ZERO. Sie wissen, was du tust – Marc Elsberg

25. März 2015 § 2 Kommentare

IMG_8069Von Elsbergs Erstling „Blackout“ war ich ja ziemlich angetan und da ich die ganze Big Data-Thematik sehr spannend finde, habe ich mich gefreut, als ich „ZERO“ geschenkt bekommen habe.

Auch ZERO hat wieder ein Szenario zur Grundlage, das gar nicht mal sooo unrealistisch ist. Wir müssen uns dafür nur ein paar Jahre in die Zukunft denken, denn alle Technologien, um die es hier geht, gibt es auch heute schon.

Der neue heiße Scheiß in dieser Geschichte ist ein Netzwerk namens „Freeme“: Jedem Nutzer gehören seine aggregierten Daten und er kann entscheiden, was mit ihnen passiert und auch, welchen Wert sie haben. Klar, dass alle den Wert ihrer Daten stetig verbessern wollen, denn es gibt Rankings und Scores, so dass jeder immer nachprüfen kann, wie wertvoll seine Persönlichkeit und sein Können aktuell sind. Und um das alles zu verbessern, gibt es dann die ActApps, die für alle möglichen Lebenslagen Ratschläge geben. In erster Linie geht es natürlich um ein besseres, gesünderes und zufriedeneres Leben, mit dem netten Nebeneffekt, dass die Erfolgreichen auch ihren Datenwert steigern können.

Gut, das an sich ist jetzt nicht so tragisch. Vi, die Tochter der Journalistin Cynthia, ist dank der ActApps besser in der Schule geworden, hat ihre etwas schwierige Emophase überstanden und benimmt sich allgemein zugänglicher und erwachsener (und Mama Cynthia lässt sich immerhin von einer App schon Flirttipps einflüstern, um diesen einen knackigen IT-Experten rumzukriegen für sich zu gewinnen). Doch dann passiert ein Unglück: Einer der Freunde von Vi hat sich mit einer Datenbrille auf Verbrecherjagd begeben und wurde dabei erschossen. Und natürlich wird diskutiert: Haben ihn diese ActApps dazu gebracht, mutig und zu wagehalsig zu werden, um seine Werte zu verbessern? Ist Freeme etwa gefährlich?

Befeuert wird die Debatte zusätzlich vom Hackerkollektiv ZERO, das mit einigen spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht und sein Ziel, die „Datenkraken“ zu vernichten, dabei mehr als deutlich artikuliert hat.

Cynthia ist zunächst überfordert, da sie mit diesen ganzen neuen Technologien nie wirklich Schritt gehalten hat. Plötzlich ist sie als Mutter gefragt, aber auch in ihrem Job als Journalistin: Wegen ihrer direkten Nähe zu dem Fall soll sie davon berichten. Gemeinsam mit Kollegen versucht sie, hinter Freemes Geheimnis zu kommen und begibt sich damit auf ein vermintes Terrain – denn das Netzwerk will sich natürlich nicht in die Karten schauen lassen und auch ZERO mischt kräftig mit.

Ich muss sagen, mich hat die ganze Geschichte etwas zwiegespalten zurückgelassen. Klar, die Thematik ist super-spannend und die Story könnte aktueller nicht sein. Auf der anderen Seite schien die Geschichte nicht als solche zu leben, sondern in erster Linie dem Namedropping zu dienen. So sprechen die Charaktere manchmal, als zitierten sie gerade aus der Wikipedia. Ich bin mir bewusst, dass dieses Buch eine große Rechercheleistung darstellt und man merkt, dass Elsberg diese Sache recht gründlich erledigt hat. Allerdings hätten die Protagonisten ruhig etwas lebendiger und dreidimensionaler und die Dialoge etwas natürlicher sein dürfen.

Ich will das Buch hier aber nicht zu schlecht machen: Es ist auf jeden Fall ein ganz guter Einstieg in die Big Data-Thematik und zeigt einige der Probleme auf, mit denen wir uns in den nächsten Jahren wohl beschäftigen dürfen.

Im Übrigen, um gleich mal beim Thema zu bleiben: Ich bin ab heute bis Freitag bei der Herrenhäuser Konferenz der Volkswagen Stiftung „Big Data in a Transdisciplinary Perspective“ dabei – als eine der Science Reporter werde ich darüber bei Twitter, Facebook und eventuell auch hier im Blog berichten (ansonsten lautet der Hashtag #hkbigdata). Ich freue mich auf die Konferenz und auch darauf, wenn der ein oder die andere von euch sich dafür interessiert!

