Apokalypse jetzt! – Greta Taubert

3. Januar 2015 § 7 Kommentare

IMG_7953Greta Taubert treibt eine Frage um: Gibt es Alternativen zu unserer konsumgetriebenen Gesellschaft? Wie wäre sie selbst vorbereitet auf den großen Crash? Ihr Antwort zu Anfang des Buchs: Nicht besonders gut. Als 30something kennt sie nur den Überfluss in den Geschäften, die ständige Verfügbarkeit aller wichtigen (und unwichtigen) Güter, ohne dafür etwas tun zu müssen – außer Geld oder die Kreditkarte über den Tresen zu schieben.

Greta will das ändern und gibt sich ein Jahr, um sich auf die Apokalypse vorzubereiten. Dabei geht es hier mitnichten darum, zum Prepper zu werden oder sich irgendwelche weltfremd-abgehobenen Luftschlösser zu bauen – klar beginnt sie bei dem Naheliegendsten: Das Futtern. Sie spricht mit Typen, die Notfallkisten verkaufen, trifft Kräutersammlerinnen und Pilzzüchter. Nach und nach taucht sie aber tiefer in die Welt derjenigen ein, die Alternativen zu unserer Konsumgesellschaft leben und verschiedene Bereiche anders gestalten wollen: Moderne Nomaden, Tramper, Couchsurfer, Mülltaucher oder Bewohner von alternativen Wohnprojekten. Von ihnen inspiriert macht sich Greta Gedanken, auf was es wirklich ankommt, wenn die gewohnten Strukturen zusammenbrechen – oder einfach, wenn man sein Leben ein bisschen besser und nachhaltiger gestalten will.

Mir hat der Stil dieses Buches echt gut gefallen. Greta berichtet direkt und ehrlich, sie gesteht sich Vorbehalte und Zweifel offen ein, macht aber auch keinen Hehl aus ihrer wachsenden Begeisterung für ihre Entdeckungen. Wo ihre Berichte anfangs eher getrieben waren von der Angst, was nach dem großen Crash kommen könnte und ob man dann irgendwie das gewohnte Leben weiterführen könnte, steht am Schluss der Expedition die Erkenntnis: Wenn alles anders wird, wäre das vielleicht gar nicht so tragisch. Denn das muss nicht unbedingt den Weltuntergang bedeuten.

Wie ich fand: Ein interessantes, gedankenanregendes und trotzdem witziges Buch ums Überleben und Besser leben.

Deutschlandreise – Roger Willemsen

27. Oktober 2014 § 2 Kommentare

IMG_7940Gelegentlich mache mich während des Lesens Notizen zum Buch bei Goodreads. Die zu „Deutschlandreise“ sagen letztlich schon alles:

– Erstmal wieder beiseite gelegt – auf den ersten Seiten nur einsame, ältere Menschen. Grade keine Lust drauf. (Januar 2013)
– Neuer Versuch. (Oktober 2014)
– Dieses Deutschland muss ja verdammt deprimierend sein… (Status etwa bei der Hälfte)

Willemsen reist also quer durchs Land, ein paar Jahre/kurz nach der Jahrtausendwende und schreibt auf, was er so beobachtet. Zuerst ist diese leichte Melancholie, das Beschreiben kleiner Schwächen und Sonderlichkeiten, komischer Gestalten und eigenartiger Orte noch zumindest ein bisschen charmant, es begann mich aber bald brutal zu nerven. Mir fehlte die Leichtigkeit, der Humor, der Optimismus, einfach die guten, netten, schönen Seiten. Stattdessen: Abgehängte Menschen und abgewrackte Hotels und Orte, die man eigentlich als viel schöner und einladender im Erinnerung hat, als Willemsen sie hier beschreibt (Und ja, eigentlich ist es echt witzig, wenn er Orte beschreibt, die man selbst gut kennt. Eigentlich.).

Zwischendurch blitzt schon ein bisschen Humor und Sprachwitz auf, man findet gelungene Formulierungen und denkt sich zum Schluss doch wieder: „Ey, in diesem Deutschland willste auch nicht tot überm Zaun hängen!“.

