Der Archipel Gulag (Bd. 1) – Alexander Solschenizyn

18. Juli 2012 § 3 Kommentare

Diesen Klassiker wollte ich schon seit langem lesen – es war mir ja nicht so recht bewusst, dass er tatsächlich aus drei Bänden à ca. 500-600 Seiten besteht. Insofern werde ich mich da wohl eher langsam vorarbeiten und dann den letzten Band in ca. zwei Jahren rezensieren. 😉

Das Ganze ist – so unglaublich es einem beim Lesen vorkommen mag – tatsächlich nicht erfunden. Alles ist Solschenizyn selbst oder seine Mithäftlingen widerfahren. Der Autor selbst verbrachte unter Stalin viele Jahre im Gulag und in der anschließenden Verbannung; in diesem ersten Band geht es aber in erster Linie um Vorgeschichte und Rahmenbedingungen eines typischen Lagerlebens: Die Verhaftung, die Untersuchungs- bzw. Durchgangshaft, den Transport in die Lager, die entsprechenden Paragraphen und Vergehen, aufgrund derer man verhaftet wurde, die Prozesse (so es denn welche gab) usw. Das alles ist wahnsinnig heftig – Menschen wurden wegen nichtigster „Vergehen“ zu zehn Jahren Lager oder mehr verurteilt, keiner konnte sich sicher sein, dass es ihn nicht auch treffen würde und die Verhaftungen beschränkten sich beileibe nicht auf die Jahre 1937/38, die man heute mit dem „Großen Terror“ in Verbindung bringt. Dass die Haft- und Transportbedingungen oft genug menschenunwürdig sind, muss ich nicht dazu sagen.

So schwer verdaulich diese Schicksale auch sein mögen, das Buch ist sehr gut geschrieben. Solschenizyn beherrscht sein Handwerk auf jeden Fall, er schafft es, den Leser trotz des Detailreichtums nicht zu langweilen (wobei man natürlich bei der Thematik ein gewisses Durchhaltevermögen braucht) und bringt immer wieder Spitzen gegen das herrschende System oder den Genossen Stalin mit ein. Mutig, wenn man bedenkt, dass er alles in den 1970ern geschrieben hat, als das durchaus noch gefährlich werden konnte. Solschenizyn beschreibt nicht nur Tatsachen, er analysiert und reflektiert, was passiert ist und stellt es in den größeren Zusammenhang der damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Wir haben hier eben nicht nur einen Erfahrungsbericht vor uns, sondern eine umfassende Analyse des sowjetischen Terrorregimes. Darin besteht meines Erachtens nach auch heute noch, lange nach dem Untergang der Sowjetunion, der Reiz und der Gewinn, dieses Buch zu lesen.

ISBN: 978-3596184248
592 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95
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§ 3 Antworten auf Der Archipel Gulag (Bd. 1) – Alexander Solschenizyn

  • kleine Brise sagt:

    Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Feuilletons in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts voll waren mit Berichten über das Schicksal von Solschenizyn. Ich habe „Der Archipel GULAG“ nicht gelesen. Mich beschäftigte damals Vertreibung und Judenverfolgung.. Mehr konnte ich nicht aushalten.

  • Julia sagt:

    Ja, irgendwann kann man nicht noch mehr schlimme Schicksale und Geschichten hören. Ich habe auch gemerkt, dass ich nicht immer darin lesen konnte – aber wenn, dann hat es mich nicht mehr losgelassen.
    Vielleicht findest du ja schon bald die passende Zeit und auch entsprechend Muße, um dieses Buch doch noch zu lesen.

  • […] Mein Eingangssatz in der Rezension von Band 1 scheint sich zu bewahrheiten: Relativ genau ein Jahr danach habe ich den zweiten Band fertig. Und an dem habe ich auch schon fünf Monate gelesen… […]

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