Der Kalte Traum – Oliver Bottini

2. September 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Krimi vor dem Hintergrund des Balkankrieges mit seinen undurchschaubaren Fronten – das klingt ja nicht nach locker-leichter Sommerlektüre.

Das ist es zwar in der Tat nicht. Aber dafür eine gelungene Geschichte, die es geschafft hat, mich zu fesseln, zu unterhalten und mir gleichzeitig noch etwas beizubringen. Und diese Kombination muss man erstmal hinkriegen.

Ich gehöre ja leider auch zu den Leuten, die lediglich diffuses Wissen über den Balkankrieg haben: Verschiedene Ethnien und Religionen des ehemaligen Jugoslawien kämpften in den 1990er Jahren an wechselnden Fronten gegeneinander, unterstützt vom Westen. Vor diesem Hintergrund erzählt Bottini die Geschichte von Thomas Ćavar: Als Sohn von kroatischen Eltern in Deutschland aufgewachsen, hatte er bisher mit nationalen Bestrebungen wenig zu tun. Doch dann nehmen die Spannungen in der Heimat immer mehr zu und auch sein Umfeld in Rottweil wird zunehmend radikalisiert. Plötzlich ist es nicht mehr egal, dass seine große Liebe Jelena in Serbien geboren wurde, plötzlich mischen sich die Exilanten in die Belange ihrer Heimat ein und die Stimmung wird auch im Ländle zunehmend angespannter.

Thomas entschließt sich, seinen Teil beizutragen und geht schließlich als Soldat an die Front. Es kommt, wie es kommen muss: Er fällt und wird in einem anonymen Massengrab verscharrt; Jelena zieht fort aus Rottweil und heiratet einen anderen; die Ćavars sind eine trauernde Familie.

Doch irgendwann, 15 Jahre später, scheint diese offizielle Version Risse zu bekommen: Plötzlich streifen Kroaten durch Rottweil und erkundigen sich nach Thomas. Zur gleichen Zeit gibt Richard Ehinger, ein ehemaliger Spitzenpolitiker, seinem Neffen bei der Berliner Polizei den Auftrag, nach dem Schicksal Thomas‘ Ćavars zu forschen – beide kannten sich früher, Ehinger hatte auch beruflich mit dem Balkan zu tun. Zu guter Letzt recherchiert Yvonne Ahrens, eine deutsche Journalistin in Zagreb, zum Jugoslawienkrieg – und wie sich das Puzzle allmählich zusammenfügt, stellt sich die Frage, ob Thomas Cavar damals tatsächlich gefallen ist – oder ob er seinen Tod nur vorgetäuscht hat, weil er in diesem Krieg Dinge gesehen hat, die ihm auch nach so langer Zeit noch gefährlich werden könnten?

Auch ohne meine geliebte Loiuse ist Bottini top – obwohl ich in den letzten Wochen eigentlich mehr als genug ausgelastet war, habe ich gelesen, wann immer ich konnte. Die Geschichte hatte ihren Drive auch hier ohne viel Blut – das Grauen des Krieges ist dafür allzu präsent, das private Schicksal des Einzelnen wird in den Kontext der damaligen politischen Verhältnisse gestellt. Ich ziehe meinen Hut vor der Recherchearbeit, die Bottini hier geleistet hat.

„Der Kalte Traum“ ist eine anspruchsvolle, spannende Geschichte, bei dem man nach der letzten Seite das Gefühl hat, während der Lektüre wahnsinnig viel gelernt zu haben. Und ich finde solche Bücher toll.

ISBN: 978-3832196592
448 Seiten
Dumont
€18,99
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