Corpus Delicti – Juli Zeh

15. März 2015 § 4 Kommentare

Nachdem ich von meiner ersten Zeh-Lektüre so begeistert war, IMG_8065habe ich mich jetzt an einen ihrer aktuelleren und vielgelobten Romane gemacht. Und ich konnte mir schon im Vorfeld denken, warum „Corpus Delicti“ so gut ankam: Es scheint einen Nerv zu treffen. Thema ist die zunehmende Fokussierung auf den (gesunden) Körper, die Rhetorik der Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Abwälzung gesamtgesellschaftlicher Belastungen auf den Einzelnen: Wenn du nicht auf dich selbst achtest, dich nicht gesund ernährst, übergewichtig bist und zu wenig Sport treibst, kostet du die Gesellschaft (zu) viel Geld.

Zeh hat sich dafür in eine dystopische Zukunft begeben, wo diese Haltung zur Staatsräson geworden ist: Alle Menschen sind gesund und glücklich, die allermeisten von ihnen haben noch nie Schmerzen gespürt, es gibt keine Krankheiten mehr. Das klingt jetzt auf Anhieb gar nicht mal so schlecht. Dafür muss sich allerdings jeder Bürger und jede Bürgerin einem engmaschigen Überwachungsregime unterwerfen: Der Staat gibt Fitnessprogramm und Urintests vor und verwarnt bei Lässigkeit. Partnerschaften werden über Portale geknüpft, die eine möglichst große Passgenauigkeit der jeweiligen Immunsysteme berechnen (OkCupid weitergedacht, wenn man so will) und „die Methode“ zur Gesunderhaltung hat die Stelle der Religionen eingenommen.

Mia Holl scheint in dieses System nicht recht zu passen: Sie lässt sich nicht einlullen, sie ist Naturwissenschaftlerin und kann ihr entsprechend geschultes Denken nicht an der Labortüre abgeben. Doch sie muss einen Schicksalsschlag verkraften, was ihr zunehmend schwer fällt: Ihr Bruder Moritz hat sich im Gefängnis das Leben genommen, er war beschuldigt worden, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Mia glaubt fest an die Unschuld ihres Bruders und gerät in ihrer Trauer, ohne es wirklich zu wollen, immer stärker in Opposition zur Methode, die in schöner totalitaristischer Tradition selbstverständlich keinerlei Abweichung duldet und Mia mit zunehmender Härte auf Linie zu zwingen versucht.

Es hat zugegebenermaßen etwas gedauert, ehe ich mit dieser Geschichte warm wurde. Mir waren die Dialoge anfangs zu gestelzt, zu plakativ. Aber dann machte es irgendwann „klick“ und ich bin dahintergestiegen, wie diese Geschichte funktioniert. Auf einmal zeigten sich immer mehr Parallelen zu aktuellen Entwicklungen: Einzelne Aussagen oder Meinungen, die schon heute in dieser Form getätigt werden und die hier nur noch zugespitzt und konsequent zu Ende gedacht sind. Dazu gehört wohl, die Charaktere weniger als vollständige Persönlichkeiten, sondern eher als Rollen anzulegen, die eine bestimmte Funktion im Stück einnehmen.

Ich glaube, Zeh ging es gar nicht darum, die Protagonisten besonders lebensnah darzustellen; jedenfalls habe ich die Geschichte nicht so gelesen. Es erschien mir eher als Parabel, als Möglichkeit, als Weiterdenken. Und dann funktioniert dieses Buch auch. Ich würde es – wie die meisten Dystopien – als Warnung lesen und als Handlungsaufforderung: Seid kritisch und reflektiert, was man euch erzählen will. Macht euch euren eigenen Kopf. Und lest dieses Buch.

Apokalypse jetzt! – Greta Taubert

3. Januar 2015 § 7 Kommentare

IMG_7953Greta Taubert treibt eine Frage um: Gibt es Alternativen zu unserer konsumgetriebenen Gesellschaft? Wie wäre sie selbst vorbereitet auf den großen Crash? Ihr Antwort zu Anfang des Buchs: Nicht besonders gut. Als 30something kennt sie nur den Überfluss in den Geschäften, die ständige Verfügbarkeit aller wichtigen (und unwichtigen) Güter, ohne dafür etwas tun zu müssen – außer Geld oder die Kreditkarte über den Tresen zu schieben.

Greta will das ändern und gibt sich ein Jahr, um sich auf die Apokalypse vorzubereiten. Dabei geht es hier mitnichten darum, zum Prepper zu werden oder sich irgendwelche weltfremd-abgehobenen Luftschlösser zu bauen – klar beginnt sie bei dem Naheliegendsten: Das Futtern. Sie spricht mit Typen, die Notfallkisten verkaufen, trifft Kräutersammlerinnen und Pilzzüchter. Nach und nach taucht sie aber tiefer in die Welt derjenigen ein, die Alternativen zu unserer Konsumgesellschaft leben und verschiedene Bereiche anders gestalten wollen: Moderne Nomaden, Tramper, Couchsurfer, Mülltaucher oder Bewohner von alternativen Wohnprojekten. Von ihnen inspiriert macht sich Greta Gedanken, auf was es wirklich ankommt, wenn die gewohnten Strukturen zusammenbrechen – oder einfach, wenn man sein Leben ein bisschen besser und nachhaltiger gestalten will.

Mir hat der Stil dieses Buches echt gut gefallen. Greta berichtet direkt und ehrlich, sie gesteht sich Vorbehalte und Zweifel offen ein, macht aber auch keinen Hehl aus ihrer wachsenden Begeisterung für ihre Entdeckungen. Wo ihre Berichte anfangs eher getrieben waren von der Angst, was nach dem großen Crash kommen könnte und ob man dann irgendwie das gewohnte Leben weiterführen könnte, steht am Schluss der Expedition die Erkenntnis: Wenn alles anders wird, wäre das vielleicht gar nicht so tragisch. Denn das muss nicht unbedingt den Weltuntergang bedeuten.

Wie ich fand: Ein interessantes, gedankenanregendes und trotzdem witziges Buch ums Überleben und Besser leben.

Die Korrekturen – Jonathan Franzen

30. Dezember 2014 § 7 Kommentare

IMG_7950Das Statement, das ich am häufigsten gehört habe, während ich „Die Korrekturen“ gelesen habe? „Ach ja, das hab ich auch mal angefangen. Bin aber nicht weit gekommen, ich fands zu langatmig/langweilig/doof!“. Haha, ja, an dem Punkt war ich auch einige Male. Wenn die Protagonisten mal wieder überhaupt nicht klarkamen und sich ad nauseam mit irgendwelchen Scheißproblemen (durchaus auch mal im Wortsinne) beschäftigt haben. Und dann habe ich mich doch weiter durchgebissen (warum auch immer) und habe dann ein paar Seiten später wieder herzhaft gelacht und das Lesen genossen. Und ich bin immer noch nicht wirklich dahintergestiegen, was genau an diesem Buch diese etwas extremen Reaktionen in mir ausgelöst hat.

Bei den „Korrekturen“ geht es um Familie Lambert aus dem Mittleren Westen der USA. Enid und Alfred haben drei erwachsene Kinder, Gary, Chip und Denise, und genug eigene Probleme: Alfred ist auf dem Weg in die Demenz und zusätzlich durch Parkinson und weitere Gebrechen gehandicapt. Enid ist eigentlich die Optimistische und Unternehmenslustigere, sie ordnet sich aber dem zunehmend starrsinnigen Alfred unter.

Und auch bei den Kindern täuscht die Fassade gewaltig: Gary ist zwar beruflich erfolgreich, hat eine schöne Frau und drei gesunde Kinder, schrammt aber regelmäßig knapp an einer Depression vorbei. Chip, der Mittlere, arbeitet mitnichten beim „Wall Street Journal“, wie Enid gerne erzählt, sondern bei irgendeinem drittklassigen Käseblatt, das halt nur einen ähnlichen Namen hat. Das aber erst, nachdem er wegen einer Affäre mit einer Studentin seinen vielversprechenden Dozentenjob an einer Uni verloren hatte. Und zum Schluss landet er in Litauen, wo er einem (Ex-)Politiker bei, ich sag mal, dubiosen „Internet-Aktivitäten“ behilflich ist. Und Denise, die Starköchin? Sie ist tatsächlich gefeiert in ihrem Job, hatte einen Kollegen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant geführt. Dann kam die Scheidung und ein neuer Job, bei dem sie jedoch gefeuert wurde, weil sie mit der Frau ihres Chefs eine Affäre angefangen hat.

Und in diesem ganzen Durcheinander will Enid eigentlich nur noch eines: Ein letztes Mal Weihnachten feiern, gemeinsam mit der ganzen Familie, mit Kindern und Enkeln.

