Narziß und Goldmund – Hermann Hesse

22. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7935Es war mal wieder Klassikerzeit. Von Hesse habe ich bisher noch nicht allzu viel gelesen (als ich diesen Satz grade schrieb, ging ich in mich und stellte fest: Ich kannte vorher sogar überhaupt nichts von ihm!), und da ich diesen Band von meinen Eltern ausgeliehen hatte, war das doch ein ganz guter Einstieg.

Narziß und Goldmund sind zwei Freunde, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Narziß ist Lehrgehilfe in einem Kloster, er will sich auch in Zukunft ganz dem geistlichen Leben widmen. Er bekommt Goldmund als Schüler und freundet sich bald mit ihm an. Goldmund ist eine Künstlernatur, der unterbewusst noch immer unter dem Verlust seiner Mutter leidet und versucht, durch seine Kunst und das Umherziehen über lange Jahre seiner Jugend dieser Mutter irgendwie näher zu kommen.

Die beiden sind gegensätzliche Charaktere, aber doch voneinander angezogen. Goldmund verlässt allerdings das Kloster nach seinem ersten Liebesabenteuer – er will die Welt entdecken und sich ausprobieren. Als er in einer Kirche eine Marienstatue entdeckt, die ihn komplett in seinen Bann zieht, sucht er den Bildhauer auf und schafft es, bei ihm in die Lehre zu gehen. Doch nach Jahren des Herumziehens und der wechselnden Liebschaften hält es ihn nicht lange am gleichen Ort, obwohl ihm der Bildhauer anbietet, bei ihm zu bleiben, als Meister zu arbeiten und seine Tochter zu heiraten. Er wandert also weiter, lebt streckenweise zusammen mit seiner Geliebten und einem Freund, bis die Geliebte an der Pest stirbt und der Freund dann aus Angst vor einer Ansteckung alleine weiterziehen will.

Das mit den Frauengeschichten wird Goldmund beinahe zum Verhängnis: Er beginnt eine Affäre mit der Geliebten des Statthalters, wird erwischt und in den Kerker geworfen; er soll am nächsten Tag direkt gehängt werden. Zufällig halten sich einige Geistliche in der Burg auf, so dass einer von ihnen Goldmund noch die Beichte abnehmen kann. Dieser Geistliche entpuppt sich als Narziß, der mittlerweile Abt ist. Er erreicht eine Begnadigung Goldmunds und nimmt ihn mit ins Kloster, wo beide dann ihre Freundschaft wieder aufleben lassen können.

Ich will mich gar nicht an einer groß angelegten Interpretation versuchen, das haben schon viele andere vor mir (und wahrscheinlich auch besser) gemacht. „Narziß und Goldmund“ ist letztlich eine philosophische Geschichte: Was wollen wir von unserem Leben, wofür lohnt es sich zu leben (und zu sterben)? Es geht um den Widerstreit von Verstand und Gefühlen, von Sinnesgenuss und Askese und auch um die Frage nach dem Göttlichen in der Figur der Mutter.

Ich persönlich habe etwas gebraucht, ehe ich in die Geschichte reingefunden habe. Nicht, weil es kompliziert geschrieben war – ganz im Gegenteil, das Ganze liest sich sehr flüssig und angenehm, stellenweise fast ein bisschen zu vor-sich-hin-plätschernd. Aber gegen Ende hatte ich für mich verstanden, worum es wohl gehen soll, und dann fand ich einige gute Gedanken. Ein schönes und lesenswertes Buch.

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Auserkoren – Carol Lynch Williams

11. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Kyra hat einen Vater, drei Mütter und ca. 20 Geschwister. Die Familie ist (ihr habt es euch vielleicht schon gedacht) Mitglied in einer Polygamistensekte in irgendeinem abgeschiedenen Winkel der USA.

An der Spitze dieser Sekte stehen der Prophet und seine Apostel. Diese sind nahezu allmächtig, leben in schönen Häusern (während die anderen Mitglieder in Wohnwägen leben), unterhalten mit den so genannten Kadern Gottes eine Art Geheimpolizei und kontrollieren das Leben jedes Einzelnen der Gemeinschaft recht effektiv. Viele weltliche Vergnügungen sind nicht erlaubt, und nur um wichtige Dinge einzukaufen, fahren die Sektenmitglieder ab und zu in die nächstgelegene Stadt.

