Corpus Delicti – Juli Zeh

15. März 2015 § 4 Kommentare

Nachdem ich von meiner ersten Zeh-Lektüre so begeistert war, IMG_8065habe ich mich jetzt an einen ihrer aktuelleren und vielgelobten Romane gemacht. Und ich konnte mir schon im Vorfeld denken, warum „Corpus Delicti“ so gut ankam: Es scheint einen Nerv zu treffen. Thema ist die zunehmende Fokussierung auf den (gesunden) Körper, die Rhetorik der Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Abwälzung gesamtgesellschaftlicher Belastungen auf den Einzelnen: Wenn du nicht auf dich selbst achtest, dich nicht gesund ernährst, übergewichtig bist und zu wenig Sport treibst, kostet du die Gesellschaft (zu) viel Geld.

Zeh hat sich dafür in eine dystopische Zukunft begeben, wo diese Haltung zur Staatsräson geworden ist: Alle Menschen sind gesund und glücklich, die allermeisten von ihnen haben noch nie Schmerzen gespürt, es gibt keine Krankheiten mehr. Das klingt jetzt auf Anhieb gar nicht mal so schlecht. Dafür muss sich allerdings jeder Bürger und jede Bürgerin einem engmaschigen Überwachungsregime unterwerfen: Der Staat gibt Fitnessprogramm und Urintests vor und verwarnt bei Lässigkeit. Partnerschaften werden über Portale geknüpft, die eine möglichst große Passgenauigkeit der jeweiligen Immunsysteme berechnen (OkCupid weitergedacht, wenn man so will) und „die Methode“ zur Gesunderhaltung hat die Stelle der Religionen eingenommen.

Mia Holl scheint in dieses System nicht recht zu passen: Sie lässt sich nicht einlullen, sie ist Naturwissenschaftlerin und kann ihr entsprechend geschultes Denken nicht an der Labortüre abgeben. Doch sie muss einen Schicksalsschlag verkraften, was ihr zunehmend schwer fällt: Ihr Bruder Moritz hat sich im Gefängnis das Leben genommen, er war beschuldigt worden, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Mia glaubt fest an die Unschuld ihres Bruders und gerät in ihrer Trauer, ohne es wirklich zu wollen, immer stärker in Opposition zur Methode, die in schöner totalitaristischer Tradition selbstverständlich keinerlei Abweichung duldet und Mia mit zunehmender Härte auf Linie zu zwingen versucht.

Es hat zugegebenermaßen etwas gedauert, ehe ich mit dieser Geschichte warm wurde. Mir waren die Dialoge anfangs zu gestelzt, zu plakativ. Aber dann machte es irgendwann „klick“ und ich bin dahintergestiegen, wie diese Geschichte funktioniert. Auf einmal zeigten sich immer mehr Parallelen zu aktuellen Entwicklungen: Einzelne Aussagen oder Meinungen, die schon heute in dieser Form getätigt werden und die hier nur noch zugespitzt und konsequent zu Ende gedacht sind. Dazu gehört wohl, die Charaktere weniger als vollständige Persönlichkeiten, sondern eher als Rollen anzulegen, die eine bestimmte Funktion im Stück einnehmen.

Ich glaube, Zeh ging es gar nicht darum, die Protagonisten besonders lebensnah darzustellen; jedenfalls habe ich die Geschichte nicht so gelesen. Es erschien mir eher als Parabel, als Möglichkeit, als Weiterdenken. Und dann funktioniert dieses Buch auch. Ich würde es – wie die meisten Dystopien – als Warnung lesen und als Handlungsaufforderung: Seid kritisch und reflektiert, was man euch erzählen will. Macht euch euren eigenen Kopf. Und lest dieses Buch.

Sand – Wolfgang Herrndorf

2. März 2015 § 4 Kommentare

Erster Impuls nach dem Lesen des letzten Satzes: So, und jetzt noch mal von vorne anfangen, um dieses Mal alle Querverweise, Protagonisten und Schauplätze klarzukriegen. Da ich das aber nie mache, muss ich wohl auf den Re-Read in ein paar Jahren hoffen. Und in der Zwischenzeit tue ich gar nicht so, als hätte ich dieses Buch WIRKLICH verstanden.

