ZERO. Sie wissen, was du tust – Marc Elsberg

25. März 2015 § 2 Kommentare

IMG_8069Von Elsbergs Erstling „Blackout“ war ich ja ziemlich angetan und da ich die ganze Big Data-Thematik sehr spannend finde, habe ich mich gefreut, als ich „ZERO“ geschenkt bekommen habe.

Auch ZERO hat wieder ein Szenario zur Grundlage, das gar nicht mal sooo unrealistisch ist. Wir müssen uns dafür nur ein paar Jahre in die Zukunft denken, denn alle Technologien, um die es hier geht, gibt es auch heute schon.

Der neue heiße Scheiß in dieser Geschichte ist ein Netzwerk namens „Freeme“: Jedem Nutzer gehören seine aggregierten Daten und er kann entscheiden, was mit ihnen passiert und auch, welchen Wert sie haben. Klar, dass alle den Wert ihrer Daten stetig verbessern wollen, denn es gibt Rankings und Scores, so dass jeder immer nachprüfen kann, wie wertvoll seine Persönlichkeit und sein Können aktuell sind. Und um das alles zu verbessern, gibt es dann die ActApps, die für alle möglichen Lebenslagen Ratschläge geben. In erster Linie geht es natürlich um ein besseres, gesünderes und zufriedeneres Leben, mit dem netten Nebeneffekt, dass die Erfolgreichen auch ihren Datenwert steigern können.

Gut, das an sich ist jetzt nicht so tragisch. Vi, die Tochter der Journalistin Cynthia, ist dank der ActApps besser in der Schule geworden, hat ihre etwas schwierige Emophase überstanden und benimmt sich allgemein zugänglicher und erwachsener (und Mama Cynthia lässt sich immerhin von einer App schon Flirttipps einflüstern, um diesen einen knackigen IT-Experten rumzukriegen für sich zu gewinnen). Doch dann passiert ein Unglück: Einer der Freunde von Vi hat sich mit einer Datenbrille auf Verbrecherjagd begeben und wurde dabei erschossen. Und natürlich wird diskutiert: Haben ihn diese ActApps dazu gebracht, mutig und zu wagehalsig zu werden, um seine Werte zu verbessern? Ist Freeme etwa gefährlich?

Befeuert wird die Debatte zusätzlich vom Hackerkollektiv ZERO, das mit einigen spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht und sein Ziel, die „Datenkraken“ zu vernichten, dabei mehr als deutlich artikuliert hat.

Cynthia ist zunächst überfordert, da sie mit diesen ganzen neuen Technologien nie wirklich Schritt gehalten hat. Plötzlich ist sie als Mutter gefragt, aber auch in ihrem Job als Journalistin: Wegen ihrer direkten Nähe zu dem Fall soll sie davon berichten. Gemeinsam mit Kollegen versucht sie, hinter Freemes Geheimnis zu kommen und begibt sich damit auf ein vermintes Terrain – denn das Netzwerk will sich natürlich nicht in die Karten schauen lassen und auch ZERO mischt kräftig mit.

Ich muss sagen, mich hat die ganze Geschichte etwas zwiegespalten zurückgelassen. Klar, die Thematik ist super-spannend und die Story könnte aktueller nicht sein. Auf der anderen Seite schien die Geschichte nicht als solche zu leben, sondern in erster Linie dem Namedropping zu dienen. So sprechen die Charaktere manchmal, als zitierten sie gerade aus der Wikipedia. Ich bin mir bewusst, dass dieses Buch eine große Rechercheleistung darstellt und man merkt, dass Elsberg diese Sache recht gründlich erledigt hat. Allerdings hätten die Protagonisten ruhig etwas lebendiger und dreidimensionaler und die Dialoge etwas natürlicher sein dürfen.

Ich will das Buch hier aber nicht zu schlecht machen: Es ist auf jeden Fall ein ganz guter Einstieg in die Big Data-Thematik und zeigt einige der Probleme auf, mit denen wir uns in den nächsten Jahren wohl beschäftigen dürfen.

