Looking for Alaska – John Green

29. Juli 2014 § 2 Kommentare

IMG_7896Miles war an seiner bisherigen Schule in Florida eher ein Außenseiter und hatte auch sonst nicht das spannendste Leben. Um daran etwas zu ändern, welchselt er auf ein Internat in Alabama. Dort findet er schnell Freunde: Seinen Zimmergenossen Chip, seine Mitschüler Takumi und Lara und vor allem Alaska: Traumhaft hübsch, sexy, unternehmungslustig, klug und geistreich im Streiche-Ausdenken, aber auch launisch, unberechenbar und depressiv.

Die fünf werden Freunde und unternehmen viel zusammen; Alaska verkuppelt Miles sogar mit Lara und gibt den beiden Tipps, als es mit der, nun ja, körperlichen Annäherung nicht so ganz klappen will. Dabei ist Miles wenigstens ein bisschen in (die vergebene) Alaska verliebt. Und immerhin: An einem Abend gelingt es Miles immerhin, von Alaska geküsst zu werden, doch ehe sie ihr irgendwie geartetes Versprechen auf „mehr“ einlösen kann, passiert etwas, das die bisher eigentlich relativ heile Welt der Freunde durcheinanderwirbelt und sie vor Fragen stellt, die sie sich so noch nie stellen mussten.

Die Geschichte ist in „before“ und „after“ eingeteilt und klugerweise gibt auch der Klappentext keine weiteren Informationen, was dieses „after“ eigentlich ist. Und das fand ich gut, weswegen ich euch auch nicht mehr verraten will. „Before“ ist eine normale, lockere und lustige Internatsgeschichte, wie es schon andere vor ihr gab und wie sie jetzt nicht sooo speziell war. „After“ hat mir jedoch dafür um einiges besser gefallen. Es ist etwas passiert, was normalen Teenies sonst nicht widerfährt, und so geht es um Fragen, mit denen man sich in diesem Alter eigentlich auch nicht beschäftigen sollte. Hier kommt dann der Tiefgang rein und bildet einen krassen Kontrast zu dem unbeschwerten „Before“-Teil.

Die Charaktere fand ich sehr sympathisch, jeder brachte so eine andere Facette mit rein; Alaska war vielleicht ein wenig too much. Aber ja, auf der anderen Seite ist sie ein extremer Charakter, der auch immer wieder zeigt, wie viel Klugheit und Verletzlichkeit hinter der ach-so-harten Schale steckt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei vielen Leserinnen (und sicher auch Lesern) gut ankommt.

Alles in allem also ein wirklich lesenswertes YA-Buch mit einigen ernsten und wichtigen Themen im Hintergrund.

ISBN: 978-0-14-240251-1
221 Seiten
Deutscher Titel: Eine wie Alaska
Penguin
€7,20

A Brief History of Misogyny – Jack Holland

27. April 2014 § Ein Kommentar

IMG_7729Yeah, jetzt wird endlich mal wieder die „Frauen“-Ecke bespielt hier im Blog! Ich habe ein schönes Sachbuch aufgetan, das sich im Schnelldurchlauf, aber dafür sehr lesbar und kompakt der Frage widmet, wie es zu der teils massiven Diskriminierung von Frauen durch Männer kommen konnte, deren Folgen auch heute noch nicht wirklich verschwunden sind.

Wir hatten ja im Lauf der Geschichte (und auch heute noch) immer wieder Gruppen, die andere diskriminieren. Im Nachhinein wirkt sowas meistens vollkommen lächerlich und willkürlich, aber oft wirken bestimmte Stereotype noch lange nach und beeinträchtigen das Leben der Betroffenen. Die Misogynie, also die Frauenfeindlichkeit, ist mit eine der nachhaltigsten Diskriminierungen und eine der am weitesten verbreiteten. Jack Holland versucht in seinem Buch, der Sache auf den Grund zu gehen: Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass eine Hälfte der Menschheit die andere zum Teil brutal unterdrückte und dies unwidersprochen mit allerlei kruden Theorien rechtfertigen konnte? Und vor allem: Was ist so mächtig an diesen Ideen, dass sie heute noch nachwirken?

Tja, die Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung ist ein Gemisch aus einzelnen Irrtümern, unschmeichelhaften Schöpfungsmythen und dem gestörten Verhältnis zu Frauen und ihrer Sexualität, das einige wenige (aber leider einflussreiche) Männer hatten. Anfangs wurden die Unterschiede der Geschlechter und die Unterlegenheit der Frauen als gottgewollt dargestellt, später kamen noch pseudo-biologische Thesen dazu – und ruck-zuck hatte man Machtstrukturen, die nahezu unumstößlich waren, denn wer wird sich schon trauen, gegen Gott oder die Natur zu argumentieren?

