Die Korrekturen – Jonathan Franzen

30. Dezember 2014 § 7 Kommentare

IMG_7950Das Statement, das ich am häufigsten gehört habe, während ich „Die Korrekturen“ gelesen habe? „Ach ja, das hab ich auch mal angefangen. Bin aber nicht weit gekommen, ich fands zu langatmig/langweilig/doof!“. Haha, ja, an dem Punkt war ich auch einige Male. Wenn die Protagonisten mal wieder überhaupt nicht klarkamen und sich ad nauseam mit irgendwelchen Scheißproblemen (durchaus auch mal im Wortsinne) beschäftigt haben. Und dann habe ich mich doch weiter durchgebissen (warum auch immer) und habe dann ein paar Seiten später wieder herzhaft gelacht und das Lesen genossen. Und ich bin immer noch nicht wirklich dahintergestiegen, was genau an diesem Buch diese etwas extremen Reaktionen in mir ausgelöst hat.

Bei den „Korrekturen“ geht es um Familie Lambert aus dem Mittleren Westen der USA. Enid und Alfred haben drei erwachsene Kinder, Gary, Chip und Denise, und genug eigene Probleme: Alfred ist auf dem Weg in die Demenz und zusätzlich durch Parkinson und weitere Gebrechen gehandicapt. Enid ist eigentlich die Optimistische und Unternehmenslustigere, sie ordnet sich aber dem zunehmend starrsinnigen Alfred unter.

Und auch bei den Kindern täuscht die Fassade gewaltig: Gary ist zwar beruflich erfolgreich, hat eine schöne Frau und drei gesunde Kinder, schrammt aber regelmäßig knapp an einer Depression vorbei. Chip, der Mittlere, arbeitet mitnichten beim „Wall Street Journal“, wie Enid gerne erzählt, sondern bei irgendeinem drittklassigen Käseblatt, das halt nur einen ähnlichen Namen hat. Das aber erst, nachdem er wegen einer Affäre mit einer Studentin seinen vielversprechenden Dozentenjob an einer Uni verloren hatte. Und zum Schluss landet er in Litauen, wo er einem (Ex-)Politiker bei, ich sag mal, dubiosen „Internet-Aktivitäten“ behilflich ist. Und Denise, die Starköchin? Sie ist tatsächlich gefeiert in ihrem Job, hatte einen Kollegen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant geführt. Dann kam die Scheidung und ein neuer Job, bei dem sie jedoch gefeuert wurde, weil sie mit der Frau ihres Chefs eine Affäre angefangen hat.

Und in diesem ganzen Durcheinander will Enid eigentlich nur noch eines: Ein letztes Mal Weihnachten feiern, gemeinsam mit der ganzen Familie, mit Kindern und Enkeln.

Ja, also, wie gesagt. Dieses Buch hat in mir sehr zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich gebe zu: Am Schluss wars erst einmal die Freude, es endlich geschafft zu haben. Doch irgendwie bin ich ja doch immer bei der Stange geblieben, über alle Längen und sinnentleerten Dialoge hinweg. Das mag daran gelegen haben, dass da dann doch so ein Sprachwitz durchblitzte, den ich mochte, und dass hinter alldem das Wissen stand, dass man die Schilderung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie um die Jahrtausendwende vor sich hat, die nicht allzu weit hergeholt zu sein scheint.
Ob man dieses Buch jetzt allerdings unbedingt gelesen haben muss – ich weiß es nicht. Franzen macht es einem recht schwer, dabei zu bleiben, vor allem durch die tatsächlich sehr langatmigen Schilderungen und die samt und sonders unsympathischen Charaktere. Verlorene Lebenszeit wars nicht, aber wirklich was gewonnen hab ich dabei auch nicht.

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Das Bernsteinamulett – Peter Prange

13. Februar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7650Wenn ich eine solche Familiensaga in die Hand nehme, erwarte ich: 1) Unterhaltung aus dem eher leichteren Fach 2) Großes Drama, viel Schicksal und viele „Auch das noch!“-Momente 3) Große Gefühle und schlechte Liebesszenen. Und hey, dieses Buch hat meine Erwartungen absolut erfüllt und mich wirklich gut unterhalten.