Der Medicus – Noah Gordon

6. Juli 2014 § 7 Kommentare

IMG_7753Eine Kollegin sprach mir neulich kurzerhand so lange meine Kompetenz als Literaturbloggerin ab, bis ich „Der Medicus“ gelesen hätte. Es sei nämlich so ein tolles Buch und jeder sollte es kennen. Was soll ich sagen? Challenge accepted. Sie hat es mir netterweise gleich ausgeliehen und jetzt kann ich endlich mitreden.

Da es schon alle außer mir kennen, kann ich mir eine weitschweifige Inhaltsangabe sparen: Der Waisenjunge Rob wird von einem reisenden Bader als Gehilfe aufgenommen. Wir schreiben das 11. Jahrhundert, und Bader waren auf den Dörfern eine Mischung aus Alleinunterhaltern, Medizinern und Apothekern. Rob und der Bader führen Zaubertricks und Jonglagekunststücke auf, behandeln Krankheiten und Verletzungen und verkaufen ein selbstgebrautes Wunderelixier, das vor allem aufgrund seines hohen Alkoholgehalts Wunder wirkt.

Rob entdeckt sein Talent fürs Heilen, und als der Bader nach einigen Jahren des gemeinsamen Umherziehens stirbt, beschließt Rob, sich zum Medicus ausbilden zu lassen. Ein Medicus hatte damals um einiges mehr an Wissen über die Heilkunst und konnte daher Krankheiten besiegen, denen ein Bader machtlos gegenüber stand. In England gibt es zwar einige Stätten, wo man diese Ausbildung genießen kann, aber den besten Ruf dafür hat das persische Isfahan. Rob hat sich schnell entschieden, dass er diese weite und gefährliche Reise auf sich nehmen muss, um seinen großen Traum zu verwirklichen.

Das ist der Startpunkt eines großen Abenteuers, in dessen Folge Rob mit einer Karawane nach Konstantinopel und vorn dort aus weiter nach Isfahan reist. Dort lebt er dann der Einfachheit halber undercover als Jude, lernt Persisch und wird tatsächlich als Medizinstudent angenommen. Er schafft es sogar, ein Vertrauter des Schahs zu werden – was ihm zwar Privilegien bringt, aber nicht ganz ungefährlich ist.

Also, ich wurde nicht enttäuscht. „Der Medicus“ ist wirklich eine schöne, stimmige Abenteuergeschichte, die zwar ein paar (wenige) Längen hat und einen Protagonisten, der mir manchmal ein bisschen zu sehr Mr. Superman war, die aber dafür meistens mit Spannung und viel, viel Zeitkolorit punktet. Hab ich gern gelesen.

ISBN: 978-3453471092
848 Seiten
Originaltitel: The Physician
Heyne Verlag
€9,99

 

Reisen ins Reich – Oliver Lubrich

15. Oktober 2013 § 4 Kommentare

IMG_7388Eine spannende Frage: Wie haben Ausländer, die das Dritte Reich bereisten, das System wahrgenommen und analysiert? Haben sie die Gefahr des Nationalsozialismus erkannt oder ließen sie sich zunächst auch von der Propaganda blenden? Und wie wurde das Regime beurteilt, als der Krieg bereits ausgebrochen war?

Oliver Lubrich hat sich dieser Fragen angenommen und unterschiedlichste Berichte von ausländischen Autoren zusammengestellt, die während der Nazizeit in Deutschland waren. Manche waren nur kurz auf Durchreise, manche lebten mehrere Jahre dort (in der Regel als Korrespondenten), einige kannten Deutschland schon zur Weimarer Zeit, andere lernten nur das Dritte Reich kennen.

Es schrieben bekanntere und unbekanntere Autorinnen und Autoren über ihre Zeit in Deutschland. Wir finden hier reine Reiseberichte, in denen der Nationalsozialismus nur kurz gestreift wird (und dennoch oft klar charakterisiert wird) neben tiefergehenden Analysen. Spannend ist, wie unterschiedlich schnell die Schreibenden die Zeichen der Zeit erkannten: Einige packten bereits in den ersten Jahren ihre Koffer, wo andere noch durchaus positiv über Hitler dachten. Auch merkt man in den Berichten deutlich, wie der Krieg näher rückt und immer häufiger über Bombenangriffe und Kriegshandlungen die Rede ist.

