Die Korrekturen – Jonathan Franzen

30. Dezember 2014 § 7 Kommentare

IMG_7950Das Statement, das ich am häufigsten gehört habe, während ich „Die Korrekturen“ gelesen habe? „Ach ja, das hab ich auch mal angefangen. Bin aber nicht weit gekommen, ich fands zu langatmig/langweilig/doof!“. Haha, ja, an dem Punkt war ich auch einige Male. Wenn die Protagonisten mal wieder überhaupt nicht klarkamen und sich ad nauseam mit irgendwelchen Scheißproblemen (durchaus auch mal im Wortsinne) beschäftigt haben. Und dann habe ich mich doch weiter durchgebissen (warum auch immer) und habe dann ein paar Seiten später wieder herzhaft gelacht und das Lesen genossen. Und ich bin immer noch nicht wirklich dahintergestiegen, was genau an diesem Buch diese etwas extremen Reaktionen in mir ausgelöst hat.

Bei den „Korrekturen“ geht es um Familie Lambert aus dem Mittleren Westen der USA. Enid und Alfred haben drei erwachsene Kinder, Gary, Chip und Denise, und genug eigene Probleme: Alfred ist auf dem Weg in die Demenz und zusätzlich durch Parkinson und weitere Gebrechen gehandicapt. Enid ist eigentlich die Optimistische und Unternehmenslustigere, sie ordnet sich aber dem zunehmend starrsinnigen Alfred unter.

Und auch bei den Kindern täuscht die Fassade gewaltig: Gary ist zwar beruflich erfolgreich, hat eine schöne Frau und drei gesunde Kinder, schrammt aber regelmäßig knapp an einer Depression vorbei. Chip, der Mittlere, arbeitet mitnichten beim „Wall Street Journal“, wie Enid gerne erzählt, sondern bei irgendeinem drittklassigen Käseblatt, das halt nur einen ähnlichen Namen hat. Das aber erst, nachdem er wegen einer Affäre mit einer Studentin seinen vielversprechenden Dozentenjob an einer Uni verloren hatte. Und zum Schluss landet er in Litauen, wo er einem (Ex-)Politiker bei, ich sag mal, dubiosen „Internet-Aktivitäten“ behilflich ist. Und Denise, die Starköchin? Sie ist tatsächlich gefeiert in ihrem Job, hatte einen Kollegen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant geführt. Dann kam die Scheidung und ein neuer Job, bei dem sie jedoch gefeuert wurde, weil sie mit der Frau ihres Chefs eine Affäre angefangen hat.

Und in diesem ganzen Durcheinander will Enid eigentlich nur noch eines: Ein letztes Mal Weihnachten feiern, gemeinsam mit der ganzen Familie, mit Kindern und Enkeln.

Ja, also, wie gesagt. Dieses Buch hat in mir sehr zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich gebe zu: Am Schluss wars erst einmal die Freude, es endlich geschafft zu haben. Doch irgendwie bin ich ja doch immer bei der Stange geblieben, über alle Längen und sinnentleerten Dialoge hinweg. Das mag daran gelegen haben, dass da dann doch so ein Sprachwitz durchblitzte, den ich mochte, und dass hinter alldem das Wissen stand, dass man die Schilderung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie um die Jahrtausendwende vor sich hat, die nicht allzu weit hergeholt zu sein scheint.
Ob man dieses Buch jetzt allerdings unbedingt gelesen haben muss – ich weiß es nicht. Franzen macht es einem recht schwer, dabei zu bleiben, vor allem durch die tatsächlich sehr langatmigen Schilderungen und die samt und sonders unsympathischen Charaktere. Verlorene Lebenszeit wars nicht, aber wirklich was gewonnen hab ich dabei auch nicht.

Advertisements

Deutschlandreise – Roger Willemsen

27. Oktober 2014 § 2 Kommentare

IMG_7940Gelegentlich mache mich während des Lesens Notizen zum Buch bei Goodreads. Die zu „Deutschlandreise“ sagen letztlich schon alles:

– Erstmal wieder beiseite gelegt – auf den ersten Seiten nur einsame, ältere Menschen. Grade keine Lust drauf. (Januar 2013)
– Neuer Versuch. (Oktober 2014)
– Dieses Deutschland muss ja verdammt deprimierend sein… (Status etwa bei der Hälfte)

Willemsen reist also quer durchs Land, ein paar Jahre/kurz nach der Jahrtausendwende und schreibt auf, was er so beobachtet. Zuerst ist diese leichte Melancholie, das Beschreiben kleiner Schwächen und Sonderlichkeiten, komischer Gestalten und eigenartiger Orte noch zumindest ein bisschen charmant, es begann mich aber bald brutal zu nerven. Mir fehlte die Leichtigkeit, der Humor, der Optimismus, einfach die guten, netten, schönen Seiten. Stattdessen: Abgehängte Menschen und abgewrackte Hotels und Orte, die man eigentlich als viel schöner und einladender im Erinnerung hat, als Willemsen sie hier beschreibt (Und ja, eigentlich ist es echt witzig, wenn er Orte beschreibt, die man selbst gut kennt. Eigentlich.).

Zwischendurch blitzt schon ein bisschen Humor und Sprachwitz auf, man findet gelungene Formulierungen und denkt sich zum Schluss doch wieder: „Ey, in diesem Deutschland willste auch nicht tot überm Zaun hängen!“.

Tiger, Tiger – Margaux Fragoso

18. August 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Das hier war in jeglicher Hinsicht ein ziemlich dicker Brocken. Nicht nur im Hinblick auf die Thematik, sondern auch in Bezug auf Handlung und Charaktere war hier wenig sommerlich leicht und luftig, sondern ziemlich heftig und trostlos. Aber kein Wunder: Das Thema dieses (autobiografischen) Romans ist Pädophilie (Als Hinweis für alle, die bei diesem Thema sensibel sind: Auf einzelne Aspekte davon gehe ich in meiner Rezension auch ein).

Als sich Margaux und Peter kennenlernen, ist sie 7 und er über 50. Zunächst scheint es so, als fände Margaux bei Peter, dessen Lebensgefährtin Inés und seinen beiden älteren Söhnen eine Art Ersatzfamilie – Margaux‘ eigene Eltern können ihr nicht allzu viel Liebe und Rückhalt geben, da ihre Mutter psyschich krank ist und ihr Vater seine eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit vor allem an seiner Tochter auslässt. Liebevolle Momente gibt es selten. Bei Peter jedoch ist sie immer willkommen, er hat einen schönen Garten und viele exotische Tiere, auch wenn das Haus an sich etwas heruntergekommen ist.

Zunehmend fordert Peter als Zeichen der Verbundenheit Dinge ein, für die Margaux eigentlich noch viel zu jung ist: Sie soll sich in aufreizender Pose fotografieren lassen, sie soll sich von Peter anfassen lassen und soll auf seine zunehmend sexuellen Anspielungen eingehen. In der Folge manipuliert Peter Margaux mehr und mehr, so dass sie schließlich vollkommen fixiert ist auf ihn, ihren einzigen richtigen Freund.

Margaux‘ Eltern schöpfen zwar Verdacht, und vor allem ihre Vater versucht, sie von Peter fernzuhalten, aber Margaux selbst wehrt sich dagegen und verlangt, Peter sehen zu dürfen. Sie ist gefangen in einer Hassliebe zu Peter: Sie will diese Spielchen gar nicht mitmachen, sie hasst Peter dafür, dass er sie dazu zwingt und dermaßen manipuliert, sie kämpft um eine eigene Identität, sie beginnt, sich für gleichaltrige Jungs zu interessieren – und gleichzeitig kann sie selbst nicht von dieser Beziehung lassen…

Also, ja. Das ist alles sehr unschön. Ich fand das Buch sehr heftig, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen. Ich fand hier eigentlich keinen positiven Charakter. Vor allem die männlichen Protagonisten sind alle manipulativ, unsicher, weinerlich und fügen den Frauen in ihren Leben Schaden zu. Aber auf der anderen Seite muss man dem Buch auch lassen, dass Peter nie als das Monster dargestellt wird, als das die Gesellschaft einen Pädophilen gerne sehen möchte. Fragoso schafft den Spagat, ihn irgendwie als Menschen und als arme Sau darzustellen, aber gleichzeitig seine Taten nicht zu verharmlosen oder so zu tun, als sei das alles gar nicht seine Schuld, er könne ja nicht anders.

Margaux (und letztlich auch ihre Mutter) hatten irgendwie nie eine richtige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Es gibt in diesem Buch keine „gesunde“ Beziehung, selbst die Nebenfiguren sind immer in irgendeine Geschichte involviert, die ihnen nicht gut tut, wo einer der Partner (oder beide sich gegenseitig) den anderen einschränkt und verletzt.

