Die Stadt der Blinden – José Saramago

26. November 2011 § 5 Kommentare

Wie ihr unter Umständen schon wisst (immerhin ist das ja kein so unbekanntes Buch und verfilmt wurde es auch), beginnt das Buch mit einem Mann, der erblindet. Einfach so, mitten auf der Straße. Der Augenarzt, den er bald darauf aufsucht, kann beim besten Willen keine Krankheit finden, die Augen des Blinden sind kerngesund. Doch mit diesem einen Blinden beginnt eine Epidemie: Es erblinden der Augenarzt und alle Patienten, die im Wartezimmer saßen, als der erste Blinde in die Praxis kam. Es erblindet der Taxifahrer, der ihn zum Arzt gefahren hatte. Seine Ehefrau. Und immer mehr Menschen werden von jetzt auf gleich blind, ohne Warnsignale oder vorausgehende Symptome.

Die Regierung ist hilflos, sie vermutet eine hohe Ansteckungsgefahr dieses „Weißen Übels“, wie die Blindheit genannt wird. Die Blinden werden kurzerhand in ein leerstehendes ehemaliges Irrenhaus interniert, unter Bewachung des Militärs und nur mit dem Nötigsten an Essen und Hygieneprodukten. Medizinische Versorgung gibt es keine, und wer das Gebäude verlässt, wird sofort erschossen. So die Regeln, die jeden Tag via Lautsprecher auch den Neuankömmlingen bekannt gegeben werden.

Man kann sich vorstellen, dass die Verhältnisse nicht allzu geordnet bleiben: Es kommen ständig neue Blinde hinzu, die sanitären Anlagen sind vollkommen überlastet und nicht alle Insassen finden sie überhaupt rechtzeitig. Nahrung gibt es nie in ausreichenden Mengen, und so kommt es zwangsläufig zu Verteilungskämpfen, wobei sich einige Blinde als Bestimmer aufschwingen und immer absurdere Gegenleistungen für das Essen verlangen: Erst sollen alle Blinden ihre Wertsachen abgeben, schließlich sollen sich die Frauen prostituieren, damit sie und alle anderen zumindest ein paar Bissen Brot bekommen.

Kurz: Die Verhältnisse für die Internierten sind katastrophal und menschenunwürdig. Für die erste Gruppe von Blinden gibt es jedoch eine kleine Hoffnung: Die Frau des Augenarztes kann weiterhin sehen, sie hatte ihre Blindheit nur vorgetäuscht, um bei ihrem Mann bleiben zu können. Sie kann der kleinen Gruppe von namenlosen Blinden helfen, sich aus der Quarantäne befreien und so zu überleben.

Schwere Kost ist dieses Buch aus zwei Gründen: Zum einen ist natürlich die Handlung nicht unbedingt schöne Entspannungslektüre. Aber auch sprachlich mutet Saramago seinem Publikum schon ein wenig zu: Der Herr mag scheinbar Kommas, was sich in seinen Schachtelsätzen einerseits und in seiner eigentümlichen Wiedergabe wörtlicher Rede andererseits niederschlägt (Kommas statt Anführungszeichen sind schon gewöhnungsbedürftig). So entsteht aber auf der anderen Seite ein interessanter Erzählfluss – man wird gezwungen, sich auf die Lektüre zu konzentrieren und das Erzählte so nah wie möglich an sich ranzulassen. Auch sorgen die möglichst selten gesetzten Absätze und die sehr langen Kapital dafür, dass man gar nicht erst in Versuchung kommt, hier eine kleine Lesepause einzulegen.

Aber eigentlich habe ich diese Versuchung auch nicht verspürt. Klar, insbesondere abends fiel es mir echt schwer, der Handlung aufmerksam zu folgen, dafür hatte sie mich zu allen anderen Tageszeiten fest im Griff.

Die Handlung ist fast durchweg beklemmend, an manchen Stellen wurde mir fast schlecht vor Ekel. Darüber hinaus blickt man natürlich auch in menschliche Abgründe, insbesondere bei der Gruppe von Blinden, die die Macht über die Nahrungsmittel an sich reißen.

Blindheit als Metapher – diese Deutung bekommt man schon im Klappentext serviert. Natürlich käme man da auf kurz oder lang selbst drauf, denn die Aussage dieses Buches ist bei aller Verschwurbeltheit der Sprache nur allzu deutlich: Wenn alle bisher gekannten Regeln und Gebräuche plötzlich wegfallen und keine Geltung mehr haben, bleibt verdammt wenig übrig.

Es geht dabei recht wenig um das emotionale Innenleben der Protagonisten – vielmehr studiert ein allwissender Erzähler deren Handeln und versetzt sich nur ab und zu genauer in eine dieser Personen hinein. Und unweigerlich beginnt man sich zu fragen: Wie würde ich handeln? Würde ich aufgeben, würde ich verzweifeln oder würde ich doch kämpfen?

Man muss sich dieses Buch schon ein wenig erarbeiten und hat schon ziemlich daran zu knabbern. Aber zumindest ich habe mich dabei ertappt, auch nach dem Lesen des letzten Satzes immer mal wieder über diese Geschichte nachgedacht zu haben. Sie wirkt nach – und das ist für Literatur immer ein Qualitätsmerkmal.

ISBN: 978-3499224676
400 Seiten
Originaltitel: Ensaio sobre a Cegueira
rororo
€9,99
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§ 5 Antworten auf Die Stadt der Blinden – José Saramago

  • Jarg sagt:

    Ein bedrückendes, gleichwohl beeindruckendes Buch. Leider sehr wahr, was seine Bewertung des Menschseins angeht …

  • Sarah sagt:

    Vielen Dank für diese Rezension. Das Buch setz ich mir mal auf meine Merkliste….

  • Alea sagt:

    Das klingt ja grauenvoll! Wir haben das Buch daheim, aber ich traue mich da erstmal nicht dran. In ein paar Jahren vielleicht.
    Es hört sich definitiv nach einem lesenswerten Buch an…

  • Julia sagt:

    Ja, trauen solltest du dich auf jeden Fall – es lohnt sich tatsächlich, aber zwingen solltest du dich auch nicht. Schau einfach, wann du mal Zeit und evtl. auch die entsprechende Ruhe dazu hast. Am ehesten vielleicht mal in den Ferien o.Ä.

  • Mariki sagt:

    Ein wunderwunderwunderbares Buch. Eins der besten, die ich je gelesen habe.

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