Corpus Delicti – Juli Zeh

15. März 2015 § 4 Kommentare

Nachdem ich von meiner ersten Zeh-Lektüre so begeistert war, IMG_8065habe ich mich jetzt an einen ihrer aktuelleren und vielgelobten Romane gemacht. Und ich konnte mir schon im Vorfeld denken, warum „Corpus Delicti“ so gut ankam: Es scheint einen Nerv zu treffen. Thema ist die zunehmende Fokussierung auf den (gesunden) Körper, die Rhetorik der Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Abwälzung gesamtgesellschaftlicher Belastungen auf den Einzelnen: Wenn du nicht auf dich selbst achtest, dich nicht gesund ernährst, übergewichtig bist und zu wenig Sport treibst, kostet du die Gesellschaft (zu) viel Geld.

Zeh hat sich dafür in eine dystopische Zukunft begeben, wo diese Haltung zur Staatsräson geworden ist: Alle Menschen sind gesund und glücklich, die allermeisten von ihnen haben noch nie Schmerzen gespürt, es gibt keine Krankheiten mehr. Das klingt jetzt auf Anhieb gar nicht mal so schlecht. Dafür muss sich allerdings jeder Bürger und jede Bürgerin einem engmaschigen Überwachungsregime unterwerfen: Der Staat gibt Fitnessprogramm und Urintests vor und verwarnt bei Lässigkeit. Partnerschaften werden über Portale geknüpft, die eine möglichst große Passgenauigkeit der jeweiligen Immunsysteme berechnen (OkCupid weitergedacht, wenn man so will) und „die Methode“ zur Gesunderhaltung hat die Stelle der Religionen eingenommen.

Mia Holl scheint in dieses System nicht recht zu passen: Sie lässt sich nicht einlullen, sie ist Naturwissenschaftlerin und kann ihr entsprechend geschultes Denken nicht an der Labortüre abgeben. Doch sie muss einen Schicksalsschlag verkraften, was ihr zunehmend schwer fällt: Ihr Bruder Moritz hat sich im Gefängnis das Leben genommen, er war beschuldigt worden, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Mia glaubt fest an die Unschuld ihres Bruders und gerät in ihrer Trauer, ohne es wirklich zu wollen, immer stärker in Opposition zur Methode, die in schöner totalitaristischer Tradition selbstverständlich keinerlei Abweichung duldet und Mia mit zunehmender Härte auf Linie zu zwingen versucht.

Es hat zugegebenermaßen etwas gedauert, ehe ich mit dieser Geschichte warm wurde. Mir waren die Dialoge anfangs zu gestelzt, zu plakativ. Aber dann machte es irgendwann „klick“ und ich bin dahintergestiegen, wie diese Geschichte funktioniert. Auf einmal zeigten sich immer mehr Parallelen zu aktuellen Entwicklungen: Einzelne Aussagen oder Meinungen, die schon heute in dieser Form getätigt werden und die hier nur noch zugespitzt und konsequent zu Ende gedacht sind. Dazu gehört wohl, die Charaktere weniger als vollständige Persönlichkeiten, sondern eher als Rollen anzulegen, die eine bestimmte Funktion im Stück einnehmen.

Ich glaube, Zeh ging es gar nicht darum, die Protagonisten besonders lebensnah darzustellen; jedenfalls habe ich die Geschichte nicht so gelesen. Es erschien mir eher als Parabel, als Möglichkeit, als Weiterdenken. Und dann funktioniert dieses Buch auch. Ich würde es – wie die meisten Dystopien – als Warnung lesen und als Handlungsaufforderung: Seid kritisch und reflektiert, was man euch erzählen will. Macht euch euren eigenen Kopf. Und lest dieses Buch.

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§ 4 Antworten auf Corpus Delicti – Juli Zeh

  • Xeniana sagt:

    Macht neugierig!

  • Es war das erste Buch, das ich von Juli Zeh las. Zuvor war ich von ihrer Person, ihrer Haltung und ihrem Intellekt immer sehr angetan, wenn sie sich in der Öffentlichkeit (mit Zeitungsbeiträgen & als Talkgast) zu gesellschaftskritischen Themen äußerte und engagierte.

    Leider findet ihre Haltung bei nicht wenigen auch eine ziemlich aggressive Ablehnung. Man spricht ihr dann einerseits literarisches Talent ab und wirft ihr anderseits auch vor, eine miesepetrige, völlige spaßfreie Oberlehrerin zu sein.

    Als ich dann vor kurzem ihre versammelten Essays (Nachts sind das Tiere) las, nahm ich dies auch als Aufhänger für mein Resümee: https://thomasbrasch.wordpress.com/2015/02/11/kann-man-mit-juli-zeh-spas-haben/

  • Julia sagt:

    Danke! 🙂 Ja, es lohnt sich wirklich.

  • Julia sagt:

    Ich muss sagen, dass sie auf mich am Anfang auch etwas besserwisserisch wirkte, in den letzten Jahren habe ich ihre Beiträge aber zu schätzen gelernt. Vielleicht hat das etwas damit zu tun gehabt, dass ich erst recht spät eines ihrer Bücher gelesen habe und sehr gut fand, wie sie schreibt und was sie damit rüberbringen kann.
    Gerade zum Thema Bürgerrechte hat sie meines Erachtens nach viel Interessantes und Wichtiges zu sagen.

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