Das Lied von Leben und Tod – Marcelo Figueras

26. August 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7269Und einen weiteren Lieblingsautor nehme ich wohl aus 2013 mit. Mir hatte ja schon „Kamtschatka“ so gut gefallen, und hier zeigt Figueras nochmal, was er kann (bzw. dass ers kann). Auch wenn seine Fabulierkunst bisweilen etwas mit ihm durchgeht, kann man ihm das immer wieder verzeihen, weil er letzten Endes eine so schöne Geschichte geschrieben hat.

Wir treffen Teo, der anfangs ein seltsames Gespräch mit einem Wolf auf Lateinisch führt. Als er vom Baum, auf dem er sitzt, herunterfällt, landet er zu Füßen einer wunderschönen Frau, die ihn verarztet, ihn wunderbar offenherzig-charmant abschleppt und ihn schließlich als ihren Partner akzeptiert. Man muss dazu sagen: Teo ist ein Riese, weit über 2m groß, und Pat lebte bisher sehr zurückgezogen mit ihrer fünfjährigen Tochter Miranda. Teo merkt bald, dass er sich da eine etwas schwierige Geliebte angelacht hat: Pat ist launisch, schreit nachts wie in den schlimmsten Alpträumen und macht ihm gleich klar, dass sie quasi täglich ihre Sacken packen und verschwinden könnte. Sie hat vor irgendetwas große Angst, so dass sie bisher von einem abgelegenen Ort zum anderen geflohen ist. Miranda auf der anderen Seite ist ein für ihr Alter außergewöhnlich reifes Mädchen – auch, weil sie letztlich immer ein bisschen auf ihre labile Mutter aufpassen muss.

Figueras lässt sich Zeit, entfaltet aber innerhalb eines Panoramas aus seltsamen und wunderlichen Charakteren, von denen jeder seine eigene Geschichte und sein eigenes Päckchen zu tragen hat, die ganze schlimme Lebensgeschichte von Pat, die eng mit der argentinischen Militärdiktatur zusammenhängt (die Lebensgeschichte, nicht Pat, Oder vielleicht läufts aufs Gleiche hinaus). Erst ganz zum Schluss kann man überblicken, was sie zu ihrer dauernden Flucht bewogen hat. Dann hat man sie schon fast liebgewonnen, so schwer es auch ist, denn Pat ist wirklich meistens kratzbürstig und schwierig. Miranda ist dagegen ist klug und ein Engel, und magische Fähigkeiten hat sie auch.

Man ahnt es schon, dass man nicht alles in diesem Buch für bare Münze nehmen sollte. Man sollte viel eher offen und unvoreingenommen an diese schöne Geschichte herangehen und sich auf ein bisschen Fantastisches oder Metaphorisches einlassen. Denn letztlich liegt unter allem Märchenhaften eine sehr brutale Wahrheit.

ISBN: 978-3423139243
528 Seiten
Originaltitel: La batalla del calentamiento
dtv
€12,90

Die unsichtbaren Stimmen – Carolina De Robertis

18. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6668Mit dieser Art von Familiensaga à la „Wir porträtieren hier ein paar Generationen starker Frauen einer Familie“ kann man ja auch danebengreifen. Schnell wird das Ganze kitschig. Diese Geschichte (die ich übrigens schon vor einem Jahr zum Examen geschenkt bekam) ist dagegen ein Positivbeispiel und hat mir wirklich gut gefallen.

Es beginnt mit Pajarita, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem kleinen Dorf in Uruguay zur Welt kommt. In diesem Dorf heißt es, dass zu jeder Jahrhundertwende dort ein Wunder geschieht. Pajarita nun ist nicht gerade ein Wunschkind, ihr Vater setzt sie als Säugling irgendwo aus. Sie wird für tot gehalten und verblüfft die Dorfbewohner eines Tages, als sie auf einem hohen Baum sitzt und von dort herunterfällt – oder -fliegt, wie auch immer.

Als Pajarita älter wird, verdreht sie einem jungen Mann den Kopf, der mit einem Wanderzirkus in ihrem Dorf vorbeikommt. Ignazio, so heißt er, hält um ihre Hand an und nimmt sie nach der Hochzeit mit nach Montevideo. Er, der Venezianer, kam eigentlich mit dem Traum nach Uruguay, dort Gondeln zu bauen, wie es schon sein Vater in Venedig getan hat. Dass daraus vorerst nichts wird, setzt ihm zu und er verfällt dem Alkohol und dem Glücksspiel. Schließlich lässt er Pajarita zusammen mit den mittlerweile vier gemeinsamen Kindern sitzen. Diese sorgt für die Familie, indem sie Heilkräuter verkauft und den Frauen der Nachbarschaft bei allen körperlichen und seelischen Leiden zu helfen versucht.

