Alle Tage – Terézia Mora

23. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7683Um eins vorneweg zu schicken: Dieses Buch ist etwas für Zeiten, in denen man Muße genug hat. Liest man das Ganze morgens im Zug, findet man es wahrscheinlich scheiße, weil man nichts versteht. Doch sobald man sich Zeit nimmt, könnte man ziemlich begeistert sein. So man es denn dann versteht, denn in dieser Hinsicht bin ich mir bei mir gar nicht so sicher… Aber hey, zumindest bei dem 40 Seiten langen Drogentrip gegen Ende bin ich wohl entschuldigt.

Protagonist ist Abel Nema, ein Typ (geschätzt) in seinen Zwanzigern. Er musste aus seiner Heimat, die irgendwo in Südosteuropa (auf dem Balkan?) liegt, vor einem Krieg fliehen. Er landet zwar in irgendeiner Stadt (in Österreich oder Deutschland?), kommt aber nirgendwo wirklich an, obwohl er ohne große Mühe zehn Fremdsprachen erlernt. Das schien mir ein vorherrschendes Gefühl in diesem Buch zu sein: Die Heimatlosigkeit, das Nirgendwo-Dazugehören, das Suchen, die Einsamkeit. Nicht nur Abel, viele andere Charaktere dieser Geschichte scheinen sich irgendwo dazwischen aufzuhalten. Es gibt wenige, die wirklich dort leben, wo sie herkommen, die nicht irgendwelche Brüche in ihren Biografien haben oder irgendwann mal etwas erlebt haben, das ihr Leben durcheinander brachte.

Abel heiratet schließlich Mercedes und wird von deren Sohn Omar wie ein Vater oder großer Bruder angenommen. Das Ganze ist und bleibt jedoch eben: eine Scheinehe – zum einen, weil Abel eine Aufenthaltsgenehmigung braucht, zum anderen, weil der einzige Mensch, den er jemals geliebt hat, sein bester Freund Ilia war (und auch hier wieder eine unerfüllte Liebe). So ist schon fast klar, dass auch diese Beziehung ihm nicht den Halt gibt, den er bräuchte. Aber ob er überhaupt so leben könnte, bürgerlich-gesettled? Sucht er nicht immer die Einsamkeit und das Unterwegssein?

Als wäre diese schwere Kost noch nicht genug, hält sich Mora außerdem nicht sonderlich an konventionelle Erzählweisen. Sie springt ohne irgendwelche Kenntlichmachung zwischen Zeitebenen und Erzählern hin und her. Das ist anstrengend, weil es volle Aufmerksamkeit erfordert. Aber es ist auch spannend, weil man sich die Geschichte auf diese Weise erarbeiten muss. Und man taucht voll und ganz in Moras Sprache ein, die ich sehr toll fand. Sie zeichnet Bilder, die mich zum Teil sehr angesprochen haben. Indikator dafür: Mehrmaliges Lesen – Grinsen/Nicken/beides – nochmal lesen – geistige Notiz, sich diesen Ausdruck oder diese Metapher bitte zu merken – (sie schließlich doch wieder vergessen).

Anstrengend, aber gut!

ISBN: 978-3-442-73496-2
430 Seiten
btb
€10,00
 
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Der Kalte Traum – Oliver Bottini

2. September 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Krimi vor dem Hintergrund des Balkankrieges mit seinen undurchschaubaren Fronten – das klingt ja nicht nach locker-leichter Sommerlektüre.

Das ist es zwar in der Tat nicht. Aber dafür eine gelungene Geschichte, die es geschafft hat, mich zu fesseln, zu unterhalten und mir gleichzeitig noch etwas beizubringen. Und diese Kombination muss man erstmal hinkriegen.

Ich gehöre ja leider auch zu den Leuten, die lediglich diffuses Wissen über den Balkankrieg haben: Verschiedene Ethnien und Religionen des ehemaligen Jugoslawien kämpften in den 1990er Jahren an wechselnden Fronten gegeneinander, unterstützt vom Westen. Vor diesem Hintergrund erzählt Bottini die Geschichte von Thomas Ćavar: Als Sohn von kroatischen Eltern in Deutschland aufgewachsen, hatte er bisher mit nationalen Bestrebungen wenig zu tun. Doch dann nehmen die Spannungen in der Heimat immer mehr zu und auch sein Umfeld in Rottweil wird zunehmend radikalisiert. Plötzlich ist es nicht mehr egal, dass seine große Liebe Jelena in Serbien geboren wurde, plötzlich mischen sich die Exilanten in die Belange ihrer Heimat ein und die Stimmung wird auch im Ländle zunehmend angespannter.

Thomas entschließt sich, seinen Teil beizutragen und geht schließlich als Soldat an die Front. Es kommt, wie es kommen muss: Er fällt und wird in einem anonymen Massengrab verscharrt; Jelena zieht fort aus Rottweil und heiratet einen anderen; die Ćavars sind eine trauernde Familie.

Doch irgendwann, 15 Jahre später, scheint diese offizielle Version Risse zu bekommen: Plötzlich streifen Kroaten durch Rottweil und erkundigen sich nach Thomas. Zur gleichen Zeit gibt Richard Ehinger, ein ehemaliger Spitzenpolitiker, seinem Neffen bei der Berliner Polizei den Auftrag, nach dem Schicksal Thomas‘ Ćavars zu forschen – beide kannten sich früher, Ehinger hatte auch beruflich mit dem Balkan zu tun. Zu guter Letzt recherchiert Yvonne Ahrens, eine deutsche Journalistin in Zagreb, zum Jugoslawienkrieg – und wie sich das Puzzle allmählich zusammenfügt, stellt sich die Frage, ob Thomas Cavar damals tatsächlich gefallen ist – oder ob er seinen Tod nur vorgetäuscht hat, weil er in diesem Krieg Dinge gesehen hat, die ihm auch nach so langer Zeit noch gefährlich werden könnten?

Auch ohne meine geliebte Loiuse ist Bottini top – obwohl ich in den letzten Wochen eigentlich mehr als genug ausgelastet war, habe ich gelesen, wann immer ich konnte. Die Geschichte hatte ihren Drive auch hier ohne viel Blut – das Grauen des Krieges ist dafür allzu präsent, das private Schicksal des Einzelnen wird in den Kontext der damaligen politischen Verhältnisse gestellt. Ich ziehe meinen Hut vor der Recherchearbeit, die Bottini hier geleistet hat.

„Der Kalte Traum“ ist eine anspruchsvolle, spannende Geschichte, bei dem man nach der letzten Seite das Gefühl hat, während der Lektüre wahnsinnig viel gelernt zu haben. Und ich finde solche Bücher toll.

ISBN: 978-3832196592
448 Seiten
Dumont
€18,99

Im Auftrag der Väter – Oliver Bottini

6. Januar 2012 § 6 Kommentare

Wie bereits angekündigt, wollte ich nach dem zweiten Bottini den dritten nicht allzu lange warten lassen – deswegen ein dickes Dankeschön an Annina, die mir kurzerhand ein Exemplar zugeschickt hat!

Über ein Jahr ist vergangen seit den letzten Ermittlungen von Louise Bonì, die mir – soviel kann ich ja schonmal verraten – mit jedem Band mehr ans Herz wächst. Trocken ist sie zwar immernoch, jedoch ist noch nicht allzu viel Ruhe in ihr Leben eingekehrt. Ihr Wohnhaus wird umfangreich umgebaut, so dass sie quasi auf einer Baustelle haust und ihre aktuelle Männerbekanntschaft Marcel seinen Rotwein draußen auf dem Gerüst trinken muss.

Und prompt bekommt die Freiburger Kripo einen neuen, sehr seltsamen Fall übertragen: Eine Familie alarmiert die Polizei, weil ein Mann in ihren Garten eingedrungen ist – zunächst macht er nichts außer ins Fenster zu schauen, doch in der Nacht kommt er zurück, dieses Mal bis ins Haus, und stellt Paul Niemann, dem Vater, ein Ultimatum: Dieses Haus gehöre nun ihm, deswegen solle die Familie innerhalb von sieben Tagen verschwunden sein.

Dann ist er wieder weg, und die Polizei steht vor einem Rätsel. Was passiert in sieben Tagen? Ist das hier nur ein Verrückter, der sich die Familie zufällig ausgesucht hat, oder gibt es tatsächlich Berührungspunkte in der Vergangenheit?

Der einzige Anhaltspunkt ist der Akzent des Mannes, der von Paul Niemann als russlanddeutsch beschrieben wird. Niemann arbeitet bei der Stadt Freiburg und hatte beruflich mit Russlanddeutschen zu tun. Hatte er dort mit jemandem Probleme, könnte er jemanden beleidigt haben, der sich nun rächen will? Niemann verneint, zieht sich zurück, schweigt am liebsten und starrt an die Wand. Nicht gerade hilfreich.

Die Spur zu den Russlanddeutschen erweist sich bald als wenig stichhaltig, dafür ergibt sich ein neuer Anhaltspunkt: Paul Niemann war in den 1990er Jahren in München an der Rückführung von Flüchtlingen des Balkankrieges beteiligt – widerwillig zwar, aber Louise glaubt, hier den Schlüssel für die seltsamen Vorkommnisse in der Hand zu halten. Und als dann noch das Haus der Familie Niemann bis auf die Grundmauern abbrennt, ist es klar, dass sie den geheimnisvollen Mann schnell finden müssen, denn offensichtlich hat dieser noch eine Rechnung mit Paul Niemann offen.

Tja, was soll ich sagen? Ich mausere mich zum Bottini-Fan. Ich mag die leicht melancholische Grundstimmung hier – dazu passt natürlich der neblig-trüb-regnerische Freiburger Oktober als Kulisse wunderbar. Die Spannungskurve flacht zwischendurch auch mal wieder ab und ist selten so nervenzerfetzend, dass man unbedingt weiterlesen MUSS – aber ich merke so allmählich, dass ich das gar nicht immer brauche. Es braucht gar nicht immer ständig neue Wendungen, damit mich eine Geschichte fesselt. Umgekehrt heißt das aber auch: Wer gerne ebendiese rasante Spannung bei einem Krimi haben möchte, wird mit diesem Buch und mit Bottini allgemein wohl nicht so recht glücklich werden. Es ist – wie so vieles im Leben – einfach Geschmackssache.

Über den Lokalkolorit schwärmte ich ja bereits – da mein Wegzug aus Freiburg mittlerweile kurz bevor steht, habe ich mir schon vorgenommen, diese Reihe nochmal komplett zu lesen, sobald ich erste Freiburg-Sehnsucht verspüre. Bereits Weggezogene haben mich schon darauf vorbereitet. 😉 Zusätzlich lernt man hier noch einiges über ein Kapitel der europäischen Geschichte, das jedenfalls mir eher in Grundzügen präsent war – was damals auf dem Balkan los war, darüber sollte ich mich vielleicht auch der Allgemeinbildung wegen mal mehr informieren…

Auch hier ist es, wie schon beim Vorgängerband, ratsam, nicht mitten in der Reihe einzusteigen. Man kann zwar der Handlung ohne Weiteres folgen, aber es macht doch mehr Spaß, wenn man die Personen bereits kennt, von denen die Rede ist. Außerdem ist es spannend, die Entwicklung Louises mitzuverfolgen.

Ich denke, es wird klar: Das Lesen hat mir auch hier wieder sehr viel Spaß gemacht, Louise Bonì ist super und ich kann euch auch Band 3 der Reihe wärmstens empfehlen.

ISBN: 978-3596172672
448 Seiten
Fischer Taschenbuch
€8,95

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