Wo wir einst gingen – Kjell Westö

12. Dezember 2012 § 3 Kommentare

IMG_6445Eigentlich hat dieses Buch vor allem eine Protagonistin: Helsinki. Die Stadt, in der die Figuren dieser Geschichte leben, lieben, feiern, verzweifeln, sich trennen, kämpfen und sich betrinken, ist immer präsent, Namen von Straßen, Stadtteilen, bekannten Punkten werden exzessiv genannt – wie toll muss es erst sein, wenn man die Stadt gut kennt oder vielleicht selbst grade dort ist!

Ich selbst habe mich mit meiner eher oberflächlichen Helsinki-Kenntnis dann auf die handelnden Personen konzentriert, derer es einige gibt. So viele, dass man diese erstmal für sich selbst ordnen muss; anfangs werden auch in manchen Fällen erstmal die Eltern, Geschwister usw. porträtiert und so gleitet man langsam und allmählich über in die eigentliche Geschichte. Das Ganze spielt in einem Zeitraum von 1915 bis 1938 (mit einem Epilog in den 1940er Jahren), es geht in erster Linie um einen erweiterten Freundeskreis der schwedischsprachigen Upper Class von Helsinki und deren zahlreiche Verwicklungen in politische und private Ereignisse. Da wären beispielsweise die Geschwister Lilljehelm: Sie lebensfroh und mit magnetischer Wirkung auf die Männer, er ernsthaft und politisch immer weiter nach rechts driftend. Eccu, der talentierte Fotograf, der mit der Zeit jedoch mehr und mehr dem Alkohol verfällt (aus Gründen, wie man heute sagt). Ivar Grandell, der alternde Schriftsteller, der nur die zunehmend erfolglose Schauspielerin Henriette liebt und politische Kolumnen verfasst. Ein wechselndes Ensemble an jungen, aufstrebenden Erben, die entweder ihr Geld durchbringen oder es – auf welchen Wegen auch immer – selbst zum Erfolg bringen.

Als Kontrast dem gegenüber stehen einzelne Lebensläufe aus der Arbeiterklasse, wie derjenige des Kommunisten Allu Kajander: Er ist mit einem großen sportlichen Talent gesegnet ist und könnte in den großen Fußballclubs seiner Zeit spielen, opfert dieses Talent jedoch seinem politischen Starrsinn, fährt stattdessen zur See und verdingt sich in Helsinki bei Hilfsarbeiten auf dem Bau oder im Hafen.

Mit „Wo wir einst gingen“ haben wir also ein Mosaik aus dem damaligen Leben in Helsinki, einen Abriss der finnischen Geschichte dieser Zeit, ein Gesellschafts- und Zeitporträt… Dieses Buch ist vieles, und es wäre ein leichtes gewesen, sich zwischen Protagonisten und Themen zu verzetteln. Westö schafft es allerdings, dass man am Ball bleibt: Durch Wechsel der Perspektiven, Stilmittel und durch eingestreute Exkurse zu Themen wie der Musik der damaligen Zeit. Und die Sprache! Die hat mir wirklich sehr gut gefallen. Mit einer wirklich stimmigen Mischung aus Witz und – zunehmend – Melancholie ertappte ich mich des Öfteren dabei, einige Passagen mehrmals zu lesen, so sehr gefiel mir die Aussage dahinter oder auch einfach die Formulierung. Und mal ehrlich: Wir alle mögen doch diese Bücher, aus denen man sowohl Bedeutungsschwangeres als auch Schlüpfriges zitieren kann!

Mit manchen Charakteren konnte ich mehr anfangen, mit manchen weniger. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Ich konnte mich aber in alle irgendwie hineinfühlen, was ein großere Pluspunkt gerade für solche Geschichten ist, die so stark von ihren Protagonisten leben.

Von Kjell Westö habe ich mir jedenfalls gleich noch mehr auf die Wunschliste gesetzt, dieses Buch hier hat mir schonmal sehr gut gefallen und ich wünsche ihm noch einige Leserinnen und Leser mehr!

ISBN: 978-3442740987
649 Seiten
Originaltitel: Där vi en gång gått
btb Verlag
€11,95
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§ 3 Antworten auf Wo wir einst gingen – Kjell Westö

  • Ich möchte von Kjell Westö schon lange gerne etwas lesen. Dieser Roman steht auch bereits seit einger Zeit in meinem Regal, biser hatte ich jedoch noch nicht die Zeit dafür gefunden. Im Moment lese ich gerade zum wiederholten Mal „Buzz Aldrin wo warst du in all dem Durcheinander“ von Johan Harstad und stelle fest, wie gerne ich skandinavische Geschichten lese und wie aufgehoben ich mich in den Landschaftbeschreibungen fühle …

  • Julia sagt:

    Bin gespannt, wie du ihn findest!
    Ich habe allgemein ein Faible für die nordischen Staaten, ich schätze, dann kann man auch viel mit der Literatur von dort anfangen.
    Kommt von diesem Buch auch dein Nickname bzw. Blogname?

  • Ja genau, das Buch hat mich damals so beeindruckt, dass ich mir bei der Anmeldung in einem Bücherforum diesen Namen ausgesucht habe. Seitdem begleitet er mich. Freut mich, dass ich in dir Gleichgesinnte bei der Liebe für nordische Literatur gefunden habe … 🙂

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