Der Medicus – Noah Gordon

6. Juli 2014 § 7 Kommentare

IMG_7753Eine Kollegin sprach mir neulich kurzerhand so lange meine Kompetenz als Literaturbloggerin ab, bis ich „Der Medicus“ gelesen hätte. Es sei nämlich so ein tolles Buch und jeder sollte es kennen. Was soll ich sagen? Challenge accepted. Sie hat es mir netterweise gleich ausgeliehen und jetzt kann ich endlich mitreden.

Da es schon alle außer mir kennen, kann ich mir eine weitschweifige Inhaltsangabe sparen: Der Waisenjunge Rob wird von einem reisenden Bader als Gehilfe aufgenommen. Wir schreiben das 11. Jahrhundert, und Bader waren auf den Dörfern eine Mischung aus Alleinunterhaltern, Medizinern und Apothekern. Rob und der Bader führen Zaubertricks und Jonglagekunststücke auf, behandeln Krankheiten und Verletzungen und verkaufen ein selbstgebrautes Wunderelixier, das vor allem aufgrund seines hohen Alkoholgehalts Wunder wirkt.

Rob entdeckt sein Talent fürs Heilen, und als der Bader nach einigen Jahren des gemeinsamen Umherziehens stirbt, beschließt Rob, sich zum Medicus ausbilden zu lassen. Ein Medicus hatte damals um einiges mehr an Wissen über die Heilkunst und konnte daher Krankheiten besiegen, denen ein Bader machtlos gegenüber stand. In England gibt es zwar einige Stätten, wo man diese Ausbildung genießen kann, aber den besten Ruf dafür hat das persische Isfahan. Rob hat sich schnell entschieden, dass er diese weite und gefährliche Reise auf sich nehmen muss, um seinen großen Traum zu verwirklichen.

Das ist der Startpunkt eines großen Abenteuers, in dessen Folge Rob mit einer Karawane nach Konstantinopel und vorn dort aus weiter nach Isfahan reist. Dort lebt er dann der Einfachheit halber undercover als Jude, lernt Persisch und wird tatsächlich als Medizinstudent angenommen. Er schafft es sogar, ein Vertrauter des Schahs zu werden – was ihm zwar Privilegien bringt, aber nicht ganz ungefährlich ist.

Also, ich wurde nicht enttäuscht. „Der Medicus“ ist wirklich eine schöne, stimmige Abenteuergeschichte, die zwar ein paar (wenige) Längen hat und einen Protagonisten, der mir manchmal ein bisschen zu sehr Mr. Superman war, die aber dafür meistens mit Spannung und viel, viel Zeitkolorit punktet. Hab ich gern gelesen.

ISBN: 978-3453471092
848 Seiten
Originaltitel: The Physician
Heyne Verlag
€9,99

 

All the Shah’s Men – Stephen Kinzer

10. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn es ein Highlight in meinem Studium gab, dann war es auf jeden Fall das Seminar „Außenpolitik des Iran“ im zweiten Semester, wo wir nicht nur dank eines wirklich sehr engagierten Dozenten enorm viel gelernt haben, sondern wo wir dann zum Abschluss in den darauffolgenden Semesterferien eine einwöchige Exkursion in den Iran gemacht haben (wer sich dafür interessiert: Ich habe damals für ein Freiburger Online-Magazin einen Bericht darüber geschrieben, den findet ihr hier). Spätestens seit dieser Zeit ist mein Interesse am Iran geweckt, und ich versuche, zumindest ab und zu mal was dazu zu lesen bzw. die aktuellen Entwicklungen dort zu verfolgen.

Unter Präsident Bush Jun. war ja die Möglichkeit einer Invasion in den Iran durchaus greifbar – unter diesem Eindruck hat Stephen Kinzer das vorliegende Buch geschrieben, in dem er eindrücklich davor warnt. Denn schon in den 1950er Jahren hatten der US-amerikanische und der britische Geheimdienst gemeinsam den demokratisch gewählten iranischen Premierminister Mossadegh in einem inszenierten Putsch gestürzt und den Schah wieder eingesetzt – nur so konnte es letztlich zur Islamischen Revolution 1979 und zum darauf folgenden Mullah-Regime kommen. Und auch damals war Öl ein wichtiger Faktor (wer mehr zu dieser „Operation Ajax“ wissen will, findet entsprechende Artikel in der Wikipedia).

Und auch wenn die Gefahr einer US-amerikanischen Invasion nicht mehr akut gegeben ist, lohnt es sich dennoch, dieses Buch zu lesen. Es ist sehr detailreich und gründlich recherchiert; dabei jedoch so flüssig und spannend geschrieben, dass man über weite Stellen das Gefühl hat, einen Spionagethriller vor sich zu haben und kein politisch-historisches Sachbuch. Auf jeden Fall empfehlenswert – auch wenn (oder gerade weil) man aktuell eher weniger aus dem Iran hört, sollte man sich weiterhin über dieses sehr interessante und vielschichtige Land informieren. Die Zeiten können sich schließlich auch wieder ändern.