Alles in allem ist dieses Buch jedenfalls sehr interessant und spannend zu lesen – solche Blicke von außen sind höchst lehrreich und helfen, einen etwas umfassenderen Blick auf die Dinge zu bekommen. Einzig hätte ich mir gewünscht, etwas weniger über Berlin und etwas mehr über den Rest von Deutschland zu lesen. Aber das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die meisten Korrespondenten und Botschaftsangehörige eben dort in der Hauptstadt tätig waren.

ISBN: 978-3442737499
448 Seiten
btb Taschenbuch
€10,00

Berlin – Baku. Meine Reise zum Eurovision Song Contest – Christiane Rösinger

10. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6855Christiane Rösinger scheint eine unternehmungslustige Person zu sein: Als Aserbaidschan den Eurovision Song Contest 2011 gewinnt, beschließt sie, zum Wettbewerb nach Baku zu fahren – mit dem Auto.

Sie packt ihre Mitmusikerin Frau Fierke ein, die beiden kaufen sich ein gebrauchtes Auto und machen sich alsbald auf den Weg. Dieser führt sie von Berlin aus durch Bulgarien, die Türkei, Georgien und schließlich nach Aserbaidschan (wobei die letzten drei Länder am genauesten beschrieben werden). Dabei sollte man nicht davon ausgehen, dass viel über den ESC geschrieben wird – der Weg ist das Ziel, und der ESC taucht dann auch nur in den allerletzten Kapitel auf (und kommt nicht allzu gut weg). Insofern kann man das Ganze auch getrost lesen, wenn man mit dieser Veranstaltung nichts am Hut hat.

Dieser Reisebericht besteht eher aus schlaglichtartigen Erinnerungen denn aus einer minutiösen Wiedergabe des Erlebten. Zum Teil wird reflektiert, was die beiden Frauen so sehen, gerne auch aus feministischer Sicht. Gerade dieser Stil hat mich manchmal etwas gestört, das Buch wirkte zum Teil recht schnell zusammengeschrieben und unfertig – etwas mehr Zeit hätte hier vielleicht gut getan, etwas mehr Muße auch im Schreiben und Erzählen, denn Erzählen ist etwas, was Rösinger durchaus kann. Sie macht einige interessante Beobachtungen und Einschätzungen, das ganze liest sich oft auch sehr lustig und locker, aber leider ist es eben alles etwas zu knapp geraten für meinen Geschmack. Mir drängte sich der Verdacht auf, man wollte das Buch rechtzeitig vor dem nächsten ESC auf den Markt bringen, damit die Erinnerungen an die doch recht kontrovers diskutierte Veranstaltung und an die Kritik am Ausrichterland noch einigermaßen frisch im Gedächtnis ist.

Ich möchte aber auch nicht komplett davon abraten, weil es natürlich trotz aller Knappheit eine tolle Idee und ein schöner Reisebericht ist.

ISBN: 978-3100929457
224 Seiten
Fischer Taschenbuch
€16,99

Die Sache mit dem Ich – Marc Fischer

27. April 2013 § Ein Kommentar

IMG_6719Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Marc Fischer vorher nicht (bewusst) kannte. Diesen Tipp bekam ich von einem Kumpel und als ich mir das Buch dann besorgt hatte, las ich im Klappentext: Fischer ist ja schon längst tot. Tja, und das gerade dann, wo ich ihn ein bisschen für mich entdeckt hatte…

„Die Sache mit dem Ich“ ist ein Sammelband von Kurzgeschichten und Reportagen, die Fischer bereits irgendwo anders veröffentlicht  hatte und die postum noch einmal gesammelt herausgegeben wurden. Es sind Geschichten, die alle in Ich-Form geschrieben sind und bei denen man manchmal nicht so ganz sicher weiß, welche Teile  jetzt tatsächlich so passiert sind und welche erfunden sind. Gerade diese Zwei- und Uneindeutigkeit hat mir gefallen: Man weiß natürlich, dass es die verrücktesten Stories gibt und dass meistens diejenigen Geschichten wahr sind, die am abgefahrensten sind – aber was ist jetzt wie einzuordnen?

