Kreuzzug – Marc Ritter

26. Mai 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7746Es ist der Dreikönigstag und die Zugspitze ist gerammelt voll mit Touris, Skifahrern und Snowboardern. Plötzlich gibt es zwei Explosionen: Der Tunnel, durch den die Zahnradbahn auf den Gipfel fährt, wird vorne und hinten gesprengt, der Weg ist durch Geröllmassen verbaut. Über hundert Menschen sind im Zug eingeschlossen und die mehreren Tausend auf dem Gipfel können jetzt nur noch mit zwei kleinen Seilbahnen ins Tal geschafft werden. Während die Krisenstäbe zum einen diese Evakuierung vorbereiten und gleichzeitig mit der Ursachensuche beginnen, werden die Pfeiler der Seilbahn gesprengt, als die erste vollbesetzte Gondel gerade auf dem Weg ins Tal ist.

Zu allem Überfluss waren der bayrische Ministerpräsident und der Verteidigungsminister nebst Gattin zwecks besserer Medienwirksamkeit auf den Gipfel geflogen. Der Hubschrauber, der alle wieder ins Tal fliegen soll, wird abgeschossen, die Würdenträger sitzen fest. Spätestens jetzt ist klar: Die Attentäter sind nicht zu Scherzen aufgelegt. Und es gibt bald eine Meldung über eine Internetseite: Eine islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu den Anschlägen und fordert, inhaftierte Terrorverdächtige freizulassen. Andernfalls würde man die Geiseln im Zug nach und nach erschießen.

Die Bundesregierung muss nun irgendwie auf die Forderungen der Attentäter reagieren und schickt Kerstin Dembrovski ins Rennen. Die ist eine toughe Frau Kapitän zu See, die mit ihren grade mal 30 Lenzen schon ordentlich Erfahrung mit zwielichtigen und gefährlichen Gesellen hat. Sie soll also zu Geiselnehmern Kontakt aufnehmen und in die Verhandlungen einsteigen.

Außerdem gibt es noch Thien Hung Baumgartner: Ein einheimischer Fotograf mit vietnamesischen Wurzeln, der in der Bahn eingeschlossen ist. Thien ist ein cooler Typ, der gerne mal ein Risiko auf sich nimmt und deswegen sofort Pläne schmiedet, wie er die Geiseln in Eigenregie befreien kann. Mittels ausgefeilter nonverbaler Kommunikation nimmt er Kontakt mit seinem amerikanischen Sitznachbar auf, der wirkt, als könne er ihm helfen. (Thiens Hintergedanke dabei ist außerdem, dass er seine Freundin zurückgewinnen will – und wie könnte er ihren Neuen, einen Gebirgsjäger, besser ausstechen als durch Heldentum?)

Damit hätte ich die Handlung nur recht grob wiedergegeben, da uns die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Zunächst: Es ist ein schön spannender Schmöker, bei dem außerdem viel Hintergrund aus dem Bereich Krisenmanagement mitgeliefert wird, was mir aus beruflichen und anderen Gründen ziemlich gut gefallen hat. Wir haben außerdem den ein oder anderen Protagonisten, der interessant angelegt war und dann auch ganz sympathisch daherkam. Bei anderen war es dann aber wieder etwas schablonenhaft geraten. Was sicherlich Geschmackssache sein dürfte: Die ganze Geschichte ist durchzogen von Seitenhieben und Anspielungen auf den Politikbetrieb der letzten Jahre. So ist der Verteidigungsminister natürlich ein adeliger Schnösel mit repräsentativer Gattin und besten Verbindungen zur (Boulevard-)Presse. KTG, ick hör dir trapsen…

Was mich aber gestört hat: Ritter ist hier wahrscheinlich der gleichen Versuchung erlegen wie vor ihm bereits viele andere Autoren rechercheintensiver Bücher: Hier noch ein Infohäppchen, das noch unbedingt mit rein sollte, und hier, und hier… Es waren mir oft zu viele Details, zu viele Informationen und Nebenhandlungen, die die Geschichte unnötig aufgebläht haben.

Alles in allem ist es aber trotzdem noch spannend genug, dass ich euch diese Geschichte gerne empfehle.

ISBN: 978-3426511657
560 Seiten
Knaur
€9,99

Arbeit und Struktur – Wolfgang Herrndorf

17. Mai 2014 § Ein Kommentar

IMG_7736In meiner Filterbubble schien nahezu jeder Wolfgang Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“ gelesen zu haben; spätestens aber entdeckten die meisten dann die Seite, nachdem Herrndorf sich im Sommer letzten Jahres das Leben genommen hatte. Er war an einem Hirntumor erkrankt, das Glioblastom war einige Jahre davor diagnostiziert worden – dies ist eine Tumorart, die nicht heilbar ist und eine denkbar schlechte Prognose hat. Die meisten Patienten sterben innerhalb eines Jahres nach der Diagnose.

In den folgenden Monaten nach Diagnose, die doch noch zu Jahren werden, führt Herrndorf sehr akribisch Tagebuch – über Krankheitsverlauf und Therapie, aber auch über den Arbeitswahn, der ihn befällt und der ihn dazu bringt, doch noch zwei Romane („Tschick“ und „Sand“) fertigzustellen. Dieses Tagebuch, das es zuerst nur in Blogform gab, wurde jetzt als Buch veröffentlicht. Und für mich ist es bei dieser Art von Geschichten das passendere Medium als ein Blog, wo ich eher der Versuchung erliege, schnell mal nebenher noch einen Artikel zu lesen.

Man zeige mir die Person, die dieses Buch kalt lässt. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Es ist jetzt nicht so, dass ich ständig rumgeheult hätte beim Lesen. Das nicht. Aber der Umgang Herrndorfs mit seiner Krankheit hat mir einen Heidenrespekt abgenötigt. Er begegnet dem Ganzen mit einer Kraft und einer schonungslosen Ehrlichkeit, was seine zunehmenden An- und Ausfälle angeht. Gleichzeitig reißt er immer noch Witze und bilanziert an einer Stelle, er sei gar nicht mal unglücklicher geworden seit der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten kämen häufiger. Klar gibt es diese Tiefs: Die Verzweiflung, der Überdruss und die Gedanken an den Tod. Und natürlich auch die Frage, wie er sterben will: Herrndorf beschäftigt sich schon recht früh mit den Möglichkeiten eines Suizids und plädiert auch für ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Sterben für jeden, der den Wunsch äußert. Aber trotz allem habe ich dieses Buch nie als deprimierend erlebt. Irgendwie war da immer so ein Lebensmut, eine positive Grundstimmung, die manchmal auch nur ein Gefühl meinerseits war und die mich sehr beeindruckt hat.

Am Schluss hat Herrndorf entgegen jeder Statistik rund drei Jahre mit dem Tumor gelebt und diese ganze Zeit festgehalten. Zum Schluss sind die Eintragungen nur noch Fragmente, einzelne Sätze, Wörter. Und dann ist man beim letzten Eintrag angelangt und weiß, dass sich Herrndorf wenige Tage später erschossen hat und hat dann doch einen Kloß im Hals.

ISBN: 978-3871347818
448 Seiten
Rowohlt
€19,95

 

Der Anschlag – Stephen King

26. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer in den letzten Tagen Fernsehen geschaut hat, hat es schon bemerkt: Das Attentat auf John F. Kennedy jährte sich vor Kurzem zum 50sten Mal. Also werden wieder Verschwörungstheorien ausgepackt und man erinnert sich, dass JFK ein rechter Frauenheld gewesen ist (das ZDF wusste neulich von 2000 Affären zu berichten – und der Typ hat nebenher noch eine Supermacht regiert! Keine schlechte Quote).

Und es gibt da natürlich noch die große „Was wäre gewesen, wenn…?“-Frage: Wenn Kennedy überlebt hätte, wenn der Anschläge hätte verhindert werden können, wenn…

Genau hier setzt Stephen King an mit seinem Zeitreise-Roman „Der Anschlag“.

Protagonist ist Jake Epping, der im Jahr 2011 als geschiedener 40something Englisch an einer High School unterrichtet. Eines Tages ruft ihn der Imbissbesitzer Al Templeton an, mit dem sich Jake gut versteht. Al bittet ihn, bei ihm vorbeizukommen, er würde ihm gerne etwas zeigen und es sei wichtig. Jake erschrickt, als er Al sieht: Er scheint gealtert zu sein und wirkt sehr krank. Und offenbar wirkt er nicht nur krank, er ist es auch: Al eröffent Jake, dass er bald an Lungenkrebs sterben wird. Und Jake soll für ihn eine Aufgabe erledigen, die Al leider nicht mehr schaffen wird.

Um ihm zu zeigen, worum es geht, bittet er Jake, in seinen Abstellraum zu gehen… und ehe Jake richtig weiß, wie ihm geschieht, ist er durch ein Loch in der Zeit gestiegen und am selben Ort, nur im Jahr 1958 gelandet. Nachdem sich Jake dort ein bisschen umgesehen hat und wieder die Reise zurück in die Gegenwart geschafft hat, erzählt ihm Al ein paar mehr Details: Man kommt durch dieses „Kaninchenloch“ immer am gleichen Zeit zur gleichen Zeit heraus, und egal, wie lange man sich in der Vergangenheit aufhält, vergehen in der Gegenwart nur zwei Minuten. Und wenn man ins Jahr 2011 zurückgekehrt ist, werden bei der erneuten Reise ins Jahr 1958 alle Änderungen, die man beim letzten Ausflug gemacht hat, wieder rückgängig gemacht.

Al war bei seiner letzten Zeitreise fast vier Jahre in der Vergangenheit, ehe er zu schwach wurde und zurück musste. Und er erzählt Jake, was er versucht hatte und was dieser nun vollenden soll: Er soll das Attentat an Kennedy verhindern. Dazu hat Al ihm einige Aufzeichnungen hinterlassen, an denen er sich orientieren kann. Al ist überzeugt, dass Lee Harvey Oswald der alleinige Täter war, und er ist überzeugt, dass die Weltgeschichte einen besseren Verlauf genommen hätte, wenn Kennedy eines natürlichen Todes gestorben wäre.

Ungeklärt ist jedoch der Schmetterlingseffekt: Welche Folgen hat eine noch so kleine Veränderung der Vergangenheit auf die Zukunft?

Jake hat sich schnell entschieden, die Herausforderung anzunehmen und versucht erstmal, in geringerem Maße einzugreifen und zu schauen, was passiert. Es scheint einigermaßen zu funktionieren, die Welt dreht sich weiter und er scheint das Leben einiger Menschen zum Besseren gewendet zu haben. Dann geht er endgültig zurück, dieses Mal für seine wirklich große Aufgabe. Er hat zunächst noch ein bisschen Zeit und landet in der texanischen Kleinstadt Jodie. Dort fühlt er sich sehr wohl, obwohl er natürlich seine Eigenschaft als Zeitreisender sorgfältig verbergen muss. Er arbeitet als Lehrer, wird von anderen Bewohnern sehr freundlich empfangen und verliebt sich schließlich sogar in seine Kollegin Sadie. Ein nettes Detail fand ich, dass er sein Geld unter anderem auch mit Sportwetten verdient. Das ist fast schon konsequent… 😉

Doch je näher er dem Jahr 1963 kommt, desto stärker bemerkt er auch: Die Vergangenheit wehrt sich gegen Eingriffe, sie WILL nicht verändert werden. Und dazu kommt noch, dass er sich mittlerweile ganz wohl fühlt in der Vergangenheit und dass Sadie irgendwie zu ahnen scheint, dass ihr Lover irgendwie…. anders ist.

Ja, mir hat dieses Buch echt gut gefallen. Klar ist die Idee des Zeitreiseromans nicht neu, aber sie verliert glaube ich nie an ihrer Faszination. Außerdem hat King hier einige gute Ideen, die auch gut umgesetzt sind.

Bei einem 1000-Seiten-Wälzer (es lebe das eBook!) bleiben so manche Längen nicht aus. Interessanterweise sind diese aber alle irgendwie nötig, um die Handlung ordentlich aufzubauen und als Leser zu verstehen. Lediglich die ein oder andere „Alternativ-Geschichte“ fand ich etwas zu krass – offenbar wollte King nochmal auch dem Dümmsten klarmachen, was jetzt doch gleich der Schmetterlingseffekt war.

Nichtsdestotrotz: Ein auf jeden Fall spannendes und dadurch empfehlens- und lesenswertes Buch.

ISBN: 3-641-06440-6
1072 Seiten
Originaltitel: 11/22/63
Heyne
€9,99 (eBook)

Reisen ins Reich – Oliver Lubrich

15. Oktober 2013 § 4 Kommentare

IMG_7388Eine spannende Frage: Wie haben Ausländer, die das Dritte Reich bereisten, das System wahrgenommen und analysiert? Haben sie die Gefahr des Nationalsozialismus erkannt oder ließen sie sich zunächst auch von der Propaganda blenden? Und wie wurde das Regime beurteilt, als der Krieg bereits ausgebrochen war?

Oliver Lubrich hat sich dieser Fragen angenommen und unterschiedlichste Berichte von ausländischen Autoren zusammengestellt, die während der Nazizeit in Deutschland waren. Manche waren nur kurz auf Durchreise, manche lebten mehrere Jahre dort (in der Regel als Korrespondenten), einige kannten Deutschland schon zur Weimarer Zeit, andere lernten nur das Dritte Reich kennen.

Es schrieben bekanntere und unbekanntere Autorinnen und Autoren über ihre Zeit in Deutschland. Wir finden hier reine Reiseberichte, in denen der Nationalsozialismus nur kurz gestreift wird (und dennoch oft klar charakterisiert wird) neben tiefergehenden Analysen. Spannend ist, wie unterschiedlich schnell die Schreibenden die Zeichen der Zeit erkannten: Einige packten bereits in den ersten Jahren ihre Koffer, wo andere noch durchaus positiv über Hitler dachten. Auch merkt man in den Berichten deutlich, wie der Krieg näher rückt und immer häufiger über Bombenangriffe und Kriegshandlungen die Rede ist.

Alles in allem ist dieses Buch jedenfalls sehr interessant und spannend zu lesen – solche Blicke von außen sind höchst lehrreich und helfen, einen etwas umfassenderen Blick auf die Dinge zu bekommen. Einzig hätte ich mir gewünscht, etwas weniger über Berlin und etwas mehr über den Rest von Deutschland zu lesen. Aber das ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die meisten Korrespondenten und Botschaftsangehörige eben dort in der Hauptstadt tätig waren.

ISBN: 978-3442737499
448 Seiten
btb Taschenbuch
€10,00

Der Archipel Gulag (Bd. 2) – Alexander Solschenizyn

29. Mai 2013 § Ein Kommentar

IMG_6857Mein Eingangssatz in der Rezension von Band 1 scheint sich zu bewahrheiten: Relativ genau ein Jahr danach habe ich den zweiten Band fertig. Und an dem habe ich auch schon fünf Monate gelesen…

Ich kann auch gar nicht allzu viel hinzufügen: Auch hier ist die Lektüre wieder sehr, sehr heftig. Inhalt ist hier das Lagerleben im engeren Sinne sowie alles drumherum: Das Lagerumfeld, die Wachen, verschiedene Gruppen im Lager, die Art der Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussten, die Unterkünfte, die Beziehungen der einzelnen Gruppen untereinander sowie auch Darüberhinausgehendes wie die Ziele des Gulags und die dahinterstehenden Ideen (Wir brauchen möglichst viele Arbeitskräfte für irgendwelche größenwahnsinnigen Bauprojekte? Dann lass uns doch einfach mal möglichst viele Leute verhaften! Da blieb mir echt die Spucke weg).

Neben schlimmen persönlichen Schicksalen findet sich hier zwar teilweise auch Skurriles und ganz selten auch Positives, doch meistens macht die Lektüre betroffen und oft wütend.  Es ist einfach zu viel Willkür, Gewalt und Grausamkeit, als dass es einen kalt lassen könnte.

Solschenizyn hält mit seiner Wut gegen Stalin und das System allgemein nicht hinterm Berg und ist oft beißend ironisch in seinen Beschreibungen. Er beschränkt sich aber auch hier nicht auf die Beschreibungen, sondern analysiert wie schon im ersten Band: Warum haben die Menschen damals so gehandelt, wie wurde dieses System möglich gemacht, warum fanden sich Menschen, die dem dienten und sich dem unterordneten?

Auch dieser Band ist nichts für schwache Nerven und auch hier kann ich nur eine ausdrückliche Leseempfehlung geben.

ISBN: 978-3596184255
640 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95

Die Eisläuferin – Katharina Münk

18. Februar 2013 § 2 Kommentare

IMG_6649Die Regierungschefin eines westlichen Industriestaates – zwar namenlos, dafür aber mit vielen eindeutigen Attributen ausgestattet – will gemeinsam mit ihrem Mann endlich mal unerkannt und ungestört Urlaub machen. Die geplante Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn scheint auch erstmal wie geplant zu verlaufen. Am Bahnhof Omsk jedoch steigt die Regierungschefin kurz aus, und da passiert es: Ein Schild löst sich am Bahnsteig aus seiner Befestigung und fällt der Kanzlerin direkt auf den Kopf. Als diese aus ihrer Ohnmacht erwacht, sind die letzten 20 Jahre aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Ihren Mann erkennt sie noch, aber sonst… Dass sie die Regierungsverantwortung eines Landes innehat, ist ihr nicht mehr bewusst. Und das Schlimmste: Alles, was sie den Tag über neu gelernt hat, vergisst sie in der darauffolgenden Nacht wieder.

Ihr engster Stab ist ratlos: Für die ersten Tage, vielleicht noch ein, zwei Wochen lang kann ihre Abwesenheit durch Urlaub erklärt werden, aber dann muss die Kanzlerin doch wieder präsent sein! So werden also Erklärvideos gedreht, die wichtigsten Leute gebrieft, Redentexte geschrieben und es wird sogar ein undurchsichtiger russischer Therapeut auf das Problem angesetzt. Was dieser genau im Schilde führt, ist unklar, er hat jedoch einige unkonventionelle Methoden auf Lager, um in der Regierungschefin wieder Erinnerungen zu wecken.

Währenddessen absolviert diese ihre ersten Auftritte in der Öffentlichkeit, die oft genug den sicheren Boden des Protokolls verlassen. Wie sonst wäre man auf die Idee gekommen, eine gemeinsame Kochsession mit dem französischen Präsidenten zu veranstalten? Den Stab erfasst das kalte Grauen, doch die Presse und die Bürger sind begeistert: Eine so spontane, leidenschaftliche Kanzlerin haben sie noch nicht erlebt! Sie sagt, was sie denkt, geht auf das Volk ein und macht auch sonst die Dinge ganz anders als früher.

Die Chefin selbst dagegen ist mit ihrer Lage unzufrieden: Was ist ein Leben wert, in dem nichts von Dauer ist, in dem kein Eindruck länger anhält als bis zum Einschlafen? Am liebsten würde sie alles hinschmeißen – doch ihre Mitarbeiter können dies nicht dulden, jetzt, wo sie im Volk beliebt ist wie nie! Doch genauso klar ist: Als sich die Kanzlerin auf eigene Faust auf den Weg durch die Hauptstadt macht und am nächsten Tag fragwürdige Fotos in der Presse auftauchen, ist schnelles Handeln gefragt…

Das Ganze klingt sehr schräg, und ist es phasenweise auch. Es wird nicht zuletzt durch das Cover deutlich, welche Regierungschefin hier gemeint ist. Zwischendurch war es etwas zu überdreht, aber hey, die ganze Story ist schließlich ziemlich abgefahren. „Die Eisläuferin“ ist eine nette Geschichte, bei der man vielleicht keinen tieferen Sinn suchen  sollte, sondern die mal einfach mal lesen kann, wenn die tatsächliche Politik mal wieder allzu absurd erscheint.

ISBN: 978-3423214155
256 Seiten
dtv
€9,95

3096 Tage – Natascha Kampusch

27. Dezember 2010 § 2 Kommentare

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich hoffe, ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest? Bei mir war das der Fall, und da ich grad noch ein paar freie Tage habe, geht es äußerst entspannt zu – lange schlafen, viel lesen und endlich mal wirklich ausspannen. Insofern kann ich auch endlich mal damit beginnen, meinen Rezensions-Rückstand etwas zu verringern…

Den Fall der Natascha Kampusch kennt wohl jeder: Natascha wurde 1998 als Zehnjährige auf dem Schulweg in Wien entführt und über 8 Jahre lang von Wolfgang Priklopil in einem Kellerverlies gefangen gehalten. In dieser Zeit lebte sie wie eine Sklavin, musste dem Täter den Haushalt führen, ihm bei Renovierungsarbeiten zur Hand gehen, wurde von ihm misshandelt und schikaniert. Der Täter selbst war psychisch schwer krank und lebte auf diese Weise offenbar seinen Größenwahn und seine Machtphantasien aus. Mit 18, im August 2006, konnte sich Natascha schließlich selbst befreien; Priklopil beging noch am Tag ihrer Flucht Selbstmord.

Nach einigen Jahren hat sie nun dieses Buch geschrieben – ihre Intention war es vor allem, ihre Geschichte selbst zu erzählen und die Deutung nicht allein den Boulevardmedien zu überlassen. An verschiedenen Stellen im Buch wird das besonders deutlich, beispielsweise wenn sie kritisiert, dass die Medien Priklopil vor allem als „Sexmonster“ darstellten oder wenn sie auf wenig Verständnis stieß, dass sie trotz allem eine gewisse Bindung zu dem Täter aufgebaut hatte – immerhin war er über acht Jahre ihre einzige menschliche Bezugsperson, von dem sie komplett abhängig war.

Die Lektüre ist erwartungsgemäß wirklich heftig. Kampusch beschreibt zunächst ihre Kindheit, den Tag ihrer Entführung und die Zeit unmittelbar danach. Es geht sowohl um konkrete Vorkommnisse und um Beschreibungen ihres „Alltags“, aber vor allem auch darum, ihre Gefühle und Gedanken nachzuvollziehen – der Situation, aber auch dem Täter gegenüber. Da der Täter zwischen Fürsorge und Gewaltausbrüchen schwankte, war auch Natascha ständig auf der Hut und in Angst. Mal erfüllte er ihr jeden Wunsch, mal ließ er sie zur Strafe für Nichtigkeiten hungern. Und in der ganzen Zeit war sie bis auf ein Radio komplett von der Außenwelt abgeschnitten, wusste nicht, was ihre Familie und ihre Freunde machten und wie sie alle mit Nataschas Verschwinden umgegangen waren. Ich habe mir beim Lesen immer wieder überlegt, was in meinem Leben in den letzten acht Jahren alles passiert ist und was für eine verdammt lange Zeit das ist – was es bedeutet, diese Zeit komplett isoliert in Gefangenschaft zu leben, kann man nicht auch nur ansatzweise verstehen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wirklich sehr heftig und beeindruckend. Insbesondere die Stärke Nataschas hat mich wirklich beeindruckt – es ist mir ein Rätsel, wie man so etwas überstehen kann. Was mir gefallen hat, war, dass der Schreibstil und der Aufbau des Buches voyeuristischen Tendenzen entgegenwirkt. Es gibt nichts Reißerisches, keine Befriedigung von Sensationslust, sondern nur Beschreibungen von Tatsachen. Es gibt beispielsweise auch keine Fotos. Das tut gerade diesem Fall gut, der ja über Wochen vor allem in Boulevardmedien ausgebreitet wurde, mit allen entsprechenden Spekulationen und Halbwahrheiten.

ISBN: 978-3471350409

288 Seiten

List Verlag

€19,95

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