Aber ich versuche mich trotzdem mal an einer Handlungszusammenfassung. Wir befinden uns in den 1970er Jahren irgendwo in Nordafrika, das Setting involviert viel Wüste – klar, der titelgebende Sand. Wahrscheinlich ist da noch eine Metaebene drin. Jedenfalls gibt es so viele (kleine) parallelen Handlungsstränge, dass ich mal eher eine stichwortartige Zusammenfassung versuche. Es gibt einen verwirrten Mann, der sich weder an seinen Namen noch an irgendein anderes Detail aus einem Leben erinnert. Durch unangenehme Begegnungen weiß er nur, dass einige äußerst brutale Männer hinter ihm her sind – oder viel eher hinter etwas, der er hat oder hatte oder haben könnte. Und dann ist da noch die schöne Helen (nomen est omen oder was?), die sich um den Namenlosen kümmert. Helen behauptet, eine Kosmetikvertreterin zu sein, der dummerweise ihr Musterkoffer auf der Anreise verschütt gegangen sei und die deswegen keinen Beweis für ihre Tätigkeit vorweisen könne. Nun müsse sie auf Ersatz warten, und das dauere. Nur ist Helen überraschenderweise versiert in Nahkampftechniken und sonstigen Praktiken, die Kosmetikverkäuferinnen in der Regel nicht beherrschen. Außerdem gibt es noch eine Wüstenkommune voller Aussteiger, in der vor Kurzem ein Mord passiert ist, ein paar mehr oder wenige fähige Polizisten, einige Tötungsdelikte in der Wüste und immer wieder verschiedene Leute, die irgendetwas von dem Namenlosen wissen wollen – wie alles zusammenhängt, erschloss sich mir erst zum Schluss, weswegen ich über weite Strecken recht planlos war.

Ich fürchte, ich habe dieses Buch wohl einfach unterschätzt. Jedenfalls las ich so fröhlich vor mich hin und habe es auch tatsächlich genossen, aber wohl wirklich nur die Hälfte aller Verweise und Anspielungen zu deuten gewusst. Vielleicht ist mir da wirklich eine fundamentale Deutungsebene entgangen? Gegen Ende fiel zwar das ein oder andere Puzzleteilchen auf seinen Platz und ich begann, die Zusammenhänge zu verstehen, aber den 100%igen Durchblick hatte ich bis zuletzt nicht.

Ich sags mal so: Grundsätzlich ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn eine Geschichte vielschichtig und mit Querverweisen, Anspielungen und doppelten Böden konstruiert ist, so dass sie der Leserin auch etwas abverlangt. Also: Lest und entscheidet selbst!

Die Korrekturen – Jonathan Franzen

30. Dezember 2014 § 7 Kommentare

IMG_7950Das Statement, das ich am häufigsten gehört habe, während ich „Die Korrekturen“ gelesen habe? „Ach ja, das hab ich auch mal angefangen. Bin aber nicht weit gekommen, ich fands zu langatmig/langweilig/doof!“. Haha, ja, an dem Punkt war ich auch einige Male. Wenn die Protagonisten mal wieder überhaupt nicht klarkamen und sich ad nauseam mit irgendwelchen Scheißproblemen (durchaus auch mal im Wortsinne) beschäftigt haben. Und dann habe ich mich doch weiter durchgebissen (warum auch immer) und habe dann ein paar Seiten später wieder herzhaft gelacht und das Lesen genossen. Und ich bin immer noch nicht wirklich dahintergestiegen, was genau an diesem Buch diese etwas extremen Reaktionen in mir ausgelöst hat.

Bei den „Korrekturen“ geht es um Familie Lambert aus dem Mittleren Westen der USA. Enid und Alfred haben drei erwachsene Kinder, Gary, Chip und Denise, und genug eigene Probleme: Alfred ist auf dem Weg in die Demenz und zusätzlich durch Parkinson und weitere Gebrechen gehandicapt. Enid ist eigentlich die Optimistische und Unternehmenslustigere, sie ordnet sich aber dem zunehmend starrsinnigen Alfred unter.

Und auch bei den Kindern täuscht die Fassade gewaltig: Gary ist zwar beruflich erfolgreich, hat eine schöne Frau und drei gesunde Kinder, schrammt aber regelmäßig knapp an einer Depression vorbei. Chip, der Mittlere, arbeitet mitnichten beim „Wall Street Journal“, wie Enid gerne erzählt, sondern bei irgendeinem drittklassigen Käseblatt, das halt nur einen ähnlichen Namen hat. Das aber erst, nachdem er wegen einer Affäre mit einer Studentin seinen vielversprechenden Dozentenjob an einer Uni verloren hatte. Und zum Schluss landet er in Litauen, wo er einem (Ex-)Politiker bei, ich sag mal, dubiosen „Internet-Aktivitäten“ behilflich ist. Und Denise, die Starköchin? Sie ist tatsächlich gefeiert in ihrem Job, hatte einen Kollegen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant geführt. Dann kam die Scheidung und ein neuer Job, bei dem sie jedoch gefeuert wurde, weil sie mit der Frau ihres Chefs eine Affäre angefangen hat.

Und in diesem ganzen Durcheinander will Enid eigentlich nur noch eines: Ein letztes Mal Weihnachten feiern, gemeinsam mit der ganzen Familie, mit Kindern und Enkeln.

Ja, also, wie gesagt. Dieses Buch hat in mir sehr zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich gebe zu: Am Schluss wars erst einmal die Freude, es endlich geschafft zu haben. Doch irgendwie bin ich ja doch immer bei der Stange geblieben, über alle Längen und sinnentleerten Dialoge hinweg. Das mag daran gelegen haben, dass da dann doch so ein Sprachwitz durchblitzte, den ich mochte, und dass hinter alldem das Wissen stand, dass man die Schilderung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie um die Jahrtausendwende vor sich hat, die nicht allzu weit hergeholt zu sein scheint.
Ob man dieses Buch jetzt allerdings unbedingt gelesen haben muss – ich weiß es nicht. Franzen macht es einem recht schwer, dabei zu bleiben, vor allem durch die tatsächlich sehr langatmigen Schilderungen und die samt und sonders unsympathischen Charaktere. Verlorene Lebenszeit wars nicht, aber wirklich was gewonnen hab ich dabei auch nicht.

Narziß und Goldmund – Hermann Hesse

22. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7935Es war mal wieder Klassikerzeit. Von Hesse habe ich bisher noch nicht allzu viel gelesen (als ich diesen Satz grade schrieb, ging ich in mich und stellte fest: Ich kannte vorher sogar überhaupt nichts von ihm!), und da ich diesen Band von meinen Eltern ausgeliehen hatte, war das doch ein ganz guter Einstieg.

Narziß und Goldmund sind zwei Freunde, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Narziß ist Lehrgehilfe in einem Kloster, er will sich auch in Zukunft ganz dem geistlichen Leben widmen. Er bekommt Goldmund als Schüler und freundet sich bald mit ihm an. Goldmund ist eine Künstlernatur, der unterbewusst noch immer unter dem Verlust seiner Mutter leidet und versucht, durch seine Kunst und das Umherziehen über lange Jahre seiner Jugend dieser Mutter irgendwie näher zu kommen.

Die beiden sind gegensätzliche Charaktere, aber doch voneinander angezogen. Goldmund verlässt allerdings das Kloster nach seinem ersten Liebesabenteuer – er will die Welt entdecken und sich ausprobieren. Als er in einer Kirche eine Marienstatue entdeckt, die ihn komplett in seinen Bann zieht, sucht er den Bildhauer auf und schafft es, bei ihm in die Lehre zu gehen. Doch nach Jahren des Herumziehens und der wechselnden Liebschaften hält es ihn nicht lange am gleichen Ort, obwohl ihm der Bildhauer anbietet, bei ihm zu bleiben, als Meister zu arbeiten und seine Tochter zu heiraten. Er wandert also weiter, lebt streckenweise zusammen mit seiner Geliebten und einem Freund, bis die Geliebte an der Pest stirbt und der Freund dann aus Angst vor einer Ansteckung alleine weiterziehen will.

Das mit den Frauengeschichten wird Goldmund beinahe zum Verhängnis: Er beginnt eine Affäre mit der Geliebten des Statthalters, wird erwischt und in den Kerker geworfen; er soll am nächsten Tag direkt gehängt werden. Zufällig halten sich einige Geistliche in der Burg auf, so dass einer von ihnen Goldmund noch die Beichte abnehmen kann. Dieser Geistliche entpuppt sich als Narziß, der mittlerweile Abt ist. Er erreicht eine Begnadigung Goldmunds und nimmt ihn mit ins Kloster, wo beide dann ihre Freundschaft wieder aufleben lassen können.

Ich will mich gar nicht an einer groß angelegten Interpretation versuchen, das haben schon viele andere vor mir (und wahrscheinlich auch besser) gemacht. „Narziß und Goldmund“ ist letztlich eine philosophische Geschichte: Was wollen wir von unserem Leben, wofür lohnt es sich zu leben (und zu sterben)? Es geht um den Widerstreit von Verstand und Gefühlen, von Sinnesgenuss und Askese und auch um die Frage nach dem Göttlichen in der Figur der Mutter.

Ich persönlich habe etwas gebraucht, ehe ich in die Geschichte reingefunden habe. Nicht, weil es kompliziert geschrieben war – ganz im Gegenteil, das Ganze liest sich sehr flüssig und angenehm, stellenweise fast ein bisschen zu vor-sich-hin-plätschernd. Aber gegen Ende hatte ich für mich verstanden, worum es wohl gehen soll, und dann fand ich einige gute Gedanken. Ein schönes und lesenswertes Buch.

Abgebrochen: Das Rote Kornfeld – Mo Yan

7. September 2014 § 6 Kommentare

Ich halte mich ja nicht für besonders zart besaitet. Ich bin mit Medizinern befreundet und man findet kaum ein Gesprächsthema, das mir bei Tisch den Appetit verderben würde. Aaaaaber… bei den Gewaltdarstellungen in diesem Buch wurde es mir bereits auf den ersten 80 Seiten schon zweimal schlecht. Das lass ich lieber.

Alle Tage – Terézia Mora

23. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7683Um eins vorneweg zu schicken: Dieses Buch ist etwas für Zeiten, in denen man Muße genug hat. Liest man das Ganze morgens im Zug, findet man es wahrscheinlich scheiße, weil man nichts versteht. Doch sobald man sich Zeit nimmt, könnte man ziemlich begeistert sein. So man es denn dann versteht, denn in dieser Hinsicht bin ich mir bei mir gar nicht so sicher… Aber hey, zumindest bei dem 40 Seiten langen Drogentrip gegen Ende bin ich wohl entschuldigt.

Protagonist ist Abel Nema, ein Typ (geschätzt) in seinen Zwanzigern. Er musste aus seiner Heimat, die irgendwo in Südosteuropa (auf dem Balkan?) liegt, vor einem Krieg fliehen. Er landet zwar in irgendeiner Stadt (in Österreich oder Deutschland?), kommt aber nirgendwo wirklich an, obwohl er ohne große Mühe zehn Fremdsprachen erlernt. Das schien mir ein vorherrschendes Gefühl in diesem Buch zu sein: Die Heimatlosigkeit, das Nirgendwo-Dazugehören, das Suchen, die Einsamkeit. Nicht nur Abel, viele andere Charaktere dieser Geschichte scheinen sich irgendwo dazwischen aufzuhalten. Es gibt wenige, die wirklich dort leben, wo sie herkommen, die nicht irgendwelche Brüche in ihren Biografien haben oder irgendwann mal etwas erlebt haben, das ihr Leben durcheinander brachte.

Abel heiratet schließlich Mercedes und wird von deren Sohn Omar wie ein Vater oder großer Bruder angenommen. Das Ganze ist und bleibt jedoch eben: eine Scheinehe – zum einen, weil Abel eine Aufenthaltsgenehmigung braucht, zum anderen, weil der einzige Mensch, den er jemals geliebt hat, sein bester Freund Ilia war (und auch hier wieder eine unerfüllte Liebe). So ist schon fast klar, dass auch diese Beziehung ihm nicht den Halt gibt, den er bräuchte. Aber ob er überhaupt so leben könnte, bürgerlich-gesettled? Sucht er nicht immer die Einsamkeit und das Unterwegssein?