Ignazio taucht wieder auf, die Kinder werden größer, wenden wir uns also der jüngsten Tochter Eva zu. Diese wird mit elf bereits von der Schule genommen, um im Schuhgeschäft von Ignazios altem Freund zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch besagter Freund belästigt und missbraucht sie, so dass sie es nicht mehr aushält und den Job hinschmeißt. Als ihr Jugendfreund Andrés ihr erzählt, er wolle nach Buenos Aires gehen und dort sein Glück versuchen, folgt sie ihm kurzerhand, auch in der Hoffnung, dass er ihre Gefühle erwidert. Doch ach: Kaum, dass sie sich überwunden und ihm ihre Liebe gestanden hat, verschwindet Andrés und gibt ihr damit auch klar zu verstehen, dass er sie nicht lieben kann. Soviel kann schonmal verraten werden: Die beiden wären nicht so eingeführt worden, wenn sie sich nicht noch einmal begegnen würden, später in der Geschichte. Und das war dann doch noch eine (schöne) Überraschung.

Aber zurück zur Chronologie: Der Weggang von Andrés trifft Eva tief, sie bekommt psychische Probleme und landet im Krankenhaus, wo sie auch schon bald ihren behandelnden Arzt, Dr. Roberto Santos, für sich begeistern kann. Dieser lässt kurzerhand seine standesgemäße Verlobte sitzen und macht ihr einen Antrag. Eva wird nun also zur repräsentativen Ehefrau, die Gedichte verfasst und ihrem Mann zwei Kinder schenkt (Funfact: Bei der Entbindung von ihrer Tochter Salomé ist ein Medizinstudent zugegen, der sich als Ernesto Guevara vorstellt… Der Typ von den T-Shirts also. Schönes Detail.). Doch als die politische Situation brenzliger wird, muss die Familie ins Exil nach Uruguay gehen. Dort kommen sie zwar bei Evas Familie unter, doch Roberto zieht es bald wieder zurück nach Argentinien. Als Eva sich dagegen entscheidet, mit ihm mitzukommen, trennen sich die beiden.

Auftritt Salomé. Die Tochter von Eva wächst in politisch unruhigen Zeiten auf. Durch eine Schulfreundin kommt sie in Kontakt mit einer Gruppe von Tupamaros, einer Guerillabewegung. Nach einigen erfolgreichen Aktionen geht jedoch etwas schief und Salomé wird mit einigen anderen verhaftet. Im Gefängnis wird sie gefoltert und vergewaltigt, sie wird dort ohne richtigen Prozess festgehalten und kennt ihr Urteil nicht. Ihre Kampfgefährtinnen sitzen mit ihr ein, und bald planen sie die gemeinsame Flucht durch die Kanalisation. Doch Salomé merkt, dass sie schwanger ist und will deswegen nicht an der Fluchtaktion teilnehmen. Ihre Tochter wird im Gefängnis geboren und mit Hilfe der Kampfgefährten in sichere Hände gegeben. Als Salomé nach Jahren wieder entlassen wird, gilt es, etwas über den Verbleib der Tochter zu erfahren und sich wieder ihr eigenes Leben aufzubauen, was gar nicht so einfach ist, wenn man die meiste Zeit seiner Jugend im Gefängnis verbracht hat…

Man merkt schon: Jede Menge Schicksal steckt auf diesen Seiten, und es ist wirklich eine Leistung, dass das hier nicht zu melodramatisch geworden ist. Aber de Robertis hat es geschafft, eine schöne, traurige, ergreifende und poetische Geschichte daraus zu machen. Sehr gut gefallen hat mir die Vielschichtigkeit ihrer Charaktere: Es gibt hier nicht, wie so oft, nur schwarz und weiß, sondern ihre Hauptpersonen machen auch mal Fehler, verhalten sich irrational und hadern mit ihrem Schicksal. Das machte die Geschichte sehr glaubwürdig; man hat das Gefühl, dass es tatsächlich reale Personen gewesen sein könnten, die hier zum Leben erweckt werden.

Noch dazu lernt man ein wenig über die uruguayische und argentinische Geschichte im 20. Jahrhundert. Empfehlenswert!

ISBN: 978-3596184811
464 Seiten
Originaltitel: The Invisible Mountain
Fischer Taschenbuch
€9,95

Verschwunden: das Fotoprojekt ausencias von Gustavo Germano und anderen

16. April 2011 § Ein Kommentar

Zuerst wurde ich auf dieses Buch durch einen Beitrag im ZEITmagazin aufmerksam – und als dann flattersatz dazu eine Rezension schrieb, war mir klar, dass ich mir dieses Buch sehr bald würde kaufen müssen.

Man hat in der Regel schonmal davon gehört, dass während der argentinischen Militärdiktatur in den 1970er und 80er Jahren Tausende von Menschen verschwunden sind. Man kennt vielleicht die Großmütter von der Plaza de Mayo, die Aufklärung über das Schicksal ihrer Kinder und Enkelkinder verlangen. Aber was bedeutet das eigentlich: Ein Mensch ist verschwunden?

Der Fotograf Gustavo Germano hat selbst einen Bruder während dieser Zeit verloren. Er hat mit dieser Bildreihe einen Weg gefunden, den Verlust eines geliebten Menschen zu illustrieren, indem er alten Fotos von Verschwundenen jeweils ein aktuelles Bild gegenüberstellt. Alle Personen von früher sind dort wieder abgebildet, teils sogar am selben Ort wie damals – nur fehlt eben jemand, es bleibt eine Lücke. So ist von zwei Schwestern heute nur eine übrig geblieben. Die Freunde haben sich noch einmal so wie früher zusammengesetzt, dieses Mal allerdings sind zwei Plätze leer geblieben. Und wo sich vor Jahrzehnten ein junges Paar gesonnt hat, ist heute nur leerer Strand zu sehen.

Letztlich ist es eine sehr einfache Methode, um zu zeigen: Hier fehlt jemand! Und wahrscheinlich sind diese Fotos auch deswegen so eindrucksvoll geworden.

Einen angemessenen Rahmen geben Texte – Briefe, Gedichte, Interviews – sowie biografische Informationen zu den Verschwundenen.

ISBN: 978-3940233431

127 Seiten

Münchner Frühling

€28,90

Kamtschatka – Marcelo Figueras

24. Juli 2009 § 4 Kommentare

Wir sind umgezogen – und ja, ich gehöre zu den Menschen, die trotzdem noch ein Buch gelesen kriegen. Liegt vielleicht auch daran, dass man durchdreht, wenn man nicht irgendeinen Ausgleich zum Kisten packen und Möbel aufbauen kriegt. Oder es liegt daran, dass „Kamtschatka“ einfach ein schönes Buch ist, wo man Seite um Seite umblättert, ohne richtig zu merken, dass man sich dem Ende viel zu schnell nähert.

Worum geht’s? Als im Jahr 1976 in Argentinien die Militärs die Macht ergreifen, muss ein regimekritischer Anwalt mit seiner Familie in einem Landhaus außerhalb von Buenos Aires untertauchen. Für die beiden Söhne, fünf und zehn Jahre alt, ist das erstmal ein großes Abenteuer – sie dürfen sich sogar Decknamen ausdenken! Wie der 10jährige Ich-Erzähler berichtet, vertrieben sich die Jungs die Zeit mit der Rettung von Kröten aus dem Swimming Pool und der Einübung von Entfesselungstricks nach Vorbild des großen Harry Houdini. Die Politik kommt nur in Nebensätzen und Andeutungen vor: Als der Vater erst nur noch von Cafés aus arbeiten kann, weil sein Büro durchsucht und verwüstet wurde, als später nicht einmal mehr das möglich ist, als die Mutter ebenfalls ihre Stelle verliert, weil sie dem Regime ebenfalls wenig freundlich gesonnen ist, als Lucas zur Familie kommt, dessen echter Name nicht Lucas ist und der eines Morgens genauso schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist.

Fazit: Ich glaube, es ist sehr schwer, zum Thema „Militärdiktatur“ ein schönes Buch zu schreiben. Aber interessanterweise ist „Kamtschatka“ in der Tat ein schönes Buch. Im Vordergrund steht nie die Politik, sondern immer der Alltag dieser (extrem sympathischen*) Familie, ihr Zusammenhalt und ihre Versuche, alles möglichst normal wirken zu lassen. Es geht vor allem um Anekdoten aus dem – scheinbar – ganz normalen Alltag eines Zehnjährigen, vermischt mit teils fast philosophischen Betrachtungen über das Leben, die Erde und die Geschichte, auch wenn über allem so eine dunkle Wolke hängt und man irgendwie dieses dumpfe Gefühl hat, das nicht alles so gut enden wird (wie es denn endet, wird natürlich nicht verraten!). Ich finde zwar diese Phrase etwas abgedroschen, aber sie trifft es gut: Kamtschatka ist ein warmherziges Buch, das wirklich schön zu lesen ist und bei dem man richtig mit den Protagonisten mithofft, dass alles bitte gut werden wird.

Ach ja: Was die argentinische Militärdiktatur mit der russischen Halbinsel Kamtschatka gemein hat, das wird hier natürlich nicht verraten. Denn um das rauszufinden, gibt es einen Grund mehr, das Buch auch zu lesen!

* Die Feministin in mir fand natürlich vor allem die Mutter toll, die arbeiten geht, sich politisch engagiert und mit Kochen und Hausarbeit nix am Hut hat. ;D

Änderungsschneiderei Los Milagros – María Cecilia Barbetta

21. Dezember 2008 § Ein Kommentar

Dieses Mal stelle ich ein Buch für diejenigen vor, die sich auch mal gerne auf Experimente einlassen…
Um was gehts?
Es gibt hier weniger eine Handlung, viel mehr besteht dieser Roman aus verschiedenen Episoden, die in der Vergangenheit oder Gegenwart spielen und das Leben einiger Personen ausschnittweise beschreiben, deren Lebenswege irgendwie in der Änderungsschneiderei Los Milagros in Buenos Aires zusammenlaufen: So ist da die junge Schneiderin Mariana, deren Tante die Schneiderei gehört, oder Analía, die Mathematiklehrerin, die in die Änderungsschneiderei kommt, weil sie das Hochzeitskleid ihrer Mutter ändern lassen will – denn bald heiratet sie Roberto, einen vielversprechenden Bankangestellten. Mariana hat weniger Glück in der Liebe: Ihr Freund Gerardo kam aus einem USA-Urlaub nicht zurück, hat ihr nur drei wenig verbindliche Postkarten geschrieben. Je länger Mariana an Analías Hochzeitskleid arbeitet, desto mehr freunden sich die beiden Frauen an – bis Mariana allmählich erstaunliche Parallelen zwischen ihnen beiden entdeckt.
Fazit: Was mir an diesem Buch so gut gefallen hat, war weniger die Story, die jetzt nicht so spektakulär zu sein scheint, sondern einige andere Dinge: Zunächst muss unbedingt die Ausstattung genannt werden, denn die Geschichte wird durch Bilder und Zeichnungen jeweils am Ende eines Kapitels fantasievoll illustriert. Dazu kommt das Spiel mit Schriftgrößen und -arten sowie mit verschiedenen Satztechniken: So wird beispielsweise ein Dialog zwischen Mariana (die gerade an der Nähmaschine arbeitet) und ihrer Mutter wiedergegeben, die sich über Gerardo unterhalten, während im Hintergrund ein Radio läuft. Dementsprechend ist die Seite in drei Spalten geteilt: Der Monolog der Mutter links, die einsilbigen Antworten Marianas sowie das „tktktktktktktk“ der Nähmaschine in der Mitte, das Radio mit einer Reportage übers Bermudadreieck rechts. Das ist außergewöhnlich und macht wirklich Spaß – man muss sich allerdings darauf einlassen. Weiterhin wirklich schön fand ich Barbettas Sprache: Sie verwendet wunderbare Metaphern und Wortspiele, sie „spielt“ wirklich mit der Sprache, wenn ich das so ausdrücken soll. Ihr Erzählstil hat es an sich, dass viele Nebensächlichkeiten (die jedoch auch ihren Platz in der Geschichte bekommen) scheinbar unendlich ausgebreitet werden. Wie gesagt: Man muss es mögen, und auch ich war zwischendurch ein klein wenig genervt von einem seitenlangen Dialog bekiffter 20jähriger Jungs, aber der Rest der Geschichte entschädigt dafür.
Es gibt nicht „den“ roten Faden, ich glaube, es liegt am Leser, welchen der zahlreichen roten Fäden, die Barbetta auslegt, man aufnimmt, um ihm für den Rest des Buches zu folgen. Und auch, wenn mir das Ende nicht ganz klar geworden ist: Ich kann dieses wirklich schöne Buch wärmstens empfehlen!

S. Fischer Verlag, 329 Seiten, €19,90.

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