Ich muss sagen: Ich bin manchmal wirklich erschrocken während des Lesens. Dann nämlich, wenn Holland über gewisse Praktiken, Vorurteile und unumstößliche Auffassungen berichtet und ich das Gefühl hatte: So weit haben wir uns davon doch noch gar nicht entfernt! Manche Ideen sind nahezu Zombies, die in den Debatten immer wieder auftauchen. Vielleicht mit anderen Begrifflichkeiten, vielleicht in anderen Kontexten. Klar sind wir heute differenzierter und aufgeklärter, aber wir tun uns noch immer schwer, manche althergebrachten Klischees einfach mal in Frieden sterben zu lassen, gerade wenn sie durch sämtliche neuen Erkenntnisse ein für alle Mal wiederlegt wurden.

Und noch etwas habe ich gemerkt: Ich kann solche Bücher nicht objektiv lesen. Ich bin selbst eine Frau und auch wenn ich jetzt nicht gleich deswegen mit erhobener Faust in den Geschlechterkampf ziehen möchte (obwohl… Zu den Waffen, Schwestern! :D), lässt mich so etwas nicht kalt. Zusätzlich hilft dieses Buch zu verstehen, was für ein langer Kampf hinter den modernen feministischen Debatten steht. Man kann etwas besser nachvollziehen, dass jede Frau von Misogynie betroffen ist, egal, ob sie im Alltag direkt Nachteile dadurch hat oder ob diese Stereotype ihr eher indirekt begegnen. Und – das gilt für alle – man denkt mal darüber nach, wie bescheuert es ist, eine Person schlechter zu stellen, nur weil sie keinen Penis hat (und wie viel Potenzial, Wissen und Talent den Gesellschaften über die Jahrhunderte verloren gegangen ist, weil sie es doch immer wieder getan haben).

ISBN: 978-1845293710
338 Seiten
Deutscher Titel: Misogynie: Die Geschichte des Frauenhasses
Robinson
€14,59

 

The Attack – Yasmina Khadra

8. Februar 2014 § Ein Kommentar

IMG_7660Amin Jaafari und seine Frau Sihem sind ein modernes israelisches Paar: Er ist als Chirurg hoch angesehen, beide haben einen illustren, gut situierten Freundeskreis und sind als israelische Araber absolut integriert.

Eines Tages erfährt Amin von einem Selbstmordanschlag in einem Café in Tel Aviv, er behandelt selbst bis in die Nacht viele der Opfer. Als er aus dem OP kommt, wird er bereits erwartet: Ein Freund der Familie teilt ihm mit, Sihem sei unter den Toten gewesen – und sie wiese die typischen Verletzungen auf, die sonst die Selbstmordattentäter hatten.

Amin wirft das vollkommen aus der Bahn und er durchlebt in den nächsten Tagen sämtliche Phasen: Zunächst leugnet er alles – Sihem war so nicht, sie hat keinen Grund dazu gehabt, er hat sie doch geliebt, auf Händen getragen, was hätte ihr fehlen können? Er wird schier verrückt, weil er sich auf das Ganze keinen Reim machen kann, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Dazu wird er angefeindet – er, der Mann einer Mörderin, der nichts als Undankbarkeit gegenüber Israel zeigt, wo ihm doch alles ermöglicht wurde! Schließlich begibt er sich fast manisch auf Spurensuche: Er muss einfach wissen, was Sihem zu dieser Tat geführt hat und wie sie sich auf das Attentat – und damit auf ihren Tod – vorbereitet hat.

Er fährt dazu nach Bethlehem und Jenin, in Städte also, in denen der Nahostkonflikt um einiges spürbarer ist als in seiner ruhigen, wohlsituierten Nachbarschaft in Tel Aviv. Und ganz allmählich setzt Amin für sich ein Bild zusammen, wie es gewesen sein könnte – und warum er Sihem wohl doch nicht so gut kannte, wie er immer dachte. Und er wird gezwungen, Stellung zu beziehen, auf welcher Seite er eigentlich in diesem Konflikt steht.

Diese Geschichte ist aufgrund der Thematik keine leichte Kost, zumal sie schon mit der drastischen Schilderung eines Bombenanschlags beginnt. Khadra stellt den Abgrund dar, in den Amin nach dem Tod Sihems gerissen wird, sie beschreibt sehr gut, wie er versucht, sich irgendwie einen Reim daraus zu machen. Analog zu Amin wird es auch den Lesern nicht so leicht gemacht, neutral zu bleiben und sich nicht auf eine Seite zu positionieren.