Als wäre diese schwere Kost noch nicht genug, hält sich Mora außerdem nicht sonderlich an konventionelle Erzählweisen. Sie springt ohne irgendwelche Kenntlichmachung zwischen Zeitebenen und Erzählern hin und her. Das ist anstrengend, weil es volle Aufmerksamkeit erfordert. Aber es ist auch spannend, weil man sich die Geschichte auf diese Weise erarbeiten muss. Und man taucht voll und ganz in Moras Sprache ein, die ich sehr toll fand. Sie zeichnet Bilder, die mich zum Teil sehr angesprochen haben. Indikator dafür: Mehrmaliges Lesen – Grinsen/Nicken/beides – nochmal lesen – geistige Notiz, sich diesen Ausdruck oder diese Metapher bitte zu merken – (sie schließlich doch wieder vergessen).

Anstrengend, aber gut!

ISBN: 978-3-442-73496-2
430 Seiten
btb
€10,00
 

Fräulein Niemand – Tomek Tryzna

3. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7421Marysia ist ein 15jähriges Mädchen im Polen der Wendezeit zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Ihre Familie ist nicht reich und so sind alle erstmal froh, als der Vater in der Stadt einen besseren Job bekommt und sie in eine schönere und moderne Wohnung umziehen können, wo es sogar fließend Wasser gibt.

In der neuen Schule hat Marysia zunächst einen schweren Start – sie wird als Landei verspottet, und keiner will etwas mit ihr zu tun haben. Schließlich aber freundet sie sich mit Kasia an, die ebenfalls Außenseiterin ist.

Kasia ist Musikerin, trägt außergewöhnliche Klamotten, hat Stimmungsschwankungen und kommt häufig einfach gar nicht erst zur Schule. Sie verbringt ihre Freizeit in der Regel damit, Musik auf ihrem Synthesizer zu komponieren. Die beiden Mädels kommen auf seltsame Ideen, um sich ihre „Freundschaft“ zu beweisen und einander herauszufordern. Doch eines Tages geht Kasia dabei zu weit und der Kontakt zu Marysia bricht ab.

Doch sofort bemüht sich Ewa um sie. Ewa ist wunderschön, geheimnisvoll und neureich. Noch dazu fährt sie Motorrad und macht Männern schöne Augen. Für die anfangs etwas naive Marysia ist das eine vollkommen neue Welt, in der sie sich erst befangen, dann aber immer selbstbewusster bewegt. Sie ist schließlich überzeugt, Model zu werden und der Armut entkommen zu können.

Doch so allmählich steigert sich Marysia in diese Ideen hinein, sie hat Tagträume (oder sind das schon Wahnvorstellungen?), man weiß nicht mehr, was real ist und was nur in ihrem Kopf passiert. Und zum Ende hin ist es nur noch abgefahren…

Zunächst: Es ist oft nervig und kaum auszuhalten, wie die Freundinnen jeweils miteinander umgehen. Spannend ist dagegen die Entwicklung Marysias, obwohl (oder gerade weil?) sie sich eher zum Schlechten hin entwickelt: Vom Naivchen zur selbstbewussten jungen Frau, die aber letztlich doch irgendwie unsicher bleibt und ihren Platz noch nicht gefunden hat. Unterm Strich fand ich die Protagonistinnen  die allermeiste Zeit mindestens ein bisschen nervig, oft aber auch fast unerträglich anstrengend und ätzend. Das hatte ich bisher so auch selten.

Rezension in einem Satz? Die sehr poetische, metaphorische Sprache hat mir gut gefallen, die Handlung und vor allem die Charaktere eher weniger.

ISBN: 978-3442725007
366 Seiten
Originaltitel: Panna Nikt
btb
vergriffen und nur noch gebraucht für ein paar Euro erhältlich

1984 – George Orwell

6. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Naja, es ist ja in der aktuellen politischen Großwetterlage fast schon phantasielos, Orwell zu rezensieren. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dieses Buch schon zum bestimmt vierten Mal gelesen habe und es auch alle paar Jahre mal wieder zur Hand nehme – es gehört definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Meine Ausgabe ist noch aus dem elterlichen Regal gemopst und mein Vater hatte damals einen Artikel über das Buch aus der ZEIT von 1983 zwischen die Seiten gelegt. Dient mir jedes Mal als Lesezeichen.

Die Geschichte dürfte im Groben bekannt sein: Die Welt im Jahr 1984 ist in drei Machtblöcke aufgeteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Auf dem Luftflottenstützpunkt Nr. 1 (heute wie eh und je als „London“ bekannt) lebt Winston Smith in einem heruntergekommenen Wohnblock; sein Job besteht darin, alle möglichen Dokumente und Veröffentlichungen der jeweils neuen Version der Geschichte anzupassen. Die Vergangenheit, so lernen wir, ist vollkommen veränderbar. Die herrschende Partei verfährt damit nach Gutdünken, verändert Zahlen und Behauptungen und lässt Personen, die in Ungnade gefallen sind, komplett aus der Geschichte tilgen. Das nennt sich dann „Vaporisierung“: Die vollständige Auslöschung von unliebsamen Personen, so als hätten sie nie existiert.

Die Welt des Jahres 1984 ist, und so wurde dieses Jahr bereits zu Metapher, geprägt von totaler Überwachung. Zum einen durch technische „Errungenschaften“ wie den Televisoren, die sowohl Empfangs- als auch Überwachungsgeräte sind, zum anderen durch die Gedankenpolizei, die überall und nirgends ist. Keinem kann man mehr vertrauen, jeder könnte der Geheimpolizei angehören und sogar Kinder verraten ihre Eltern – einfach so, wenn es sein muss. Freundschaften, Liebesbeziehungen und Sexualität sollen ausgemerzt werden, es zählt einzig und alleine, dass man sein Leben, seine ganze Freizeit und seine Emotionen der Partei widmet.

Durch Neusprech sollen schließlich sogar die Gedanken der Menschen in genehme Bahnen gelenkt werden: Indem „schlechte“ Begriffe eliminiert werden, sollen Gedankenverbrechen (das bloße Nachdenken über Abweichendes) unmöglich gemacht werden – denn wie soll man Dinge denken oder tun können, für die man gar keine Begriffe hat?

Über all diesem schwebt der Große Bruder, von dem man eigentlich gar nicht so recht weiß, ob er wirklich existiert. Der Große Bruder ist für alles Gute verantwortlich und wird nicht ohne Grund als ein Stalin-Lookalike beschrieben. Bedingungslose Liebe zum Großen Bruder, grenzenloser Hass gegenüber seinen Gegnern, diese Devise gilt für die Bewohner Ozeaniens.

Winston ist davon eher weniger überzeugt. Er macht seinen Job und lässt sich bei den endlosen, öden Parteiveranstaltungen nach Feierabend blicken, aber er begibt sich auf Abwege – zunächst gedanklich, dann auch durch kleine rebellische Taten. Eines Tages fällt ihm eine Kollegin auf: Eine junge Frau, die immer ganz vorne dabeisein zu scheint, wenn es um Parteianliegen geht und die bei allem die Eifrigste ist. Winston hasst ihre Hinhabe und ihre offensichtliche Systemtreue, er ist überzeugt, dass sie Mitglied der Gedankenpolizei ist. Doch eines Tages gesteht sie ihm ihre Liebe, die beiden werden ein Paar und Winston bemerkt, dass Julia nur so konform tut. Für Julia ist ihre Anpassung der beste Schutz: Wer immer an vorderster Front überall mitmacht, der würde nicht so schnell verdächtig.

Zunächst geht es den beiden nur darum, sichere ( = unbeobachtete) Plätzchen für ihre Schäferstündchen zu finden. Doch allmählich bewegen sie sich ernsthafter Richtung Widerstand und nehmen schließlich Kontakt auf zu ihrem gemeinsamen Kollegen O’Brien, der irgendetwas zu wissen scheint. Gehört er vielleicht dieser geheimnisvollen Bruderschaft an, die gegen den Großen Bruder arbeiten soll und die immer das Ziel der großen Hasstiraden ist? Zuerst scheint es ganz danach auszusehen, doch wie das eben so ist im Jahr 1984: Man kann niemandem vertrauen.

Wie schon gesagt, dieses Buch gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Das, obwohl es gleichzeitig eines der düstersten, deprimierendsten und hoffnungslosesten Bücher ist, die ich kenne. Darüber hinaus hat es allerdings eine Message, die zwar wahnsinnig überstrapaziert (und oft auch nur aus dem Hörensagen zitiert wird), trotzdem aber sehr, sehr wichtig ist.

Natürlich ist 1984 als Warnung vor dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts geschrieben worden. Die Anspielungen auf Praktiken des Nationalsozialismus und des Stalinismus sind zu deutlich. Aber gleichzeitig nimmt Orwell die technologischen Entwicklungen ein stückweit vorweg, so dass diese Geschichte dem einen oder anderen auf gruselige Weise sehr hellsichtig scheinen dürfte.

Ob man Orwell jetzt immer und ständig zitieren muss, wenn man über die NSA, ACTA, die Unionsparteien oder allgemeines Datenkrakentum redet, sei dahingestellt. Ich finde, man darf ihn in diesen Debatten gerne wieder sparsamer einsetzen und muss nicht immer die „Große Bruder“-Keule schwingen. Denn eigentlich ist sein „1984“ immer noch ein starkes Plädoyer gegen staatliche Überwachung, gegen Gleichschaltung und gegen den Totalitarismus in seiner grausamsten Form.

ISBN: 978-3548234106
384 Seiten
Originaltitel: Nineteen Eighty-four
Ullstein Taschenbuch
€9,95

Schilf – Juli Zeh

2. September 2013 § 2 Kommentare

IMG_7261So, wie ich mich kenne, hatte ich mir ausgerechnet dieses Buch von Juli Zeh auf die Wunschliste gesetzt, weil es in Freiburg spielt. Das mit dem Lokalkolorit können zwar andere besser (Bottini zum Beispiel), aber trotzdem hat mir „Schilf“ sehr, sehr gut gefallen.

Um was es geht? Um die Physik im Allgemeinen und die Frage nach der Möglichkeit von Zeitreisen im Speziellen. In erster Linie ist es aber ein Krimi. Und letztlich steht hinter alldem die Frage, ob die Wirklichkeit, in der wir leben und die wir wahrnehmen, wirklich einzigartig ist oder ob sie vielleicht nur eine Möglichkeit unter vielen ist.

Okay, das war eine Einleitung, die maximal viele Leser vergraulen dürfte. Bitte nicht – sonst verpasst ihr ein tolles, durchdachtes und sehr außergewöhnliches Buch. Deswegen einiges zum Plot: Sebastian und Oskar haben sich während des Physikstudiums angefreundet. Sebastian ist mittlerweile Professor an der Uni Freiburg, mit Meike verheiratet und Vater eines Sohnes namens Liam. Oskar forscht am CERN in Genf und besucht Sebastian und seine Familie einmal im Monat. Die beiden verbindet seit dem Studium eine fast symbiotische Beziehung, eine engstmögliche Freundschaft. Doch dann passieren eigenartige Dinge. Kurz nach Oskars letztem Besuch fährt Meike zum Rennradfahren in die Alpen. Sebastian soll Liam ins Pfadfinderlager bringen und freut sich danach auf ein bisschen freie Zeit. Doch dann verschwindet das Auto samt Liam von einem Rasthof, während Sebastian nur kurz auf der Toilette ist. Kurz darauf bekommt er einen Anruf mit der Botschaft: „Dabbeling muss weg!“ Als Druckmittel habe man Liam entführt. Dabbeling ist ein Rennradkollege von Meike und Arzt an der Uniklinik, und offenbar in einen Medizinskandal verwickelt. Offenbar will sich jemand an ihm rächen, und Sebastian könnte als der eifersüchtige Ehemann ein gutes Motiv haben.

Kurzum: Das Auto ohne Liam darin taucht bald wieder auf und Sebastian sieht nach quälenden Stunden des Nachdenkens keine andere Möglichkeit, als den Auftrag tatsächlich auszuführen und Dabbeling zu töten. Doch kurz nachdem er dies getan hat, meldet sich Liam putzmunter aus dem Ferienlager – was also ist passiert?

Hier setzt eigentlich erst so richtig die Krimihandlung ein, da auch der namensgebende Kommissar Schilf aus Stuttgart anreist, um zu ermitteln. Doch ein konventioneller Krimi wird es trotzdem nicht, wie ich bereits in der Einleitung angedeutet habe. Juli Zeh schafft es interessanterweise, diese ganze doch eher abstrakte Physik, um die es geht, so zu verpacken, dass es auf einmal das Spannendste und Faszinierendste auf der Welt wird. Man liest nicht oft einen Roman, der seine Message so zugänglich und spannend verpackt, der nicht zu geschwätzig wird und der die Geschichte und die dahinterliegende Theorie so schlüssig und sprachlich gekonnt miteinander verbindet.

Ich finde es fast ein bisschen schade, dass ich Juli Zeh als Autorin so spät entdeckt habe – aber was solls, ich lese einfach demnächst noch mehr von ihr.

ISBN: 978-3895614316
384 Seiten
Schöffling
€19,90

Das Lied von Leben und Tod – Marcelo Figueras

26. August 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7269Und einen weiteren Lieblingsautor nehme ich wohl aus 2013 mit. Mir hatte ja schon „Kamtschatka“ so gut gefallen, und hier zeigt Figueras nochmal, was er kann (bzw. dass ers kann). Auch wenn seine Fabulierkunst bisweilen etwas mit ihm durchgeht, kann man ihm das immer wieder verzeihen, weil er letzten Endes eine so schöne Geschichte geschrieben hat.

Wir treffen Teo, der anfangs ein seltsames Gespräch mit einem Wolf auf Lateinisch führt. Als er vom Baum, auf dem er sitzt, herunterfällt, landet er zu Füßen einer wunderschönen Frau, die ihn verarztet, ihn wunderbar offenherzig-charmant abschleppt und ihn schließlich als ihren Partner akzeptiert. Man muss dazu sagen: Teo ist ein Riese, weit über 2m groß, und Pat lebte bisher sehr zurückgezogen mit ihrer fünfjährigen Tochter Miranda. Teo merkt bald, dass er sich da eine etwas schwierige Geliebte angelacht hat: Pat ist launisch, schreit nachts wie in den schlimmsten Alpträumen und macht ihm gleich klar, dass sie quasi täglich ihre Sacken packen und verschwinden könnte. Sie hat vor irgendetwas große Angst, so dass sie bisher von einem abgelegenen Ort zum anderen geflohen ist. Miranda auf der anderen Seite ist ein für ihr Alter außergewöhnlich reifes Mädchen – auch, weil sie letztlich immer ein bisschen auf ihre labile Mutter aufpassen muss.

Figueras lässt sich Zeit, entfaltet aber innerhalb eines Panoramas aus seltsamen und wunderlichen Charakteren, von denen jeder seine eigene Geschichte und sein eigenes Päckchen zu tragen hat, die ganze schlimme Lebensgeschichte von Pat, die eng mit der argentinischen Militärdiktatur zusammenhängt (die Lebensgeschichte, nicht Pat, Oder vielleicht läufts aufs Gleiche hinaus). Erst ganz zum Schluss kann man überblicken, was sie zu ihrer dauernden Flucht bewogen hat. Dann hat man sie schon fast liebgewonnen, so schwer es auch ist, denn Pat ist wirklich meistens kratzbürstig und schwierig. Miranda ist dagegen ist klug und ein Engel, und magische Fähigkeiten hat sie auch.

Man ahnt es schon, dass man nicht alles in diesem Buch für bare Münze nehmen sollte. Man sollte viel eher offen und unvoreingenommen an diese schöne Geschichte herangehen und sich auf ein bisschen Fantastisches oder Metaphorisches einlassen. Denn letztlich liegt unter allem Märchenhaften eine sehr brutale Wahrheit.

ISBN: 978-3423139243
528 Seiten
Originaltitel: La batalla del calentamiento
dtv
€12,90

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