Erzählt wird hier die Geschichte der Familie Reichenbach in der Zeit zwischen 1944 und 1990. Zentrale Figur ist Barbara, die als Tochter aus reichem Hause auf dem Gut Daggelin im Pommerischen aufwächst und mit 19 ihre große Liebe Alexander heiratet. Wenn diese Hochzeit zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort stattgefunden hätte, wären die beiden vielleicht ganz unspektakulär zusammen alt geworden. So geht Alex jedoch wieder zurück an die Front, gerät in sowjetische Gefangenschaft und kommt erst Jahre später wieder zurück. Mit Vorrücken der Russen muss Barbara derweil das Gut aufgeben und sich mit einem kleinen Dienstbotenhäuschen zufriedengeben. Sie verfällt zu allem Überfluss dem überaus exotisch-attraktiven Sowjetmajor Belajew (Bonus: Er ist noch wahnsinnig geheimisvoll!) und wird von ihm schwanger. Doch obwohl ihr Sohn Christian wie eine Kopie seines leiblichen Vaters aussieht, ahnt natürlich der zurückgekehrte Alex später nichts von den Umständen dessen Zeugung.

Alex kehrt also unter falschem Namen zurück in die DDR, er und Barbara bekommen noch zwei weitere Kinder, Werner und Tina. Doch Alex landet aufgrund unglücklicher Umstände im Gefängnis. Nach seiner Entlassung ist das Maß endgültig voll und die Familie plant die Flucht in den Westen. Zunächst reisen, im Sommer 1961, Alex und Tina zu Verwandten nach Essen aus, dann will Barbara mit Christian und Werner nachkommen. Doch dann wird die Mauer gebaut und die Familie ist wieder getrennt…

So, hier jetzt mal ein Cut, es passiert noch mehr als genug. Es gibt natürlich noch weitere Nebenhandlungen, jede Menge Intrigen und die passenden Charaktere dazu (die ehemals überzeugte Nazi-Anhängerin, die sich trotz Vergewaltigung durch Rotarmisten hastdunichtgesehen zu einer durch und durch sozialistischen Funktionärin wandelt; außerdem den ehemaligen SA-Mann, der über die Zwischenstation „Kriegsgewinnler“ schnell Karriere in der Bonner Republik macht und exzellente Ostkontakte pflegt…).

Ich muss sagen: Mir hat dieses Buch wirklich Spaß gemacht. Die Familie Reichenbach ist nun wahnsinnig vom Schicksal gebeutelt, man kann gar nicht anders als mitfiebern – und trotzdem weiß man natürlich, dass am Ende alles gut werden wird.

Also, kurz nochmal überprüfen: 1) Check 2) Check. Definitiv. 3) Öhm ja, auch das ist ein klares check.

Alle Erwartungen erfüllt, Leserin zufrieden.

ISBN: 978-3426621592
511 Seiten
Weltbild Verlag
€9,99

Sturz der Titanen – Ken Follett

24. Juni 2013 § Ein Kommentar

IMG_6858Wie bekannt sein dürfte, ist dies der Auftaktband der Jahrhundert-Trilogie von Follett. Nachdem ich eine Weile um dieses Buch herumgeschlichen bin, habe ich es nun endlich gekauft und gelesen. (Das zweite 1000-Seiten-Buch in diesem Jahr… *hust* Meine Mutter, selbst nicht so die Leserin, zweifelte schon daran, dass ich tatsächlich ihre Tochter bin. Dabei hat sie mich mit regelmäßigem Vorlesen in der Kindheit erst angefixt…)

Idee dieser Reihe ist es, die wichtigsten Entwicklungen im 20. Jahrhundert anhand dreier Familien in drei verschiedenen Ländern nachzuzeichnen. Dabei sind diese Familien untereinander an einigen Punkten miteinander bekannt bzw. begegnen sich immer mal wieder im Laufe der Geschichte. Sowas gefällt mir immer gut, mal sehen, was Follett draus gemacht hat.

