Kolyma – Tom Rob Smith

8. März 2012 § Ein Kommentar

Leo Demidow kennen wir ja schon aus Child 44 – seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Wir schreiben das Jahr 1956, Leo arbeitet nicht mehr beim KGB, sondern bei einer Mordkommission und versucht, mit seiner Vergangenheit als Agent ins Reine zu kommen. Gar nicht so leicht, wenn man vielleicht Hunderte von Menschen verhaftet und so dafür gesorgt hat, dass sie erschossen oder für Jahre in den Gulag verbannt wurden.

Aber Leo, seine Frau Raisa und die beiden Adoptivtöchter Soja und Elena scheinen es rein äußerlich geschafft zu haben, ein glückliches Familienleben zu führen. Wie so oft trügt der Schein allerdings. Soja kann und will sich nicht in die Familienidylle einfügen, da ihre leiblichen Eltern vom KGB ermordet wurden. Wie kann sie da zu Leo ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen, geschweige denn, ihn wie einen Vater lieben?

Doch Leo hat gar nicht ausreichend Zeit, sich dieses Problems anzunehmen: Soja wird entführt – von einer Frau, die damals von Leo in eine Falle gelockt, verhaftet und in den Gulag geschickt wurde. Nach ihrer Entlassung wurde sie Chefin einer Gang aus ehemaligen Gefangenen und will jetzt Rache an dem Staat, der ihr Leben zerstört hat. Ihre Forderung: Leo soll ihren Ehemann Lasar, der immernoch im Lager sitzt, befreien, wenn er Soja wiedersehen will.

Gleichzeitig sind die hohen Funktionäre der Sowjetunion und insbesondere die früheren Beteiligten an Stalins Terrorregime in heller Aufregung: Der neue Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, hat in einer Rede (die so genannte „Geheime Rede“, der das englischen Original auch seinen Titel verdankt) die Verbrechen Stalins öffentlich benannt und Fehler eingestanden – bisher undenkbar. Dies sollte die Tauwetter-Periode in der Sowjetunion einleiten, die – in Grenzen – eine gewisse Offenheit in Staat und Gesellschaft bringen sollte. Und die offenbar auch die Opfer des Stalinismus ermutigt, Rache an ihren Peinigern zu nehmen: Einige der früheren Täter und Kollaborateure wurden bereits umgebracht und Leo ahnt, dass er keine andere Wahl hat, als sich in den entlegenen Gulag von Kolyma einschleusen zu lassen und Lasar zu befreien.

Zunächst: Manche Methaphorik und mancher Vergleich erschien mir doch arg holprig. Ich habe das Buch leider grade nicht zur Hand, sonst könnte ich hier ein paar Beispiele bringen – bei manchen Stellen musste ich schon den Kopf schütteln. Das kann auch gut und gerne an der Übersetzung liegen, denn bei Child 44 (das ich im Original gelesen hatte), war mir das nicht so krass aufgefallen.

Leo mag ich irgendwie – er bemüht sich, ein neuer Mensch zu werden und in Zukunft auf der richtigen Seite zu stehen. Streckenweise bleibt er dabei leider etwas blass, was auch daran liegt, dass die Probleme innerhalb der Familie und Leos Seelenleben relativ wenig Raum bekommen – er muss immer wieder los und sich in die Action stürzen (sagt man das so?). Und Action gibts auch jede Menge – inklusive einiger etwas zu glücklicher Wendungen, die mir auch im Vorgängerband auffielen. Aber was solls: Es ist gute Unterhaltung, die Geschichte ist spannend und das Setting gefiel mir ebenfalls gut. Wenn ich ehrlich bin: Ein scharfsinniges psychologisches Porträt Leo Demidows hatte ich auch gar nicht erwartet… 😉

Alles in allem kann ich auch den zweiten Teil durchaus empfehlen – vielleicht mochte ich „Child 44“ einen Tick besser, irgendwie fand ich da diese bedrückende Stimmung der Stalinzeit sehr gut eingefangen, das hatte für mich einen großen Teil des Charmes ausgemacht. So oder so werde ich auf jeden Fall den dritten Band, „Agent 6“, auch noch lesen, um diese Trilogie abzuschließen und zu erfahren, wie es mit Leo weitergeht. Aber das dann wohl wieder in der englischen Fassung.

ISBN: 978-3442472352
480 Seiten
Originaltitel: The Secret Speech
Goldmann
€9,95
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