Auch Liebesbeziehungen werden restriktiv behandelt: Die Männer suchen sich Frauen aus, diese müssen gehorchen und den Mann heiraten – im Zweifel als x-te Ehefrau und auch wenn sie ihn gar nicht lieben.

So soll auch Kyra mit ihrem über 60jährigen Onkel verheiratet werden – dieser ist ein mächtiger Mann in der Gemeinde, und auch wenn ihre Familie sie versucht zu unterstützen, haben sie keine Chance gegen den Willen des Propheten (dieser hat die Heirat nämlich in einer Vision gesehen – is klar).

Kyra ist sowieso schon rebellisch: Sie liest Bücher, obwohl nur die Bibel erlaubt ist und trifft sich heimlich mit ihrem Freund Joshua. Die beiden sind verliebt, und als Joshua von den prophetischen Eheplänen erfährt, will er Kyra erwählen, damit er sie heiraten kann. Ehe er irgendetwas ausrichten kann, wird er jedoch böse zusammengeschlagen und verschwindet aus dem Dorf.

Für Kyra gibt es jetzt nur noch eine Wahl: Sie muss ebenfalls aus der Gemeinschaft fliehen – auch wenn das heißt, dass sie ihre Familie und Freunde ebenfalls verlassen muss.

Die Geschichte hat, soviel kann ich verraten, nicht das klassische Happy End. Aber es ist ein stimmiges Ende, wie ich fand. Nicht alle Konflikte werden geklärt oder aufgelöst, aber so bietet sich noch genug Stoff zum Nachdenken oder Diskutieren. Kyra ist sicherlich mal wieder eine dieser „vorbildhaften“ Heldinnen, die fast übermäßig stark erscheinen. Aber sie bleibt gerade noch im erträglichen Bereich. 😉

Das Ganze ist übrigens ein Jugendbuch. Geeignet ist es für schon etwas ältere Jugendliche und natürlich für Erwachsene ebenso.

ISBN: 3641041007
224 Seiten
Originaltitel: The Chosen One
cbt
€5,99 (ebook)

Das Ende einer Affäre – Graham Greene

22. April 2013 § 4 Kommentare

IMG_6699Ja, ich habe hier tatsächlich noch einen schönen Halblederband aus den 1950ern ergattert – meine Eltern haben ihren Keller aufgeräumt und dabei einige Bücher zu Tage gefördert, die wohl mal meinem Opa gehört hatten. Irgendwer hatte in diesem Buch sogar manche Stellen mit Bleistift markiert, wer das wohl war…? 😉

Der Ich-Erzähler in dieser Geschichte ist der Schriftsteller Maurice Bendrix. Maurice hatte in den letzten Kriegsjahren eine Affäre mit der verheirateten Sarah; diese beendete das Verhältnis damals, woraufhin sich die beiden zwei Jahre lang nicht mehr gesehen haben. 

Eines Abends trifft Maurice jedoch Henry, Sarahs Mann. Henry ist ein eher biederer, man möchte sagen langweiliger, Beamter und eigentlich kann Maurice ihn aus naheliegenden Gründen nicht ausstehen, Trotzdem fragt er ihn, ob er mit ihm etwas trinken gehen möchte. Henry willigt ein und schüttet Maurice sein Herz aus: Er vermutet, dass Sarah ihn betrügen könnte – ob er nicht einen Privatdetektiv engagieren sollte, um seinen Nebenbuhler zu enttarnen? 

Damit bringt er jedoch Maurice auf die Idee, der an Henrys statt den Detektiv, Mr. Parkis, aufsucht. Dieser beschattet Sarah schließlich und entdeckt, dass sie regelmäßig eine bestimmte Wohnung aufsucht. 

Maurice wird zunehmend eifersüchtig, zumal er Sarah in der Zwischenzeit wieder gesehen hat. Er liebt sie letztlich noch immer und kann den Gedanken nicht ertragen, einen weiteren Nebenbuhler zu haben. 

Mr. Parkis gelingt es sogar, ihm Sarahs Tagebuch zu beschaffen. In der Folge kann Maurice – gleichfalls auch für uns Leser – die Affäre von damals rekapitulieren und erkennen, welche Sicht Sarah auf die Dinge und auf die Zeit danach hatte. Diese Rückblenden kommen übrigens im Laufe des Buches selbst immer wieder vor. Auf diese Weise fügt sich nach und nach ein Bild der Affäre – und ihres Endes – zusammen und man versteht nach und nach die Beweggründe der Handelnden. 

Ich muss leider gestehen, dass ich – trotz sehr interessanter Charaktere und einer guten und spannenden Geschichte – nicht so richtig in die Handlung reinfinden konnte. Das lag vielleicht an den immer wieder eingestreuten, philosophischen Abhandlungen über Gott und die Liebe, die zum letzten Drittel hin zunehmen und denen ich nicht immer so ganz folgen konnte. Ehrlich gesagt: Sie haben mich auch nicht so sehr interessiert, als dass ich mich besonders angestrengt hätte. 

Wahrscheinlich war das mein Fehler, wahrscheinlich sollte man dieses Buch, das ansonsten wie gesagt durchaus interessant ist, nur dann lesen, wenn man grade für solche Themen empfänglich ist und auch gerne mal dickere Bretter bohrt. 

Ich möchte nicht ausschließen, dass ich das Buch in ein paar Jahren nochmal lesen werde. Vielleicht war es momentan auch einfach nicht die richtige Phase dafür. 

ISBN: 978-3423127769
256 Seiten
Originaltitel: The end of the affair
dtv
€8,90

Abgebrochen: Assassini – Thomas Gifford

26. September 2012 § Ein Kommentar

Das Buch war ein Zufallsfund im Bücherschrank im Mannheimer Luisenpark. Zum Glück, dass ich dafür nicht auch noch Geld ausgegeben habe…

Papst Calixtus liegt im Sterben, hinter den Kulissen im Vatikan werden schon die Strippen gezogen für den Nachfolger, als am selben Tag gleich drei Morde an Kirchenleuten passieren: Der einflussreiche Curtis Lockhardt, ein Priester und die rebellische Nonne Val werden getötet, und laut Zeugenaussagen war der Täter jedes Mal ebenfalls ein Priester oder jedenfalls als ein solcher verkleidet.

Vals Bruder Ben (selbst ein ehemaliger Jesuit) will der Sache auf den Grund gehen und beginnt zu ermitteln. Val hat ihm ein altes Foto hinterlassen, auf dem vier Männer zu sehen sind – einer von ihnen ist ein Priester, der ihrer Familie gut bekannt ist. Vals Aktentasche bleibt dagegen verschwunden. Ben erfährt, dass sie in den Wochen vor ihrem Tod unter anderem in Ägypten Recherchen betrieben hatte und gegenüber Vertrauten Bemerkungen fallengelassen hatte, die darauf hindeuten, dass sie irgendeiner großen Sache auf der Spur war.

Das ist so gut wie alle Handlung, die auf den ersten 254 (!) Seiten ausgebreitet wird. Und wenn ich sage: ausgebreitet, dann meine ich das exakt so. Gifford hat wohl bei seinen Recherchen zu diesem Buch jede Menge Material gefunden, um das es ihm irgendwie zu schade gewesen wäre, hätte er es nicht noch verwursten können. Und das macht dieses Buch so laaaaangatmig. Nur ein Beispiel: Ben fliegt schließlich nach Alexandria (kurz nachdem er von ebendiesen mysteriösem „Priester“ a.k.a. mutmaßlichem Täter beim nächtlichen Schlittschuhlaufen (sic) niedergestochen wurde – is klar), und anstatt dass es jetzt eeeendlich mal losgeht mit der Action, wird erstmal ein kleiner Exkurs über die Geschichte Alexandrias eingeschoben. Und als Ben im Hotel ankommt, was erwartet ihn und die Leserin dort? „Der Fußboden meines Zimmers bestand aus Hartholz und war so gründlich gebohnert, daß er matt schimmerte.“ Orrr. An dieser Stelle wars das mit dem Buch und mir, denn es hat insgesamt 813 Seiten und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das noch wird.

Und an dieser Stelle habe ich noch gar nichts über die hölzernen Dialoge geschrieben. Also: Die Dialoge sind wahnsinnig künstlich und hölzern. Niemand redet so, nichtmal irgendwelche abgehobenen Kirchenleute.

Erwartbares Fazit also: Wenn es weit und breit das einzige Buch ist, das man kriegen kann, meinetwegen, aber darüber hinaus muss man das wirklich nicht lesen.

ISBN: 3-404-13509-1
813 Seiten
Originaltitel: The Assassini
Bastei Lübbe
€9,99

Eunuchen für das Himmelreich – Uta Ranke-Heinemann

25. Juni 2012 § 3 Kommentare

Im Vorfeld des Papstbesuchs in Freiburg im September letzten Jahres hat das Protestbündnis „Freiburg ohne Papst“ eine Reihe von kirchenkritischen Veranstaltungen angeboten – eine davon war ein Vortrag der katholischen Theologin und bekannten Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann. Dort habe ich dann auch dieses Buch erstanden, nachdem mir die Autorin schon während ihres Vortrags sehr sympathisch war.

Kirchenkritik ist ja momenten en vogue, die Austrittszahlen zumindest der katholischen Kirche steigen seit Jahren (nicht erst seit Bekanntwerden verschiedener Missbrauchsskandale), und praktizierende Christen (und damit meine ich nicht die Fraktion, die nur an Weihnachten und zu Ostern den Gottesdienst besucht) findet man immer seltener.

Uta Ranke-Heinemann schwimmt beileibe nicht nur auf dieser Zeitgeist-Welle, im Gegenteil: Sie war die weltweit erste Frau (!), die in katholischer Theologie eine Professur innehatte – und verlor diese, weil sie sich mit der Kirche überwarf (konkret ging es darum, dass sie die Jungfrauengeburt Marias anzweifelte). Also eine (kritische) Frau vom Fach, und das merkt man in diesem Buch auf jeder Seite: Ranke-Heinemann will ergründen, wie sich die katholische Kirche in eine derartige Feindlichkeit gegenüber der menschlichen Sexualität hereinsteigern konnte, die sich zu einer Überhöhung der Keuschheit und einer wie aus der Zeit gefallenen Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit entwickelt hat. Dabei geht sie sehr detailreich vor und gerade am Anfang muss man als Nicht-Theologin hier und da etwas Geduld aufbringen, wenn es um Päpste und Gelehrte ferner Jahrhunderte geht. Aber das ist gar nicht als Kritik gemeint, im Gegenteil: Wer sich für die Thematik interessiert (ansonsten würde man sowas ja auch kaum lesen), findet hier viel Interessantes; oft blieb mir auch einfach die Spucke weg, wie menschen- und frauenfeindlich argumentiert wurde und wie sehr sich die Kirchenväter eigentlich von Jesus entfernten – dieser wird ja, wie Ranke-Heinemann auch betont, durchaus als Frauenfreund beschrieben.

Sowieso nimmt Ranke-Heinemann auch oft die Frauen in den Blick, die ja in der katholischen Kirche nichts zu melden haben. Sie weist sehr oft gesondert darauf hin, was bestimmte Regelungen und Meinungen speziell für Frauen bedeutet haben und immernoch bedeuten (in aller Regel nichts Gutes). Es tut mal ganz gut, das Schwarz auf Weiß zu lesen und auch festzustellen, dass mein eigenes Unbehagen über das Fehlen von Frauen in dieser immernoch wichtigen Institution auch von Fachleuten geteilt wird.

Ranke-Heinemann balanciert ihren sachlichen, faktenreichen Stil gut mit feiner Ironie und vereinzelten eigenen Anekdoten aus. Wenn sie einen Essener Bischof zitiert, der ihr Mitte der 1960er Jahre schrieb: „Ich freue mich, dass Sie als Frau und Mutter noch geistig tätig sind“, muss man erstmal schmunzeln. Dass einem kurz darauf das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man versteht, was für ein Weltbild dahintersteht, dafür kann Ranke-Heinemann ja nichts.

An wen richtet sich nun dieses Buch? Wer bereits kirchenkritisch eingestellt ist, findet hier einiges an Argumentationsstoff, für Praktizierende kann es Gedankenanstoß oder Diskussionsgrundlage sein (wobei ich persönlich fast nur Gläubige kenne, die selbst oft und gerne die Institution Kirche kritisieren). Ich denke, Ranke-Heinemann hatte auch gerade die Zweifelnden im Sinn – sie selbst ist ja trotz allem noch Katholikin (das sagte sie bei dem Vortrag, weil sie dort ebenfalls gefragt wurde, wieso sie denn bei aller Kritik noch nicht ausgetreten sei). Man muss nicht in allem mit ihr übereinstimmen, aber es ist immer gut, sich herausfordern zu lassen, sich vielleicht auch mal an Aussagen zu reiben und auf diese Weise die eigene Position zu prüfen. Und wenn es dann auf so scharfsinnige und oft witzige Weise geschieht wie mit diesem Buch – umso besser!

ISBN: 978-3453165052
592 Seiten
Heyne
€11,99

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