Wie ein Stein im Geröll – Maria Barbal

23. Dezember 2012 § 2 Kommentare

IMG_6470Von der katalanischen Schriftstellerin Maria Barbal hatte ich bisher eigentlich nur „Inneres Land“ auf meiner Wunschliste stehen, bis dann meine Tante ihr Bücherregal ausmistete und mir mit einem ganzen Stapel anderen Sachen auch dieses schmale Büchlein zukommen ließ.

Auch wenn es nur gut 150 Seiten sind, wird auf diesen eine ganze Lebensgeschichte erzählt: Das eigentlich unspektakuläre Leben von Conxa, die in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen aufwächst. Aber es war Barbal gerade deswegen ein Anliegen: Auch den ganz normalen Biografien einen Platz in der Literatur zu geben und jene Menschen zu porträtieren, die so lebten wie Dutzende zu ihrer Zeit es ebenfalls taten und in deren Lebensläufen sich ihre Zeit abbildete.

Mit 13 wird Conxa zu ihrer kinderlosen Tante geschickt, die ein paar Dörfer weiter lebt – aber dennoch ist ihr neues Zuhause weit entfernt, dass sie ihre Familie wohl so bald nicht mehr wiedersehen wird.

Sie lebt sich dennoch ein, nicht zuletzt deswegen, weil es mehr als genug Arbeit gibt und daher kaum Platz für Selbstmitleid und Grübeleien. Bei einem Marktbesuch trifft sie Jaume, in den sie sich verliebt und der bald darauf um ihre Hand anhält. Die Ehe ist grundsätzlich glücklich, auch wenn Jaume viel unterwegs ist und oft in sich gekehrt wirkt. Er wird außerdem zunehmend politisch sensibilisiert und kämpft für die Idee einer spanischen Republik. Als diese dann 1931 ausgerufen wird, übernimmt Jaume auch politische Funktionen.

Die Politik, die bisher kaum in das Bergdorf gelangt ist, nimmt zunehmend Raum ein in Conxas Leben und bestimmt es endgültig, als am Ende des Spanischen Bürgerkriegs und mit Beginn der Franco-Diktatur Jaume verhaftet wird und verschwindet. Conxa selbst und die gemeinsamen Kinder werden als Angehörige ebenfalls interniert, aber selbst nach der Freilassung wird sich ihr Leben verändert haben, denn Jaume war die Liebe ihres Lebens und sie hat nicht einmal ein Grab, zu dem sie gehen kann.

Eine weitere Umstellung erlebt sie noch einmal als ältere Frau: Ihr Sohn und seine Frau ziehen nach Barcelona, und da nun sonst keiner ihrer Familie mehr im Dorf geblieben ist, zieht sie zu ihnen. Barcelona als letzte Station ihres Lebens – die Stadt wird ihr fremd bleiben, zu sehr ist sie an ein Leben auf dem Land gewöhnt. Und doch zieht Conxa zum Schluss eine versöhnliche Bilanz.

Sowieso lässt einen dieses Buch, obwohl es durchaus traurig und tragisch ist, irgendwie optimistisch zurück. Das ist eigentlich verwunderlich, denn Conxa passt so gar nicht in unsere Zeit: Sie ist duldsam, kennt in ihrem Leben fast nur (selbstlose) Arbeit und Pflichterfüllung und ordnet sich dem unter, was das Leben für sie bereithält. Eigene Wünsche oder Ansprüche artikuliert sie nicht. Auf der anderen Seite kommt sie durch diese Haltung gar nicht auf die Idee, mit ihrem Schicksal zu hadern: Es kommt eh, wie es kommt, ändern kann man nichts.

Ein einziger Kritikpunkt ist die Kürze des Buches: Zum einen hätte man gerne länger darin gelesen, zum anderen kommen natürlich einige Entwicklungen zu kurz und man wird etwas zu schnell durch die Geschichte getrieben. Manche Ereignisse hätte ich gerne etwas genauer behandelt gesehen, gerade die tiefe Zäsur des Verschwindens von Jaume, die ja offensichtlich sehr traumatisch für Conxa war. So sehr mir der Schreibstil Barbals gefallen hat, so sehr hätte ich mir auch noch gewünscht, dass sie Conxa etwas mehr Platz eingeräumt hätte, ihre Geschichte zu erzählen.

Aber dennoch kann man dieses Buch guten Gewissens empfehlen. Mich hat es darin bestärkt, „Inneres Land“ auf jeden Fall noch zu lesen. Das hier war schon einmal ein guter Einstieg in das Werk von Maria Barbal.

ISBN: 978-3453352469
192 Seiten
Originaltitel: Pedra de tartera
Diana Taschenbuch Verlag
€7,95
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§ 2 Antworten auf Wie ein Stein im Geröll – Maria Barbal

  • […] ein Talent dafür zu haben, Reihen bzw. Serien irgendwo in der Mitte anzufangen. Das liegt alles an bereits erwähnter Regalausmistaktion meiner Tante. Aber soweit ich das beurteilen kann, ists auch hier nicht allzu schlimm, zwischendrin […]

  • buchuhu sagt:

    Der Text ist so karg wie die steinige Pyrenäen-Landschaft, in der er spielt, und gerade deshalb fand ich ihn besonders berührend. Schön ist auch die Hörbuch-Version mit Bibiana Beglau als Sprecherin.

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