Auf jeden Fall eine lesenswerte Geschichte, die einen nicht kaltlässt.

ISBN: 978-0099499275
272 Seiten
Deutscher Titel: Die Attentäterin
Vintage
€10,00

Betrayal – Karin Alvtegen

14. Januar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein letztes Buch des Lesejahres 2013 – und nochmal ein ziemliches Highlight. Dem zugrunde lag eine schon etwas ältere Empfehlung, die ich erst wieder bei Goodreads ausgraben musste. Aber Alvtegen bleibt im neuen Jahr auf meinem Radar, soviel steht schonmal fest.

Zu Beginn des Buches haben wir zwei separate Erzählstränge:

Wir lernen Eva und Henrik kennen und ihren Sohn Axel. Eva ist so der Typ „zupackende Businessfrau“, die alles unter Kontrolle hat und sogar die geschäftliche Post ihres Freiberufler-Ehemanns öffnet und vorsortiert. Die beiden scheinen sich damit aber ganz gut eingerichtet zu haben, bis Henrik ihr eines Tages gesteht, dass er in der Ehe nicht mehr glücklich ist und radikal auf Distanz geht.

Eva ist geschockt, hat sie doch immer alles im Griff gehabt und gemanagt. Aber offenbar hat sie vor lauter Kontrollwut nicht gemerkt, dass die Gefühle füreinander auf der Strecke geblieben sind. Jetzt droht ihr ganzes Leben auseinanderzubrechen und sie versucht alles, um Henrik irgendwie zu verstehen. Doch dann findet sie Liebesbriefe einer anderer Frau, mit der Henrik offenbar eine Affäre hat – wenig später hat sie die Gewissheit, dass diese andere ausgerechnet Linda ist, die Erzieherin von Axel. Diese Tatsache bringt das Fass zum Überlaufen und Eva heckt einen Racheplan insbesondere gegen Linda aus.

Wenden wir uns aber erst Jonas zu: Seine Freundin liegt nach einem Badeunfall im Koma, er ist bei ihr im Krankenhaus, so oft es geht, bis sie dann trotz aller Bemühungen stirbt. Jonas allerdings hat eine Zwangsstörung und verliert nun komplett den Böden unter den Füßen. So lange er für seine Freundin da sein konnte, hat er alles für sie getan und seine ganze Energie auf ihr Wohlbefinden konzentriert. Diese Orientierung verliert er durch ihren Tod und fühlt sich von ihr verraten und im Stich gelassen.

Jonas und Eva treffen sich schlussendlich in einer Bar – Eva, weil sie nur einen Drink nehmen und noch nicht nach Hause zum schweigenden Henrik wollte, Jonas, weil er in seiner Wohnung seine Zwänge nicht aushalten würde. Aus dem „Nur noch einen zusammen trinken“ wird ein One Night Stand, der zumindest für Eva keine große Bedeutung hatte – sie nennt Jonas sogar einen falschen Namen und freut sich über die kleine Rache an Henrik. Jonas jedoch interpretiert das Ganze anders und ist der Meinung, dass Eva die Einzige für ihn ist, seine große Liebe. Er stellt Nachforschungen an und findet über Kredikartenrechnung ihren richtigen Namen heraus. Er lauert ihr auf, beobachtet ihr Haus und spricht sogar Axel an.

Der Klappentext des Buches ist wahnsinnig irreführend: Man glaubt, eine recht einfach gestrickte Stalkergeschichte zu kaufen, bekommt aber einen vielschichtigeren Thriller, der um die Themen Liebe, Betrug, Eifersucht, verletzte Gefühle und Rache kreist. Ich war also gar nicht traurig, dass ich da andere Vorstellungen gehabt hatte, denn ich war eigentlich eher positiv überrascht.

Gefallen haben mir außerdem die ambivalenten Charaktere. Es fiel mir schwer, einem der Protagonisten irgendwie meine Sympathien zuzugestehen – jeder wird mal verletzt, jeder ist aber gleichzeitig auch mal das große Arschloch. Alvtegen nimmt sich viel Zeit, uns in die Gefühlswelt von Eva, Henrik und Jonas einzuführen. Sie erzählt oft Situationen mehrmals, jeweils aus einem anderen Blickwinkel. Konnten wir zunächst ganz eindeutig Partei für einen der Beteiligten ergreifen, fällt uns das beim zweiten Mal zunehmend schwerer. Das fand ich toll, weil man so gezwungen wird, sich mit den darunterliegenden Fragen auseinanderzusetzen und sich selbst zu positionieren.