Im Übrigen, um gleich mal beim Thema zu bleiben: Ich bin ab heute bis Freitag bei der Herrenhäuser Konferenz der Volkswagen Stiftung „Big Data in a Transdisciplinary Perspective“ dabei – als eine der Science Reporter werde ich darüber bei Twitter, Facebook und eventuell auch hier im Blog berichten (ansonsten lautet der Hashtag #hkbigdata). Ich freue mich auf die Konferenz und auch darauf, wenn der ein oder die andere von euch sich dafür interessiert!

Corpus Delicti – Juli Zeh

15. März 2015 § 4 Kommentare

Nachdem ich von meiner ersten Zeh-Lektüre so begeistert war, IMG_8065habe ich mich jetzt an einen ihrer aktuelleren und vielgelobten Romane gemacht. Und ich konnte mir schon im Vorfeld denken, warum „Corpus Delicti“ so gut ankam: Es scheint einen Nerv zu treffen. Thema ist die zunehmende Fokussierung auf den (gesunden) Körper, die Rhetorik der Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Abwälzung gesamtgesellschaftlicher Belastungen auf den Einzelnen: Wenn du nicht auf dich selbst achtest, dich nicht gesund ernährst, übergewichtig bist und zu wenig Sport treibst, kostet du die Gesellschaft (zu) viel Geld.

Zeh hat sich dafür in eine dystopische Zukunft begeben, wo diese Haltung zur Staatsräson geworden ist: Alle Menschen sind gesund und glücklich, die allermeisten von ihnen haben noch nie Schmerzen gespürt, es gibt keine Krankheiten mehr. Das klingt jetzt auf Anhieb gar nicht mal so schlecht. Dafür muss sich allerdings jeder Bürger und jede Bürgerin einem engmaschigen Überwachungsregime unterwerfen: Der Staat gibt Fitnessprogramm und Urintests vor und verwarnt bei Lässigkeit. Partnerschaften werden über Portale geknüpft, die eine möglichst große Passgenauigkeit der jeweiligen Immunsysteme berechnen (OkCupid weitergedacht, wenn man so will) und „die Methode“ zur Gesunderhaltung hat die Stelle der Religionen eingenommen.

Mia Holl scheint in dieses System nicht recht zu passen: Sie lässt sich nicht einlullen, sie ist Naturwissenschaftlerin und kann ihr entsprechend geschultes Denken nicht an der Labortüre abgeben. Doch sie muss einen Schicksalsschlag verkraften, was ihr zunehmend schwer fällt: Ihr Bruder Moritz hat sich im Gefängnis das Leben genommen, er war beschuldigt worden, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Mia glaubt fest an die Unschuld ihres Bruders und gerät in ihrer Trauer, ohne es wirklich zu wollen, immer stärker in Opposition zur Methode, die in schöner totalitaristischer Tradition selbstverständlich keinerlei Abweichung duldet und Mia mit zunehmender Härte auf Linie zu zwingen versucht.

Es hat zugegebenermaßen etwas gedauert, ehe ich mit dieser Geschichte warm wurde. Mir waren die Dialoge anfangs zu gestelzt, zu plakativ. Aber dann machte es irgendwann „klick“ und ich bin dahintergestiegen, wie diese Geschichte funktioniert. Auf einmal zeigten sich immer mehr Parallelen zu aktuellen Entwicklungen: Einzelne Aussagen oder Meinungen, die schon heute in dieser Form getätigt werden und die hier nur noch zugespitzt und konsequent zu Ende gedacht sind. Dazu gehört wohl, die Charaktere weniger als vollständige Persönlichkeiten, sondern eher als Rollen anzulegen, die eine bestimmte Funktion im Stück einnehmen.

Ich glaube, Zeh ging es gar nicht darum, die Protagonisten besonders lebensnah darzustellen; jedenfalls habe ich die Geschichte nicht so gelesen. Es erschien mir eher als Parabel, als Möglichkeit, als Weiterdenken. Und dann funktioniert dieses Buch auch. Ich würde es – wie die meisten Dystopien – als Warnung lesen und als Handlungsaufforderung: Seid kritisch und reflektiert, was man euch erzählen will. Macht euch euren eigenen Kopf. Und lest dieses Buch.

Apokalypse jetzt! – Greta Taubert

3. Januar 2015 § 7 Kommentare

IMG_7953Greta Taubert treibt eine Frage um: Gibt es Alternativen zu unserer konsumgetriebenen Gesellschaft? Wie wäre sie selbst vorbereitet auf den großen Crash? Ihr Antwort zu Anfang des Buchs: Nicht besonders gut. Als 30something kennt sie nur den Überfluss in den Geschäften, die ständige Verfügbarkeit aller wichtigen (und unwichtigen) Güter, ohne dafür etwas tun zu müssen – außer Geld oder die Kreditkarte über den Tresen zu schieben.

Greta will das ändern und gibt sich ein Jahr, um sich auf die Apokalypse vorzubereiten. Dabei geht es hier mitnichten darum, zum Prepper zu werden oder sich irgendwelche weltfremd-abgehobenen Luftschlösser zu bauen – klar beginnt sie bei dem Naheliegendsten: Das Futtern. Sie spricht mit Typen, die Notfallkisten verkaufen, trifft Kräutersammlerinnen und Pilzzüchter. Nach und nach taucht sie aber tiefer in die Welt derjenigen ein, die Alternativen zu unserer Konsumgesellschaft leben und verschiedene Bereiche anders gestalten wollen: Moderne Nomaden, Tramper, Couchsurfer, Mülltaucher oder Bewohner von alternativen Wohnprojekten. Von ihnen inspiriert macht sich Greta Gedanken, auf was es wirklich ankommt, wenn die gewohnten Strukturen zusammenbrechen – oder einfach, wenn man sein Leben ein bisschen besser und nachhaltiger gestalten will.

Mir hat der Stil dieses Buches echt gut gefallen. Greta berichtet direkt und ehrlich, sie gesteht sich Vorbehalte und Zweifel offen ein, macht aber auch keinen Hehl aus ihrer wachsenden Begeisterung für ihre Entdeckungen. Wo ihre Berichte anfangs eher getrieben waren von der Angst, was nach dem großen Crash kommen könnte und ob man dann irgendwie das gewohnte Leben weiterführen könnte, steht am Schluss der Expedition die Erkenntnis: Wenn alles anders wird, wäre das vielleicht gar nicht so tragisch. Denn das muss nicht unbedingt den Weltuntergang bedeuten.

Wie ich fand: Ein interessantes, gedankenanregendes und trotzdem witziges Buch ums Überleben und Besser leben.

Die Korrekturen – Jonathan Franzen

30. Dezember 2014 § 7 Kommentare

IMG_7950Das Statement, das ich am häufigsten gehört habe, während ich „Die Korrekturen“ gelesen habe? „Ach ja, das hab ich auch mal angefangen. Bin aber nicht weit gekommen, ich fands zu langatmig/langweilig/doof!“. Haha, ja, an dem Punkt war ich auch einige Male. Wenn die Protagonisten mal wieder überhaupt nicht klarkamen und sich ad nauseam mit irgendwelchen Scheißproblemen (durchaus auch mal im Wortsinne) beschäftigt haben. Und dann habe ich mich doch weiter durchgebissen (warum auch immer) und habe dann ein paar Seiten später wieder herzhaft gelacht und das Lesen genossen. Und ich bin immer noch nicht wirklich dahintergestiegen, was genau an diesem Buch diese etwas extremen Reaktionen in mir ausgelöst hat.

Bei den „Korrekturen“ geht es um Familie Lambert aus dem Mittleren Westen der USA. Enid und Alfred haben drei erwachsene Kinder, Gary, Chip und Denise, und genug eigene Probleme: Alfred ist auf dem Weg in die Demenz und zusätzlich durch Parkinson und weitere Gebrechen gehandicapt. Enid ist eigentlich die Optimistische und Unternehmenslustigere, sie ordnet sich aber dem zunehmend starrsinnigen Alfred unter.

Und auch bei den Kindern täuscht die Fassade gewaltig: Gary ist zwar beruflich erfolgreich, hat eine schöne Frau und drei gesunde Kinder, schrammt aber regelmäßig knapp an einer Depression vorbei. Chip, der Mittlere, arbeitet mitnichten beim „Wall Street Journal“, wie Enid gerne erzählt, sondern bei irgendeinem drittklassigen Käseblatt, das halt nur einen ähnlichen Namen hat. Das aber erst, nachdem er wegen einer Affäre mit einer Studentin seinen vielversprechenden Dozentenjob an einer Uni verloren hatte. Und zum Schluss landet er in Litauen, wo er einem (Ex-)Politiker bei, ich sag mal, dubiosen „Internet-Aktivitäten“ behilflich ist. Und Denise, die Starköchin? Sie ist tatsächlich gefeiert in ihrem Job, hatte einen Kollegen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant geführt. Dann kam die Scheidung und ein neuer Job, bei dem sie jedoch gefeuert wurde, weil sie mit der Frau ihres Chefs eine Affäre angefangen hat.

Und in diesem ganzen Durcheinander will Enid eigentlich nur noch eines: Ein letztes Mal Weihnachten feiern, gemeinsam mit der ganzen Familie, mit Kindern und Enkeln.

Ja, also, wie gesagt. Dieses Buch hat in mir sehr zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich gebe zu: Am Schluss wars erst einmal die Freude, es endlich geschafft zu haben. Doch irgendwie bin ich ja doch immer bei der Stange geblieben, über alle Längen und sinnentleerten Dialoge hinweg. Das mag daran gelegen haben, dass da dann doch so ein Sprachwitz durchblitzte, den ich mochte, und dass hinter alldem das Wissen stand, dass man die Schilderung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie um die Jahrtausendwende vor sich hat, die nicht allzu weit hergeholt zu sein scheint.
Ob man dieses Buch jetzt allerdings unbedingt gelesen haben muss – ich weiß es nicht. Franzen macht es einem recht schwer, dabei zu bleiben, vor allem durch die tatsächlich sehr langatmigen Schilderungen und die samt und sonders unsympathischen Charaktere. Verlorene Lebenszeit wars nicht, aber wirklich was gewonnen hab ich dabei auch nicht.

Der futurologische Kongress – Stanisław Lem

1. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Ich wage mich selten genug ins Sci-Fi-Genre vor – wobei ich bei diesem Buch gar nicht mal so sicher bin, ob man es überhaupt in diese Richtung kategorisieren sollte. Wie dem auch sei: Fantastisches und irgendwie Irreales finden bei mir eher selten den Platz ins Regal. Und des Öfteren – wie auch nach dem Lesen dieses Buches – denke ich mir, dass sich das mal zumindest ein wenig ändern dürfte.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Ijon Tichy – seines Zeichens Weltraumfahrer – nehmen wir am namensgebenden Futurologischen Kongress teil. Dieser findet in Costricana statt, das der Beschreibung nach am ehesten einem mittelamerikanischen Polizeistaat gleicht. Tichy weiß auf seine humorige, vielleicht etwas naive Art von allerlei eigenartigen Vorkommnissen zu berichten. Seien es die seltsam anmutenden Parallelveranstaltungen im großen Tagungshotel, seien es die Schutzausrüstung in seinem Zimmer oder die Kämpfe, die irgendwo draußen zwischen der Regierung und verfeindeten Kräften toben. Auch der Kongress selbst ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen: Zu Beginn werden umfangreiche Tagungsunterlagen ausgegeben und die einzelnen Redner verweisen nur noch auf Seiten- und Zeilenzahlen, um ihre Meinungen zu unterstreichen.

Doch schnell werden die Kämpfe heftiger, das Hotel wird bombardiert und Tichy ist gezwungen, mit einigen anderen Teilnehmern Zuflucht in der Kanalisation unter dem Hotel zu suchen. Doch nicht nur herkömmliche Munition wird verwendet – die Regierung wirft so gegannte Bemben ab, die statt Sprengstoff bestimmte psychoaktive Substanzen enthalten. Wenn Lebewesen damit in Berührung kommen, sind sie nicht mehr in der Lage, einander Gewalt anzutun, sie werden im Gegenteil selbstlos und harmoniebedürftig.

Trotz aller Schutzmaßnahmen sind auch die Geflüchteten in der Kanalisation den Stoffen ausgesetzt und in der Folge durchlebt Tichy einige etwas abgedrehte Visionen, in denen er wahlweise durch die Luft fliegt oder zu ganz anderen Personen wird. Doch nach kurzer Zeit erwacht er wieder in den Eingeweiden des Hotels, bis er schließlich bei einem Angriff so schwer verletzt wird, dass für ihn in seinem alten Körper kaum eine Überlebenschance besteht. Es ist jedoch möglich, Menschen einzufrieren und in der Zukunft wieder auftauen – dann, wenn eine Heilung für die Krankheit oder die Verletzung gefunden worden ist. So wird Tichy mehrere Jahrzehnte später aufgetaut und ist tatsächlich auch wieder hergestellt. Er findet eine schöne und friedliche Welt vor, in der alle gut gelaunt zu sein scheinen. Doch nach und nach entdeckt Tichy, was dahintersteckt: Die Wirklichkeit wird verdeckt und vernebelt durch die zahlreichen Substanzen, die die Menschen zu sich nehmen und mit denen sie im Handumdrehen jede denkbare Stimmung erzeugen können. Das, was sie um sich herum wahrnehmen, ist also nichts anderes als eine Illusion. Doch kann man sich dann überhaupt noch auf irgendetwas verlassen?

Ein höchst spannendes Thema hat sich Lem als Hintergrund für diese Geschichte ausgedacht. Wenn euch diese Beschreibung an Matrix erinnert oder an solche Innovationen wie Oculus Rift, mit denen wir ebenfalls in virtuelle Umgebungen abtauchen können, liegt ihr nicht ganz falsch. Hier ist diese Entwicklung bereits um einiges weiter gedacht – und das bereits in den 1970er Jahren und verpackt in allerhand Sprach- und Aberwitz. Wer bereit ist, sich auch mal auf ein Experiment einzulassen, liegt mit diesem Buch auf keinen Fall verkehrt.

Deutschlandreise – Roger Willemsen

27. Oktober 2014 § 2 Kommentare

IMG_7940Gelegentlich mache mich während des Lesens Notizen zum Buch bei Goodreads. Die zu „Deutschlandreise“ sagen letztlich schon alles:

– Erstmal wieder beiseite gelegt – auf den ersten Seiten nur einsame, ältere Menschen. Grade keine Lust drauf. (Januar 2013)
– Neuer Versuch. (Oktober 2014)
– Dieses Deutschland muss ja verdammt deprimierend sein… (Status etwa bei der Hälfte)

Willemsen reist also quer durchs Land, ein paar Jahre/kurz nach der Jahrtausendwende und schreibt auf, was er so beobachtet. Zuerst ist diese leichte Melancholie, das Beschreiben kleiner Schwächen und Sonderlichkeiten, komischer Gestalten und eigenartiger Orte noch zumindest ein bisschen charmant, es begann mich aber bald brutal zu nerven. Mir fehlte die Leichtigkeit, der Humor, der Optimismus, einfach die guten, netten, schönen Seiten. Stattdessen: Abgehängte Menschen und abgewrackte Hotels und Orte, die man eigentlich als viel schöner und einladender im Erinnerung hat, als Willemsen sie hier beschreibt (Und ja, eigentlich ist es echt witzig, wenn er Orte beschreibt, die man selbst gut kennt. Eigentlich.).

Zwischendurch blitzt schon ein bisschen Humor und Sprachwitz auf, man findet gelungene Formulierungen und denkt sich zum Schluss doch wieder: „Ey, in diesem Deutschland willste auch nicht tot überm Zaun hängen!“.

Back to Blood – Tom Wolfe

1. September 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7930Ein passendes Genre für diese Geschichte zu finden, ist gar nicht so leicht. Vielleicht am ehesten „Multikulti-Satire-Roman“? Es geht jedenfalls um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, um Gewinner und Verlierer – und letztlich fällt alles immer darauf zurück, von woher die eigenen Eltern oder sonstige Ahnen irgendwann mal eingewandert sind.

Nestor Camacho ist Mitte 20 und Polizist. Eines Tages fällt ihm die unangenehme Aufgabe zu, einen kubanischen Flüchtling von einem Bootsmast zu holen. Nestor hat ihm zwar wahrscheinlich das Leben gerettet, der Flüchtling konnte dadurch aber nicht den rettenden amerikanischen Boden erreichen und wird wahrscheinlich nach Kuba zurückgeschickt.

Nestor ist dummerweise selbst kubanischstämmig und für seine Community fortan ein Verräter. Seine Familie will nichts mehr von ihm wissen und sogar seine Freundin Magdalena verlässt ihn.

Magdalena wiederum will unbedingt gesellschaftlich aufsteigen und schläft deswegen mit ihren Chef, einem Psychiater für Pornografiesüchtige. Sie findet ihn eigentlich gar nicht mal so scharf, aber er kann sie eben in die High Society Miamis einführen. Dadurch lernt sie viele wichtige und einflussreiche Leute kennen, unter anderem den russischen Millionär Sergej Koroljow. Sergej ist so charmant und kultiviert, kurzum: viel attraktiver als ihr Chef, weswegen sie diesen abserviert und mit jenem in der Kiste landet. Was sie nicht weiß: Koroljow hat möglicherweise ziemlichen Dreck am Stecken und ausgerechnet ihr Ex Nestor versucht, ihm auf die Schliche zu kommen.

Nestor nämlich wird von John Smith kontaktiert, einem weißen Journalisten, der über seine Heldentat berichtet hatte. Denn für alle Nicht-Kubaner hat der durchtrainierte Nestor eine wahre Heldentat vollbracht, als er da einfach so auf den Mast kletterte und dem armen Flüchtling das Leben rettete. Und Smith hat noch eine weitaus spannendere Geschichte auf Lager: Koroljow hat einem Museum in Miami Kunstwerke im Wert von mehreren Millionen Dollar gestiftet – das Museum trägt sogar seinen Namen. Die Kunstwerke sollen aber gefälscht sein und John will gemeinsam mit Nestors Hilfe herausfinden, ob an diesem Verdacht etwas dran ist.

Wolfe hat es auf jeden Fall geschafft, einige sehr sympathische Charaktere zu schaffen, die er in eine ebenfalls gute und interessante Story einbindet. Manchmal ist die Geschichte etwas zäh und langatmig geraten, es gab einige Handlungsstränge, die nicht (oder nicht in dieser Länge) notwendig gewesen wären. Das Ganze ist außerdem als Satire zu lesen. Deswegen ist manches überzeichnet und over the top, aber unterm Strich ist das hier ein unterhaltsam zu lesender Roman über die moderne amerikanische Multikultigesellschaft.

ISBN: 978-3896674890
768 Seiten
Originaltitel: Back to Blood
Karl Blessing Verlag
€24,99

11.9.: Zehn Jahre danach – Der Einsturz eines Lügengebäudes – Mathias Bröckers/Christian C. Walther

8. Juni 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Es ist ja so: Verschwörungstheoretiker würden sich selbst ja nie als solche bezeichnen. Denn sie wissen es ja besser und kennen die „Wahrheit“. Insofern klinge ich wohl nicht sonderlich glaubwürdig, wenn ich jetzt behaupte, ich hätte dieses Buch nur aus Interesse gelesen und fände alle diese Ideen von vorneherein schwachsinnig… Aber es ist wirklich so, dass ich mich für Verschwörungstheorien an sich interessiere und gerade diejenigen um die Anschläge vom 11. September spannend finde. Ich versuche also hier mal eine Rezension zu einem Werk aus dem „kritischen“ Spektrum – und das ganz ohne Aluhut:

Zuerst einmal: Ich möchte gar nicht ausschließen, dass uns einzelne Fakten rund um den 11. September noch nicht bekannt sind und dass wir manches vielleicht zu unseren Lebzeiten auch gar nicht mehr erfahren werden. An irgendwelche Theorien à la „inside job“, „Der Mossad war’s!“ und Ähnliches glaube ich allerdings noch weniger (vielleicht bin ich aber einfach noch nicht ausreichend gehirngewaschen, wer weiß das schon…).
Vor allem Herr Bröckers ist in diesem Metier kein Unbekannter und wird in der Regel offen als Verschwörungstheoretiker bezeichnet. Er selbst versucht in seinem Buch zunächst, eine Zwischenposition einzunehmen: Er kritisiert Vertreter der offiziellen Version ebenso wie die Hardcore-Truther (wobei für ihn beide Seiten mit Verschwörungstheorien arbeiten, was die aufmerksame Leserin schon etwas skeptisch macht) und stellt jede Menge Fragen. Das schien mir der Hauptaugenmerk seines Buches zu sein: Die offenen Fragen darzustellen und die Fakten zusammenzutragen, die eben belegen sollen, dass hier noch längst nicht alles ausdiskutiert und bewiesen ist. Er zitiert Zeugen und Dokumente, zeigt Ungereimtheiten in den offiziellen Versionen auf und bringt aber so nach und nach seine eigene Theorie ins Spiel, die dann gar nicht so weit von den klassischen Verschwörungstheorien abweicht. Letztlich war auch für ihn der 11. September ein Anschlag, der so ohne das Wissen und die Unterstützung der amerikanischen und befreundeten Geheimdienste nie hätte passieren können.

Also, ja. Wer sowieso nicht an die offizielle Version glaubt, wird dieses Buch toll finden. Alle anderen halten es für Mist. Eine eigene Bewertung kann ich mir wohl also schenken.

ISBN: 978-3938060483
320 Seiten
Westend
€12,99 (ebook)

A Brief History of Misogyny – Jack Holland

27. April 2014 § Ein Kommentar

IMG_7729Yeah, jetzt wird endlich mal wieder die „Frauen“-Ecke bespielt hier im Blog! Ich habe ein schönes Sachbuch aufgetan, das sich im Schnelldurchlauf, aber dafür sehr lesbar und kompakt der Frage widmet, wie es zu der teils massiven Diskriminierung von Frauen durch Männer kommen konnte, deren Folgen auch heute noch nicht wirklich verschwunden sind.

Wir hatten ja im Lauf der Geschichte (und auch heute noch) immer wieder Gruppen, die andere diskriminieren. Im Nachhinein wirkt sowas meistens vollkommen lächerlich und willkürlich, aber oft wirken bestimmte Stereotype noch lange nach und beeinträchtigen das Leben der Betroffenen. Die Misogynie, also die Frauenfeindlichkeit, ist mit eine der nachhaltigsten Diskriminierungen und eine der am weitesten verbreiteten. Jack Holland versucht in seinem Buch, der Sache auf den Grund zu gehen: Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass eine Hälfte der Menschheit die andere zum Teil brutal unterdrückte und dies unwidersprochen mit allerlei kruden Theorien rechtfertigen konnte? Und vor allem: Was ist so mächtig an diesen Ideen, dass sie heute noch nachwirken?

Tja, die Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung ist ein Gemisch aus einzelnen Irrtümern, unschmeichelhaften Schöpfungsmythen und dem gestörten Verhältnis zu Frauen und ihrer Sexualität, das einige wenige (aber leider einflussreiche) Männer hatten. Anfangs wurden die Unterschiede der Geschlechter und die Unterlegenheit der Frauen als gottgewollt dargestellt, später kamen noch pseudo-biologische Thesen dazu – und ruck-zuck hatte man Machtstrukturen, die nahezu unumstößlich waren, denn wer wird sich schon trauen, gegen Gott oder die Natur zu argumentieren?

Ich muss sagen: Ich bin manchmal wirklich erschrocken während des Lesens. Dann nämlich, wenn Holland über gewisse Praktiken, Vorurteile und unumstößliche Auffassungen berichtet und ich das Gefühl hatte: So weit haben wir uns davon doch noch gar nicht entfernt! Manche Ideen sind nahezu Zombies, die in den Debatten immer wieder auftauchen. Vielleicht mit anderen Begrifflichkeiten, vielleicht in anderen Kontexten. Klar sind wir heute differenzierter und aufgeklärter, aber wir tun uns noch immer schwer, manche althergebrachten Klischees einfach mal in Frieden sterben zu lassen, gerade wenn sie durch sämtliche neuen Erkenntnisse ein für alle Mal wiederlegt wurden.

Und noch etwas habe ich gemerkt: Ich kann solche Bücher nicht objektiv lesen. Ich bin selbst eine Frau und auch wenn ich jetzt nicht gleich deswegen mit erhobener Faust in den Geschlechterkampf ziehen möchte (obwohl… Zu den Waffen, Schwestern! :D), lässt mich so etwas nicht kalt. Zusätzlich hilft dieses Buch zu verstehen, was für ein langer Kampf hinter den modernen feministischen Debatten steht. Man kann etwas besser nachvollziehen, dass jede Frau von Misogynie betroffen ist, egal, ob sie im Alltag direkt Nachteile dadurch hat oder ob diese Stereotype ihr eher indirekt begegnen. Und – das gilt für alle – man denkt mal darüber nach, wie bescheuert es ist, eine Person schlechter zu stellen, nur weil sie keinen Penis hat (und wie viel Potenzial, Wissen und Talent den Gesellschaften über die Jahrhunderte verloren gegangen ist, weil sie es doch immer wieder getan haben).

ISBN: 978-1845293710
338 Seiten
Deutscher Titel: Misogynie: Die Geschichte des Frauenhasses
Robinson
€14,59

 

The Attack – Yasmina Khadra

8. Februar 2014 § Ein Kommentar

IMG_7660Amin Jaafari und seine Frau Sihem sind ein modernes israelisches Paar: Er ist als Chirurg hoch angesehen, beide haben einen illustren, gut situierten Freundeskreis und sind als israelische Araber absolut integriert.

Eines Tages erfährt Amin von einem Selbstmordanschlag in einem Café in Tel Aviv, er behandelt selbst bis in die Nacht viele der Opfer. Als er aus dem OP kommt, wird er bereits erwartet: Ein Freund der Familie teilt ihm mit, Sihem sei unter den Toten gewesen – und sie wiese die typischen Verletzungen auf, die sonst die Selbstmordattentäter hatten.

Amin wirft das vollkommen aus der Bahn und er durchlebt in den nächsten Tagen sämtliche Phasen: Zunächst leugnet er alles – Sihem war so nicht, sie hat keinen Grund dazu gehabt, er hat sie doch geliebt, auf Händen getragen, was hätte ihr fehlen können? Er wird schier verrückt, weil er sich auf das Ganze keinen Reim machen kann, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Dazu wird er angefeindet – er, der Mann einer Mörderin, der nichts als Undankbarkeit gegenüber Israel zeigt, wo ihm doch alles ermöglicht wurde! Schließlich begibt er sich fast manisch auf Spurensuche: Er muss einfach wissen, was Sihem zu dieser Tat geführt hat und wie sie sich auf das Attentat – und damit auf ihren Tod – vorbereitet hat.

Er fährt dazu nach Bethlehem und Jenin, in Städte also, in denen der Nahostkonflikt um einiges spürbarer ist als in seiner ruhigen, wohlsituierten Nachbarschaft in Tel Aviv. Und ganz allmählich setzt Amin für sich ein Bild zusammen, wie es gewesen sein könnte – und warum er Sihem wohl doch nicht so gut kannte, wie er immer dachte. Und er wird gezwungen, Stellung zu beziehen, auf welcher Seite er eigentlich in diesem Konflikt steht.

Diese Geschichte ist aufgrund der Thematik keine leichte Kost, zumal sie schon mit der drastischen Schilderung eines Bombenanschlags beginnt. Khadra stellt den Abgrund dar, in den Amin nach dem Tod Sihems gerissen wird, sie beschreibt sehr gut, wie er versucht, sich irgendwie einen Reim daraus zu machen. Analog zu Amin wird es auch den Lesern nicht so leicht gemacht, neutral zu bleiben und sich nicht auf eine Seite zu positionieren.

Auf jeden Fall eine lesenswerte Geschichte, die einen nicht kaltlässt.

ISBN: 978-0099499275
272 Seiten
Deutscher Titel: Die Attentäterin
Vintage
€10,00

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