Eunuchen für das Himmelreich – Uta Ranke-Heinemann

25. Juni 2012 § 3 Kommentare

Im Vorfeld des Papstbesuchs in Freiburg im September letzten Jahres hat das Protestbündnis „Freiburg ohne Papst“ eine Reihe von kirchenkritischen Veranstaltungen angeboten – eine davon war ein Vortrag der katholischen Theologin und bekannten Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann. Dort habe ich dann auch dieses Buch erstanden, nachdem mir die Autorin schon während ihres Vortrags sehr sympathisch war.

Kirchenkritik ist ja momenten en vogue, die Austrittszahlen zumindest der katholischen Kirche steigen seit Jahren (nicht erst seit Bekanntwerden verschiedener Missbrauchsskandale), und praktizierende Christen (und damit meine ich nicht die Fraktion, die nur an Weihnachten und zu Ostern den Gottesdienst besucht) findet man immer seltener.

Uta Ranke-Heinemann schwimmt beileibe nicht nur auf dieser Zeitgeist-Welle, im Gegenteil: Sie war die weltweit erste Frau (!), die in katholischer Theologie eine Professur innehatte – und verlor diese, weil sie sich mit der Kirche überwarf (konkret ging es darum, dass sie die Jungfrauengeburt Marias anzweifelte). Also eine (kritische) Frau vom Fach, und das merkt man in diesem Buch auf jeder Seite: Ranke-Heinemann will ergründen, wie sich die katholische Kirche in eine derartige Feindlichkeit gegenüber der menschlichen Sexualität hereinsteigern konnte, die sich zu einer Überhöhung der Keuschheit und einer wie aus der Zeit gefallenen Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit entwickelt hat. Dabei geht sie sehr detailreich vor und gerade am Anfang muss man als Nicht-Theologin hier und da etwas Geduld aufbringen, wenn es um Päpste und Gelehrte ferner Jahrhunderte geht. Aber das ist gar nicht als Kritik gemeint, im Gegenteil: Wer sich für die Thematik interessiert (ansonsten würde man sowas ja auch kaum lesen), findet hier viel Interessantes; oft blieb mir auch einfach die Spucke weg, wie menschen- und frauenfeindlich argumentiert wurde und wie sehr sich die Kirchenväter eigentlich von Jesus entfernten – dieser wird ja, wie Ranke-Heinemann auch betont, durchaus als Frauenfreund beschrieben.

Sowieso nimmt Ranke-Heinemann auch oft die Frauen in den Blick, die ja in der katholischen Kirche nichts zu melden haben. Sie weist sehr oft gesondert darauf hin, was bestimmte Regelungen und Meinungen speziell für Frauen bedeutet haben und immernoch bedeuten (in aller Regel nichts Gutes). Es tut mal ganz gut, das Schwarz auf Weiß zu lesen und auch festzustellen, dass mein eigenes Unbehagen über das Fehlen von Frauen in dieser immernoch wichtigen Institution auch von Fachleuten geteilt wird.

Ranke-Heinemann balanciert ihren sachlichen, faktenreichen Stil gut mit feiner Ironie und vereinzelten eigenen Anekdoten aus. Wenn sie einen Essener Bischof zitiert, der ihr Mitte der 1960er Jahre schrieb: „Ich freue mich, dass Sie als Frau und Mutter noch geistig tätig sind“, muss man erstmal schmunzeln. Dass einem kurz darauf das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man versteht, was für ein Weltbild dahintersteht, dafür kann Ranke-Heinemann ja nichts.

An wen richtet sich nun dieses Buch? Wer bereits kirchenkritisch eingestellt ist, findet hier einiges an Argumentationsstoff, für Praktizierende kann es Gedankenanstoß oder Diskussionsgrundlage sein (wobei ich persönlich fast nur Gläubige kenne, die selbst oft und gerne die Institution Kirche kritisieren). Ich denke, Ranke-Heinemann hatte auch gerade die Zweifelnden im Sinn – sie selbst ist ja trotz allem noch Katholikin (das sagte sie bei dem Vortrag, weil sie dort ebenfalls gefragt wurde, wieso sie denn bei aller Kritik noch nicht ausgetreten sei). Man muss nicht in allem mit ihr übereinstimmen, aber es ist immer gut, sich herausfordern zu lassen, sich vielleicht auch mal an Aussagen zu reiben und auf diese Weise die eigene Position zu prüfen. Und wenn es dann auf so scharfsinnige und oft witzige Weise geschieht wie mit diesem Buch – umso besser!

ISBN: 978-3453165052
592 Seiten
Heyne
€11,99
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§ 3 Antworten auf Eunuchen für das Himmelreich – Uta Ranke-Heinemann

  • susanna14 sagt:

    Mein erster Gedanke, als ich das sah, war: gibt`s die noch? Ich kenne die noch aus meiner Jugend, und auch das Buch „Eunuchen für das Himmelreich“. Ich habe es nie gelesen, aber ein paar andere feministische Theologinnen sind mir noch in guter Erinerung. Und irgendwie ist es auch schön, dass die feministische Theorie aus den Achtzigern und frühen Neunzigern noch gelesen wird.

  • Julia sagt:

    Mir war Ranke-Heinemann zwar schon vorher ein Begriff, aber eher so vage. Ich hätte nicht sagen können, was sie für Bücher geschrieben hat oder was ihre Positionen sind.
    Gerade jetzt, da die Kirche wieder verstärkt in den Schlagzeilen ist und sich mehr Leute auch für das Thema interessieren, sollte man auch wieder an sie und andere Kritiker/innen erinnern, wie ich finde, denn aktuell sind ihre Bücher weiterhin. Und ganz persönlich finde ich, dass man insbesondere das Thema „Frauen und Kirche“ gerne auch entschiedener diskutieren könnte – schließlich passt das Konzept, Menschen aufgrund willkürlich gewählter Eigenschaften per se von allen höheren Ämtern und Aufgaben auszuschließen, nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Ein bisschen mehr und vehementere feministische Kritik täte da ganz gut.

  • […] besserlesen mit einer Rezension zum kirchen-kritischen Klassiker von Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich. […]

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