Außerdem sehr, sehr krass und gut und passend: Das Ende! Das Ende ist absolut kein klassisches Happy-End, aber es ist letztlich die Konsequenz aus der ganzen Geschichte. Sehr gut gemacht und ein bisschen gruselig… Aber mehr will ich nicht verraten.

Mein erwartbares Fazit also auch ganz einfach: Wärmstens zu empfehlen!

ISBN: 978-3499240003
288 Seiten
Originaltitel: Svek
rororo
€8,99

Trackers – Deon Meyer

25. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6893Deon Meyer mausert sich so langsam zu einem meiner Lieblingskrimiautoren. Woran man sowas merkt? Zum Beispiel, wenn man von diesem Autor sogar Spontaneinkäufe in der Bahnhofsbuchhandlung tätigen kann und trotzdem Volltreffer landet.

Hier haben wir es mit gleich drei in sich abgeschlossenen Handlungssträngen zu tun, die jedoch nach und nach einige Berühungspunkte erkennen lassen. Bei einigen Aspekten war das für mich erst wirklich ganz am Ende erkennbar, bei ein paar dagegen gar nicht. Aber trotzdem war das Ganze in sich sehr stimmig – besser, als wenn der Autor alles auf Biegen und Brechen irgendwie zusammenführen will und dann plötzlich irgendwelche absurden Begegnungen stattfinden.

Also, zu den drei Handlungsabschnitten: Zuerst hätten wir da Milla, die beim Nachrichtendienst arbeitet und dort Reports und Dossiers zu verdächtigen Personen erstellt und Recherchearbeiten durchführt. Milla hat gerade ihren Ehemann verlassen und ist gerade dabei, ihr Leben neu zu ordnen. Dass sie den Job angenommen hat, lag vor allem daran, dass sie schnell Geld verdienen musste. Milla wird darangesetzt, Informationen über verdächtige Personen im Umfeld von möglichen Terroristen zusammenzustellen. Offenbar ist irgendein Anschlag in Planung, doch die Zusammenhänge sind noch unklar. Muslimische Terroristen, Gangster auf den Cape Flats, Diamentenschmuggler, alle scheinen irgendwie miteinander verbandelt und irgendetwas ist da im Busch. Dann gibt es noch einen gewissen Lukas Becker, der als hartnäckiger Anrufer eines der Hauptverdächtigen das Spielfeld und wenig später leibhaftig die Tanzfläche eines Lokals betritt, in dem die mittlerweile etwas unterv…., ähm, liebeshungrige Milla Tanzstunden nimmt…

Dann haben wir im zweiten Handlungsstrang Lemmer, der einen etwas eigenartigen Job annimmt, bei dem er die Überführung von geschmuggelten Nashörnern überwachen soll. Diese geht leider schief, da das Überführungskommando in einen Hinterhalt gerät – die ihnen auflauern, scheinen irgendwas zu suchen. Umso eigenartiger, als dass die seltsame Hautkrankheit, die die Rhinos bei der Abfahrt befallen hatte, nach der Ankunft auf wundersame Weise verschwunden ist, ebenso wie die mysteriöse Begleiterin Lemmers, die Lara-Croft-mäßige Flea van Jaarsfeld. Nun, jeder Maskenbildner weiß, dass man Geschwüre super aus Plaste modellieren kann, doch warum sollte man das tun, wenn man nichts darunter verstecken will? Und natürlich: Was?

Zu guter Letzt taucht noch der uns bereits bekannte Mat Joubert auf, der mittlerweile als Privatermittler arbeitet und es gleich zu Beginn seiner Tätigkeit mit dem Fall eines verschwundenen Mannes zu tun bekommt. Dessen Frau hat die Ermittler beauftragt: Ihr Mann sei bereits seit einiger Zeit verschwunden. Es wurde nur sein Auto gefunden, das auf dem Parkplatz seines Fitnessstudios geparkt war. Es gab weder Ehe- noch Geldprobleme, und auch bei der Arbeit in einem Busunternehmen schien alles wunderbar zu laufen. Wobei genau dort Mat dann nach einer gewissen Durststrecke den ersten Hinweis auf den Grund für das Verschwinden findet.

Was mir an diesem Krimi so gut gefallen hat? Er ist wirklich anspruchsvoll und durchdacht. Man muss ein bisschen dabei bleiben und sich konzentrieren, aber dann wird man so das ein oder andere Aha-Erlebnis haben. Die jeweiligen Stories erschienen mir realistisch und nicht konstruiert, was ebenfalls ein großes Plus ist.

