Ich kehre zurück nach Afrika – Stefanie Gercke

18. Mai 2011 § Ein Kommentar

Dieses Buch macht mich ratlos. Ich habe es jetzt tatsächlich bestimmt schon zum dritten Mal gelesen, und dabei ist es doch soooo kitschig – damit hab ich’s ja sonst so gar nicht. Und wieso ich es doch immer wieder lese? Null Ahnung. Eigentlich.

Aber erstmal die Handlung: Henrietta wird mit nicht mal 20 von ihren Eltern aus dem winterlichen Hamburg ins tropische Durban geschickt. Dort lebt ihr Onkel Hans mit seiner Frau Gertrude. Henrietta soll sich dort die Flausen aus dem Kopf schlagen – sie hatte es nämlich tatsächlich gewagt, ihren afrikanischen Freund (zwar Diplomatensohn und ergo aus gutem Hause, aber eben schwarz!) an die heimatliche Kaffeetafel mitzubringen!

Henrietta selbst stürzt sich wahnsinnig naiv und voller kindlicher Neugierde in ihr afrikanisches Abenteuer. Von den Gesetzen der Apartheid (das Ganze spielt in den 1960er Jahren) hat sie null Ahnung, sie bewundert die Schönheit der Natur aus vollem Herzen und ist sich sicher: Hier gehört sie hin. Gercke spart hier wahrhaftig nicht mit bildhaften Beschreibungen: Die Nacht ist nicht nur einfach dunkel, nein, sie ist samtig-schwarz und glühend (was auch immer man sich darunter vorstellen mag). Die Inderinnen sind bunt gekleidet wie Schmetterlinge und die Schwarzen tanzen und singen eigentlich ständig. In Afrika ist allgemein alles etwas wilder und ursprünglicher als im kalten, steifen Europa. Kennt man ja.

Blitzschnell findet Henrietta Freunde in der reichen, weißen Oberschicht, unter denen jedoch auch (vereinzelt) die ersten kritischen Stimmen der Rassentrennung gegenüber zu hören sind. Über sie lernt sie Benedict kennen, sehr charmant, sehr gut aussehend, nur leider etwas pleite. Sie verlieben sich (sie natürlich auf den ersten Blick und un-sterb-lich, wie es sich in solchen Geschichten gehört), er ist zwar noch mit ihrer Cousine verlobt, das ficht ihn jedoch nicht an, ihr ebenfalls einen Heiratsantrag zu machen (in erster Linie wegen ihres riesigen Vermögens, das sie in der Zwischenzeit von ihrem verstorbenen Onkel Diederich geerbt hat). Und doch, ach: Schließlich trennt sich Henrietta schweren Herzens von ihm, sie will nicht immer die zweite Frau an seiner Seite sein.

Wenig später – Auftritt Ian: Ein wahnsinnig (!!!!) gut aussehender Schotte, groß, mit kornblumenblauen (!!!) Augen, tritt in ihr Leben und prompt sind die beiden unsterblich verliebt, ach was, Seelenverwandte! Ian ist ein wunderbar starker Mann zum Anlehnen, er übernimmt gern auch mal den Telefonhöhrer, wenn ihr Papa im fernen Hamburg nicht nett zu Henrietta ist. A knight in shining armour, ein Traum, ein Klischee.

Henrietta selbst ist mittlerweile eine gefragte Unternehmerin, sie entwirft Kleider, die in der Upper Class schwer gefragt sind. Und mit zwei bezaubernden Kindern – Jan und Julia – wird das Glück komplettiert.

Wenn sie nicht beim Kauf ihres perfekten Hauses in paradiesisch-perfekter Lage jemandem sehr Einflussreichen auf die Füße getreten wären, hätte es ja so bleiben können. Doch ist dieser jemand der Schwager des berüchtigten Generalstaatsanwaltes Dr. Piet Kruger, der vor recht wenig zurückschreckt. Belastend könnte sein, dass Ian und Henrietta vor Jahren einmal einen Abend im Township Kwa Mashu verbracht haben, und noch viel schwerer wiegt, dass Henriettas Erbschaft auf einem Schweizer Konto verwahrt wird – solche Auslandskonten sind zu dieser Zeit streng verboten und stehen in etwa auf einer Stufe mit Mord. Plötzlich wird das Telefon von Henrietta und Ian abgehört, sie werden beschattet und schließlich tauchen gefälschte Beweise gegen sie auf, die sie für Jahre ins Gefängnis bringen könnten. Es bleibt nur noch ein Weg: Die Familie muss schnellstens das Land verlassen.

Ich glaube, ich weiß, warum ich dieses Buch immer wieder lese: Man kann sich so schön über diese ganzen Stereotypen lustig machen. Und es ist auf vorhersehbare Weise total spannend. Es geht quasi schief, was schiefgehen kann, auf den letzten Metern tauchen noch Probleme auf, man will auf jeden Fall wissen, wie es weitergeht und kann sich doch sicher sein, dass hier ein Happy End folgen wird (haha, und was für eins! Filmreif wäre da noch untertrieben).

Wie schon angedeutet: Dieses Buch ist sooo kitschig! Meine Güte. Von dem Liebesgesülze zwischen Henrietta und Ian bekommt man fast schon Zahnschmerzen. Es ist alles so wahnsinnig klischeehaft überladen, dass man ständig den Kopf schütteln will. Und doch macht das Lesen irgendwie Spaß. Weil man deutliche Grenzen zwischen Gut und Böse hat. Weil man nicht nachdenken muss, wer auf welcher Seite steht. Weil man sich einfach mal hemmungslos dem Schmalz hingeben kann, unter dem Deckmäntelchen, sich für die gesellschaftlichen Zustände im Südafrika der Apartheid zu interessieren. Und weil man ab und zu halt auch mal seine ganz persönliche Fernweh-Schicksalsschmonzette braucht.

Ich steh dazu: Ich mag dieses Buch.

ISBN: 3-426-61498-7

537 Seiten

Knaur

€6,95

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