Fatherland – Robert Harris

21. Dezember 2012 § 2 Kommentare

IMG_6460Die Frage danach, wie die Geschichte alternativ hätte verlaufen können, ist ja immer eine spannende. Harris hat sich bei diesem Buch das wohl krasseste Szenario ausgesucht: Hitler hat den Krieg gewonnen, das „Tausendjährige Reich“ bereitet sich im Jahr 1964 auf den 75. Geburtstag des Führers vor. Berlin heißt zwar (noch?) nicht Germania, ist aber bereits nach Speers Plänen für die „Welthauptstadt“ umgebaut. Deutschland hat seine Grenzen bis weit hinter Moskau und auf die Krim ausdehnen können, ist an den Ostgrenzen jedoch noch immer in Kämpfe verwickelt. Es gibt diffuse Gerüchte über eine massenhafte Umsiedlung der Juden Europas in den Osten – doch Genaueres weiß keiner.

Das Deutsche Reich ist derweil in einer Art Kaltem Krieg mit den Amerikanern verstrickt; umso größer wird gefeiert, dass der amerikanische Präsident Kennedy (allerdings Joseph P., nicht John F.) bald nach Deutschland reisen will, um eine Versöhnung zu forcieren.

Vor diesem Setting treffen wir den Kripo-Mann Xavier March (komischer Name für einen Nazi, oder? Dachte ich auch). Wenige Tage vor dem „Führertag“, also Hitlers Geburtstag, wird die Leiche eines Mannes aufgefunden. Bald stellt sich heraus, dass es sich um Josef Buhler handelte, einen alten Parteifunktionär. Obwohl ihm klar gemacht wird, dass die Gestapo die weiteren Ermittlungen übernehmen wird, ermittelt March auf eigene Faust weiter. Bald erkennt er, dass Buhler mit einigen anderen Männern offenbar in eine Verschwörung verwickelt war: Alle vierzehn nahmen im Jahr 1942 an einer Konferenz in Wannsee teil, und alle vierzehn sind mittlerweile tot oder verschwunden. Dass das kein Zufall sein kann, ist March schnell klar und so beginnt er gemeinsam mit der amerikanisch-deutschen Journalistin Charlotte Maguire seine eigenen Nachforschungen anzustellen.

Irgendwie bin ich bis kurz vor Schluss mit dieser Geschichte nicht so 100%ig warm geworden. Dabei hatte sie ja eigentlich alles, um so richtig spannend zu werden. Ich denke, es lag daran, dass der Plot relativ langsam Fahrt aufnimmt und March die meiste Zeit relativ blass bleibt – es wird zwar einiges aus seinem Privatleben erzählt (geschiedener Einzelgänger, der später sogar von seinem eigenen Sohn denunziert wird) aber so richtig fassbar war er für mich nicht. Viele Aspekte des täglichen Lebens werden nur angeschnitten – ich hätte hier gerne mehr erfahren, aber natürlich hätte das den Rahmen dieser Geschichte, die ja in erster Linie ein Krimi sein sollte, gesprengt.

Ich will das Buch hier gar nicht schlecht machen. Die Story nimmt zunehmend Fahrt auf und wird immer spannender – es gibt sogar einen zünftigen Showdown. Und das Setting eines in Vetternwirtschaft und Filz erstarrten Nazi-Staates ist allemal interessant und etwas gruselig zu lesen.

ISBN: 978-0099527893
386 Seiten
Deutscher Titel: Vaterland
Arrow
€8,10
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§ 2 Antworten auf Fatherland – Robert Harris

  • Harald sagt:

    Vielen Dank für Deine Rezension! Es ist jetzt gut 15 Jahre her, dass ich das Buch ebenfalls im englischen Original gelesen habe. Zugegeben, die ‚Was-wäre-wenn‘ Geschichte zieht einen zuerst durch seine alternative Weltgeschichte in den Bann und erst in zweiter Linie durch die Story, die die Wannsee-Konferenz als Dreh-und-Angelpunkt der Ereignisse positioniert. Leider bleiben die Charaktere, wie Du auch festgestellt hattest, reichlich blass, so dass ich mir an dieser Stelle etwas mehr Tiefgang versprochen hatte. Was aber die Thematik einer alternativen Realität angeht, möchte ich an dieser Stelle einen Lesetipp abgeben: Philip K. Dick, The Man from the High Castle. Dick, der Altmeister großer Hollywood-Plots (Total Recall, Blade Runner, Minority Report, etc.) beschreibt in dieser Geschichte ein Amerika, das den 2. Weltkrieg gegen Deutschland und Japan verloren hat, in dem aber ein subversiver Roman kursiert, in dem genau das Gegenteil – nämlich unsere Realität – beschrieben wird. Total verdreht, allerdings habe ich diese Geschichte in wesentlich besserer Erinnerung als ‚Fatherland‘.

    Viele Grüße und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr,
    Harald

  • Julia sagt:

    Hui, „The Man from the High Castle“ klingt ja echt spannend – ich merk mir das mal vor. Ich hatte bei „Fatherland“ öfter mal das Gefühl, dass sich Harris nicht zwischen einem Roman über den alternativen Geschichtsverlauf und einem Krimi entscheiden konnte.
    Danke für deinen ausführlichen Kommentar (wenn ich nur alle Bücher so gut im Gedächtnis hätte, die ich vor 15 Jahren gelesen habe… 😉 ) und deinen Lesetipp. Und natürlich auch dir einen guten Rutsch und ein tolles neues Jahr!

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