Besonders gut fand ich außerdem, dass die Charaktere nicht wie so oft üblich schwarz-weiß gezeichnet sind. Es bleibt noch genug Raum für Uneindeutigkeiten, für persönliche Schwächen bei den „Guten“ und bei einigen Protagonisten eine gewisse Unvorhersehbarkeit, was sich tatsächlich hinter der Fassade verbirgt.

Vorhersehbar ist dagegen mein Fazit: Absolut empfehlenswert!

ISBN: 978-1444740660
504 Seiten
Deutscher Titel: Rote Spur
Hodder & Stougton
€7,90

Between Shades of Gray – Ruta Sepetys

5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6716Vorbemerkung: Diese Rezension ist zuerst beim Osteuropakanal erschienen. Der Redaktion danke ich noch einmal ganz herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Es kommt selten genug vor: Man klappt ein Buch nach der letzten Seite zu und hat einen Riesen-Kloß im Hals, weil die Geschichte einfach so traurig, tragisch, schön, herzerwärmend und hoffnungsvoll war.

Traurig und tragisch? Nun, es ist eine Geschichte über den Gulag. Lina und ihre Familie werden dorthin in den 1940er Jahren aus dem litauischen Kaunas deportiert, zusammen mit vielen anderen Balten nach der sowjetischen Okkupation.

Sepetys spart nicht an Beschreibungen der Unmenschlichkeit und des Grauens: Hunger, harte Arbeit, menschenunwürdige Unterkünfte, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Schikane, Eiseskälte und Krankheiten. Die Verhafteten wissen oft nicht einmal, aus welchem Grund sie ins Lager gesperrt wurden. Im Falle von Lina, ihren Bruder Jonas und ihrer Mutter bedeutet das: Sie landen erst in einem Lager im sibirischen Altai-Gebirge, ehe sie weiter in den Norden, jenseits des Polarkreises, deportiert werden, wo es nicht einmal richtige Hütten gibt. In der ganzen Zeit kennen sie weder ihre Anklage noch wissen sie, was mit Linas Vater geschehen ist, der wenige Tage vor ihnen verhaftet wurde.

Und wo bleibt da der Platz für Schönes oder Hoffnungsvolles? Lina und ihre Familie geben nicht auf. Was immer ihnen auch passiert, sie sind bereit, durchzuhalten, um bald wieder in ihren gewohnten, bürgerlichen Alltag zurückkehren zu können. Für Lina ist es insbesondere ihre Kunst und ihre Liebe zu Andrius, der ebenfalls deportiert wurde, die ihr die Kraft zum Überleben geben. Auch gibt es große Solidarität zwischen den Litauern im Lager. Man versucht, einander zu helfen, wo es möglich ist, teilt die knappen Nahrungsmittel und feiert Feste gemeinsam. Doch zwischen allem schleicht sich immer wieder das Unheil ein: Einige schaffen es eben doch nicht, sterben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten oder den Kugeln der Wachen. Dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es für Linas Familie ausgehen wird, ist die große Stärke dieses Buchs: Zu leicht wäre es gewesen, eine kitschige, vorhersehbare Geschichte zu schreiben, der man das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende schon auf den ersten Seiten anmerkt. Gut, einige Charaktere sind tatsächlich für meinen Geschmack etwas zu schwarz-weiß gezeichnet (insbesondere Linas Mutter hätte man durchaus mal zugestehen können, auch mal durchzudrehen und nicht immer nur ständig selbstlos für andere da zu sein), aber glücklicherweise tut das der Geschichte als Ganzes keinen Abbruch.

Ohne wirklich alle historischen Details zu kennen, würde ich schätzen, dass die geschilderten Zustände realistisch sind. Unglaublich genug, dass es tatsächlich Menschen gab, die das alles überleben konnten. Wer das Baltikum kennt, weiß, dass die Erinnerung an die Deportationen noch sehr präsent sind; in Deutschland hat man verhältnismäßig wenig Wissen darüber. Umso wichtiger sind solche Bücher, die immer mal wieder gewisse historische Perioden ins Gedächtnis rufen und vielleicht dazu beitragen, das Andenken an die Opfer irgendwie wachzuhalten.

„Between shades of gray“ ist so ein Buch. Deswegen möchte ich es euch wärmstens empfehlen. Und ehe ihr auf den letzten Seiten ankommt, legt ein Taschentuch bereit. Ihr könntet es brauchen.