Ja, also, wie gesagt. Dieses Buch hat in mir sehr zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich gebe zu: Am Schluss wars erst einmal die Freude, es endlich geschafft zu haben. Doch irgendwie bin ich ja doch immer bei der Stange geblieben, über alle Längen und sinnentleerten Dialoge hinweg. Das mag daran gelegen haben, dass da dann doch so ein Sprachwitz durchblitzte, den ich mochte, und dass hinter alldem das Wissen stand, dass man die Schilderung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie um die Jahrtausendwende vor sich hat, die nicht allzu weit hergeholt zu sein scheint.
Ob man dieses Buch jetzt allerdings unbedingt gelesen haben muss – ich weiß es nicht. Franzen macht es einem recht schwer, dabei zu bleiben, vor allem durch die tatsächlich sehr langatmigen Schilderungen und die samt und sonders unsympathischen Charaktere. Verlorene Lebenszeit wars nicht, aber wirklich was gewonnen hab ich dabei auch nicht.

Der futurologische Kongress – Stanisław Lem

1. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Ich wage mich selten genug ins Sci-Fi-Genre vor – wobei ich bei diesem Buch gar nicht mal so sicher bin, ob man es überhaupt in diese Richtung kategorisieren sollte. Wie dem auch sei: Fantastisches und irgendwie Irreales finden bei mir eher selten den Platz ins Regal. Und des Öfteren – wie auch nach dem Lesen dieses Buches – denke ich mir, dass sich das mal zumindest ein wenig ändern dürfte.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Ijon Tichy – seines Zeichens Weltraumfahrer – nehmen wir am namensgebenden Futurologischen Kongress teil. Dieser findet in Costricana statt, das der Beschreibung nach am ehesten einem mittelamerikanischen Polizeistaat gleicht. Tichy weiß auf seine humorige, vielleicht etwas naive Art von allerlei eigenartigen Vorkommnissen zu berichten. Seien es die seltsam anmutenden Parallelveranstaltungen im großen Tagungshotel, seien es die Schutzausrüstung in seinem Zimmer oder die Kämpfe, die irgendwo draußen zwischen der Regierung und verfeindeten Kräften toben. Auch der Kongress selbst ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen: Zu Beginn werden umfangreiche Tagungsunterlagen ausgegeben und die einzelnen Redner verweisen nur noch auf Seiten- und Zeilenzahlen, um ihre Meinungen zu unterstreichen.

Doch schnell werden die Kämpfe heftiger, das Hotel wird bombardiert und Tichy ist gezwungen, mit einigen anderen Teilnehmern Zuflucht in der Kanalisation unter dem Hotel zu suchen. Doch nicht nur herkömmliche Munition wird verwendet – die Regierung wirft so gegannte Bemben ab, die statt Sprengstoff bestimmte psychoaktive Substanzen enthalten. Wenn Lebewesen damit in Berührung kommen, sind sie nicht mehr in der Lage, einander Gewalt anzutun, sie werden im Gegenteil selbstlos und harmoniebedürftig.

Trotz aller Schutzmaßnahmen sind auch die Geflüchteten in der Kanalisation den Stoffen ausgesetzt und in der Folge durchlebt Tichy einige etwas abgedrehte Visionen, in denen er wahlweise durch die Luft fliegt oder zu ganz anderen Personen wird. Doch nach kurzer Zeit erwacht er wieder in den Eingeweiden des Hotels, bis er schließlich bei einem Angriff so schwer verletzt wird, dass für ihn in seinem alten Körper kaum eine Überlebenschance besteht. Es ist jedoch möglich, Menschen einzufrieren und in der Zukunft wieder auftauen – dann, wenn eine Heilung für die Krankheit oder die Verletzung gefunden worden ist. So wird Tichy mehrere Jahrzehnte später aufgetaut und ist tatsächlich auch wieder hergestellt. Er findet eine schöne und friedliche Welt vor, in der alle gut gelaunt zu sein scheinen. Doch nach und nach entdeckt Tichy, was dahintersteckt: Die Wirklichkeit wird verdeckt und vernebelt durch die zahlreichen Substanzen, die die Menschen zu sich nehmen und mit denen sie im Handumdrehen jede denkbare Stimmung erzeugen können. Das, was sie um sich herum wahrnehmen, ist also nichts anderes als eine Illusion. Doch kann man sich dann überhaupt noch auf irgendetwas verlassen?

Ein höchst spannendes Thema hat sich Lem als Hintergrund für diese Geschichte ausgedacht. Wenn euch diese Beschreibung an Matrix erinnert oder an solche Innovationen wie Oculus Rift, mit denen wir ebenfalls in virtuelle Umgebungen abtauchen können, liegt ihr nicht ganz falsch. Hier ist diese Entwicklung bereits um einiges weiter gedacht – und das bereits in den 1970er Jahren und verpackt in allerhand Sprach- und Aberwitz. Wer bereit ist, sich auch mal auf ein Experiment einzulassen, liegt mit diesem Buch auf keinen Fall verkehrt.

Deutschlandreise – Roger Willemsen

27. Oktober 2014 § 2 Kommentare

IMG_7940Gelegentlich mache mich während des Lesens Notizen zum Buch bei Goodreads. Die zu „Deutschlandreise“ sagen letztlich schon alles:

– Erstmal wieder beiseite gelegt – auf den ersten Seiten nur einsame, ältere Menschen. Grade keine Lust drauf. (Januar 2013)
– Neuer Versuch. (Oktober 2014)
– Dieses Deutschland muss ja verdammt deprimierend sein… (Status etwa bei der Hälfte)

Willemsen reist also quer durchs Land, ein paar Jahre/kurz nach der Jahrtausendwende und schreibt auf, was er so beobachtet. Zuerst ist diese leichte Melancholie, das Beschreiben kleiner Schwächen und Sonderlichkeiten, komischer Gestalten und eigenartiger Orte noch zumindest ein bisschen charmant, es begann mich aber bald brutal zu nerven. Mir fehlte die Leichtigkeit, der Humor, der Optimismus, einfach die guten, netten, schönen Seiten. Stattdessen: Abgehängte Menschen und abgewrackte Hotels und Orte, die man eigentlich als viel schöner und einladender im Erinnerung hat, als Willemsen sie hier beschreibt (Und ja, eigentlich ist es echt witzig, wenn er Orte beschreibt, die man selbst gut kennt. Eigentlich.).

Zwischendurch blitzt schon ein bisschen Humor und Sprachwitz auf, man findet gelungene Formulierungen und denkt sich zum Schluss doch wieder: „Ey, in diesem Deutschland willste auch nicht tot überm Zaun hängen!“.

Narziß und Goldmund – Hermann Hesse

22. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7935Es war mal wieder Klassikerzeit. Von Hesse habe ich bisher noch nicht allzu viel gelesen (als ich diesen Satz grade schrieb, ging ich in mich und stellte fest: Ich kannte vorher sogar überhaupt nichts von ihm!), und da ich diesen Band von meinen Eltern ausgeliehen hatte, war das doch ein ganz guter Einstieg.

Narziß und Goldmund sind zwei Freunde, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Narziß ist Lehrgehilfe in einem Kloster, er will sich auch in Zukunft ganz dem geistlichen Leben widmen. Er bekommt Goldmund als Schüler und freundet sich bald mit ihm an. Goldmund ist eine Künstlernatur, der unterbewusst noch immer unter dem Verlust seiner Mutter leidet und versucht, durch seine Kunst und das Umherziehen über lange Jahre seiner Jugend dieser Mutter irgendwie näher zu kommen.

Die beiden sind gegensätzliche Charaktere, aber doch voneinander angezogen. Goldmund verlässt allerdings das Kloster nach seinem ersten Liebesabenteuer – er will die Welt entdecken und sich ausprobieren. Als er in einer Kirche eine Marienstatue entdeckt, die ihn komplett in seinen Bann zieht, sucht er den Bildhauer auf und schafft es, bei ihm in die Lehre zu gehen. Doch nach Jahren des Herumziehens und der wechselnden Liebschaften hält es ihn nicht lange am gleichen Ort, obwohl ihm der Bildhauer anbietet, bei ihm zu bleiben, als Meister zu arbeiten und seine Tochter zu heiraten. Er wandert also weiter, lebt streckenweise zusammen mit seiner Geliebten und einem Freund, bis die Geliebte an der Pest stirbt und der Freund dann aus Angst vor einer Ansteckung alleine weiterziehen will.

Das mit den Frauengeschichten wird Goldmund beinahe zum Verhängnis: Er beginnt eine Affäre mit der Geliebten des Statthalters, wird erwischt und in den Kerker geworfen; er soll am nächsten Tag direkt gehängt werden. Zufällig halten sich einige Geistliche in der Burg auf, so dass einer von ihnen Goldmund noch die Beichte abnehmen kann. Dieser Geistliche entpuppt sich als Narziß, der mittlerweile Abt ist. Er erreicht eine Begnadigung Goldmunds und nimmt ihn mit ins Kloster, wo beide dann ihre Freundschaft wieder aufleben lassen können.

