Das Herzenhören – Jan-Philipp Sendker

25. Juni 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Julia Win ist die Tochter einer Amerikanerin und eines Birmanen, als solche behütet in New York aufgewachsen und seit Kurzem Anwältin. Ihr Vater allerdings ist vor vier Jahren spurlos verschwunden: Direkt nach ihrem Examen hatte er vorgegeben, auf eine Geschäftsreise zu müssen – er hat jedoch nie wieder etwas von sich hören lassen, seine Spuren verlieren sich in Bangkok.

Jetzt, vier Jahre danach, bekommt Julia von ihrer Mutter, die in ihrer Ehe scheinbar nie wirklich glücklich geworden war, einige alte Unterlagen, darunter ein unfertiger Liebesbrief, den ihr Vater in den 1950er Jahren an eine gewisse Mi Mi in Birma geschrieben hatte. Bisher wusste sie wenig über die Vergangenheit ihres Vaters: Er war zum Studium in die USA gekommen, hatte ihre Mutter kennengelernt, sie allerdings nur zögerlich geheiratet, dann doch eine Familie gegründet und eine beeindruckende Karriere gemacht. Wie die ersten zwanzig Jahre seines Lebens waren, darüber hatte er nie mit jemandem gesprochen. Und wer ist diese Mi Mi? Ist sie der Grund, dass er verschwunden ist?

Julia lässt kurzentschlossen alles stehen und liegen und reist nach Birma. In dem kleinen Bergdorf Kalaw geht sie auf Spurensuche und wird in einem Straßencafé dort auch sofort von einem älteren Mann angesprochen, der viel über sie zu wissen scheint und ihr offenbar auch mehr über ihren Vater erzählen kann. Erst sträubt sich Julia, kann sich der Geschichte aber nicht lange entziehen.

(Ich habe etwas überlegt, wie ausführlich ich dieses Buch rezensieren soll – das finde ich bei solchen „Geschichten in der Geschichte“ immer etwas schwierig. Daher sind die nächsten Absätze in weiß geschrieben. Sie enthalten zwar keine Spoiler im engeren Sinne, fassen aber die Geschichte von Julias Vater relativ ausführlich zusammen. Wer es trotzdem lesen möchte, markiert die Stellen einfach, ansonsten könnt ihr gleich zum Fazit springen.)

Und U Ba, der alte Mann, erzählt: Ihr Vater, Tin Win, wurde als kleiner Junge von seiner Mutter verlassen – sie machte ihn für den Tod seines Vaters verantwortlich. Er wurde darauf hin bei einer Nachbarin aufgenommen, die sich hingebungsvoll um ihn kümmerte, auch als er aufgrund einer unbehandelten Krankheit erblindete – ein weiterer schwerer Schicksalsschlag. Dennoch wird er in der Klosterschule zusammen mit den anderen jungen Mönchen unterrichtet, lernt Blindenschrift und erweist sich als sehr begabt. 

Eines Tages trifft er Mi Mi, die aufgrund einer angeborenen Fehlbildung ihrer Füße nicht laufen kann. Beide werden erst Freunde und verlieben sich bald darauf. Was heißt hier verlieben – die beiden werden unzertrennlich, sie verbringen jeden Tag miteinander und Tin Win trägt Mi Mi überallhin. Sie sind quasi eine Symbiose (Mi Mi die Augen, Tin Win die Füße). Und wenn da nicht ein abergläubischer Onkel von Tin Win gewesen wäre, wäre es vielleicht immer so weitergegangen… 

Diese Geschichte hat mit grundsätzlich schon gut gefallen. Es war auf jeden Fall spannend und die Charaktere mochte ich sehr gerne. Allerdings wurde es mir streckenweise etwas zu fantastisch und dadurch auch leicht kitschig. Da immer wieder auf die wichtige Rolle der Astrologie im (damaligen) Burma Bezug genommen wird und diese oft genug das Schicksal der Protagonisten entscheidend beeinflusst, sehe ich aber ein, dass es ohne gewisse irreale Elemente nicht geht; daher sollte das auch eher ein Hinweis sein – nicht jeder mag sowas.

Ein weiterer Kritikpunkt waren die zum Teil etwas hölzernen Dialoge. Darüber hinaus habe ich aber gar nix zu meckern – es ist mal eine etwas andere Geschichte vor dem Hintergrund einer hierzulande eher unbekannten Kultur. Schöne Sommerlektüre.

ISBN: 978-3442457267
288 Seiten
Goldmann
€7,95
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