Vielleicht hat Fischer das ja tatsächlich alles so erlebt. Es wäre großartig. Dabei soll kein falscher Eindruck entstehen: Es gibt hier nicht nur Skurriles zu lesen, sondern auch Lustiges, Melancholisches, Nachdenkliches, Erstaunliches. Bemerkenswerte Treffen mit Prominenten, eigenartige Rechercheaufträge, außergewöhnliche Erlebnisse auf Reisen. Oft gibt es eine Pointe obendrauf oder sogar eine kleine Moral, aber letzteres nie mit erhobenem Zeigefinger. Das ist schön.

Fischer ist wohl einer dieser Typen gewesen, denen man gerne einen Abend lang zugehört hätte und bei denen selbst die x-te Anekdote nicht langweilig wäre. Es tröstet mich, dass er mehr als diese Geschichten hier geschrieben hat. Immerhin.

ISBN: 978-3462044263
304 Seiten
KiWi
€14,99

Warum Tee im Flugzeug nicht schmeckt und Wolken nicht vom Himmel fallen – Brian Clegg

30. November 2012 § Ein Kommentar

IMG_6440Flugreisen sind ja manchmal ganz schön öde. Spätestens nach dem zweiten Mal ist die Aufregung verflogen* und man schaut nicht mal mehr auf, wenn bei den Sicherheitshinweisen um Aufmerksamkeit gebeten wird. Doch eigentlich kann Fliegen ganz schön spannend sein, denn immerhin geht es hier um angewandte Wissenschaft: Wie kann dieses tonnenschwere Flugzeug überhaupt fliegen? Was können wir alles aus dem Flugzeugfenster beobachten? Was geht mit dem Körper vor, wenn wir Langstreckenflüge unternehmen? Kann ein Jetlag tatsächlich eine politische Krise auslösen? Und was hat das jetzt mit dem schlecht schmeckenden Tee auf sich?

Es ist tatsächlich ein rechtes Sammelsurium, das Clegg hier zusammengetragen hat. Er vermischt munter Physik, Geologie, Astronomie und einiges mehr – dabei herausgekommen ist ein unterhaltsames Buch, bei dem sicherlich noch jede etwas lernen kann. Es gibt sogar Experimente, mit denen man das eben Gelesene überprüfen kann. Dieses Buch ist ein schönes Beispiel dafür, dass sogar ein bisschen wissenschaftliche Kenntnis ausreichen kann, um viele Phänomene des Alltags – denn dazu gehört das Fliegen ja mittlerweile für viele Menschen – zumindest ansatzweise zu verstehen und vielleicht sogar die Neugier zu wecken, sich in die ein oder andere Richtung weiterzubilden.

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch auch ein schönes Geschenk ist – für alle eure vielfliegenden, wissenschaftsinteressierten Lieben. Oder für euch selbst.

* An dieser Stelle fünf Euro in die Wortspielkasse.

ISBN: 978-3446430105
240 Seiten
Originaltitel: Inflight Science: A Guide to the World from your Airplane Window
Carl Hanser Verlag
€14,90

Crossing the Line – William Finnegan

29. November 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Dieses Buch hat mal wieder eine Geschichte – daher also erstmal kurzes Vorgeplänkel, ehe es zur eigentlich Rezension kommt.

Ich googelte mal vor einiger Zeit die Schule, auf der ich in Südafrika war – einfach um mal zu schauen, ob’s da was Neues gibt. Dazu habe ich nichts gefunden, dafür aber ein paar Seiten aus diesem Buch hier via Google Books. Ich, aufmerksam geworden, lese ein bisschen weiter und finde heraus, dass genannter Autor Anfang der 1980er Jahre während einer Weltreise auch ein Schuljahr an einer südafrikanischen Schule für „Coloureds“ unterrichtet hatte – eben der Grassy Park High School, auf die ich auch gegangen bin. Damit war klar, dass ich dieses Buch lesen muss. Wie das so ist: Lesezeichen gesetzt und erstmal wieder vergessen. Jetzt aus den Archiven geholt und über weite Stellen verschlungen.