Nichts für nebenher, nichts für jeden, aber mit diesen Einschränkungen eigentlich schon ein lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3453356856
464 Seiten
Originaltitel: Tiger, tiger: A memoir
Diana Verlag
€9,99

Öland – Johan Theorin

22. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7431Jetzt habe ich mich endlich mal an diese vielgelobte Reihe gemacht und muss sagen: Ich war ein kleines bisschen enttäuscht. Aber von Anfang an:

Wir lernen Julia kennen, deren Sohn Jens als kleiner Junge in den 1970ern spurlos verschwunden ist. Julia hat diesen Verlust nie so richtig verwunden, ist depressiv und schon länger krankgeschrieben.

Jens verschwand während eines Aufenthalts bei Julias Eltern auf Öland. Sie selbst war nur kurz unterwegs, ihre Eltern waren beschäftigt, als Jens auf eigene Faust das Haus verlassen hatte und von da an von keinem mehr gesehen wurde. Suchaktionen am Strand – es wurde angenommen, dass Jens ertrunken ist, dass es ein Unfall war – wurden bald ergebnislos eingestellt.

Nun, zwanzig Jahre später, bekommt Julias Vater Gerolf einen alten Kinderschuh zugeschickt, der von Jens gewesen sein könnte. Nachdem Gerolf sie angerufen hat, reist Julia sofort nach Öland und die beiden beginnen, Nachforschungen anzustellen und Leute zu befragen, die damals auch von dem Fall gehört hatten.

Und da gibt es auch die Gerüchte: Jens sei von Nils Kant getötet worden – Nils Kant, der Unruhestifter und Sündenbock der Insel, der tatsächlich einige Todesfälle auf dem Gewissen hatte, dann aber nach Südamerika flüchtete und in den 60ern heimkehrte – im Sarg. Er ist auf Öland bestattet und wird wohl kaum zehn Jahre später wieder auferstanden sein, um Jens umzubringen… oder war sein Tod wirklich nur fingiert, wie einige auf der Insel behaupten?

Als dann Gerolfs Freund Ernst ums Leben kommt, der ebenfalls Nachforschungen in dieser Sache angestellt hatte, merken Julia und Gerolf, dass sie wohl an Dingen rühren, die manche Leute lieber geheim halten würden.

Die Handlung klingt ja wirklich sehr gut, oder? Es ist nun leider so, dass vor allem der Einstieg sehr zäh war. Ich konnte mich mit Julia nicht anfreunden, fand sie nervig und verbittert, die Geschichte nahm kein Tempo auf und sowieso. Dann wurde es etwas spannender, die Figuren entwickelten sich (vor allem Julia machte eine Entwicklung zum Besseren durch, was mir gut gefallen hat) und die Geschichte wurde zunehmend verwickelter und dadurch interessanter. Leider fand ich das Ende (also die Auflösung auf den letzten Seiten) ziemlich doof und habe das Buch deswegen auch mit einiger Enttäuschung zugeklappt. Wenigstens muss man Theorin zugute halten, dass ihm hier nochmal eine ziemlich überraschende Wendung gelungen ist. Aber ein fahler Nachgeschmack bleibt trotzdem.

ISBN: 978-3492253680
448 Seiten
Originaltitel: Skumtimmen
Piper Taschenbuch
€9,99

1984 – George Orwell

6. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Naja, es ist ja in der aktuellen politischen Großwetterlage fast schon phantasielos, Orwell zu rezensieren. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dieses Buch schon zum bestimmt vierten Mal gelesen habe und es auch alle paar Jahre mal wieder zur Hand nehme – es gehört definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Meine Ausgabe ist noch aus dem elterlichen Regal gemopst und mein Vater hatte damals einen Artikel über das Buch aus der ZEIT von 1983 zwischen die Seiten gelegt. Dient mir jedes Mal als Lesezeichen.

Die Geschichte dürfte im Groben bekannt sein: Die Welt im Jahr 1984 ist in drei Machtblöcke aufgeteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Auf dem Luftflottenstützpunkt Nr. 1 (heute wie eh und je als „London“ bekannt) lebt Winston Smith in einem heruntergekommenen Wohnblock; sein Job besteht darin, alle möglichen Dokumente und Veröffentlichungen der jeweils neuen Version der Geschichte anzupassen. Die Vergangenheit, so lernen wir, ist vollkommen veränderbar. Die herrschende Partei verfährt damit nach Gutdünken, verändert Zahlen und Behauptungen und lässt Personen, die in Ungnade gefallen sind, komplett aus der Geschichte tilgen. Das nennt sich dann „Vaporisierung“: Die vollständige Auslöschung von unliebsamen Personen, so als hätten sie nie existiert.

Die Welt des Jahres 1984 ist, und so wurde dieses Jahr bereits zu Metapher, geprägt von totaler Überwachung. Zum einen durch technische „Errungenschaften“ wie den Televisoren, die sowohl Empfangs- als auch Überwachungsgeräte sind, zum anderen durch die Gedankenpolizei, die überall und nirgends ist. Keinem kann man mehr vertrauen, jeder könnte der Geheimpolizei angehören und sogar Kinder verraten ihre Eltern – einfach so, wenn es sein muss. Freundschaften, Liebesbeziehungen und Sexualität sollen ausgemerzt werden, es zählt einzig und alleine, dass man sein Leben, seine ganze Freizeit und seine Emotionen der Partei widmet.

Durch Neusprech sollen schließlich sogar die Gedanken der Menschen in genehme Bahnen gelenkt werden: Indem „schlechte“ Begriffe eliminiert werden, sollen Gedankenverbrechen (das bloße Nachdenken über Abweichendes) unmöglich gemacht werden – denn wie soll man Dinge denken oder tun können, für die man gar keine Begriffe hat?

Über all diesem schwebt der Große Bruder, von dem man eigentlich gar nicht so recht weiß, ob er wirklich existiert. Der Große Bruder ist für alles Gute verantwortlich und wird nicht ohne Grund als ein Stalin-Lookalike beschrieben. Bedingungslose Liebe zum Großen Bruder, grenzenloser Hass gegenüber seinen Gegnern, diese Devise gilt für die Bewohner Ozeaniens.

Winston ist davon eher weniger überzeugt. Er macht seinen Job und lässt sich bei den endlosen, öden Parteiveranstaltungen nach Feierabend blicken, aber er begibt sich auf Abwege – zunächst gedanklich, dann auch durch kleine rebellische Taten. Eines Tages fällt ihm eine Kollegin auf: Eine junge Frau, die immer ganz vorne dabeisein zu scheint, wenn es um Parteianliegen geht und die bei allem die Eifrigste ist. Winston hasst ihre Hinhabe und ihre offensichtliche Systemtreue, er ist überzeugt, dass sie Mitglied der Gedankenpolizei ist. Doch eines Tages gesteht sie ihm ihre Liebe, die beiden werden ein Paar und Winston bemerkt, dass Julia nur so konform tut. Für Julia ist ihre Anpassung der beste Schutz: Wer immer an vorderster Front überall mitmacht, der würde nicht so schnell verdächtig.

Zunächst geht es den beiden nur darum, sichere ( = unbeobachtete) Plätzchen für ihre Schäferstündchen zu finden. Doch allmählich bewegen sie sich ernsthafter Richtung Widerstand und nehmen schließlich Kontakt auf zu ihrem gemeinsamen Kollegen O’Brien, der irgendetwas zu wissen scheint. Gehört er vielleicht dieser geheimnisvollen Bruderschaft an, die gegen den Großen Bruder arbeiten soll und die immer das Ziel der großen Hasstiraden ist? Zuerst scheint es ganz danach auszusehen, doch wie das eben so ist im Jahr 1984: Man kann niemandem vertrauen.

Wie schon gesagt, dieses Buch gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Das, obwohl es gleichzeitig eines der düstersten, deprimierendsten und hoffnungslosesten Bücher ist, die ich kenne. Darüber hinaus hat es allerdings eine Message, die zwar wahnsinnig überstrapaziert (und oft auch nur aus dem Hörensagen zitiert wird), trotzdem aber sehr, sehr wichtig ist.

Natürlich ist 1984 als Warnung vor dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts geschrieben worden. Die Anspielungen auf Praktiken des Nationalsozialismus und des Stalinismus sind zu deutlich. Aber gleichzeitig nimmt Orwell die technologischen Entwicklungen ein stückweit vorweg, so dass diese Geschichte dem einen oder anderen auf gruselige Weise sehr hellsichtig scheinen dürfte.

Ob man Orwell jetzt immer und ständig zitieren muss, wenn man über die NSA, ACTA, die Unionsparteien oder allgemeines Datenkrakentum redet, sei dahingestellt. Ich finde, man darf ihn in diesen Debatten gerne wieder sparsamer einsetzen und muss nicht immer die „Große Bruder“-Keule schwingen. Denn eigentlich ist sein „1984“ immer noch ein starkes Plädoyer gegen staatliche Überwachung, gegen Gleichschaltung und gegen den Totalitarismus in seiner grausamsten Form.

ISBN: 978-3548234106
384 Seiten
Originaltitel: Nineteen Eighty-four
Ullstein Taschenbuch
€9,95

Das falsche Haus – Michael Krüger

7. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6890Auch dieses Buch hier stammt noch aus den Regalen meiner Tante. Und leider konnte es mich nicht wirklich überzeugen.

Der Protagonist und Ich-Erzähler, der seinen Namen nicht nennt, ist eigentlich nur für einen Kongress nach Hamburg gereist. Als er so durch die Stadt spaziert, trifft ihn in einer eher vornehmeren Wohngegend ein schmutziger Fußball, gekickt von einem Jungen aus einem Garten. Dessen Mutter sieht das Malheur und bietet dem Erzähler an, ihm ein frisches Hemd zu leihen. Dieser nimmt an und findet sich bald in einer zunehmend eigenartigen Situation wieder. Er könne doch auch noch duschen, meint die Frau, und legt ihm dafür neben dem Hemd noch ein komplettes Set an frischer Kleidung bereit. Er bekommt noch etwas zu Essen angeboten, gefolgt von der Bitte, vielleicht noch kurz Babysitter zu spielen, während sie unterwegs ist. Sie sei jedoch gegen Mitternacht zurück, dann könne er wieder gehen.

Er willigt ein, um bald darauf mit weiteren Eigenarten konfrontiert zu werden: Einem Mann, der wie wild gegen die Terrassentür hämmert, dem Sohn der Frau, der es schon als gegeben ansieht, dass der Erzähler der neue Freund der Frau sei und hier einziehen werde und schließlich die Frau selbst, die viel später als angekündigt zurückkehrt und immer wieder neue Gründe erfindet, wieso der Erzähler doch noch bleiben solle.

Die Leserin erfährt die ebenfalls eigenartige Familiengeschichte und bekommt eine Ahnung, dass hier mehr als nur ein bisschen schief läuft. Gleichzeitig fand ich es schwer, mich irgendwie von dieser Geschichte besonders berühren zu lassen. Mich nervte die Weinerlichkeit des Erzählers, der irgendwie aus diesem Haus wegmöchte, aber doch aus fadenscheinigen Gründen bleibt, ich kam nicht wirklich an die Charaktere heran und alles in allem war mir unklar, was mir diese Geschichte sagen sollte. Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass noch etwas passierte, weil die Story irgendwie darauf hinläuft, aber als es dann passierte, ließ es mich auch wieder kalt. Naja.

ISBN:  978-3518413494
175 Seiten
Suhrkamp
€8,95

Zweier ohne – Dirk Kurbjuweit

10. März 2013 § 4 Kommentare

Meine These war ja: Die eher schlechten Bewertungen zu diesem Buch sind wohl der Tatsache geschuldet, dass es zumindest in einigen Bundesländern Schullektüre ist… oder? Mal sehen…

In diesem recht schmalen Büchlein geht es um zwei Freunde: Johann und Ludwig lernen sich kennen, als Ludwig neu in die Klasse kommt. Dort scheint es dazuzugehören, möglichst viele Telefonnummern zu sammeln, an denen sich dann die Beliebtheit messen lässt. Ludwig sammelt fleißig, ruft aber schließlich Johann – den Ich-Erzähler – an. Sie tasten sich erstmal etwas aneinander heran, werden dann jedoch beste Freunde und unternehmen viel gemeinsam. Letztlich werden sie unzertrennlich – eine Entwicklung, die vor allem von Ludwig ausgeht. Ludwig möchte, dass Johann sein Zwillingsbruder wird. Er will eins werden mit ihm, immer die gleichen Erfahrungen machen und immer das gleiche wollen. Die genauen Gründe für diesen Wunsch bleiben jedoch unklar.

Bei ihrem gemeinsamen Sport, dem Rudern, ist dieses Aufeinandereinstimmen sehr nützlich, die beiden werden aufgrund ihrer Eingespieltheit wirklich gut und gewinnen einige Rennen. Doch das genügt Ludwig nicht, er möchte, dass Johann und er eine Person werden, nicht mehr zu unterscheiden, gleich in jeder Hinsicht. Als schließlich Mädchen und Sex interessant werden, gibt es für die beiden nur eine Lösung, ihre Erfahrungen zu machen: Ludwig bringt eines Tages ein Mädchen mit, Josefina, die einen eindeutigen Ruf an der Schule genießt. Ohne es genau auszusprechen, wissen beide, was zu tun ist: Zunächst geht Ludwig mit ihr auf sein Zimmer, um mit ihr zu schlafen, danach ist Johann dran. (Ja, das ist Schullektüre! Wie schön es ist, in aufgeklärten Zeiten zu leben! 😉 )

Doch als Johann etwas später eine Affäre mit Ludwigs Schwester Vera beginnt, ist ihm auch bewusst: Damit kündigt er den Pakt mit Ludwig auf. Er tut es in aller Heimlichkeit, natürlich, und beobachtet, wie Ludwig gleichzeitig immer extremer in seinem Verhalten wird. Er neigt zu immer gefährlicheren Aktionen, fängt schließlich vor einem wichtigen Wettkampf an, unkontrolliert zu essen, obwohl sie ein gewisses Maximalgewicht nicht überschreiten dürfen. Fast schon klar ist, dass Johann als Ausgleich streng fastet und sie schließlich gerade so unter der Gewichtsgrenze bleiben.

Ein immer wiederkehrendes Element in diesem Buch ist die Autobahnbrücke, die das Tal überquert, in dem der Wohnort der beiden liegt. Die Jungs klettern von Anfang an oft die Böschung hinauf, um den Autos zuzuschauen, später wird die Brücke Schauplatz von Ludwigs immer wagemutigeren Aktionen, zu denen er Johann wiederholt anstiften kann. Später wird eine Schulkameradin entführt und in einem der Brückenpfeiler in einem kleinen Verlies gefangen gehalten, bis ihre Eltern das Lösegeld zahlen. Und da sind noch die Selbstmörder, die von der Brücke springen und mehr als einmal im Garten von Ludwigs Familie landen. Am Anfang, als ein junges Mädchen dort liegt, wird noch die Polizei gerufen, die Leiche wird abgeholt. Dann springt eines Nachts ein Mann, und hier sitzen Ludwig und Johann die ganze Nacht bei der Leiche und denken sich die Lebensgeschichte des Mannes aus. Sie verstecken die Leiche und erzählen niemandem davon.

Ich glaube, es wird deutlich, dass diese Geschichte nicht auf ein gutes Ende zusteuern kann. Insofern ist das, was kommt, nicht überraschend und nur konsequent. Was ich sonst von dem Ganzen halten soll? Ich bin wirklich etwas ratlos. Zum einen kann man hier durchaus über die Gefahren von ungleichen und manipulierenden Freundschaften oder Beziehungen diskutieren. Man kann die Beziehung (Freundschaft will ich es gar nicht nennen) zwischen Ludwig und Johann als Extrembeispiel sehen. Johann gibt mehr als einmal seine Gedanken als die von Ludwig aus und umgekehrt, handelt in vorauseilendem Gehorsam, tut alles, um den Prozess des Eins-Werdens nicht zu gefährden, distanziert sich aber durch die Beziehung zu Vera auch wieder ein stückweit davon oder treibt ihn zumindest nicht ganz auf die Spitze.

Auf der anderen Seite durchzieht dieses Buch eine sehr niedergedrückte Stimmung. Selbst wenn die beiden Protagonisten eine gute Zeit haben, das Dunkle lauert immer schon im Hintergrund. Für mich war es irgendwie immer diese Brücke, die so bedrohlich wirkte, die alles überragt, in deren Schatten alles stattfindet und von der aus immer diese Selbstmörder in den Garten springen. Letzteres ist ja fast schon absurd, zumal in der Szene, als Johann und Vera zusammen unter der Brücke im Gras liegen und sich Johann überlegt, wie gefährlich das doch ist, ein Selbstmörder könnte ja direkt auf sie drauffallen.

Mich hat dieses Buch sehr zwiegespalten zurückgelassen. Wie gesagt, die Themen, die man damit ansprechen kann, sind durchaus wichtige und interessante. In seiner Gesamtheit ist die Geschichte aber ziemlich depri und irgendwie… ja, was eigentlich? Trostlos trifft es vielleicht am ehesten. Ein sehr eigenartiges Buch.

ISBN: 978-3462040265
144 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
€6,99

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie depri auf Besser lesen.

%d Bloggern gefällt das: