Der futurologische Kongress – Stanisław Lem

1. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Ich wage mich selten genug ins Sci-Fi-Genre vor – wobei ich bei diesem Buch gar nicht mal so sicher bin, ob man es überhaupt in diese Richtung kategorisieren sollte. Wie dem auch sei: Fantastisches und irgendwie Irreales finden bei mir eher selten den Platz ins Regal. Und des Öfteren – wie auch nach dem Lesen dieses Buches – denke ich mir, dass sich das mal zumindest ein wenig ändern dürfte.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Ijon Tichy – seines Zeichens Weltraumfahrer – nehmen wir am namensgebenden Futurologischen Kongress teil. Dieser findet in Costricana statt, das der Beschreibung nach am ehesten einem mittelamerikanischen Polizeistaat gleicht. Tichy weiß auf seine humorige, vielleicht etwas naive Art von allerlei eigenartigen Vorkommnissen zu berichten. Seien es die seltsam anmutenden Parallelveranstaltungen im großen Tagungshotel, seien es die Schutzausrüstung in seinem Zimmer oder die Kämpfe, die irgendwo draußen zwischen der Regierung und verfeindeten Kräften toben. Auch der Kongress selbst ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen: Zu Beginn werden umfangreiche Tagungsunterlagen ausgegeben und die einzelnen Redner verweisen nur noch auf Seiten- und Zeilenzahlen, um ihre Meinungen zu unterstreichen.

Doch schnell werden die Kämpfe heftiger, das Hotel wird bombardiert und Tichy ist gezwungen, mit einigen anderen Teilnehmern Zuflucht in der Kanalisation unter dem Hotel zu suchen. Doch nicht nur herkömmliche Munition wird verwendet – die Regierung wirft so gegannte Bemben ab, die statt Sprengstoff bestimmte psychoaktive Substanzen enthalten. Wenn Lebewesen damit in Berührung kommen, sind sie nicht mehr in der Lage, einander Gewalt anzutun, sie werden im Gegenteil selbstlos und harmoniebedürftig.

Trotz aller Schutzmaßnahmen sind auch die Geflüchteten in der Kanalisation den Stoffen ausgesetzt und in der Folge durchlebt Tichy einige etwas abgedrehte Visionen, in denen er wahlweise durch die Luft fliegt oder zu ganz anderen Personen wird. Doch nach kurzer Zeit erwacht er wieder in den Eingeweiden des Hotels, bis er schließlich bei einem Angriff so schwer verletzt wird, dass für ihn in seinem alten Körper kaum eine Überlebenschance besteht. Es ist jedoch möglich, Menschen einzufrieren und in der Zukunft wieder auftauen – dann, wenn eine Heilung für die Krankheit oder die Verletzung gefunden worden ist. So wird Tichy mehrere Jahrzehnte später aufgetaut und ist tatsächlich auch wieder hergestellt. Er findet eine schöne und friedliche Welt vor, in der alle gut gelaunt zu sein scheinen. Doch nach und nach entdeckt Tichy, was dahintersteckt: Die Wirklichkeit wird verdeckt und vernebelt durch die zahlreichen Substanzen, die die Menschen zu sich nehmen und mit denen sie im Handumdrehen jede denkbare Stimmung erzeugen können. Das, was sie um sich herum wahrnehmen, ist also nichts anderes als eine Illusion. Doch kann man sich dann überhaupt noch auf irgendetwas verlassen?

Ein höchst spannendes Thema hat sich Lem als Hintergrund für diese Geschichte ausgedacht. Wenn euch diese Beschreibung an Matrix erinnert oder an solche Innovationen wie Oculus Rift, mit denen wir ebenfalls in virtuelle Umgebungen abtauchen können, liegt ihr nicht ganz falsch. Hier ist diese Entwicklung bereits um einiges weiter gedacht – und das bereits in den 1970er Jahren und verpackt in allerhand Sprach- und Aberwitz. Wer bereit ist, sich auch mal auf ein Experiment einzulassen, liegt mit diesem Buch auf keinen Fall verkehrt.

Narziß und Goldmund – Hermann Hesse

22. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7935Es war mal wieder Klassikerzeit. Von Hesse habe ich bisher noch nicht allzu viel gelesen (als ich diesen Satz grade schrieb, ging ich in mich und stellte fest: Ich kannte vorher sogar überhaupt nichts von ihm!), und da ich diesen Band von meinen Eltern ausgeliehen hatte, war das doch ein ganz guter Einstieg.

Narziß und Goldmund sind zwei Freunde, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Narziß ist Lehrgehilfe in einem Kloster, er will sich auch in Zukunft ganz dem geistlichen Leben widmen. Er bekommt Goldmund als Schüler und freundet sich bald mit ihm an. Goldmund ist eine Künstlernatur, der unterbewusst noch immer unter dem Verlust seiner Mutter leidet und versucht, durch seine Kunst und das Umherziehen über lange Jahre seiner Jugend dieser Mutter irgendwie näher zu kommen.

Die beiden sind gegensätzliche Charaktere, aber doch voneinander angezogen. Goldmund verlässt allerdings das Kloster nach seinem ersten Liebesabenteuer – er will die Welt entdecken und sich ausprobieren. Als er in einer Kirche eine Marienstatue entdeckt, die ihn komplett in seinen Bann zieht, sucht er den Bildhauer auf und schafft es, bei ihm in die Lehre zu gehen. Doch nach Jahren des Herumziehens und der wechselnden Liebschaften hält es ihn nicht lange am gleichen Ort, obwohl ihm der Bildhauer anbietet, bei ihm zu bleiben, als Meister zu arbeiten und seine Tochter zu heiraten. Er wandert also weiter, lebt streckenweise zusammen mit seiner Geliebten und einem Freund, bis die Geliebte an der Pest stirbt und der Freund dann aus Angst vor einer Ansteckung alleine weiterziehen will.

Das mit den Frauengeschichten wird Goldmund beinahe zum Verhängnis: Er beginnt eine Affäre mit der Geliebten des Statthalters, wird erwischt und in den Kerker geworfen; er soll am nächsten Tag direkt gehängt werden. Zufällig halten sich einige Geistliche in der Burg auf, so dass einer von ihnen Goldmund noch die Beichte abnehmen kann. Dieser Geistliche entpuppt sich als Narziß, der mittlerweile Abt ist. Er erreicht eine Begnadigung Goldmunds und nimmt ihn mit ins Kloster, wo beide dann ihre Freundschaft wieder aufleben lassen können.

Ich will mich gar nicht an einer groß angelegten Interpretation versuchen, das haben schon viele andere vor mir (und wahrscheinlich auch besser) gemacht. „Narziß und Goldmund“ ist letztlich eine philosophische Geschichte: Was wollen wir von unserem Leben, wofür lohnt es sich zu leben (und zu sterben)? Es geht um den Widerstreit von Verstand und Gefühlen, von Sinnesgenuss und Askese und auch um die Frage nach dem Göttlichen in der Figur der Mutter.

Ich persönlich habe etwas gebraucht, ehe ich in die Geschichte reingefunden habe. Nicht, weil es kompliziert geschrieben war – ganz im Gegenteil, das Ganze liest sich sehr flüssig und angenehm, stellenweise fast ein bisschen zu vor-sich-hin-plätschernd. Aber gegen Ende hatte ich für mich verstanden, worum es wohl gehen soll, und dann fand ich einige gute Gedanken. Ein schönes und lesenswertes Buch.

Der Medicus – Noah Gordon

6. Juli 2014 § 7 Kommentare

IMG_7753Eine Kollegin sprach mir neulich kurzerhand so lange meine Kompetenz als Literaturbloggerin ab, bis ich „Der Medicus“ gelesen hätte. Es sei nämlich so ein tolles Buch und jeder sollte es kennen. Was soll ich sagen? Challenge accepted. Sie hat es mir netterweise gleich ausgeliehen und jetzt kann ich endlich mitreden.

Da es schon alle außer mir kennen, kann ich mir eine weitschweifige Inhaltsangabe sparen: Der Waisenjunge Rob wird von einem reisenden Bader als Gehilfe aufgenommen. Wir schreiben das 11. Jahrhundert, und Bader waren auf den Dörfern eine Mischung aus Alleinunterhaltern, Medizinern und Apothekern. Rob und der Bader führen Zaubertricks und Jonglagekunststücke auf, behandeln Krankheiten und Verletzungen und verkaufen ein selbstgebrautes Wunderelixier, das vor allem aufgrund seines hohen Alkoholgehalts Wunder wirkt.

Rob entdeckt sein Talent fürs Heilen, und als der Bader nach einigen Jahren des gemeinsamen Umherziehens stirbt, beschließt Rob, sich zum Medicus ausbilden zu lassen. Ein Medicus hatte damals um einiges mehr an Wissen über die Heilkunst und konnte daher Krankheiten besiegen, denen ein Bader machtlos gegenüber stand. In England gibt es zwar einige Stätten, wo man diese Ausbildung genießen kann, aber den besten Ruf dafür hat das persische Isfahan. Rob hat sich schnell entschieden, dass er diese weite und gefährliche Reise auf sich nehmen muss, um seinen großen Traum zu verwirklichen.