ISBN: 978-0-470-18549-0
243 Seiten
Deutscher Titel: Im Dienste des Schah: CIA, MI6 und die Wurzeln des Terrors im Nahen Osten
John Wiley & Sons
€11,99
 

Wir sind der Iran – Nasrin Alavi

28. Dezember 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Nachteil eines studentischen Haushalts ist ja der meist begrenzte Platz – so auch bei uns, weswegen ich die meisten meiner Bücher noch bei meinen Eltern „zwischenlagere“. Da ich gerade noch in den Weihnachtsferien bin, habe ich das ein oder andere Buch gefunden, dass ich entweder demnächst mal wieder lesen möchte und daher nach Freiburg mitnehme (Blogbeiträge darüber folgen dann – irgendwann) oder die ich noch gut in Erinnerung habe und über die ich daher gleich einen Beitrag schreibe. Zu letzterer Gruppe gehört „Wir sind der Iran“.
Um was gehts? Ein Fakt, der den meisten nicht bekannt sein dürfte, ist, dass Farsi, die offizielle Sprache des Iran, die vierthäufigste Blogsprache ist. Blogs sind bei Iranern überaus beliebt, vor allem aus dem Grund, da sie häufig die einzige Möglichkeit sind, sich außerhalb der Regierungspresse eine Meinung zu bilden – und selbst seine Meinung zu sagen, auch wenn das Internet zensiert ist und viele Blogger staatliche Repressionen befürchten müssen. Alavi zitiert in diesem Buch aus iranischen Blogs, vor allem von jungen Frauen und Männern, die über Politik, Musik, ihr Land oder ihr Privatleben berichten. Zitierte Passagen wechseln sich ab mit Erklärungstexten, die den Blogzitaten gewissermaßen einen Rahmen geben.
Fazit: Wer etwas über den Iran heute erfahren will, wird mit diesem Buch vielleicht mehr lernen als mit einem reinen Landeskunde-Buch. Die jungen Blogger berichten selbst, subjektiv und authentisch über ihr Land; wütend, traurig, stolz und immer irgendwie poetisch wirken ihre Beiträge. Im Laufe der Lektüre muss man sein Iran-Bild aus den hiesigen Medien wahrscheinlich revidieren, denn die, die hier schreiben, sind keine islamischen Fundamentalisten, keine USA- und Israelhasser, sie sind ganz normale junge Leute, die sich nur die Freiheit wünschen, um ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten zu können. Natürlich ist es keine „leichte“ Lektüre, da man gleichzeitig erfährt, dass schon viele Blogger den Iran verlassen mussten oder im Gefängnis gelandet sind, aber ich würde die Lektüre wirklich jedem ans Herz legen, der sich auch nur ein wenig für den Iran interessiert – und das sollten angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen eigentlich die meisten sein.

ISBN: 3-462-03651-3, Kiepenheuer & Witsch, 387 Seiten, €9,90.

Regen am Kaspischen Meer – Gina Nahai

4. Dezember 2008 § Ein Kommentar

Um was gehts? Bahar, ein 16jähriges Mädchen aus einem armen jüdischen Elternhaus in Teheran, zwingt auf ihrem Weg zur Schule den Chauffeur einer schicken Limousine zur Vollbremsung. Auf der Rückbank sitzt Omid, der gerade von seiner standesgemäßen Verlobten sitzengelassen wurde. Als er nun Bahar sieht, die so unkompliziert und unbekümmert wirkt, weiß er: Dieses Mädchen wird seine Frau werden! Gegen den Widerstand seiner Eltern, die auf Bahar und ihre Familie herabsehen, heiraten die beiden, und Bahar kann ihr Glück zunächst kaum fassen: Sie ist endlich der Armut und der Hoffnungslosigkeit ihres Elternhauses entkommen, und nun träumt sie von einer gleichberechtigten, glücklichen und vor allem sorglosen Partnerschaft. Doch Omid hat andere Pläne: Bahar soll zu Hause bleiben, ihm einen Sohn schenken und ihn als repräsentative Ehefrau auf Partys begleiten. Zunächst widersetzt sich Bahar ihm: Sie möchte studieren und Lehrerin werden, und in den gehobenen Kreisen, in denen sich ihr Mann bewegt, fällt sie unweigerlich als das arme Mädchen auf, die keine Manieren gelernt hat und wird dadurch von den anderen Frauen geschnitten. Bahar und Omid entfremden sich zunehmend, zumal Omid bald nach der Hochzeit eine Geliebte hat, mit der er sich auch öffentlich zeigt. Auch die Hoffnung auf Besserung, als Tochter Yaas auf die Welt kommt (die gleichzeitig die Ich-Erzählerin ist), wird schließlich enttäuscht…
Fazit: Auf den ersten Seiten könnte man „Regen am Kaspischen Meer“ für einen schönen, wenig anspruchsvollen Frauenschicksals-Schmöker halten: Es entwickelt sich die klassische Geschichte des armen Mädchens, das ihren reichen Märchenprinz heiratet und nach einigen Hindernissen mit ihm glücklich und zufrieden lebt. Doch als klar wird, dass alle Hoffnungen Bahars enttäuscht werden, ändert sich auch der Stil des Buches: Die Handlung wird gerafft, es werden Zeitsprünge von teilweise einigen Jahren gemacht, was allzu deutlich die Hoffnungs- und Trostlosigkeit in der Familie unterstreicht. Hoffnungen, Wünsche und Träume sind ein immer wiederkehrendes Motiv, meist in der Form, dass sie enttäuscht werden. Das Buch ist voll von Figuren, die immer wieder scheitern, manche geben die Hoffnung trotzdem nie auf – und wirken dadurch schon fast lächerlich – manche finden sich irgendwie mit dem Leben am Rande der Gesellschaft ab oder resignieren ganz einfach. Und natürlich klagt dieses Buch die uralten Traditionen und Rollenvorstellungen an, die nahezu alle Charaktere letzten Endes unglücklich machen.
Etwas irreführend war allerdings, dass auf dem Klappentext auf die politische Lage – Stichwort islamische Revolution – eingegangen wird, die jedoch im Buch selbst nur auf einer Seite erwähnt wird. Was den Menschen ihr Leben hier zur Hölle macht, sind weniger die politischen Umstände, wie man denken könnte, sondern die gesellschaftlichen Traditionen und Zwänge.
Trotz der düsteren Stimmung hat mir das Buch aber gut gefallen.

Originaltitel: Caspian Rain, 317 Seiten, marebuchverlag, €19,90.

Persepolis – Marjane Satrapi

23. September 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Denen, die mich kennen, werde ich sicherlich schonmal persönlich von Persepolis vorgeschwärmt haben, für alle anderen gibts hier nochmal einen Blogeintrag (ich will zwar vorwiegend aktuell gelesene Bücher vorstellen, aber ab und zu wirds auch Ausnahmen geben – wie für dieses hier).
Um was gehts? Der erste Band hat den Untertitel „Eine Kindheit im Iran“, und so lernt man Marjane kennen, die behütet und sorglos im Teheran der späten 70er Jahre aufwächst – oder, sagen wir, sorglos aufwachsen könnte, wenn sie nicht früh die Demonstrationen gegen den Schah miterleben würde. Durch ihre liberal-bürgerlichen Eltern und ihren Onkel, einen Kommunisten, der lange inhaftiert war, kommt sie früh mit den politischen Zusammenhängen in ihrer Heimat in Kontakt. Es wird für das vorlaute Mädchen nicht leichter, als die Mullahs unter Ayatollah Khomeini an die Macht kommen und als kurz darauf der Krieg mit dem Irak ausbricht. Als Marjane 14 Jahre alt ist, beschließen ihre Eltern, sie nach Österreich auf die Schule zu schicken, damit sie dort sicher aufwachsen kann. Von dem Leben dort, den Schwierigkeiten in einer fremden Kultur und der Rückkehr nach Teheran erzählt dann der zweite Band „Jugendjahre“.
Fazit: Ich bin (abgesehen von der Micky-Maus-Phase meiner Kindheit, die wohl jeder irgendwie mal hatte) nicht wirklich die Comic-Leserin, aber Persepolis ist wirklich toll. Die Zeichnungen sind ganz einfach in schwarz-weiß gehalten, aber trotzdem – oder gerade deswegen – wirkt die Geschichte immer sehr eindringlich. Eigentlich sind diese Comics harte Kost: Es geht um Unfreiheit, Krieg, politische Unterdrückung und sogar Folter und Mord, aber Satrapi schafft es wirklich immer wieder, einen zum Schmunzeln zu bringen und zu zeigen, wie sich die Menschen trotz allem Leid ihre Nischen schaffen, in denen sie zumindest für kurze Zeit glücklich sind. Vor allem sind diese Comics eine gute Gelegenheit, mehr über den heutigen Iran und die Menschen dort zu erfahren – manchmal wird man sicher überrascht sein.
Im Übrigen ist auch die Verfilmung sehenswert!

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