Die fabelhafte Welt der Leichen – Mary Roach

11. April 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_8062Wer Wissenschaftsbücher aus etwas skurrilen Themenfeldern mag, kennt Mary Roach vielleicht. Immerhin befasst sie sich gerne mit Semi-Tabus wie Sex und Verdauung – und eben Leichen. Und soviel kann ich sagen: Ich hätte vorher nie gedacht, dass ein Buch über tote Menschen so witzig und interessant sein könnte!

Mary Roach scheint eine dieser unerschrockenen Menschen zu sein, die alles ausprobieren, überall hingehen und mit jedem reden. Oder wie kommt man sonst darauf, ein Buch darüber zu schreiben, was alles mit dem menschlichen Körper passieren kann, sobald der Mensch sein Leben ausgehaucht hat? Nun, da passiert nämlich so einiges. Roach besucht Medizinstudenten im Präp-Kurs, Testlabore zur Fahrzeugsicherheit, spricht mit Experten für Flugunfalluntersuchung und Ballistik und findet heraus, dass es in allen diesen Bereichen die unterschiedlichsten Verwendungen von (gespendeten) Leichen und deren Teilen gibt. Denn häufig gibt es eben keine künstlichen oder tierischen Materialien, die so exakt einen menschlichen Körper simulieren, wie… ja, genau. Und wollen wir nicht alle gut ausgebildete Ärzte, sichere Fahrzeuge und im Falle eine Falles ein funktionstüchtiges Spenderorgan? Eben.

Außerdem lernen wir hier noch einiges über Verwesungsprozesse (ja, es gibt in den USA ein Gelände, auf dem gespendete menschliche Leichen verwesen, um ebendiese Prozesse eingehend studieren zu können. Das hilft unter anderem bei der Aufklärung von Verbrechen), den Umgang mit Toten in vergangenen Epochen und so weiter und so fort. Und bei allem hat Roach eine sehr witzige, schön pragmatische und gerne auch mal selbstironische Schreibe – mir jedenfalls hat es sehr viel Spaß gemacht und ich fand dieses, nun ja, tatsächlich etwas randständige Thema sehr gut und lesbar aufbereitet. Und gelernt habe ich nebenher auch noch einiges. Ich gehe mal schwer davon aus, dass ich mich irgendwann an eines ihrer anderen Bücher aus dem „Lass mal lieber das ebook kaufen, dann sieht man das Cover nicht!“-Sektor machen werde (wobei ja zumindest das Thema Verdauung dank „Darm mit Charme“ aus der Schmuddelecke geholt wurde. Da kann man sich also trauen).

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Die Flucht der Ameisen – Ulrich C. Schreiber

29. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7438Dieses Büchlein habe ich diesen Sommer auf einem Grabbeltisch in Koblenz entdeckt. Da es in der Region spielt, wo ich aktuell meine Zelte aufgeschlagen habe, musste es mitgenommen werden. Und eigentlich wars auch gar nicht so schlecht. 

Der Geologe Gerhard Böhm entdeckt bei Exkursionen in die Eifel interessante und außergewöhnliche Gesteinsstrukturen, die auf jüngere vulkanische Aktivität schließen lassen. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, ist die Eifel immerhin noch aktives Vulkangebiet.  Doch Böhm findet auch Ameisenhügel, die seltsamerweise genau entlang von Störungsstellen angeordnet sind. Kleinere Erdbeben im Rheinland veranlassen schließlich ihn und einige Kollegen, der Sache näher auf den Grund zu gehen. Nachdem jedoch einhellig Entwarnung gegeben wurde – es gibt keine Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch – kommt es schließlich ausgerechnet in der Silvesternacht zu einer Katastrophe: In der Nähe von Koblenz, direkt am Rhein, entsteht wie aus dem Nichts ein neuer Vulkan, dessen Lava und Asche die umliegenden Siedlungen zerstört. Doch was noch schlimmer ist: Die Lava fließt in den Rhein, erkaltet dort und droht den gesamten Fluß aufzustauen. 

Dies würde katastrophale Folgen für ganz Mitteleuropa haben: Zahlreiche Großstädte entlang des Rheins würden innerhalb von Monaten komplett überflutet werden, weil sich das Wasser im engen Mittelrheintal aufstaut. Die Schifffahrt auch rheinabwärts käme vollständig zum Erliegen und Millionen von Menschen müssten ihr Zuhause vielleicht für immer verlassen. 

Klar, dass die Experten in den Krisenstäben sich eine Lösung ausdenken müssen – das Ganze, während bereits Koblenz vollläuft und Gerhard Böhm sich nebenher noch mit den Geistern seiner Vergangenheit herumschlagen muss. 

Wenn ich eine Stadt oder Region kenne, mag ich solche Regionalkrimis/-thriller/-romane sehr gerne (wer hier regelmäßig mitliest, weiß das ja bereits). „Die Flucht der Ameisen“ hat zusätzlich noch ein interessantes Szenario zu bieten, ist wirklich spannend zu lesen und (soweit ich das beurteilen kann) auch gut durchdacht und fachlich fundiert. Ich möchte nicht ausschließen, dass so etwas mit einer gewissen (wenn auch sehr kleinen) Wahrscheinlichkeit passieren könnte. 

Für diese Pluspunkte bin ich auch bereit, über die manchmal etwas hölzerne Schreibweise hinwegzusehen sowie über die Tatsache, dass Gerhard Böhm sich in die Reihe der allzu perfekten Protagonisten einreiht. Er weiß immer alles (oft auch besser), hat immer eine Lösung parat und wuppt die Probleme sowohl privat als auch im Job ohne größere Schwierigkeiten (Nach meinem Geschmack hätte es allerdings den ganzen Teil mit den privaten Scherereien gar nicht gebraucht. Aber das ist Geschmackssache).

Aber was solls: Nicht nur für Eiflerinnen und Rheinländer zur Lektüre empfohlen!

ISBN: 978-3492251341
368 Seiten
Piper Taschenbuch
€9,99

Der Schwarm – Frank Schätzing

28. Mai 2013 § 8 Kommentare

IMG_6847Ein weiterer Re-Read – und um schonmal einen Teil des Fazits vorwegzunehmen: Das erste Lesen hat mich weitaus mehr begeistert als jetzt das zweite.  „Der Schwarm“ war ja in den letzten Jahren hochpopulär und hochgelobt und das, so muss ich eingestehen, nicht ganz zu Unrecht. Die Story ist jedenfalls sehr, sehr spannend (die Kritik kommt dann später).

Im Meer und ums Meer herum passieren plötzlich auf der ganzen Welt seltsame Dinge. Vor der norwegischen Küste tauchen eines Tages Unmengen von Würmen auf, die sich mit überdimensionierten Beißwerkzeugen in das dort lagernde Methanhydrat bohren. Der Experte Sigur Johanson bekommt von der Ölfirma Statoil den Auftrag, diese Würmer zu klassifizieren. Johanson stellt fest, dass es sich um eine neue Art handeln muss. Was den Wissenschaftlern zunehmend Sorgen macht: Die Würmer graben Gänge und Löcher in das Hydrat und könnten es so destabilisieren. Größere Blowouts, also Freisetzungen von Methangas, könnten Plattformen beschädigen und sogar Schiffe versenken.

Zur gleichen Zeit beobachten Whalewatcher vor der westkanadischen Küste ein seltsames Verhalten der Tiere: Zuerst kommen sie später als gewöhnlich aus südlicheren Gewässern an, dann verhalten sie sich aggressiv gegenüber Booten. Nach einigen folgenschweren Angriffen auf Schiffe wird dem Walexperten Leon Anawak klar, dass irgendetwas nicht stimmen kann und er versucht herauszufinden, was die Wale derart verändert.

Darüber hinaus tauchen plötzlich vergiftete Krabben in Frankreich und den USA auf und andere Späße – die Ereignisse erscheinen wie aufeinander abgestimmt und zielen offenbar darauf ab, den Menschen zu schaden. Es scheint fast so, als würde sich irgendetwas im Meer gegen den Menschen wenden…

Das Ganze klingt – zu Recht – nach schöner Spannungskurve und viel Action, daher auch gar nicht so viel von der eigentlichen Handlung an dieser Stelle. Es gibt nämlich noch einige andere Twists und die Handlung hat mehr als einen Höhepunkt. Es ist natürlich klar, was Schätzing mit diesem Buch letztlich sagen will: Der Mensch ist zu lange zu sorglos mit dem Meer und seinen Bewohnern umgegangen und bekommt nun die Quittung. Insofern ist sein Verdienst, die Leser zum Nachdenken zu bringen und es wird wohl kaum einen geben, der nicht zwischendrin mal innehält, um das Gelesene zu reflektieren. Angereichert ist die fiktive Geschichte mit vielen, vielen Fakten, die offensichtlich gründlich recherchiert wurden. 

Aber es sollte ja noch Kritik kommen. Nun, dieses Buch hat über 1000 Seiten und nach meinem Geschmack hätten es gerne ein paar weniger sein dürfen. Manchmal verliert sich Schätzing in seinen Details und Nebenhandlungen. Er charakterisiert zwar seine Protagonisten sorgfältig, schweift dabei aber oft zu sehr ab. Da hätte man einiges straffen und weglassen können. Manche Nebencharaktere, insbesondere diejenigen US-amerikanischer Herkunft, sind mir manchmal etwas stereotyp geraten. 

Fazit also: Wenn man diese tolle und spannende Story auf 700 Seiten gepackt hätte, wäre es ein super Buch. So ist es leider manchmal etwas zäh. 

ISBN: 978-3462033748
1008 Seiten
Kiepenheuer&Witsch
€24,95

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