Deutschlands sexuelle Tragödie – Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher

9. Juli 2011 § 4 Kommentare

Ich hab mich ausnahmsweise mal an so ein „Betroffenheitsbuch“ rangetraut – und ich weiß jetzt, dass sowas tatsächlich nicht mein bevorzugtes Genre ist.

Die beiden Autoren arbeiten in der „Arche“ in Berlin, einer Einrichtung, die sich um Kinder aus problematischen Verhältnissen kümmert. Klar, dass sie da einige Geschichten zu hören bekommen.

Hier geht es vor allem um die sexuelle Verwahrlosung, die sie beobachten: Jugendliche haben immer früher Sex, in der Regel ohne eine feste Beziehung, natürlich auch ohne Verhütung. Sex ist ein Ersatz für Anerkennung, für Liebe, für familiäre Strukturen. Denn meistens sind die Eltern schlechte Vorbilder: Viele Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf (meist mit der Mutter, die immer wieder wechselnde Partner hat). Gemeinsam werden Pornos geschaut, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Mutter und Tochter nacheinander mit dem selben Mann schlafen.

Erzählt wird das Ganze anhand von Einzelschicksalen, und spätestens nach dem dritten wiederholen sich die Muster. Und irgendwie hatte ich auch spätestens ab da so meine Probleme mit diesem Buch: Sich die krassestens Geschichten aus einer Stadt rauszugreifen, diese zusammenzufassen und das Ganze dann als „Deutschlands sexuelle Tragödie“ zu verkaufen, ist doch arg gewagt. Dachte ich zumindest immer, der/die Durchschnittsjugendliche lasse sich mit dem ersten Sex wieder mehr Zeit und lege vor allem Wert, dass es innerhalb einer Liebesbeziehung passiert. Stattdessen gibt es hier enorm viel Schwarzmalerei, Bashing der neuen Medien und eine versteckte Sehnsucht nach der guten, alten heilen Welt, wo mit Mutti, Vati und Kind die Welt noch in Ordnung war (letzteres ist eine Unterstellung, ich meine es aber zwischen den Zeilen gelesen zu haben). Es spricht schon Bände, dass immer genau die Piercings der Jugendlichen aufgezählt werden, als wäre das ein sicheres Zeichen für Verruchtheit.

Die etwas altbackene Sprache tut ihr Übriges: „Seine Jeans, Baggypants nennt man diese Art Hose wohl, hängt fast in den Knien“ oder „… neue Chats schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Kinder erfahren die neuen Adressen durch Freunde und Mitschüler.“ JETZT weiß ich also, wie man in die wirklich abgefahrenen Chats kommt! Ich kannte da wohl einfach nie die richtigen Leute…

Aber im Ernst: Es ist natürlich besorgniserregend, wenn sich Familienstrukturen dahingehend auflösen, dass viele Kinder und Jugendlichen aufwachsen, ohne Geborgenheit und Wertschätzung zu erfahren. Es darf natürlich nicht sein, dass junge Leute ohne Schulabschluss und mit der Aussicht auf ein Leben mit Transferleistungen ihre Bestätigung in anderen Bereichen suchen, oder dass junge Mädchen meinen, sie müssten nur das tun, was ein Mann von ihnen will, damit er noch ein paar Monate länger bei ihnen bleibt. Aber dieses Buch erschien mir doch auch arg subjektiv mit seinen extremen Fällen, und ich weiß auch ehrlich gesagt nicht wirklich, was es mir sagen wollte.

ISBN: 978-3865913463
187 Seiten
Gerth Medien Verlag
€14,95
 
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§ 4 Antworten auf Deutschlands sexuelle Tragödie – Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher

  • Gecko sagt:

    Hallo Julia,

    Ich weiß ja nicht wie Christlich du bist, aber die Arche ist kein unabhängiger Verein sondern von Christlichen Kinder- und Jugendhilfe.
    Sie tun sicherlich eine Menge für die Ärmsten unter den Armen aber immer auch mit dem Hintergrund aus dem sie halt kommen… und das könnte die von dir bemerkte Subjektivität des Buches erklären.
    Für mich klingt das Fazit deiner Rezi zumindest arg nach „Vorsicht Propaganda!“

    Lieben Gruß, Gecko

  • Julia sagt:

    Hallo Gecko!
    Ich bin nicht christlich oder sonstwie religiös, und es wurde in dem Buch auch darauf hingewiesen, dass die Autoren christlichen Hintergrund haben (Bernd Siggelkow ist ja selbst Pastor). Ich möchte die Verdienste der Arche auch gar nicht leugnen, es spricht ja nichts dagegen, aus seiner christlichen Überzeugung heraus den Armen zu helfen. Im Buch selbst klang es auch nicht direkt durch, dass die Autoren diesen Hintergrund haben (es wird mal in der Einleitung erwähnt, glaube ich).
    Mein Fazit sollte eher in die Richtung verstanden werden, dass man dieses Buch besser mit einer gewissen Distanz lesen sollte: Es ist wahrscheinlich auch nur als Aufzählung einzelner Fallbeispiele gemeint, aber zusammen mit dem Titel wird irgendwie suggeriert, dass es um „die“ Jugend in Deutschland allgemein schlecht bestellt sei. Dem sollte man nicht auf den Leim gehen. Und auch wenn die Autoren wahrscheinlich gar keine Aussagen über Gesamtdeutschland machen wollten: Was genau dann der Zweck dieses Buches ist, hat sich mir nicht erschlossen. Bestätigung von allen, die über „die Jugend von heute“ schimpfen? Vielleicht ja tatsächlich Propaganda – dann am ehesten für eine heile Welt, die es so noch nie gegeben hat.

  • Bücherphilosophin sagt:

    Schade, dass dieses Buch so durchfällt. Ich hab dieses Thema schon in unzähligen Dokus auf den öffentlich-rechtlichen durchgekaut gesehen – und wenn ich Deine Rezi so lese, dann hab ich stark das Gefühl, das Buch wendet sich an das gleiche „früher war alles besser – heute nimmt doch jeder Drogen“ Publikum.
    Ich denke Jugendliche sind sicher selbstbestimmter, vor allem die Mädchen, als es in einem unbestimmten damals der Fall war, aber für mich ist das noch kein Zeichen von Verwahrlosung.
    Familien, in denen gemeinsam Pornos geschaut werden und der Stiefvater auch mal mit der Tochter, sind ein Fall fürs Jugendamt, aber zum Glück nicht die Regel.

  • Julia sagt:

    Ich finde dieses Thema auch extrem wichtig – Aufklärung und die Vermittlung von bestimmten Werten in Bezug auf Partnerschaft und Sexualität sind unerlässlich, sollten aber ohne irgendwelche ideologischen Wertungen vonstatten gehen. Aber genau das passiert in diesem Buch, diese Betonung der „heilen“, bürgerlichen Familie beispielsweise. Differenziert wird hier nicht, und es wird ausgeblendet, dass auch die ach so harmonische „Vater, Mutter, Kind“-Welt von früher ihre Problembereiche hatte bzw. hat.
    Es wären wohl längst nicht alle Probleme dieser Jugendlichen gelöst, wenn sie jetzt wieder Papa und Mama hätten, die verheiratet wären und mit ihren Kindern zusammen lebten. Es geht doch viel eher darum, dass die Kinder sich entfalten können und wirkliche Chancen bekommen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Stabile familiäre Verhältnisse sind dafür sicher förderlich (und die kann durchaus auch ein alleinerziehendes Elternteil vermitteln), aber eben nicht hinreichend.
    Aber hier wird leider wiederholt so getan, als läge das wirkliche Problem darin, dass Mama immer wechselnde Freunde hat.

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