Das ist der Startpunkt eines großen Abenteuers, in dessen Folge Rob mit einer Karawane nach Konstantinopel und vorn dort aus weiter nach Isfahan reist. Dort lebt er dann der Einfachheit halber undercover als Jude, lernt Persisch und wird tatsächlich als Medizinstudent angenommen. Er schafft es sogar, ein Vertrauter des Schahs zu werden – was ihm zwar Privilegien bringt, aber nicht ganz ungefährlich ist.

Also, ich wurde nicht enttäuscht. „Der Medicus“ ist wirklich eine schöne, stimmige Abenteuergeschichte, die zwar ein paar (wenige) Längen hat und einen Protagonisten, der mir manchmal ein bisschen zu sehr Mr. Superman war, die aber dafür meistens mit Spannung und viel, viel Zeitkolorit punktet. Hab ich gern gelesen.

ISBN: 978-3453471092
848 Seiten
Originaltitel: The Physician
Heyne Verlag
€9,99

 

1984 – George Orwell

6. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Naja, es ist ja in der aktuellen politischen Großwetterlage fast schon phantasielos, Orwell zu rezensieren. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dieses Buch schon zum bestimmt vierten Mal gelesen habe und es auch alle paar Jahre mal wieder zur Hand nehme – es gehört definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Meine Ausgabe ist noch aus dem elterlichen Regal gemopst und mein Vater hatte damals einen Artikel über das Buch aus der ZEIT von 1983 zwischen die Seiten gelegt. Dient mir jedes Mal als Lesezeichen.

Die Geschichte dürfte im Groben bekannt sein: Die Welt im Jahr 1984 ist in drei Machtblöcke aufgeteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Auf dem Luftflottenstützpunkt Nr. 1 (heute wie eh und je als „London“ bekannt) lebt Winston Smith in einem heruntergekommenen Wohnblock; sein Job besteht darin, alle möglichen Dokumente und Veröffentlichungen der jeweils neuen Version der Geschichte anzupassen. Die Vergangenheit, so lernen wir, ist vollkommen veränderbar. Die herrschende Partei verfährt damit nach Gutdünken, verändert Zahlen und Behauptungen und lässt Personen, die in Ungnade gefallen sind, komplett aus der Geschichte tilgen. Das nennt sich dann „Vaporisierung“: Die vollständige Auslöschung von unliebsamen Personen, so als hätten sie nie existiert.

Die Welt des Jahres 1984 ist, und so wurde dieses Jahr bereits zu Metapher, geprägt von totaler Überwachung. Zum einen durch technische „Errungenschaften“ wie den Televisoren, die sowohl Empfangs- als auch Überwachungsgeräte sind, zum anderen durch die Gedankenpolizei, die überall und nirgends ist. Keinem kann man mehr vertrauen, jeder könnte der Geheimpolizei angehören und sogar Kinder verraten ihre Eltern – einfach so, wenn es sein muss. Freundschaften, Liebesbeziehungen und Sexualität sollen ausgemerzt werden, es zählt einzig und alleine, dass man sein Leben, seine ganze Freizeit und seine Emotionen der Partei widmet.

Durch Neusprech sollen schließlich sogar die Gedanken der Menschen in genehme Bahnen gelenkt werden: Indem „schlechte“ Begriffe eliminiert werden, sollen Gedankenverbrechen (das bloße Nachdenken über Abweichendes) unmöglich gemacht werden – denn wie soll man Dinge denken oder tun können, für die man gar keine Begriffe hat?

Über all diesem schwebt der Große Bruder, von dem man eigentlich gar nicht so recht weiß, ob er wirklich existiert. Der Große Bruder ist für alles Gute verantwortlich und wird nicht ohne Grund als ein Stalin-Lookalike beschrieben. Bedingungslose Liebe zum Großen Bruder, grenzenloser Hass gegenüber seinen Gegnern, diese Devise gilt für die Bewohner Ozeaniens.

Winston ist davon eher weniger überzeugt. Er macht seinen Job und lässt sich bei den endlosen, öden Parteiveranstaltungen nach Feierabend blicken, aber er begibt sich auf Abwege – zunächst gedanklich, dann auch durch kleine rebellische Taten. Eines Tages fällt ihm eine Kollegin auf: Eine junge Frau, die immer ganz vorne dabeisein zu scheint, wenn es um Parteianliegen geht und die bei allem die Eifrigste ist. Winston hasst ihre Hinhabe und ihre offensichtliche Systemtreue, er ist überzeugt, dass sie Mitglied der Gedankenpolizei ist. Doch eines Tages gesteht sie ihm ihre Liebe, die beiden werden ein Paar und Winston bemerkt, dass Julia nur so konform tut. Für Julia ist ihre Anpassung der beste Schutz: Wer immer an vorderster Front überall mitmacht, der würde nicht so schnell verdächtig.