Ich will mich gar nicht an einer groß angelegten Interpretation versuchen, das haben schon viele andere vor mir (und wahrscheinlich auch besser) gemacht. „Narziß und Goldmund“ ist letztlich eine philosophische Geschichte: Was wollen wir von unserem Leben, wofür lohnt es sich zu leben (und zu sterben)? Es geht um den Widerstreit von Verstand und Gefühlen, von Sinnesgenuss und Askese und auch um die Frage nach dem Göttlichen in der Figur der Mutter.

Ich persönlich habe etwas gebraucht, ehe ich in die Geschichte reingefunden habe. Nicht, weil es kompliziert geschrieben war – ganz im Gegenteil, das Ganze liest sich sehr flüssig und angenehm, stellenweise fast ein bisschen zu vor-sich-hin-plätschernd. Aber gegen Ende hatte ich für mich verstanden, worum es wohl gehen soll, und dann fand ich einige gute Gedanken. Ein schönes und lesenswertes Buch.

Grabesgrün – Tana French

3. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Die letzte Dienstreise in meinem (noch) aktuellen Job mit einigen Zugstunden sowie ein langes Wochenende haben mir vor Kurzem recht viel Lesezeit beschert. Die wollte ich auch nutzen; in den kommenden Wochen steht nach dem Projektabschluss ein Umzug an mit entsprechender To Do-Liste. Deswegen wollte ich vorher nochmal einen schönen Krimi  lesen und ich weiß mittlerweile, dass ich da mit Tana French gut bedient bin. Die Reihe finde ich ja von Buch zu Buch besser – ein kleiner Wermutstropfen ist, dass ich das Ganze irgendwie von hinten nach vorne gelesen habe. Nun gut, das ist jetzt nicht sooo tragisch, weil die einzelnen Geschichten in sich abgeschlossen sind, aber so den ein oder anderen Bezug hätte ich schon nochmal gerne aufgegriffen gehabt.

Dieses Mal führt uns Detective Rob Ryan durch die Geschichte. Cassie (die in Teil 2 die Erzählerin ist) ist seine Partnerin und beste Freundin (auf die Kumpel-Art). Die beiden bekommen einen Fall auf den Tisch, der für beide zur Nervenprobe werden wird: Die Leiche eines zwölfjährigen Mädchen wird nahe einer archäologischen Ausgrabungsstätte gefunden. Katy, so hieß das Mädchen, wurde erst bewusstlos geschlagen und dann mit einer Plastiktüte erstickt. Anschließend wurde sie auf einem alten Altar so drapiert, als würde sie schlafen.

Rob und Cassie merken recht schnell, dass in Katys Familie einiges nicht stimmt: Die distanzierten Eltern, die ältere Schwester Rosalind, die viel zu erwachsen und reif für ihr Alter wirkt, schließlich Jessica, Katys Zwillingsschwester, die ziemlich verstört zu sein scheint. Nach einigen Nachfragen kommt heraus, dass die Familie Drohnanrufe bekommen hat; Katys Vater ist an einer Bürgerinitiative beteiligt, die gegen eine geplante Schnellstraße kämpft. Aber auch der ein oder andere aus der Gruppe der Archäologen benimmt sich seltsam, Alibis scheinen nicht immer wasserdicht zu sein.

Für Rob kommen die Dämonen allerdings aus einer ganz anderen Richtung: In dieser Gegend ist er aufgewachsen und als er 12 war, sind zwei seiner besten Freunde im Wald spurlos verschwunden. Rob war dabei, als es passierte, doch er hat keine Erinnerungen mehr daran. Er wurde erst Stunden später aufgegriffen, voller Blut und vollkommen verstört. Robs Familie ist kurz darauf weggezogen, er ist nach England aufs Internet gegangen, und nur Cassie kennt seine Vergangenheit.

Es stellt sich tatsächlich heraus, dass es Berührungspunkte zwischen dem alten und dem neuen Fall gibt. Und nicht nur dadurch verstricken sich Rob und Cassie zunehmend in alten Geschichten und aktuellen Fragen, die letztlich dann auch ihre Freundschaft auf die Probe stellen.

Ich wusste ja schon, dass dieser Fall ein sehr schwieriger werden würde; in Band 2 wurde das öfter mal angedeutet. Aber für mich tat das der Spannung oder dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Ich mag einfach die Charaktere supergerne, Cassie fand ich ja schon vorher klasse und auch Rob als Ich-Erzähler mochte ich sehr gerne. Ich finde sowieso die Idee gut, jeden Band aus der Perspektive von jemand anderem erzählen zu lassen, ohne das Setting zu verlassen.

Auch den Fall fand ich spannend und interessant und mir gefiel die leicht melancholische Stimmung, so dass ich das Buch bei Goodreads über die meiste Zeit glattweg mit 5 Sternen bewertet hätte (das wäre dann in diesem Jahr erst das zweite gewesen, nach dem Herrndorf. Erstaunlich schlechte Bilanz). Und dann hatte ich den Schluss gelesen und war doch… ein klitzekleines Bisschen enttäuscht. Ich fand den Schluss realistisch und alles, aber irgendwie… Ich dachte, da käme noch mehr. Rob machte zum Ende hin immer mehr Andeutungen und baut so eine Erwartung auf, die dann das eigentliche Finale nicht zu 100% erfüllen kann. Gut, es muss nicht immer filmreif und mit x Wendungen auf den letzten fünf Seiten sein. Aber hier bleiben eben einige Dinge in der Schwebe und ich hatte etwas mehr erwartet. So läuft der Fall eher etwas plätschernd aus. Aber auf der anderen Seite: Ich mag ja eigentlich die French-Krimis dafür, dass sie eben grade nicht so rüberkommen wie ein Actionfilm. Wie dem auch sei: Ich habe auch diesen Band sehr, sehr gerne gelesen. Und für alle, die die Serie bisher nicht kannten: Das wäre jetzt eine gute Gelegenheit für euch, damit anzufangen.

ISBN: 978-3596175420
704 Seiten
Originaltitel: In The Woods
Fischer

Back to Blood – Tom Wolfe

1. September 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7930Ein passendes Genre für diese Geschichte zu finden, ist gar nicht so leicht. Vielleicht am ehesten „Multikulti-Satire-Roman“? Es geht jedenfalls um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, um Gewinner und Verlierer – und letztlich fällt alles immer darauf zurück, von woher die eigenen Eltern oder sonstige Ahnen irgendwann mal eingewandert sind.

Nestor Camacho ist Mitte 20 und Polizist. Eines Tages fällt ihm die unangenehme Aufgabe zu, einen kubanischen Flüchtling von einem Bootsmast zu holen. Nestor hat ihm zwar wahrscheinlich das Leben gerettet, der Flüchtling konnte dadurch aber nicht den rettenden amerikanischen Boden erreichen und wird wahrscheinlich nach Kuba zurückgeschickt.

Nestor ist dummerweise selbst kubanischstämmig und für seine Community fortan ein Verräter. Seine Familie will nichts mehr von ihm wissen und sogar seine Freundin Magdalena verlässt ihn.

Magdalena wiederum will unbedingt gesellschaftlich aufsteigen und schläft deswegen mit ihren Chef, einem Psychiater für Pornografiesüchtige. Sie findet ihn eigentlich gar nicht mal so scharf, aber er kann sie eben in die High Society Miamis einführen. Dadurch lernt sie viele wichtige und einflussreiche Leute kennen, unter anderem den russischen Millionär Sergej Koroljow. Sergej ist so charmant und kultiviert, kurzum: viel attraktiver als ihr Chef, weswegen sie diesen abserviert und mit jenem in der Kiste landet. Was sie nicht weiß: Koroljow hat möglicherweise ziemlichen Dreck am Stecken und ausgerechnet ihr Ex Nestor versucht, ihm auf die Schliche zu kommen.

Nestor nämlich wird von John Smith kontaktiert, einem weißen Journalisten, der über seine Heldentat berichtet hatte. Denn für alle Nicht-Kubaner hat der durchtrainierte Nestor eine wahre Heldentat vollbracht, als er da einfach so auf den Mast kletterte und dem armen Flüchtling das Leben rettete. Und Smith hat noch eine weitaus spannendere Geschichte auf Lager: Koroljow hat einem Museum in Miami Kunstwerke im Wert von mehreren Millionen Dollar gestiftet – das Museum trägt sogar seinen Namen. Die Kunstwerke sollen aber gefälscht sein und John will gemeinsam mit Nestors Hilfe herausfinden, ob an diesem Verdacht etwas dran ist.

Wolfe hat es auf jeden Fall geschafft, einige sehr sympathische Charaktere zu schaffen, die er in eine ebenfalls gute und interessante Story einbindet. Manchmal ist die Geschichte etwas zäh und langatmig geraten, es gab einige Handlungsstränge, die nicht (oder nicht in dieser Länge) notwendig gewesen wären. Das Ganze ist außerdem als Satire zu lesen. Deswegen ist manches überzeichnet und over the top, aber unterm Strich ist das hier ein unterhaltsam zu lesender Roman über die moderne amerikanische Multikultigesellschaft.

ISBN: 978-3896674890
768 Seiten
Originaltitel: Back to Blood
Karl Blessing Verlag
€24,99

Tiger, Tiger – Margaux Fragoso

18. August 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Das hier war in jeglicher Hinsicht ein ziemlich dicker Brocken. Nicht nur im Hinblick auf die Thematik, sondern auch in Bezug auf Handlung und Charaktere war hier wenig sommerlich leicht und luftig, sondern ziemlich heftig und trostlos. Aber kein Wunder: Das Thema dieses (autobiografischen) Romans ist Pädophilie (Als Hinweis für alle, die bei diesem Thema sensibel sind: Auf einzelne Aspekte davon gehe ich in meiner Rezension auch ein).

Als sich Margaux und Peter kennenlernen, ist sie 7 und er über 50. Zunächst scheint es so, als fände Margaux bei Peter, dessen Lebensgefährtin Inés und seinen beiden älteren Söhnen eine Art Ersatzfamilie – Margaux‘ eigene Eltern können ihr nicht allzu viel Liebe und Rückhalt geben, da ihre Mutter psyschich krank ist und ihr Vater seine eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit vor allem an seiner Tochter auslässt. Liebevolle Momente gibt es selten. Bei Peter jedoch ist sie immer willkommen, er hat einen schönen Garten und viele exotische Tiere, auch wenn das Haus an sich etwas heruntergekommen ist.

Zunehmend fordert Peter als Zeichen der Verbundenheit Dinge ein, für die Margaux eigentlich noch viel zu jung ist: Sie soll sich in aufreizender Pose fotografieren lassen, sie soll sich von Peter anfassen lassen und soll auf seine zunehmend sexuellen Anspielungen eingehen. In der Folge manipuliert Peter Margaux mehr und mehr, so dass sie schließlich vollkommen fixiert ist auf ihn, ihren einzigen richtigen Freund.

Margaux‘ Eltern schöpfen zwar Verdacht, und vor allem ihre Vater versucht, sie von Peter fernzuhalten, aber Margaux selbst wehrt sich dagegen und verlangt, Peter sehen zu dürfen. Sie ist gefangen in einer Hassliebe zu Peter: Sie will diese Spielchen gar nicht mitmachen, sie hasst Peter dafür, dass er sie dazu zwingt und dermaßen manipuliert, sie kämpft um eine eigene Identität, sie beginnt, sich für gleichaltrige Jungs zu interessieren – und gleichzeitig kann sie selbst nicht von dieser Beziehung lassen…

Also, ja. Das ist alles sehr unschön. Ich fand das Buch sehr heftig, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen. Ich fand hier eigentlich keinen positiven Charakter. Vor allem die männlichen Protagonisten sind alle manipulativ, unsicher, weinerlich und fügen den Frauen in ihren Leben Schaden zu. Aber auf der anderen Seite muss man dem Buch auch lassen, dass Peter nie als das Monster dargestellt wird, als das die Gesellschaft einen Pädophilen gerne sehen möchte. Fragoso schafft den Spagat, ihn irgendwie als Menschen und als arme Sau darzustellen, aber gleichzeitig seine Taten nicht zu verharmlosen oder so zu tun, als sei das alles gar nicht seine Schuld, er könne ja nicht anders.

Margaux (und letztlich auch ihre Mutter) hatten irgendwie nie eine richtige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Es gibt in diesem Buch keine „gesunde“ Beziehung, selbst die Nebenfiguren sind immer in irgendeine Geschichte involviert, die ihnen nicht gut tut, wo einer der Partner (oder beide sich gegenseitig) den anderen einschränkt und verletzt.

Nichts für nebenher, nichts für jeden, aber mit diesen Einschränkungen eigentlich schon ein lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3453356856
464 Seiten
Originaltitel: Tiger, tiger: A memoir
Diana Verlag
€9,99

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Nachdenkliches auf Besser lesen.

%d Bloggern gefällt das: