Fegefeuer – Sofi Oksanen

24. September 2012 § 3 Kommentare

Wir schreiben das Jahr 1992, also die Wendezeit im Ostblock. Aliide, eine alte Frau, lebt alleine auf ihrem Hof in West-Estland, als sie eines Tages eine junge Frau halb bewusstlos in ihrem Garten findet. Sie kann ihr nur mühsam Informationen entlocken: Zara heißt sie und ist vor ihrem Mann weggelaufen. Sie scheint große Angst vor ihm zu haben. Aliide wundert sich über die westliche Kleidung des Mädchens, über ihren seltsamen Akzent, sie ist misstrauisch und nimmt Zara eher zögerlich auf.

Zara dagegen hat ein schlimmes Schicksal hinter sich: Mit falschen Versprechungen wurde sie, wie viele Mädchen, aus ihrer Heimatstadt Wladiwostok nach Deutschland gelockt, wo sie zur Prostitution gezwungen wurde, ehe sie endlich fliehen konnte. Sie ist nicht zufällig auf Aliides Hof gekommen: Sie vermutet, dass Aliide die Schwester ihrer Großmutter ist. Und irgendwas scheint zwischen den Geschwistern vorgefallen zu sein, denn Kontakt bestand schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und in Rückblenden erfahren wir auch, warum:

Als Aliide eines Sonntags nach der Kirche Hans das erste Mal sah, war es für sie Liebe auf den ersten Blick. Doch Hans hatte nur Augen für ihre hübsche, kluge Schwester Ingel, der sowieso schon immer alles gelang. Und so heiraten sie und bekommen eine Tochter, Linda. Die unverheiratete Aliide muss weiterhin bei dem Paar im Haus wohnen – für sie die reinste Qual, den immer wünscht sie sich Aufmerksamkeit oder einen kurzen Blick für Hans; der aber spart seine Blicke für Ingel auf. Doch als für Hans, den estnischen Nationalisten, während der sowjetischen Okkupation gefährlicher wird, sieht Aliide die Gelegenheit, ihm zu helfen und ihn möglicherweise doch noch für sich zu gewinnen.

Damit wäre der Grundstein für die fatalen Wendungen dieser Geschichte bereits gelegt. Und in den politischen Wirren der 1930er und 1940er Jahre sind einige wenige unbedachte Worte oder wissentlich falsche Denunziationen Grund genug, einen Menschen für Jahre nach Sibirien zu schicken.

Dabei bleibt lange in der Schwebe, was genau passiert ist. Erst gegen Ende kann man sich zusammenreimen, was Aliide tatsächlich getan hat. Doch eigentlich geht es in dem Buch um mehr: Um die Hilflosigkeit der Einzelnen gegenüber staatlicher Gewalt. Um Hass und Schuld. Und darum, wie schwer es manchmal sein kann, das richtige Urteil zu fällen und immer den richtigen Weg einzuschlagen.

Ich tat mir schwer, Aliide tatsächlich für ihre Taten zu verurteilen oder zu hassen. Irgendwie tat sie mir eher ein wenig Leid: Sie, die immer wieder zu kurz kommt und es nicht schafft, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ich bin mir aber bewusst, dass sie selbst auch Schuld auf sich geladen hat; sie hätte die Möglichkeit gehabt, einigermaßen integer zu bleiben. Insofern hat sie ihre Wahl getroffen und muss mit ihrer Schuld leben.

Neben dieser sehr spannenden Geschichte muss man unbedingt die tolle Sprache Oksanens erwähnen. Die Bilder, die sie findet, haben mir wirklich gut gefallen, so dass ich mir fest vorgenommen habe, mehr von ihr zu lesen. „Fegefeuer“ ist schonmal ein sehr empfehlenswertes Buch.

ISBN: 978-3442742127
400 Seiten
Originaltitel: Puhdistus
btb
€9,90
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Baltische Begegnungen – Uwe Rada/Inka Schwand

22. April 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Zum Abschied bei meiner Praktikumsstelle in Riga habe ich dieses Buch als Andenken bekommen – komplett mit Widmung und den Unterschriften von allen.

Um was gehts? Es geht natürlich ums Baltikum – die Autoren sind per Rad, Bahn und Bus durch Estland, Lettland und Litauen gereist und fassen ihre Erlebnisse in diesem Band zusammen. Dabei wird mal die schöne Landschaft beschrieben, mal geht es um gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklungen in einzelnen Regionen oder um die wechselvolle Geschichte der drei Länder.

Fazit: Ob man nun schonmal dort war oder (noch einmal) hinwill, das Büchlein hier ist eine schöne Anregung und eine Erinnerungshilfe zugleich. Ob man jetzt nur etwas über lohnenswerte Reiseziele abseits der großen Touristenströme erfahren will oder lieber über die geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe, kann man sich aussuchen – es gibt zu jedem Thema etwas, und durch die Einteilung in kurze Kapitel kann man auch nur gezielt zu einem Land lesen. Wie ich fand, eine sehr schöne Erinnerung an meine Zeit in Riga, bei der ich gleichzeitig auch noch Einiges dazulernen konnte.

ISBN: 978-3861246206

144 Seiten

be.bra Verlag

€16,90

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