9987 – Nik Jones

7. September 2011 § Ein Kommentar

Meine Güte, ist dieses Buch krank. Absolut. Der Protagonist ist komplett gestört, doch erst im Laufe der Erzählung merkt man endgültig, dass er nicht nur ein bisschen seltsam, sondern definitiv krank ist. Aber bei mir war’s dann schon zu spät, aufhören konnte ich da schon nicht mehr.

Zuerst hält man den namenlosen Ich-Erzähler einfach nur für ein armes Würstchen: Er hat einen wenig anspruchsvollen Job in einer Videothek, hat außer seinen Eltern keine sozialen Kontakte und auch sonst kein wirklich ausgefülltes Leben. Bei der Arbeit sitzt er meist mit einer Tasse Kaffee herum und stellt Überlegungen über seine Kunden an – die er konsequent nur nach dem Schema Mitgliedsnummer, Nachname, Vorname nennt. Er ist ein genauer Beobachter, dem auch Details nicht entgehen, und er charakterisiert seine Kunden durchaus treffend und genau.

Eines Tages kommt SIE in die Videothek: Scarlett, bald darauf nur noch „9987, Santino, Scarlett“. Und unser Ich-Erzähler ist hin und weg. Sofort ist er in ihren Bann gezogen, sofort weiß er: Diese Frau ist für ihn bestimmt, sie gehört ihm, er muss sie beschützen.

Durch die Anmeldung hat er ihre Adresse, er kann bald nächtelang nicht anders, als vor ihrem Haus zu sitzen und in ihre Fenster zu filmen. Er hasst seinen Arbeitskollegen, als dieser ihr an seiner Stelle einen Film ausleiht. Er erzählt seiner Mutter, es gäbe da jemanden. In seiner Phantasie leben die beiden eine ausgefüllte, glückliche Beziehung. In seiner Phantasie ist sie seine Scarlett. Doch es ist eben nur: Eine Phantasie.

Der Grusel schleicht sich hier ganz allmählich zwischen die Zeilen. Das nächtliche Stalking wäre schon schlimm genug – als der Protagonist herausfindet, dass Scarlett als Krankenschwester arbeitet, sitzt er in der Notaufnahme des Krankenhauses herum und verletzt sich schließlich selbst, nur um von ihr gepflegt zu werden. Spätestens da weiß man: Nein, der Typ ist nicht einfach nur schwer verliebt. Dieser Typ ist wirklich krank.

Er steigert sich in eine Phantasie hinein, in der Scarlett von einem anderen Kunden Gefahr droht. Er fürchtet, Scarlett zu verlieren. Und das ist für ihn ein unerträglicher Gedanke. Er muss alles tun, um seine Scarlett vor diesem anderen Mann zu beschützen.

Ich sage gleich: Man muss bereit sein, sich in seelische Abgründe hinabzubegeben. Ich fand es… auf der einen Seite schon sehr gut und sehr spannend, aber die letzten Seiten waren schon sehr psycho und ziemlich krass. Alles gerät aus den Fugen – wirklich alles. Die Wahnvorstellungen, die den Protagonisten über die ganze Erzählung hinweg plagen, verdichten sich und nehmen ihn komplett gefangen. Das Finale ist ziemlich – hm, abartig, aber irgendwie auch konsequent und letztlich nicht überraschend. Während man am Anfang vielleicht noch am ehesten Mitleid mit dem Erzähler hatte, kann man ihn zum Schluss nur noch hassen. Und obwohl ich Charaktere in Büchern schon oft unsympatisch, nervig oder anstrengend gefunden habe, wirklich gehasst habe ich eigentlich noch keinen.

Aber trotz allem komme ich nicht umhin zu sagen, dass ich dieses Buch ziemlich, ziemlich gut fand. Jones sind sehr plastische und genaue Personen- und Szenenbeschreibungen gelungen, er schafft dadurch eine besondere Atmosphäre, die eine passende Kulisse zu dieser schrägen Handlung bildet. Die Welt, in der das Ganze spielt (eine nicht genannte britische Stadt – ich las mal etwas von Newcastle, würde das aber erstmal nicht bestätigen), ist eine verwahrloste und trostlose. Dazwischen schleicht sich aber immer wieder ein etwas absurder Humor mit fast schon charmanten Wortspielen. Man muss trotz allem immer mal wieder lachen oder zumindest vor sich hingrinsen, weil es einfach so schräg und absurd ist.

Ich würde aber dennoch auf eines hinweisen wollen: Ihr könnt euch in etwa vorstellen, worum es in diesem Buch geht. Überlegt selbst, ob ihr sowas mögt. Es ist verstörend und keine Geschichte, die man nett mal so nebenher wegliest. Man gerät allmählich in einen Sog, der einen immer weiterlesen lässt – man weiß, es wird kein gutes Ende nehmen, man ahnt es schon auf den ersten Seiten, aber man kann einfach nicht aufhören. Und das spricht ja in der Regel für ein Buch.

ISBN: 978-0955632662
268 Seiten
liegt bisher nur in der englischen Originalfassung vor
Tonto Books
€9,99
 
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§ Eine Antwort auf 9987 – Nik Jones

  • Eva sagt:

    Wow, klingt ja very british, dieses Buch. Einen Protagonisten zu hassen, das ist mal was Neues.
    Neugierig hat mich hat mich deine Rezension auf jeden Fall gemacht. 🙂

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