Zunächst geht es den beiden nur darum, sichere ( = unbeobachtete) Plätzchen für ihre Schäferstündchen zu finden. Doch allmählich bewegen sie sich ernsthafter Richtung Widerstand und nehmen schließlich Kontakt auf zu ihrem gemeinsamen Kollegen O’Brien, der irgendetwas zu wissen scheint. Gehört er vielleicht dieser geheimnisvollen Bruderschaft an, die gegen den Großen Bruder arbeiten soll und die immer das Ziel der großen Hasstiraden ist? Zuerst scheint es ganz danach auszusehen, doch wie das eben so ist im Jahr 1984: Man kann niemandem vertrauen.

Wie schon gesagt, dieses Buch gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Das, obwohl es gleichzeitig eines der düstersten, deprimierendsten und hoffnungslosesten Bücher ist, die ich kenne. Darüber hinaus hat es allerdings eine Message, die zwar wahnsinnig überstrapaziert (und oft auch nur aus dem Hörensagen zitiert wird), trotzdem aber sehr, sehr wichtig ist.

Natürlich ist 1984 als Warnung vor dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts geschrieben worden. Die Anspielungen auf Praktiken des Nationalsozialismus und des Stalinismus sind zu deutlich. Aber gleichzeitig nimmt Orwell die technologischen Entwicklungen ein stückweit vorweg, so dass diese Geschichte dem einen oder anderen auf gruselige Weise sehr hellsichtig scheinen dürfte.

Ob man Orwell jetzt immer und ständig zitieren muss, wenn man über die NSA, ACTA, die Unionsparteien oder allgemeines Datenkrakentum redet, sei dahingestellt. Ich finde, man darf ihn in diesen Debatten gerne wieder sparsamer einsetzen und muss nicht immer die „Große Bruder“-Keule schwingen. Denn eigentlich ist sein „1984“ immer noch ein starkes Plädoyer gegen staatliche Überwachung, gegen Gleichschaltung und gegen den Totalitarismus in seiner grausamsten Form.

ISBN: 978-3548234106
384 Seiten
Originaltitel: Nineteen Eighty-four
Ullstein Taschenbuch
€9,95

Abgebrochen: Schindlers Liste – Thomas Keneally

8. Juli 2013 § Ein Kommentar

Es kommt selten genug vor, dass ich ein Buch beiseite lege und mir vornehme, lieber die Verfilmung anzuschauen. Hier war das der Fall, nach ca. 100 Seiten hatte ich keine Lust mehr. Ich weiß nicht, was mit dem Autor los war, aber der Schreibstil kam mir absolut inkonsistent vor – ständig springt er zwischen einzelnen Zeitebenen, er führt manchmal ohne erkennbaren Zusammenhang Personen ein, er schaffte es für mich überhaupt nicht, mich bei der Stange zu halten. Ich frage mich hier wirklich, ob ich irgendwie eine andere Version von diesem Buch erwischt habe, das alle durchweg so gut bewerten.

Schade, denn die Geschichte um Oskar Schindler und seine Judenrettungsaktion hätte mich sehr interessiert. So bin ich froh, dass das Buch auch (wie man sagt) ganz gut verfilmt wurde und ich so noch eine Möglichkeit habe, das nachzuholen.

Der Archipel Gulag (Bd. 2) – Alexander Solschenizyn

29. Mai 2013 § Ein Kommentar

IMG_6857Mein Eingangssatz in der Rezension von Band 1 scheint sich zu bewahrheiten: Relativ genau ein Jahr danach habe ich den zweiten Band fertig. Und an dem habe ich auch schon fünf Monate gelesen…

Ich kann auch gar nicht allzu viel hinzufügen: Auch hier ist die Lektüre wieder sehr, sehr heftig. Inhalt ist hier das Lagerleben im engeren Sinne sowie alles drumherum: Das Lagerumfeld, die Wachen, verschiedene Gruppen im Lager, die Art der Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussten, die Unterkünfte, die Beziehungen der einzelnen Gruppen untereinander sowie auch Darüberhinausgehendes wie die Ziele des Gulags und die dahinterstehenden Ideen (Wir brauchen möglichst viele Arbeitskräfte für irgendwelche größenwahnsinnigen Bauprojekte? Dann lass uns doch einfach mal möglichst viele Leute verhaften! Da blieb mir echt die Spucke weg).

