Nichts ist verjährt – Horst Bosetzky

18. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7675Im Jahr 2007 werden bei Bauarbeiten auf einem Ostberliner Grundstück die sterblichen Überreste einer Frau gefunden, die dort wohl vor etwa dreißig Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Sofort gerät der Eigentümer des Grundstücks unter Verdacht, der Schriftsteller Bernhard Oybin. Dieser ist alles andere als ein Sympathieträger: Mit dem SED-Regime hatte er sich bestens arrangiert, er galt als ein Vorzeigeschriftsteller des Ostens und genoss entsprechende Vorzüge. Doch er bleibt nicht der einzige Verdächtige, da er regelmäßig das Haus seinen Freunden und Freundesfreunden wahlweise als Partylocation, Rückzugsort und/oder Liebesnest zur Verfügung gestellt hatte.

Also eine Rückblende ins Jahr 1980: Der junge Westberliner René Truckenbrodt begleitet seine Mutter zur Leipziger Buchmesse. Gedacht ist das als Ablenkung, wurde René nicht gerade von seiner Verlobten betrogen. Auf der Messe selbst ist diese jedoch schnell vergessen, als er Tamara begegnet, einer Fotografin aus Ostberlin und, so ist René überzeugt, der Frau seines Lebens. Zunächst führen die beiden eine Fernbeziehung über die Zonengrenze hinweg, doch mit der Zeit wollen beide gemeinsam im Westen leben. Ein erster Fluchtversuch Tamaras über die grüne Grenze schlägt fehl, weswegen ein Plan B her muss. Und der findet sich auch bald – in Gestalt der Studentin Angelika, die Tamara unheimlich ähnlich sieht…

Der Anfang war zugegebenerweise etwas zäh: Die Dialoge fand ich blöd, die Witze albern und die Namen einiger Protagonisten schlicht und einfach beknackt. Darüber hinaus gefällt sich der Autor offenbar als Warner und Mahner vor Feministinnen, Grünen und anderen Gutmenschen, denn Gruppen außerhalb des Konservativ-Bürgerlichen kriegen des Öfteren ihr Fett weg. Das könnte man ja als Darstellung bestimmter Milieus so stehenlassen und mit einem Augenzwinkern sogar ganz lustig rüberbringen, hier war es mir jedenfalls etwas zu unsubtil. Am Anfang war ich also schon mehrmals versucht, das Buch einfach wegzulegen, als es dann endlich etwas besser wurde. Unterm Strich wars doch eine ganz gut zu lesende Geschichte, auch wenn die Auflösung schon relativ früh zu erahnen ist.

ISBN: 978-3-89773-589-7
268 Seiten
Jaron
€9,95

Das Bernsteinamulett – Peter Prange

13. Februar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7650Wenn ich eine solche Familiensaga in die Hand nehme, erwarte ich: 1) Unterhaltung aus dem eher leichteren Fach 2) Großes Drama, viel Schicksal und viele „Auch das noch!“-Momente 3) Große Gefühle und schlechte Liebesszenen. Und hey, dieses Buch hat meine Erwartungen absolut erfüllt und mich wirklich gut unterhalten.

Erzählt wird hier die Geschichte der Familie Reichenbach in der Zeit zwischen 1944 und 1990. Zentrale Figur ist Barbara, die als Tochter aus reichem Hause auf dem Gut Daggelin im Pommerischen aufwächst und mit 19 ihre große Liebe Alexander heiratet. Wenn diese Hochzeit zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort stattgefunden hätte, wären die beiden vielleicht ganz unspektakulär zusammen alt geworden. So geht Alex jedoch wieder zurück an die Front, gerät in sowjetische Gefangenschaft und kommt erst Jahre später wieder zurück. Mit Vorrücken der Russen muss Barbara derweil das Gut aufgeben und sich mit einem kleinen Dienstbotenhäuschen zufriedengeben. Sie verfällt zu allem Überfluss dem überaus exotisch-attraktiven Sowjetmajor Belajew (Bonus: Er ist noch wahnsinnig geheimisvoll!) und wird von ihm schwanger. Doch obwohl ihr Sohn Christian wie eine Kopie seines leiblichen Vaters aussieht, ahnt natürlich der zurückgekehrte Alex später nichts von den Umständen dessen Zeugung.

Alex kehrt also unter falschem Namen zurück in die DDR, er und Barbara bekommen noch zwei weitere Kinder, Werner und Tina. Doch Alex landet aufgrund unglücklicher Umstände im Gefängnis. Nach seiner Entlassung ist das Maß endgültig voll und die Familie plant die Flucht in den Westen. Zunächst reisen, im Sommer 1961, Alex und Tina zu Verwandten nach Essen aus, dann will Barbara mit Christian und Werner nachkommen. Doch dann wird die Mauer gebaut und die Familie ist wieder getrennt…

So, hier jetzt mal ein Cut, es passiert noch mehr als genug. Es gibt natürlich noch weitere Nebenhandlungen, jede Menge Intrigen und die passenden Charaktere dazu (die ehemals überzeugte Nazi-Anhängerin, die sich trotz Vergewaltigung durch Rotarmisten hastdunichtgesehen zu einer durch und durch sozialistischen Funktionärin wandelt; außerdem den ehemaligen SA-Mann, der über die Zwischenstation „Kriegsgewinnler“ schnell Karriere in der Bonner Republik macht und exzellente Ostkontakte pflegt…).

Ich muss sagen: Mir hat dieses Buch wirklich Spaß gemacht. Die Familie Reichenbach ist nun wahnsinnig vom Schicksal gebeutelt, man kann gar nicht anders als mitfiebern – und trotzdem weiß man natürlich, dass am Ende alles gut werden wird.

Also, kurz nochmal überprüfen: 1) Check 2) Check. Definitiv. 3) Öhm ja, auch das ist ein klares check.

Alle Erwartungen erfüllt, Leserin zufrieden.

ISBN: 978-3426621592
511 Seiten
Weltbild Verlag
€9,99

In Zeiten des abnehmenden Lichts – Eugen Ruge

3. August 2012 § 4 Kommentare

Wohl dem, der lesende Verwandtschaft hat: Den letzten Tana French konnte ich mir von der einen, dieses Buch hier von der anderen Tante ausleihen. Aktuell wird „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ja breit besprochen (bzw. wird es seit einigen Monaten), und da reihe ich mich mal ein.

Erzählt wird die Geschichte einer deutschen Familie: Die Urgroßeltern, Charlotte und Wilhelm, gingen während der Nazizeit ins mexikanische Exil: Als überzeugte Kommunisten sahen sie keinen anderen Weg. Nach dem Krieg kehrten sie nach Ostdeutschland zurück, um die DDR mit aufzubauen, und bekamen zwei Söhne: Werner und Kurt. Während Werner, wie man eher andeutungsweise erfährt, irgendwann im sowjetischen Gulag ums Leben kam, hat Kurt das Lager überlebt, später die Russin Irina geheiratet und ist mit ihr in die DDR heimgekehrt. Sie bekommen einen Sohn, Alexander, und auch Irinas Mutter, Nadjeshda Iwanowna, lebt bei der Familie im Haus.

Alexander rebelliert gegen seine Eltern, die noch immer vom Kommunismus überzeugt sind (auch wenn zumindest Irina sich eher damit arrangiert als dass sie das System aktiv unterstützt). Alexander bekommt einen Sohn, der bei seiner Mutter aufwächst – die Eltern leben getrennt und Alexander setzt sich schließlich nicht lange vor dem Mauerfall in den Westen ab.

Soweit der Teil der Geschichte, der in Rückblenden auf wechselnden Zeitebenen erzählt wird. Immer wieder eingestreut die Gegenwartshandlung, die kurz nach dem 11. September 2001 spielt: Alexander, der vor kurzem eine Krebsdiagnose erhalten hat und sich sonst um den dementen Kurt kümmert, reist auf den Spuren seiner Großeltern nach Mexiko. Es wird nicht so recht klar, was er dort finden will und entsprechend konnte ich mit diesen Kapiteln am wenigsten anfangen.

Ein weiterer Bezugspunkt ist der 90. Geburtstag von Wilhelm, der Tag, an dem Alexander in den Westen geht. Was alles an diesem Geburtstag passiert, wird aus wechselnder Perspektive von verschiedenen Protagonisten erzählt. Gerade diese Technik hat mir sehr, sehr gut gefallen. Hat man sich nach einem Kapitel bereits seine Urteile über die Handelnden zurechtgelegt, werden sie bald darauf wieder erschüttert, weil die selben Geschehnisse sich aus einer anderen Perspektive wieder unterschiedlich darstellen.

Hier geht es zu wie wohl in sehr vielen Familien: Jahre- oder jahrzehntelang schwelende Konflikte, Missverständnisse und unterschiedliche politische Einstellung prägen dem Umgang miteinander. Ruge hat ein Händchen fürs Erzählen, ihm gelingt eine durchaus lustige Geschichte mit guten Charakterisierungen aller Personen darin. Meine Tante meinte, sie hätte es gar nicht mehr aus der Hand legen können – das war bei mir nicht durchgehend so, es ist aber halt auch nicht die klassische Spannungslektüre. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, es ist trotzdem ein sehr lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3498057862
432 Seiten
Rowohlt
€19,95

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