Auf der Seite Deutschlands haben wir hier die Familie von Ulrich, insbesondere den Sohn Walter. Die von Ulrichs haben durch ihre hohe gesellschaftliche Stellung Zugang zu den wichtigen Personen im Kaiserreich, doch gerade Walter denkt bereits fortschrittlicher als sein Vater und ist demokratischen Gedanken nicht abgeneigt. Während er als Militärattaché in der deutschen Botschaft in London eingesetzt ist, lernt er Lady Maud Fitzherbert kennen, eine Frauenrechtlerin, die ihn mit ihrer unkonventionellen und klugen Art schnell fasziniert. (Ja, die beiden beginnen eine Affäre.)

Lady Maud ist die Schwestern von Earl Fitzherbert (meist Fitz genannt). Fitz ist mit der russischen und launischen Fürstin Bea verheiratet, schwängert jedoch auch noch sein Dienstmädchen, Ethel. Klar, dass diese postwendend entlassen wird und Stillschweigen bewahren muss, wer der Vater ihres Kindes ist.

Ethel selbst kommt aus einer walisischen Bergarbeiterfamilie. Ihr Bruder Bill musste beispielsweise schon mit 13 das erste Mal im Bergwerk arbeiten. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und geht nach London, wo sie, unterstützt von Lady Maud, bald ein neues Leben anfangen kann. Sie wird auch zunehmend politisch aktiv und setzt sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein.

Dann haben wir noch Lew und Grigori im zaristischen Sankt Petersburg. Die beiden Brüder, die schon früh auf sich alleine gestellt waren, sind sich nicht sonderlich ähnlich: Grigori ist der Ältere und Ernsthaftere, er hat Lew immer beschützt und ihm immer geholfen. Lew dagegen ist ein Frauenheld und hat ständig Ärger, ist aber auch wahnsinnig charmant und kann sich aus jeder Situation irgendwie rauswinden. Als Grigori gerade genug Geld gespart hat, um eine Schiffspassage in die USA zu bezahlen und sich somit seinen Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, gerät Lew mit der Polizei in Schwierigkeiten und muss schnellstens das Land verlassen. Grigori bleibt keine andere Wahl, als Lew das Ticket zu überlassen, ihn zu decken und sich um seine Freundin Katerina zu kümmern, die zu allem Überfluss auch noch schwanger ist. (Ja, Grigori ist heimlich in Katerina verliebt.)

Das ist nur ein Bruchteil der Handlung, denn gerade der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirbelt alle Beziehungen, Lebensentwürfe und sicher geglaubten Tatsachen ordentlich durcheinander. Insofern kann man schon ahnen, wie es Follett geschafft hat, über 1000 Seiten zu füllen. Alles in allem hat mir das Ergebnis auch wirklich gut gefallen. Solche Geschichtsstunden anhand von Schicksalen der damals lebenden Menschen sind super, zeigen sie doch, wie sich die große Politik im Kleinen ausgewirkt hat. Nur manchmal gerät das Ganze zu langatmig. Vor allem in den weitschweifigen Beschreibungen der jeweiligen Allianzen und Kriegstaktiken im Ersten Weltkrieg habe ich mich manchmal etwas verloren gefühlt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist wieder mal mein altes Problem: Schlechte Liebesszenen. Es wird ganz schön viel gevögelt in diesem Buch, was grundsätzlich ja nichts Schlechtes ist. Nur ist es bisweilen arg klischeehaft geraten (der Jungfernhäutchen-Mythos, der hier regelmäßig bemüht wird, ist so ein Beispiel dafür).

Aber gut, davon abgesehen hat mir dieser Auftakt wirklich gut gefallen und ich kann es jetzt kaum erwarten, bis der zweite Band im Taschenbuch erscheint.

ISBN: 978-3404166602
1040 Seiten
Originaltitel: Fall of Giants
Bastei Lübbe
€12,99

Die unsichtbaren Stimmen – Carolina De Robertis

18. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6668Mit dieser Art von Familiensaga à la „Wir porträtieren hier ein paar Generationen starker Frauen einer Familie“ kann man ja auch danebengreifen. Schnell wird das Ganze kitschig. Diese Geschichte (die ich übrigens schon vor einem Jahr zum Examen geschenkt bekam) ist dagegen ein Positivbeispiel und hat mir wirklich gut gefallen.

Es beginnt mit Pajarita, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem kleinen Dorf in Uruguay zur Welt kommt. In diesem Dorf heißt es, dass zu jeder Jahrhundertwende dort ein Wunder geschieht. Pajarita nun ist nicht gerade ein Wunschkind, ihr Vater setzt sie als Säugling irgendwo aus. Sie wird für tot gehalten und verblüfft die Dorfbewohner eines Tages, als sie auf einem hohen Baum sitzt und von dort herunterfällt – oder -fliegt, wie auch immer.

Als Pajarita älter wird, verdreht sie einem jungen Mann den Kopf, der mit einem Wanderzirkus in ihrem Dorf vorbeikommt. Ignazio, so heißt er, hält um ihre Hand an und nimmt sie nach der Hochzeit mit nach Montevideo. Er, der Venezianer, kam eigentlich mit dem Traum nach Uruguay, dort Gondeln zu bauen, wie es schon sein Vater in Venedig getan hat. Dass daraus vorerst nichts wird, setzt ihm zu und er verfällt dem Alkohol und dem Glücksspiel. Schließlich lässt er Pajarita zusammen mit den mittlerweile vier gemeinsamen Kindern sitzen. Diese sorgt für die Familie, indem sie Heilkräuter verkauft und den Frauen der Nachbarschaft bei allen körperlichen und seelischen Leiden zu helfen versucht.

Ignazio taucht wieder auf, die Kinder werden größer, wenden wir uns also der jüngsten Tochter Eva zu. Diese wird mit elf bereits von der Schule genommen, um im Schuhgeschäft von Ignazios altem Freund zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch besagter Freund belästigt und missbraucht sie, so dass sie es nicht mehr aushält und den Job hinschmeißt. Als ihr Jugendfreund Andrés ihr erzählt, er wolle nach Buenos Aires gehen und dort sein Glück versuchen, folgt sie ihm kurzerhand, auch in der Hoffnung, dass er ihre Gefühle erwidert. Doch ach: Kaum, dass sie sich überwunden und ihm ihre Liebe gestanden hat, verschwindet Andrés und gibt ihr damit auch klar zu verstehen, dass er sie nicht lieben kann. Soviel kann schonmal verraten werden: Die beiden wären nicht so eingeführt worden, wenn sie sich nicht noch einmal begegnen würden, später in der Geschichte. Und das war dann doch noch eine (schöne) Überraschung.

Aber zurück zur Chronologie: Der Weggang von Andrés trifft Eva tief, sie bekommt psychische Probleme und landet im Krankenhaus, wo sie auch schon bald ihren behandelnden Arzt, Dr. Roberto Santos, für sich begeistern kann. Dieser lässt kurzerhand seine standesgemäße Verlobte sitzen und macht ihr einen Antrag. Eva wird nun also zur repräsentativen Ehefrau, die Gedichte verfasst und ihrem Mann zwei Kinder schenkt (Funfact: Bei der Entbindung von ihrer Tochter Salomé ist ein Medizinstudent zugegen, der sich als Ernesto Guevara vorstellt… Der Typ von den T-Shirts also. Schönes Detail.). Doch als die politische Situation brenzliger wird, muss die Familie ins Exil nach Uruguay gehen. Dort kommen sie zwar bei Evas Familie unter, doch Roberto zieht es bald wieder zurück nach Argentinien. Als Eva sich dagegen entscheidet, mit ihm mitzukommen, trennen sich die beiden.

Auftritt Salomé. Die Tochter von Eva wächst in politisch unruhigen Zeiten auf. Durch eine Schulfreundin kommt sie in Kontakt mit einer Gruppe von Tupamaros, einer Guerillabewegung. Nach einigen erfolgreichen Aktionen geht jedoch etwas schief und Salomé wird mit einigen anderen verhaftet. Im Gefängnis wird sie gefoltert und vergewaltigt, sie wird dort ohne richtigen Prozess festgehalten und kennt ihr Urteil nicht. Ihre Kampfgefährtinnen sitzen mit ihr ein, und bald planen sie die gemeinsame Flucht durch die Kanalisation. Doch Salomé merkt, dass sie schwanger ist und will deswegen nicht an der Fluchtaktion teilnehmen. Ihre Tochter wird im Gefängnis geboren und mit Hilfe der Kampfgefährten in sichere Hände gegeben. Als Salomé nach Jahren wieder entlassen wird, gilt es, etwas über den Verbleib der Tochter zu erfahren und sich wieder ihr eigenes Leben aufzubauen, was gar nicht so einfach ist, wenn man die meiste Zeit seiner Jugend im Gefängnis verbracht hat…

Man merkt schon: Jede Menge Schicksal steckt auf diesen Seiten, und es ist wirklich eine Leistung, dass das hier nicht zu melodramatisch geworden ist. Aber de Robertis hat es geschafft, eine schöne, traurige, ergreifende und poetische Geschichte daraus zu machen. Sehr gut gefallen hat mir die Vielschichtigkeit ihrer Charaktere: Es gibt hier nicht, wie so oft, nur schwarz und weiß, sondern ihre Hauptpersonen machen auch mal Fehler, verhalten sich irrational und hadern mit ihrem Schicksal. Das machte die Geschichte sehr glaubwürdig; man hat das Gefühl, dass es tatsächlich reale Personen gewesen sein könnten, die hier zum Leben erweckt werden.

Noch dazu lernt man ein wenig über die uruguayische und argentinische Geschichte im 20. Jahrhundert. Empfehlenswert!

ISBN: 978-3596184811
464 Seiten
Originaltitel: The Invisible Mountain
Fischer Taschenbuch
€9,95

In Zeiten des abnehmenden Lichts – Eugen Ruge

3. August 2012 § 4 Kommentare

Wohl dem, der lesende Verwandtschaft hat: Den letzten Tana French konnte ich mir von der einen, dieses Buch hier von der anderen Tante ausleihen. Aktuell wird „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ja breit besprochen (bzw. wird es seit einigen Monaten), und da reihe ich mich mal ein.

Erzählt wird die Geschichte einer deutschen Familie: Die Urgroßeltern, Charlotte und Wilhelm, gingen während der Nazizeit ins mexikanische Exil: Als überzeugte Kommunisten sahen sie keinen anderen Weg. Nach dem Krieg kehrten sie nach Ostdeutschland zurück, um die DDR mit aufzubauen, und bekamen zwei Söhne: Werner und Kurt. Während Werner, wie man eher andeutungsweise erfährt, irgendwann im sowjetischen Gulag ums Leben kam, hat Kurt das Lager überlebt, später die Russin Irina geheiratet und ist mit ihr in die DDR heimgekehrt. Sie bekommen einen Sohn, Alexander, und auch Irinas Mutter, Nadjeshda Iwanowna, lebt bei der Familie im Haus.

Alexander rebelliert gegen seine Eltern, die noch immer vom Kommunismus überzeugt sind (auch wenn zumindest Irina sich eher damit arrangiert als dass sie das System aktiv unterstützt). Alexander bekommt einen Sohn, der bei seiner Mutter aufwächst – die Eltern leben getrennt und Alexander setzt sich schließlich nicht lange vor dem Mauerfall in den Westen ab.

Soweit der Teil der Geschichte, der in Rückblenden auf wechselnden Zeitebenen erzählt wird. Immer wieder eingestreut die Gegenwartshandlung, die kurz nach dem 11. September 2001 spielt: Alexander, der vor kurzem eine Krebsdiagnose erhalten hat und sich sonst um den dementen Kurt kümmert, reist auf den Spuren seiner Großeltern nach Mexiko. Es wird nicht so recht klar, was er dort finden will und entsprechend konnte ich mit diesen Kapiteln am wenigsten anfangen.

Ein weiterer Bezugspunkt ist der 90. Geburtstag von Wilhelm, der Tag, an dem Alexander in den Westen geht. Was alles an diesem Geburtstag passiert, wird aus wechselnder Perspektive von verschiedenen Protagonisten erzählt. Gerade diese Technik hat mir sehr, sehr gut gefallen. Hat man sich nach einem Kapitel bereits seine Urteile über die Handelnden zurechtgelegt, werden sie bald darauf wieder erschüttert, weil die selben Geschehnisse sich aus einer anderen Perspektive wieder unterschiedlich darstellen.

Hier geht es zu wie wohl in sehr vielen Familien: Jahre- oder jahrzehntelang schwelende Konflikte, Missverständnisse und unterschiedliche politische Einstellung prägen dem Umgang miteinander. Ruge hat ein Händchen fürs Erzählen, ihm gelingt eine durchaus lustige Geschichte mit guten Charakterisierungen aller Personen darin. Meine Tante meinte, sie hätte es gar nicht mehr aus der Hand legen können – das war bei mir nicht durchgehend so, es ist aber halt auch nicht die klassische Spannungslektüre. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, es ist trotzdem ein sehr lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3498057862
432 Seiten
Rowohlt
€19,95

Julia – Anne Fortier

31. Mai 2012 § 2 Kommentare

Ein Buch, das so heißt wie ich, muss ich doch lesen, oder? 😉

Die titelgebende Julia ist zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Janice bei ihrer älteren Tante Rose aufgewachsen – ihre leiblichen Eltern waren bei einem Unfalls in Italien, wo die beiden auch geboren wurden, getötet worden.

Janice und Julia sind sich überhaupt nicht grün und bekommen sich bei der kleinsten Angelegenheit in die Haare. Umso erstaunlicher ist, was passiert, als Tante Rose stirbt und ihr Testament eröffnet wird: Janice wird Alleinerbin des Hauses, Julia bekommt dagegen nur eine alte Truhe mit Briefen und anderem Papierkram. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, dass Janice alles Wertvolle erben soll! Doch Julia bekommt noch einen Brief von Tante Rose: Darin bittet sie sie, nach Italien zu reisen – ihre Mutter war damals, ehe sie starb, einem Familiengeheimnis auf der Spur und Julia solle dem weiter nachgehen. Dabei liegt ein Pass, ausgestellt auf den Namen Guilietta Tolomei – dies, so schreibt Rose, sei ihr Geburtsname.

Bereits am Flughafen in Florenz macht sie scheinbar zufällig Bekanntschaft mit Eva Maria Salimbeni, die sie mit den ersten Leuten in Siena bekannt macht – unter anderem mit ihrem Neffen Alessandro.

Doch bald merkt Julia, das irgendetwas faul ist: Sie wird von fremden Männern verfolgt, die Leute scheinen ihren Namen irgendwoher zu kennen und dann wird auch noch in ihr Hotelzimmer eingebrochen.

Es stellt sich schnell heraus, worin das Familiengeheimnis liegt: Im Jahre 1340 gab es bereits eine Guilietta Tolomei – sie war damals in Romeo Marescotti verliebt, musste aber aus politischen Gründen einen anderen heiraten: Den Patriarchen der Familie Salimbeni, um dadurch die Familienfehde zwischen den Tolomeis und den Salimbenis zu beenden. Diese tragische Liebesgeschichte zwischen Guilietta und Romeo soll die wahre Vorlage für Shakespeares Romeo und Julia gewesen sein.

Damit nicht genug: Es gibt außerdem noch einen Fluch auf den Familien, uralte Gegenstände, hinter denen jeder herzusein scheint und natürlich findet Julia alias Guilietta auch ihren Romeo… Das ist ja fast schon klar. 😉

Es gibt hier natürlich, wie sich das gehört, mehr als genug Wendungen bzw. Überraschungen und auch einen zünftigen Showdown. Ob das jetzt alles so realistisch war – ich finde nicht. Für mich hätte es ein bisschen weniger von allem (Männer mit basilikumfarbenen Augen, anyone? Oder war’s Thymian?) sein dürfen. Dafür hätte ich mir eine realistischere Ausarbeitung der Charaktere gewünscht – da wundert man sich doch über so manche Meinungsänderung. Kann man mal lesen, wenn grade leichte Unterhaltung gefragt ist, muss man aber auch nicht. Auch nicht, wenn das Buch den eigenen Namen trägt.

ISBN: 978-3810506788
637 Seiten
Originaltitel: Juliet
Krüger
€19,95

Der verborgene Garten – Kate Morton

2. Mai 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Cassandra ist überrascht: Ihr kürzlich verstorbene Großmutter Nell hat ihr ein Haus in Cornwall vermacht! Was wollte eine Australierin mit einem Haus in Großbritannien? Urlaub gemacht hat sie dort jedenfalls nie, Cassandra wusste nicht einmal von der Existenz des Cottages, obwohl sie viele Jahre bei ihrer Großmutter lebte. Sie beginnt, der Sache nachzugehen und erfährt, dass ihre Großmutter als kleines Mädchen adoptiert wurde; sie wurde mutterseelenalleine am Hafen gefunden, als gerade ein Schiff aus Großbritannien dort angelegt hatte. Bei der Familie eines Hafenarbeiters hatte sie schließlich eine glückliche und behütete Kindheit und erfuhr erst als junge Frau, dass ihre Eltern nicht die leiblichen waren.

Cassandra will der Sache auf den Grund gehen und reist kurzentschlossen nach Cornwall, um ihr Erbe in Augenschein zu nehmen: Ein kleines Cottage an der Küste, nicht wirklich gut in Schuss, aber wunderschön gelegen. Als sie beginnt, sich im Dorf etwas umzuhören, kommt auch nach und nach etwas Licht ins Dunkel der Familiengeschichte: Nell war in den 1970er Jahren ebenfalls nach Cornwall gereist und hatte herausgefunden, dass sie die leibliche Tochter von Rose Mountrachet und Nathaniel Walker war. Sie aus einer alteingesessenen, vornehmen Familie, die seit Generationen das Herrenhaus Blackhurst an der Küste bewohnte, er ein talentierter New Yorker Zeichner und Maler.

Rose war seit Kindertagen sehr eng mit ihrer Cousine Eliza befreundet, die nach dem Tod ihrer Eltern ebenfalls auf Blackhurst aufwuchs. Die beiden konnte nichts trennen – doch nach der Hochzeit von Rose und Nathaniel schien irgendetwas vorgefallen zu sein, was die beiden Freundinnen entfremdete. Denn Eliza war es, die Nell damals mit auf das Schiff nach Australien genommen hatte. War Nell entführt worden? Wollte Eliza sich damit für irgendetwas an Rose rächen? Und wieso ist Eliza scheinbar nie in Australien angekommen?

Trotz der 600 nochwas Seiten liest sich diese Geschichte sehr schnell weg – halt so ein typischer Familiensaga-Schicksalsroman, den man nur mit halbem Hirn lesen kann. Manche Stellen fand ich recht langatmig, aber die konnte ich dann auch überfliegen, ohne groß was zu verpassen.

Man muss vielleicht nicht verstehen, wie dieses Buch zum Bestseller geworden ist, aber für ein paar Stunden leichter Lektüre ist auf jeden Fall gesorgt. Das richtige Buch für Freunde und Freundinnen großer Gefühle, dunkler Geheimnisse und alter Herrenhäuser sowie für Cornwall-Urlauber und Familiensaga-Fans.

ISBN: 978-3453354760

640 Seiten

Originaltitel: The Forgotten Garden

Diana Verlag

€9,95

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