Finnegan ist eigentlich, wie gesagt, nur auf Weltreise und landet in Südafrika, damals noch mitten in der Apartheid. Da ihm das nötige Kleingeld fehlt und Lehrer immer knapp sind, verdingt er sich kurzerhand als Lehrer an einer High School für „Coloureds“, also für diejenigen Schüler, die auf der strikten Apartheids-Skala zwischen Schwarzen und Weißen stehen. Es fehlt nahezu an allem, die Lehrpläne sind hoffnungslos ohne Niveau und darüber hinaus hat Finnegan erst einmal gar keine gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, aber trotzdem stürzt er sich recht idealistisch in seine neue Aufgabe.

Er wird Zeuge der ganz alltäglichen Schikanen, denen alle Nicht-Weißen damals in Südafrika ausgesetzt waren und bemerkt auch die zunehmende Politisierung und Radikalisierung seiner Schüler, die dann im Laufe des Schuljahres in einen weitreichenden Boykott gegen das Regime mündete. Das alles beschreibt er anschaulich mit sehr genauer Beobachtungsgabe, das Lesen ist sehr spannend – vor allem natürlich (aber nicht nur), wenn man sich vor dem inneren Auge alles zumindest so grob vorstellen kann. Einige der Eigenarten und Verhaltensweisen haben sich offensichtlich über diese gut 20 Jahre hinübergerettet, denn bekannt war mir doch das eine oder andere.

Namen usw. wurden aus Sicherheitsgründen offenbar geändert und grundsätzlich ist es natürlich möglich, dass das Ganze an einer anderen Schule in Kapstadt oder irgendwo anders im Land stattgefunden hat – es ist eine wahnsinnig interessante Erzählung aus einem ziemlich absurden Land, die exemplarisch für die frühen 1980er Jahre stehen kann.

Spannend fand ich die persönliche Entwicklung, die Finnegan auch durchaus selbstkritisch beschreibt. Er geht zunächst ein wenig wie der gute Weiße Mann an die Sache ran: Zwar mit großem Interesse an den Südafrikanern, aber doch mit einer gewissen Überzeugung, dass er als Amerikaner einen besseren Unterricht machen kann und seinen Schülern noch wirklich etwas beibringen kann. Man merkt, wie dieser Idealismus im Laufe des Schuljahres schwindet, dass Finnegan jedoch immer großen Respekt und eine große Verbundenheit zu diesem speziellen Teil Südafrikas verspürt. Letztlich ist es allerdings immer klar, dass er als Weißer, noch dazu als Ausländer, nie wirklich wissen kann, wie es ist, als „Coloured“ während der Apartheid zu leben – alle alltäglichen Schikanen treffen ihn eben nie wirklich, und zum Feierabend fährt er wieder zurück in sein weißes, alternatives Studentenviertel. Das meint er mit „Crossing the Line“ – es ist immer eine Linie da, die er täglich überquert und die für seine Schüler und Kollegen aus Grassy Park eine tatsächliche Grenze darstellt.

ISBN: 978-0-89255-325-9
426 Seiten
keine deutsche Übersetzung bekannt
Persea Books
€16,99

Kalte Füße inklusive – Nora Graser

26. Dezember 2011 § Ein Kommentar

Man lernt ja nie aus – ich dachte die ganze Zeit, ich sei durch mein Praktikum im tief verschneiten und eiskalten Riga vor zwei Jahren schon relativ abgehärtet. Aber es gibt ja immer Leute, die noch krassere Sachen machen.* Nora Graser zum Beispiel, die 15 Monate lang auf der Forschungsstation Neumayer in der Antarktis geforscht und dort auch überwintert hat. Darüber hat sie einen Erlebnisbericht in Buchform verfasst.

