Between Shades of Gray – Ruta Sepetys

5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6716Vorbemerkung: Diese Rezension ist zuerst beim Osteuropakanal erschienen. Der Redaktion danke ich noch einmal ganz herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Es kommt selten genug vor: Man klappt ein Buch nach der letzten Seite zu und hat einen Riesen-Kloß im Hals, weil die Geschichte einfach so traurig, tragisch, schön, herzerwärmend und hoffnungsvoll war.

Traurig und tragisch? Nun, es ist eine Geschichte über den Gulag. Lina und ihre Familie werden dorthin in den 1940er Jahren aus dem litauischen Kaunas deportiert, zusammen mit vielen anderen Balten nach der sowjetischen Okkupation.

Sepetys spart nicht an Beschreibungen der Unmenschlichkeit und des Grauens: Hunger, harte Arbeit, menschenunwürdige Unterkünfte, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Schikane, Eiseskälte und Krankheiten. Die Verhafteten wissen oft nicht einmal, aus welchem Grund sie ins Lager gesperrt wurden. Im Falle von Lina, ihren Bruder Jonas und ihrer Mutter bedeutet das: Sie landen erst in einem Lager im sibirischen Altai-Gebirge, ehe sie weiter in den Norden, jenseits des Polarkreises, deportiert werden, wo es nicht einmal richtige Hütten gibt. In der ganzen Zeit kennen sie weder ihre Anklage noch wissen sie, was mit Linas Vater geschehen ist, der wenige Tage vor ihnen verhaftet wurde.

Und wo bleibt da der Platz für Schönes oder Hoffnungsvolles? Lina und ihre Familie geben nicht auf. Was immer ihnen auch passiert, sie sind bereit, durchzuhalten, um bald wieder in ihren gewohnten, bürgerlichen Alltag zurückkehren zu können. Für Lina ist es insbesondere ihre Kunst und ihre Liebe zu Andrius, der ebenfalls deportiert wurde, die ihr die Kraft zum Überleben geben. Auch gibt es große Solidarität zwischen den Litauern im Lager. Man versucht, einander zu helfen, wo es möglich ist, teilt die knappen Nahrungsmittel und feiert Feste gemeinsam. Doch zwischen allem schleicht sich immer wieder das Unheil ein: Einige schaffen es eben doch nicht, sterben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten oder den Kugeln der Wachen. Dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es für Linas Familie ausgehen wird, ist die große Stärke dieses Buchs: Zu leicht wäre es gewesen, eine kitschige, vorhersehbare Geschichte zu schreiben, der man das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende schon auf den ersten Seiten anmerkt. Gut, einige Charaktere sind tatsächlich für meinen Geschmack etwas zu schwarz-weiß gezeichnet (insbesondere Linas Mutter hätte man durchaus mal zugestehen können, auch mal durchzudrehen und nicht immer nur ständig selbstlos für andere da zu sein), aber glücklicherweise tut das der Geschichte als Ganzes keinen Abbruch.

Ohne wirklich alle historischen Details zu kennen, würde ich schätzen, dass die geschilderten Zustände realistisch sind. Unglaublich genug, dass es tatsächlich Menschen gab, die das alles überleben konnten. Wer das Baltikum kennt, weiß, dass die Erinnerung an die Deportationen noch sehr präsent sind; in Deutschland hat man verhältnismäßig wenig Wissen darüber. Umso wichtiger sind solche Bücher, die immer mal wieder gewisse historische Perioden ins Gedächtnis rufen und vielleicht dazu beitragen, das Andenken an die Opfer irgendwie wachzuhalten.

„Between shades of gray“ ist so ein Buch. Deswegen möchte ich es euch wärmstens empfehlen. Und ehe ihr auf den letzten Seiten ankommt, legt ein Taschentuch bereit. Ihr könntet es brauchen.

ISBN: 978-0-399-25628-8
338 Seiten
Deutscher Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Philomel Books
€9,99
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