In Zeiten des abnehmenden Lichts – Eugen Ruge

3. August 2012 § 4 Kommentare

Wohl dem, der lesende Verwandtschaft hat: Den letzten Tana French konnte ich mir von der einen, dieses Buch hier von der anderen Tante ausleihen. Aktuell wird „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ja breit besprochen (bzw. wird es seit einigen Monaten), und da reihe ich mich mal ein.

Erzählt wird die Geschichte einer deutschen Familie: Die Urgroßeltern, Charlotte und Wilhelm, gingen während der Nazizeit ins mexikanische Exil: Als überzeugte Kommunisten sahen sie keinen anderen Weg. Nach dem Krieg kehrten sie nach Ostdeutschland zurück, um die DDR mit aufzubauen, und bekamen zwei Söhne: Werner und Kurt. Während Werner, wie man eher andeutungsweise erfährt, irgendwann im sowjetischen Gulag ums Leben kam, hat Kurt das Lager überlebt, später die Russin Irina geheiratet und ist mit ihr in die DDR heimgekehrt. Sie bekommen einen Sohn, Alexander, und auch Irinas Mutter, Nadjeshda Iwanowna, lebt bei der Familie im Haus.

Alexander rebelliert gegen seine Eltern, die noch immer vom Kommunismus überzeugt sind (auch wenn zumindest Irina sich eher damit arrangiert als dass sie das System aktiv unterstützt). Alexander bekommt einen Sohn, der bei seiner Mutter aufwächst – die Eltern leben getrennt und Alexander setzt sich schließlich nicht lange vor dem Mauerfall in den Westen ab.

Soweit der Teil der Geschichte, der in Rückblenden auf wechselnden Zeitebenen erzählt wird. Immer wieder eingestreut die Gegenwartshandlung, die kurz nach dem 11. September 2001 spielt: Alexander, der vor kurzem eine Krebsdiagnose erhalten hat und sich sonst um den dementen Kurt kümmert, reist auf den Spuren seiner Großeltern nach Mexiko. Es wird nicht so recht klar, was er dort finden will und entsprechend konnte ich mit diesen Kapiteln am wenigsten anfangen.

Ein weiterer Bezugspunkt ist der 90. Geburtstag von Wilhelm, der Tag, an dem Alexander in den Westen geht. Was alles an diesem Geburtstag passiert, wird aus wechselnder Perspektive von verschiedenen Protagonisten erzählt. Gerade diese Technik hat mir sehr, sehr gut gefallen. Hat man sich nach einem Kapitel bereits seine Urteile über die Handelnden zurechtgelegt, werden sie bald darauf wieder erschüttert, weil die selben Geschehnisse sich aus einer anderen Perspektive wieder unterschiedlich darstellen.

Hier geht es zu wie wohl in sehr vielen Familien: Jahre- oder jahrzehntelang schwelende Konflikte, Missverständnisse und unterschiedliche politische Einstellung prägen dem Umgang miteinander. Ruge hat ein Händchen fürs Erzählen, ihm gelingt eine durchaus lustige Geschichte mit guten Charakterisierungen aller Personen darin. Meine Tante meinte, sie hätte es gar nicht mehr aus der Hand legen können – das war bei mir nicht durchgehend so, es ist aber halt auch nicht die klassische Spannungslektüre. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, es ist trotzdem ein sehr lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3498057862
432 Seiten
Rowohlt
€19,95
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Das Perlenmädchen – Barbara Wood

24. Februar 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Das neue Jahr habe ich lesetechnisch leider nicht sonderlich gut angefangen… Die Perlentaucherin war ein Weihnachtsgeschenk, aber irgendwie war das nicht so recht was für mich.

Um was gehts? Tonina lebt auf der Perleninsel, die irgendwo in der Nähe des heutigen Mexiko angesiedelt ist. Sie ist die beste Perlentauchern ihres Stammes und liebt das Meer. Sie weiß jedoch, dass sie als Kind ausgesetzt wurde: Das Ehepaar, das sie in einem Körbchen aus dem Meer fischte, sind nicht ihre richtigen Eltern, und die Perleninsel nicht ihre richtige Heimat. Daher bricht sie Richtung Festland auf – zunächst will sie nur eine besondere Blume mit Heilkräften aufzuspüren, doch das eigentliche Ziel ihrer Reise ist es, den Stamm zu finden, zu dem sie gehört. Sie gelangt so ins Reich der Maya, wo sie Chac kennenlernt, den von allen bewunderten Ballspieler. Doch aufgrund einer Intrige schweben beide bald in Lebensgefahr – Tonina kann Chac aber retten, und nach Maya-Brauch ist Chac nun an sie gebunden, um wiederum ihr einmal das Leben zu retten. Auch Chac ist kein Maya, und daher sind beide in ihrer Mission verbunden, ihre Abstammung zu finden. Doch sie werden verfolgt von Prinz Balám, den einstigen Förderer und engen Freund Chacs, den jener nun bezichtigt, sein Leben zerstört zu haben.

Fazit: Man könnte auf den ersten Seiten denken, man habe es hier mit einer starken und für ihre Zeit recht emanzipierten Frau zu tun: Sie ist so, wie sie eben ist, ist klug und lässt sich von keinem was sagen. Nur leider rutscht die Geschichte mehr und mehr in Klischees ab: Zuerst wird ständig darauf hingewiesen, dass Tonina ja nicht wirklich gut aussieht (und daher mit Anfang 20 immer noch unverheiratet und Jungfrau ist…), aber irgendwann verlieben sich jede Menge Männer in sie. Ah ja. Auch die späteren Liebesszenen zwischen Tonina und Chac sind… nun ja, nicht sonderlich originell. Vielleicht schreibt Frau Wood ja im Nebenberuf noch Nackenbeißer?

Ansonsten besteht ein Großteil der Handlung daraus, dass Tonina, Chac und ihre immer größer werdende Gefolgschaft herumziehen, immer mal wieder das Ziel ändert und hier und da irgendwelchen Gefahren begegnet. Irgendwann erfahren beide dann, wer sie wirklich sind usw. Das war mir manchmal ein bisschen zu viel Rumgewandere, zwischendurch hatte ich auch schlicht und einfach den Durchblick verloren, wer jetzt wohin unterwegs ist und wieso.

Identifizieren konnte ich mich mit keinem der Protagonisten, zumal Tonina mal wieder eine von diesen perfekten Menschen ist: Sie ist ja so toll, macht keine Fehler und beherrscht ratzfatz die ihr vorher vollkommen fremde Maya-Sprache. Auch die anderen Charaktere waren eher holzschnittartig und in ein Gut-Böse-Schema eingepresst.

Mich hat trotzdem interessiert, wie das Ganze ausgeht (auch wenn sich die Logik gegen Ende so richtig verabschiedete), und ich würde mal sagen: Dieses Buch hat in etwa den selben Stellenwert wie die abendliche Soap – super, wenn man keine hohen Ansprüche an Logik stellt und auch keine geistreiche Lektüre, sondern einfach nur das Hirn ausschalten will. Alle anderen sollten lieber was anderes lesen.

ISBN: 3596158842

602 Seiten

Originaltitel: Woman of a Thousand Secrets

Fischer Taschenbuch

€9,95

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