Abgebrochen: Doktor Freuds Geheimnis – Carol de Chellis Hill

19. August 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Dieses Mal hab ich wirklich lange durchgehalten und bin weit über die Hälfte hinausgekommen. Aber dann befand ich, dass die meisten meiner ungelesenen Bücher dann doch größeres Lesevergnügen verhießen – also doch noch ein Abbruch in letzter Minute. Kommt vor.

Da man vor jeder Kritik ja immer was Nettes sagen soll (à la: „Ich schätze Ihre Arbeit in unserer Abteilung wirklich sehr, tolle Präsentation neulich! Toll wäre es übrigens auch, wenn Sie regelmäßig Deo benutzen würden.“), zuerst einmal das Positive: Es ist nicht schlecht geschrieben. Die Charaktere sind gut und genau gezeichnet und manchmal auch recht lustig (im Übrigen spielen einige Personen mit, die tatsächlich gelebt haben: Der Psychoanalytiker Sigmund Freud, die Autorin Edith Wharton, der Autor Henry James und am Rande auch der österreichische Kaiser selbst). Das beste Ensemble und die prunkvollste Kulisse (das k.u.k. Wien) nützen allerdings leider wenig, wenn die Geschichte nur einen sehr dünnen roten Faden hat, der kaum die vielen verschiedenen Handlungsstränge zusammenhalten kann.

Nun, es ist schon klar, dass geheimnisvolle Frauenmorde in Wien geschehen und dass angeblich auch in Doktor Freuds Wohnung ein Mord passiert sein soll. Das ist allerdings nicht wirklich sicher, weil nur Freuds Ehefrau und deren Schwester Zeuginnen waren – und Freud weiß ja selbst, dass beide eigentlich ziemlich hysterisch und in solchen Dingen nicht wirklich zuverlässig sind. Doch wieso wollen dann alle Mitglieder des Haushalts den großen, eingetrockneten Blutfleck auf dem Teppich vor dem eigens aus Paris angereisten Inspektor verbergen?

Tja, und ansonsten bewegen wir uns ein wenig in der gehobenen Gesellschaft Wiens, lauschen den Gesprächen in den Salons, die sich um die Theorien Herzls oder den Dreyfus-Prozess drehen und haben letztlich wenig Ahnung, was dieses Buch eigentlich sein soll. Ein Krimi ist es nicht, vielleicht doch eher ein Gesellschaftsporträt, ein Roman über das Fin de siècle oder über Wien, ein Mosaik aus diversen Teilchen, ein Stimmungsbild…

Es kann gut sein, dass jemand, der so etwas mag, dieses Buch ganz toll findet. Mir war es aber oft einfach zu unentschlossen, was es eigentlich sein will. Dazu hat sich die Geschichte häufig in viel zu kurzen Kapiteln, in Nebenhandlungen und Details verloren – zuerst war ich von den ständigen Sprüngen zwischen Städten und Charakteren total verwirrt, dann ärgerte es mich etwas, weil es mich davon abhielt, mich näher in einen Handlungsstrang hineinzuversetzen.

Fazit also leider nur ein „ganz nett“ – ich habe aber momentan so viele andere Bücher im Regal stehen, die mehr versprechen als ein „so ganz nett“. Deswegen bleibt es auch nur bei einem „nicht ganz gelesen“.

ISBN: 978-3499137815
552 Seiten
Originaltitel: Henry James‘ Midnight song
rororo
nur noch gebraucht erhältlich – für ein paar Euro
 
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