Sie verwendet zunächst ein paar kurze Kapitel auf ihre Motivation und die Vorbereitungen, ehe dann erwartunsgemäß die meiste Zeit über die Überwinterung an sich geschrieben wird.

Ihr Überwinterungsteam kam bereits im Sommer in der Antarktis an (zu anderen Jahreszeiten können auch keine Flugzeuge landen) und war – nach einer kurzen Einarbeitungszeit – im anschließenden arktischen Winter nahezu komplett von der Außenwelt abgeschnitten: In einem Notfall könnte beispielsweise niemand ausgeflogen werden. Klar gibt es Internetanschluss und die Möglichkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt, aber das Team ist auf sich alleine gestellt.

Deswegen müssen die Überwinterer vorher auch Dinge lernen wie Feuer löschen oder Wunden nähen, sie haben einen Techniker und einen Arzt im Team mit dabei und können ansonsten nur hoffen, dass alles ohne große Probleme über die Bühne geht.

Ging es dann auch, soviel kann schonmal verraten werden. Nora Graser schreibt, wie man es von der Freundin oder Bekannten im regelmäßigen E-Mail-Rundbrief erwarten würde: Nicht literarisch, aber angenehm zu lesen und des öfteren sogar recht lustig, beschreibt sie ihren Alltag, ihre Arbeit und Freizeitgestaltung. Die Beschreibungen sind oft recht technisch (sie ist Physikerin), manchmal hilft das kurze Glossar am Schluss des Buches. Umso schöner sind die Beschreibungen außerhalb der Arbeit: Ihre Begeisterung für das farbenfrohe Dämmerungslicht, die Pinguinkolonie in der Nähe der Station oder die riesigen Eisberge scheint regelmäßig durch. Dafür geht es relativ wenig um die Dynamik innerhalb der Gruppe – es ist sicherlich nicht leicht, mit 8 bisher fremden Menschen mehrere Monate in einer nicht gerade weitläufigen Station unter dem Eis zu leben und die Sonne eine Zeitlang gar nicht zu sehen. Sie deutet hier nur an, dass es natürlich mal Reibereien gab, die man aber lösen konnte – interessant wären ein paar mehr Details dann doch gewesen. Gut, das sei verziehen, ist sicherlich auch eine Frage der Persönlichkeitsrechte der anderen Überwinterer.

So oder so: Das war ein schöner, interessanter Kurzurlaub (wenn man es denn so nennen will), der mich zumindest gedanklich von meinem Schreibtisch weg entführt und in einen komplett anderen Alltag gebracht hat. Nicht, dass es mein größter Traum wäre, so etwas zu erleben – das muss es auch gar nicht sein. Aber spannend allemal, was man noch so alles im Anschluss an sein Studium machen kann.

Es gibt im Übrigen auch ein paar Webcams der Station – allerdings wurde mittlerweile eine neue Station gebaut. Hier gehts lang.

~~

* Nur wie sich eingefrorene Wimpern anfühlen, das weiß ich auch. 😉

ISBN: 978-3426781234
256 Seiten
Knaur Taschenbuch
€ 9,95

Sprachenlernen leichtgemacht! – Vera F. Birkenbihl

20. Juli 2011 § 3 Kommentare

(Die Rezension war hier etwas in der Versenkung verschwunden, ich hab sie mal eben ergänzt und endlich veröffentlicht)

Ich bin ja immer skeptisch, wenn etwas mit „… leicht gemacht“ beworben wird. Aber da ich mich Ende letzten Jahres in das Projekt „Finnischlernen“ gestürzt hatte (liegt momentan aus verschiedenen Gründen, u.a. Examen, etwas auf Eis), hat mir meine Mutter dieses Buch geschenkt – sie war mal auf einem Vortrag von Frau Birkenbihl und fand die Methode ganz interessant.

Vera Birkenbihl hat sich dem „gehirn-gerechten Lernen“ verschrieben. Sie kritisiert, dass Sprachen in der Schule vollkommen falsch gelehrt werden: Vokabeln müssen gepaukt werden und die Grammatik auswendig gelernt, ohne das grundlegende Gefühl für die Sprache zu vermitteln. Viele Schüler werden so demotiviert und sind für den Rest ihres Lebens davon überzeugt, dass sie nicht sprachbegabt seien. Dabei könne grundsätzlich jeder eine neue Fremdsprache lernen, und auch zu alt ist man dafür nie. Man muss lediglich so lernen, wie es dem Gehirn entspricht, und das lernt am besten unterbewusst. Klingt zu schön um wahr zu sein? In der Praxis funktioniert das Ganze so:

Indem man zunächst einen Text in der entsprechenden Fremdsprache dekodiert – also wortwörtlich übersetzt und diese Übersetzungen unter die jeweiligen Ausdrücke in der Fremdsprache schreibt – lernt man unterbewusst etwas über die Struktur und Funktionsweise dieser Sprache. Zwei weitere Komponenten sind das aktive Hören dieses Textes während man die angefertigte deutsche (!) Übersetzung mitliest. So werden langsam die deutschen Begriffe mit den jeweiligen Entsprechungen der Fremdsprache verknüpft. Außerdem hört man passiv, also nebenher, ohne direkt hinzuhören. Man soll dadurch die Sprachmelodie aufnehmen und ins Ohr kriegen. Je nachdem, ob man die Sprache nur verstehen will oder auch aktiv sprechen, gibt es zusätzlich verschiedene Übungen, um das aktive Sprechen zu trainieren. Mit diesem einen dekodierten Text arbeitet man so lange, bis man alles versteht, ohne die deutschen Übersetzungen lesen zu müssen. Dann nimmt man sich den nächsten Happen vor.

Vorteil ist: Man kann nach seinen Bedürfnissen lernen. Man sucht sich die Texte selbst aus und muss sich nicht durch unspannende Lehrbuchtexte quälen (à la: „Das ist Pekka. Pekka kommt aus Finnland und ist von Beruf Lehrer.“ oder „Was für ein Boot kaufst du? – Ich kaufe ein großes, rotes Boot.“). Wer gerne spanische Musik hört und die Lyrics verstehen will, kann damit anfangen, wer Französisch für die Arbeit braucht, kann Zeitungsartikel aus dem Wirtschaftsteil lesen usw. Man kann die Arbeit in kleine Häppchen einteilen – selbst wenn man nur 10 Minuten passiv hört, ist das okay. Aber man muss eben jeden Tag etwas machen – auch das ist ja grundsätzlich klar. Grundsätzlich wird man aber ganz gut angeleitet und auch immer ermutigt, dass es eigentlich wirklich kein Hexenwerk ist.

Als Nachteil sehe ich, dass es je nach Sprache schwierig sein kann, entsprechendes Material zu organisieren. Man benötigt ja nicht nur Texte in der Sprache, sondern auch einen Muttersprachler, der diese Texte einspricht. (Ich hatte Glück, dass mich der Liebste auf die „Selkouutiset“ von YLE, dem finnischen Fernsehen, aufmerksam gemacht hatte. Einfache Nachrichten, sehr langsam gesprochen, jede Woche eine neue Folge. Habe den Podcast abonniert und nutze die Transkripte fürs Dekodieren. Ein Hoch auf YLE!) Jedenfalls braucht man erstmal ein recht großes Maß an Eigenmotivation für diese Methode – vielleicht hat man jedoch das Glück und findet einen ebenso motivierten Tandempartner, mit dem man auf diese Weise arbeiten kann.

Das es wirklich was bringt, darüber gibt auch ein amazon-Kommentator Auskunft: „Innerhalb von 2 Wochen habe ich so gut Norwegisch gelernt, dass ich die schwedischen Nachrichten im finnischen Fernsehen recht gut verstanden habe.“ Noch Fragen?

(Ich selbst konnte noch nicht wirklich intensiv damit arbeiten. Ich werde aber, wenn ich etwas Erfahrung habe, hier nochmal ein Update schreiben).

ISBN: 978-3868822113
200 Seiten
mvg Verlag
€10,95
 

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