Neben schlimmen persönlichen Schicksalen findet sich hier zwar teilweise auch Skurriles und ganz selten auch Positives, doch meistens macht die Lektüre betroffen und oft wütend.  Es ist einfach zu viel Willkür, Gewalt und Grausamkeit, als dass es einen kalt lassen könnte.

Solschenizyn hält mit seiner Wut gegen Stalin und das System allgemein nicht hinterm Berg und ist oft beißend ironisch in seinen Beschreibungen. Er beschränkt sich aber auch hier nicht auf die Beschreibungen, sondern analysiert wie schon im ersten Band: Warum haben die Menschen damals so gehandelt, wie wurde dieses System möglich gemacht, warum fanden sich Menschen, die dem dienten und sich dem unterordneten?

Auch dieser Band ist nichts für schwache Nerven und auch hier kann ich nur eine ausdrückliche Leseempfehlung geben.

ISBN: 978-3596184255
640 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95

Das Ende einer Affäre – Graham Greene

22. April 2013 § 4 Kommentare

IMG_6699Ja, ich habe hier tatsächlich noch einen schönen Halblederband aus den 1950ern ergattert – meine Eltern haben ihren Keller aufgeräumt und dabei einige Bücher zu Tage gefördert, die wohl mal meinem Opa gehört hatten. Irgendwer hatte in diesem Buch sogar manche Stellen mit Bleistift markiert, wer das wohl war…? 😉

Der Ich-Erzähler in dieser Geschichte ist der Schriftsteller Maurice Bendrix. Maurice hatte in den letzten Kriegsjahren eine Affäre mit der verheirateten Sarah; diese beendete das Verhältnis damals, woraufhin sich die beiden zwei Jahre lang nicht mehr gesehen haben. 

Eines Abends trifft Maurice jedoch Henry, Sarahs Mann. Henry ist ein eher biederer, man möchte sagen langweiliger, Beamter und eigentlich kann Maurice ihn aus naheliegenden Gründen nicht ausstehen, Trotzdem fragt er ihn, ob er mit ihm etwas trinken gehen möchte. Henry willigt ein und schüttet Maurice sein Herz aus: Er vermutet, dass Sarah ihn betrügen könnte – ob er nicht einen Privatdetektiv engagieren sollte, um seinen Nebenbuhler zu enttarnen? 

Damit bringt er jedoch Maurice auf die Idee, der an Henrys statt den Detektiv, Mr. Parkis, aufsucht. Dieser beschattet Sarah schließlich und entdeckt, dass sie regelmäßig eine bestimmte Wohnung aufsucht. 

Maurice wird zunehmend eifersüchtig, zumal er Sarah in der Zwischenzeit wieder gesehen hat. Er liebt sie letztlich noch immer und kann den Gedanken nicht ertragen, einen weiteren Nebenbuhler zu haben. 

Mr. Parkis gelingt es sogar, ihm Sarahs Tagebuch zu beschaffen. In der Folge kann Maurice – gleichfalls auch für uns Leser – die Affäre von damals rekapitulieren und erkennen, welche Sicht Sarah auf die Dinge und auf die Zeit danach hatte. Diese Rückblenden kommen übrigens im Laufe des Buches selbst immer wieder vor. Auf diese Weise fügt sich nach und nach ein Bild der Affäre – und ihres Endes – zusammen und man versteht nach und nach die Beweggründe der Handelnden. 

Ich muss leider gestehen, dass ich – trotz sehr interessanter Charaktere und einer guten und spannenden Geschichte – nicht so richtig in die Handlung reinfinden konnte. Das lag vielleicht an den immer wieder eingestreuten, philosophischen Abhandlungen über Gott und die Liebe, die zum letzten Drittel hin zunehmen und denen ich nicht immer so ganz folgen konnte. Ehrlich gesagt: Sie haben mich auch nicht so sehr interessiert, als dass ich mich besonders angestrengt hätte. 

Wahrscheinlich war das mein Fehler, wahrscheinlich sollte man dieses Buch, das ansonsten wie gesagt durchaus interessant ist, nur dann lesen, wenn man grade für solche Themen empfänglich ist und auch gerne mal dickere Bretter bohrt. 

Ich möchte nicht ausschließen, dass ich das Buch in ein paar Jahren nochmal lesen werde. Vielleicht war es momentan auch einfach nicht die richtige Phase dafür. 

ISBN: 978-3423127769
256 Seiten
Originaltitel: The end of the affair
dtv
€8,90

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Klassiker auf Besser lesen.

%d Bloggern gefällt das: