstricke vermeiden. Trotzdem nötigt seine Entscheidung, innerhalb von zwei Monaten von Herat im Westen nach Kabul im Osten zu wandern, Respekt ab – oder nur ein Kopfschütteln, je nachdem.

Stewart bricht im Januar 2002 auf – es liegt Schnee, es ist kalt und auf seinem Weg muss er auch Gebirge durchqueren. Anfangs wird er von zwei Soldaten begleitet, später dann von einem großen, zahnlosen Hund namens Babur. Er trifft manchmal auf Gastfreundschaft, manchmal aber auch auf das Gegenteil (Menschen, die selbst nur das Nötigste zum Essen haben, sind schließlich nicht sonderlich scharf drauf, noch einen Besucher zu bewirten), manchmal gerät Stewart sogar in brenzlige Situationen, wobei ihm aber wider Erwarten nie etwas Schlimmes passiert. Die damals aktuellen politischen Entwicklungen – das Bombardement der USA und ihrer Verbündeter in der Folge des 11. September – werden eher am Rande gestreift, der Krieg ist jedoch als Kulisse immer präsent.

Über seine Reise hat er diesen sehr lesenswerten Bericht geschrieben. Sehr angenehm und auch angemessen fand ich, dass er sich selbst extrem zurücknimmt und dadurch seinen Beschreibungen über Landschaft, Menschen, Sitten und Gebräuche umso mehr Raum gibt. Dieser Stil hat mir enorm gut gefallen – es nervt mich, wenn Leute so eine Reise machen, dann aber in ihren Berichten vor allem um die eigenen Befindlichkeiten kreisen.

Obwohl er die Sprache meist versteht, so erschließt sich Stewart nicht immer alles, was er erlebt. Er kommentiert dies, ohne zu verklären – mal ironisch, mal mit einem Augenzwinkern, mal aber auch sehr ernst und kritisch. Er berichtet von brenzligen Situationen genauso ehrlich wie von irgendwelchen Skurrilitäten, die ihm auf dem Weg begegnen. Nur manchmal was mir der Schreibstil etwas zu inkonsistent: er springt von Personenbeschreibungen zu historischen Abhandlungen und dann weiter zu Landschaftsbeschreibungen. Hier hätte man etwas mehr Feintuning reinstecken sollen, so dass die Geschichte wirklich immer flüssig zu lesen bleibt.

Um es ganz ehrlich zu sagen: Irgendwie näher gekommen bin ich Afghanistan durch dieses Buch nicht. Es lag vielleicht daran, dass Stewart durch eine extrem arme und rauhe Gegend gewandert ist, wo es wenig anderes gibt als ein paar abgelegene Lehmhütten und Männer mit Kalaschnikows. Und das ist eine komplett fremde Welt, in die man sich nur schwer hineinversetzen kann, wenn man sie nicht kennt. Überhaupt: Stewart bewegt sich in einer Welt nahezu ohne Frauen. Er kommentiert das auch des Öfteren selbst, aber es ist schon auffällig und sorgte bei mir für ein ziemlich beklemmendes Gefühl – ich will hier gar nicht darüber philosophieren, was es bedeutet, wenn die Hälfte einer Gesellschaft letztlich unsichtbar bleibt.

Alles in allem ein sehr interessantes, außergewöhnliches und lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3492254229

400 Seiten

Originaltitel: The Places in Between

Piper Verlag

€10,95

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§ Eine Antwort auf So weit die Knie tragen – Rory Stewart

  • Ich weiß nicht, ob ich Stewarts Unterfangen mutig oder doch nur unfassbar leichtsinnig finden soll. Jedenfalls hat mir deine Rezension ein gutgepflegtes Vorurteil bestätigt: die meisten Reisetagebücher sind nichts für mich.

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