ISBN: 978-0-399-25628-8
338 Seiten
Deutscher Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Philomel Books
€9,99

Fatherland – Robert Harris

21. Dezember 2012 § 2 Kommentare

IMG_6460Die Frage danach, wie die Geschichte alternativ hätte verlaufen können, ist ja immer eine spannende. Harris hat sich bei diesem Buch das wohl krasseste Szenario ausgesucht: Hitler hat den Krieg gewonnen, das „Tausendjährige Reich“ bereitet sich im Jahr 1964 auf den 75. Geburtstag des Führers vor. Berlin heißt zwar (noch?) nicht Germania, ist aber bereits nach Speers Plänen für die „Welthauptstadt“ umgebaut. Deutschland hat seine Grenzen bis weit hinter Moskau und auf die Krim ausdehnen können, ist an den Ostgrenzen jedoch noch immer in Kämpfe verwickelt. Es gibt diffuse Gerüchte über eine massenhafte Umsiedlung der Juden Europas in den Osten – doch Genaueres weiß keiner.

Das Deutsche Reich ist derweil in einer Art Kaltem Krieg mit den Amerikanern verstrickt; umso größer wird gefeiert, dass der amerikanische Präsident Kennedy (allerdings Joseph P., nicht John F.) bald nach Deutschland reisen will, um eine Versöhnung zu forcieren.

Vor diesem Setting treffen wir den Kripo-Mann Xavier March (komischer Name für einen Nazi, oder? Dachte ich auch). Wenige Tage vor dem „Führertag“, also Hitlers Geburtstag, wird die Leiche eines Mannes aufgefunden. Bald stellt sich heraus, dass es sich um Josef Buhler handelte, einen alten Parteifunktionär. Obwohl ihm klar gemacht wird, dass die Gestapo die weiteren Ermittlungen übernehmen wird, ermittelt March auf eigene Faust weiter. Bald erkennt er, dass Buhler mit einigen anderen Männern offenbar in eine Verschwörung verwickelt war: Alle vierzehn nahmen im Jahr 1942 an einer Konferenz in Wannsee teil, und alle vierzehn sind mittlerweile tot oder verschwunden. Dass das kein Zufall sein kann, ist March schnell klar und so beginnt er gemeinsam mit der amerikanisch-deutschen Journalistin Charlotte Maguire seine eigenen Nachforschungen anzustellen.

Irgendwie bin ich bis kurz vor Schluss mit dieser Geschichte nicht so 100%ig warm geworden. Dabei hatte sie ja eigentlich alles, um so richtig spannend zu werden. Ich denke, es lag daran, dass der Plot relativ langsam Fahrt aufnimmt und March die meiste Zeit relativ blass bleibt – es wird zwar einiges aus seinem Privatleben erzählt (geschiedener Einzelgänger, der später sogar von seinem eigenen Sohn denunziert wird) aber so richtig fassbar war er für mich nicht. Viele Aspekte des täglichen Lebens werden nur angeschnitten – ich hätte hier gerne mehr erfahren, aber natürlich hätte das den Rahmen dieser Geschichte, die ja in erster Linie ein Krimi sein sollte, gesprengt.

Ich will das Buch hier gar nicht schlecht machen. Die Story nimmt zunehmend Fahrt auf und wird immer spannender – es gibt sogar einen zünftigen Showdown. Und das Setting eines in Vetternwirtschaft und Filz erstarrten Nazi-Staates ist allemal interessant und etwas gruselig zu lesen.

ISBN: 978-0099527893
386 Seiten
Deutscher Titel: Vaterland
Arrow
€8,10

Crossing the Line – William Finnegan

29. November 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Dieses Buch hat mal wieder eine Geschichte – daher also erstmal kurzes Vorgeplänkel, ehe es zur eigentlich Rezension kommt.

Ich googelte mal vor einiger Zeit die Schule, auf der ich in Südafrika war – einfach um mal zu schauen, ob’s da was Neues gibt. Dazu habe ich nichts gefunden, dafür aber ein paar Seiten aus diesem Buch hier via Google Books. Ich, aufmerksam geworden, lese ein bisschen weiter und finde heraus, dass genannter Autor Anfang der 1980er Jahre während einer Weltreise auch ein Schuljahr an einer südafrikanischen Schule für „Coloureds“ unterrichtet hatte – eben der Grassy Park High School, auf die ich auch gegangen bin. Damit war klar, dass ich dieses Buch lesen muss. Wie das so ist: Lesezeichen gesetzt und erstmal wieder vergessen. Jetzt aus den Archiven geholt und über weite Stellen verschlungen.

Finnegan ist eigentlich, wie gesagt, nur auf Weltreise und landet in Südafrika, damals noch mitten in der Apartheid. Da ihm das nötige Kleingeld fehlt und Lehrer immer knapp sind, verdingt er sich kurzerhand als Lehrer an einer High School für „Coloureds“, also für diejenigen Schüler, die auf der strikten Apartheids-Skala zwischen Schwarzen und Weißen stehen. Es fehlt nahezu an allem, die Lehrpläne sind hoffnungslos ohne Niveau und darüber hinaus hat Finnegan erst einmal gar keine gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, aber trotzdem stürzt er sich recht idealistisch in seine neue Aufgabe.

Er wird Zeuge der ganz alltäglichen Schikanen, denen alle Nicht-Weißen damals in Südafrika ausgesetzt waren und bemerkt auch die zunehmende Politisierung und Radikalisierung seiner Schüler, die dann im Laufe des Schuljahres in einen weitreichenden Boykott gegen das Regime mündete. Das alles beschreibt er anschaulich mit sehr genauer Beobachtungsgabe, das Lesen ist sehr spannend – vor allem natürlich (aber nicht nur), wenn man sich vor dem inneren Auge alles zumindest so grob vorstellen kann. Einige der Eigenarten und Verhaltensweisen haben sich offensichtlich über diese gut 20 Jahre hinübergerettet, denn bekannt war mir doch das eine oder andere.

Namen usw. wurden aus Sicherheitsgründen offenbar geändert und grundsätzlich ist es natürlich möglich, dass das Ganze an einer anderen Schule in Kapstadt oder irgendwo anders im Land stattgefunden hat – es ist eine wahnsinnig interessante Erzählung aus einem ziemlich absurden Land, die exemplarisch für die frühen 1980er Jahre stehen kann.

Spannend fand ich die persönliche Entwicklung, die Finnegan auch durchaus selbstkritisch beschreibt. Er geht zunächst ein wenig wie der gute Weiße Mann an die Sache ran: Zwar mit großem Interesse an den Südafrikanern, aber doch mit einer gewissen Überzeugung, dass er als Amerikaner einen besseren Unterricht machen kann und seinen Schülern noch wirklich etwas beibringen kann. Man merkt, wie dieser Idealismus im Laufe des Schuljahres schwindet, dass Finnegan jedoch immer großen Respekt und eine große Verbundenheit zu diesem speziellen Teil Südafrikas verspürt. Letztlich ist es allerdings immer klar, dass er als Weißer, noch dazu als Ausländer, nie wirklich wissen kann, wie es ist, als „Coloured“ während der Apartheid zu leben – alle alltäglichen Schikanen treffen ihn eben nie wirklich, und zum Feierabend fährt er wieder zurück in sein weißes, alternatives Studentenviertel. Das meint er mit „Crossing the Line“ – es ist immer eine Linie da, die er täglich überquert und die für seine Schüler und Kollegen aus Grassy Park eine tatsächliche Grenze darstellt.

ISBN: 978-0-89255-325-9
426 Seiten
keine deutsche Übersetzung bekannt
Persea Books
€16,99

Berts dagbok – Sören Olsson/Anders Jacobsson

11. September 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Bert Ljung hat mich ja durch meine Jugend begleitet und ich tippe mal, dass ich damit nicht alleine bin. Als eine Freundin meinen automatischen Goodreads-Post zu dem Buch bei Facebook sah, kommentiert sie, dass sie und ihr Bruder auch alle Bücher dieser Reihe gelesen hätten. Ich hatte vor einigen Jahren den ersten Teil der Reihe auf Schwedisch erstanden und habe ihn jetzt in Vorbereitung eines Schweden-Kurztrips vor Kurzem endlich mal durchgelesen. Kinder- und Jugendbücher sind ja immer dankbare Lektüre in Fremdsprachen… 😉

Bert ist 11 und über beide Ohren verliebt in Rebecka aus seiner Klasse. Vereinzelte Bemühungen, bei ihr zu landen, fruchten nicht, was aber Bert nicht anficht, da er sich sowieso bald entliebt hat und nur noch an eine (andere) denken kann: Nadja Nilsson von der Jungbergschule, die er bei der Schuldisco gesehen hat. Er ruft sie sogar heimlich unter falschem Namen an, trotz ihrer drei gemeingefährlichen Brüder. Dumm nur, dass er zur Tarnung den Namen seines besten Freundes Åke verwendet hat, denn als Nadja schließlich rausrückt, dass sie sich leider, leider in Åkes Freund Bert verguckt hat, muss sich ebendieser eine gute Ausrede einfallen lassen…

Ansonsten hat Bert unter seiner ersten Brille und unter seinem Vornamen zu leiden, kommt zusammen mit Åke regelmäßig auf dumme Ideen, versucht ständig, seine letztlich doch fehlende Coolness zu überspielen und sich irgendwie gegen den Klassenchaoten Klimpen durchzusetzen.

Stellvertretend hier noch ein paar Worte zu der restlichen Reihe: Ich glaube, es gibt für jedes Alter von Bert einen Band, bis er 18 ist. Was hier noch harmlos anfängt, wird dann später mehr und mehr durch Berts Pubertät und die damit verbundenen Schwierig- und Peinlichkeiten geprägt. Unterm Strich bleibt Bert der ewig verhinderte Liebhaber, der übers Fummeln nicht herauskommt – was ihm schwer zu schaffen macht.

Aber davon ist, wie gesagt, in diesem Band noch nichts zu spüren. Der Stil dürfte vor allem Jugendliche ansprechen, die etwa im gleichen Alter von Bert sind. Der Humor ist altersentsprechend und für Erwachsene bisweilen etwas albern. Aber ich lasse auf Bert nichts kommen, bei der Erstlektüre habe ich regelmäßig Tränen gelacht. Insofern stellvertretend hier die Empfehlung für diese Fast-schon-Klassiker – auf das auch die nächste Generation zusammen mit Bert erwachsen werden kann.

ISBN: 91-29-62828-8
153 Seiten
Deutscher Titel: Berts gesammelte Katastrophen
Rabén & Sjögren
Preis unbekannt (deutsche Ausgabe: €9,90)

P.S. I love you – Cecelia Ahern

12. Juni 2012 § 2 Kommentare

Holly und Gerry sind eines dieser seltenen perfekten Pärchen: Kennen sich seit der Teeniezeit, waren seitdem immer zusammen und sind Seelenverwandte. Umso härter trifft es Holly, als bei Gerry ein Hirntumor diagnostiziert wird und er bald darauf stirbt. Sie ist jetzt gerade mal 30 und schon verwitwet. Klar, dass sie erstmal jeder Lebensmut verlässt und sie sich nicht vorstellen kann, wie sie ihr restliches Leben ohne Gerry bestreiten soll. Doch dann erfährt sie, dass Gerry ein Päckchen für sie bei ihren Eltern hinterlegt hat. In diesem Päckchen: Zehn Briefe, einer für jeden restlichen Monat in diesem Jahr. An jedem Ersten darf sie einen Brief mit einer Nachricht von Gerry öffnen. Mit kleinen Ratschlägen und Aufgaben will er sie möglichst gut darauf vorbereiten, auch ohne ihn weiterzuleben. Das sind so kleine Dinge wie das Kaufen einer Nachttischlampe (weil sie sich im Dunkeln immer die Zehen am Bettpfosten angeschlagen hat), schöne Überraschungen wie ein gemeinsamer Urlaub mit ihren zwei besten Freundinnen Denise und Sharon, aber auch Herausforderungen – Gerry hat die absolut unmusikalische Holly zu einem Karaokewettbewerb angemeldet und bittet sie, sich von seinen Klamotten und anderen Habseligkeiten zu trennen.

Holly stürzt sich also in ein Wechselbad der Gefühle, tatkräftig unterstützt von ihren Freunden und ihrer großen und etwas chaotischen Familie. Und schwierig wird es natürlich auch, etwa als Denise sich verlobt und Sharon die frohe Botschaft verkündet, schwanger zu sein – das alles erinnert Holly daran, was sie alles nicht mehr haben kann.

Daniel, der Besitzer ihres Stammpubs, ist einer der wenigen in ihrem Freundeskreis, der ebenfalls Single ist, und beide unterstützen sich gegenseitig während der üblichen Pärchenabende – bald aber entwickeln die beiden Gefühle füreinander und Holly muss sich fragen, ob sie schon bereit ist für eine neue Beziehung.

Naja, man muss ja immer aufpassen, welche Maßstäbe man an Bücher eines bestimmten Genres anlegt. Man darf bei solchen Chick Lit-Schmökern ja auch nicht zu kritisch sein. Klar ist es ab und an kitschig und nicht sonderlich realistisch, aber wer so ein pastellblau-pinkes Buch mit Pünktchen auf dem Cover in die Hand nimmt, erwartet ja auch keine tiefsinnige Handlung, oder? Also: „P.S. I love you“ ist eine nette Herzschmerz-Lektüre, die fein ausbalanciert das Traurige und Lustige vereint. Es wird einem leicht gemacht, die Charaktere zu mögen und man sieht die Wendungen auch ohne Weiteres voraus. Also alles schön locker-leicht und fluffig – ich glaube, sowas nennt man „Wohlfühlbuch“.

ISBN: 978-0007165001
503 Seiten
Deutscher Titel: P.S. Ich liebe dich
Harpercollins
€6,99

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