Zweier ohne – Dirk Kurbjuweit

10. März 2013 § 4 Kommentare

Meine These war ja: Die eher schlechten Bewertungen zu diesem Buch sind wohl der Tatsache geschuldet, dass es zumindest in einigen Bundesländern Schullektüre ist… oder? Mal sehen…

In diesem recht schmalen Büchlein geht es um zwei Freunde: Johann und Ludwig lernen sich kennen, als Ludwig neu in die Klasse kommt. Dort scheint es dazuzugehören, möglichst viele Telefonnummern zu sammeln, an denen sich dann die Beliebtheit messen lässt. Ludwig sammelt fleißig, ruft aber schließlich Johann – den Ich-Erzähler – an. Sie tasten sich erstmal etwas aneinander heran, werden dann jedoch beste Freunde und unternehmen viel gemeinsam. Letztlich werden sie unzertrennlich – eine Entwicklung, die vor allem von Ludwig ausgeht. Ludwig möchte, dass Johann sein Zwillingsbruder wird. Er will eins werden mit ihm, immer die gleichen Erfahrungen machen und immer das gleiche wollen. Die genauen Gründe für diesen Wunsch bleiben jedoch unklar.

Bei ihrem gemeinsamen Sport, dem Rudern, ist dieses Aufeinandereinstimmen sehr nützlich, die beiden werden aufgrund ihrer Eingespieltheit wirklich gut und gewinnen einige Rennen. Doch das genügt Ludwig nicht, er möchte, dass Johann und er eine Person werden, nicht mehr zu unterscheiden, gleich in jeder Hinsicht. Als schließlich Mädchen und Sex interessant werden, gibt es für die beiden nur eine Lösung, ihre Erfahrungen zu machen: Ludwig bringt eines Tages ein Mädchen mit, Josefina, die einen eindeutigen Ruf an der Schule genießt. Ohne es genau auszusprechen, wissen beide, was zu tun ist: Zunächst geht Ludwig mit ihr auf sein Zimmer, um mit ihr zu schlafen, danach ist Johann dran. (Ja, das ist Schullektüre! Wie schön es ist, in aufgeklärten Zeiten zu leben! 😉 )

Doch als Johann etwas später eine Affäre mit Ludwigs Schwester Vera beginnt, ist ihm auch bewusst: Damit kündigt er den Pakt mit Ludwig auf. Er tut es in aller Heimlichkeit, natürlich, und beobachtet, wie Ludwig gleichzeitig immer extremer in seinem Verhalten wird. Er neigt zu immer gefährlicheren Aktionen, fängt schließlich vor einem wichtigen Wettkampf an, unkontrolliert zu essen, obwohl sie ein gewisses Maximalgewicht nicht überschreiten dürfen. Fast schon klar ist, dass Johann als Ausgleich streng fastet und sie schließlich gerade so unter der Gewichtsgrenze bleiben.

Ein immer wiederkehrendes Element in diesem Buch ist die Autobahnbrücke, die das Tal überquert, in dem der Wohnort der beiden liegt. Die Jungs klettern von Anfang an oft die Böschung hinauf, um den Autos zuzuschauen, später wird die Brücke Schauplatz von Ludwigs immer wagemutigeren Aktionen, zu denen er Johann wiederholt anstiften kann. Später wird eine Schulkameradin entführt und in einem der Brückenpfeiler in einem kleinen Verlies gefangen gehalten, bis ihre Eltern das Lösegeld zahlen. Und da sind noch die Selbstmörder, die von der Brücke springen und mehr als einmal im Garten von Ludwigs Familie landen. Am Anfang, als ein junges Mädchen dort liegt, wird noch die Polizei gerufen, die Leiche wird abgeholt. Dann springt eines Nachts ein Mann, und hier sitzen Ludwig und Johann die ganze Nacht bei der Leiche und denken sich die Lebensgeschichte des Mannes aus. Sie verstecken die Leiche und erzählen niemandem davon.

Ich glaube, es wird deutlich, dass diese Geschichte nicht auf ein gutes Ende zusteuern kann. Insofern ist das, was kommt, nicht überraschend und nur konsequent. Was ich sonst von dem Ganzen halten soll? Ich bin wirklich etwas ratlos. Zum einen kann man hier durchaus über die Gefahren von ungleichen und manipulierenden Freundschaften oder Beziehungen diskutieren. Man kann die Beziehung (Freundschaft will ich es gar nicht nennen) zwischen Ludwig und Johann als Extrembeispiel sehen. Johann gibt mehr als einmal seine Gedanken als die von Ludwig aus und umgekehrt, handelt in vorauseilendem Gehorsam, tut alles, um den Prozess des Eins-Werdens nicht zu gefährden, distanziert sich aber durch die Beziehung zu Vera auch wieder ein stückweit davon oder treibt ihn zumindest nicht ganz auf die Spitze.

Auf der anderen Seite durchzieht dieses Buch eine sehr niedergedrückte Stimmung. Selbst wenn die beiden Protagonisten eine gute Zeit haben, das Dunkle lauert immer schon im Hintergrund. Für mich war es irgendwie immer diese Brücke, die so bedrohlich wirkte, die alles überragt, in deren Schatten alles stattfindet und von der aus immer diese Selbstmörder in den Garten springen. Letzteres ist ja fast schon absurd, zumal in der Szene, als Johann und Vera zusammen unter der Brücke im Gras liegen und sich Johann überlegt, wie gefährlich das doch ist, ein Selbstmörder könnte ja direkt auf sie drauffallen.

Mich hat dieses Buch sehr zwiegespalten zurückgelassen. Wie gesagt, die Themen, die man damit ansprechen kann, sind durchaus wichtige und interessante. In seiner Gesamtheit ist die Geschichte aber ziemlich depri und irgendwie… ja, was eigentlich? Trostlos trifft es vielleicht am ehesten. Ein sehr eigenartiges Buch.

ISBN: 978-3462040265
144 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
€6,99
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§ 4 Antworten auf Zweier ohne – Dirk Kurbjuweit

  • bobblume sagt:

    Wie macht man aus einem guten Buch ein schlechtes? Man liest es in der Schule. Dies nur als kleinen Kommentar zu deinen einleitenden Worten. Ansonsten eine durchdachte Bewertung, der ich mich anschließen kann. Ich finde melancholische Novellen mit etwas „Merkwürdigem“ immer sehr reizvoll, da sie Platz für den Leser lassen. In diesem Sinne. Bis bald.

  • Julia sagt:

    Das ist leider oft so, dass man Schullektüre negativ beurteilt. Wir haben in der Schule ein Buch von Paul Auster gelesen, das ich so schlecht fand, dass ich später nie wieder was von Auster gelesen habe, obwohl mich mehrere Leute vom Gegenteil überzeugen wollten. 😉
    Auf der anderen Seite würde man z.B. grade die Klassiker vielleicht oft gar nicht lesen…

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