Das Bernsteinamulett – Peter Prange

13. Februar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7650Wenn ich eine solche Familiensaga in die Hand nehme, erwarte ich: 1) Unterhaltung aus dem eher leichteren Fach 2) Großes Drama, viel Schicksal und viele „Auch das noch!“-Momente 3) Große Gefühle und schlechte Liebesszenen. Und hey, dieses Buch hat meine Erwartungen absolut erfüllt und mich wirklich gut unterhalten.

Erzählt wird hier die Geschichte der Familie Reichenbach in der Zeit zwischen 1944 und 1990. Zentrale Figur ist Barbara, die als Tochter aus reichem Hause auf dem Gut Daggelin im Pommerischen aufwächst und mit 19 ihre große Liebe Alexander heiratet. Wenn diese Hochzeit zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort stattgefunden hätte, wären die beiden vielleicht ganz unspektakulär zusammen alt geworden. So geht Alex jedoch wieder zurück an die Front, gerät in sowjetische Gefangenschaft und kommt erst Jahre später wieder zurück. Mit Vorrücken der Russen muss Barbara derweil das Gut aufgeben und sich mit einem kleinen Dienstbotenhäuschen zufriedengeben. Sie verfällt zu allem Überfluss dem überaus exotisch-attraktiven Sowjetmajor Belajew (Bonus: Er ist noch wahnsinnig geheimisvoll!) und wird von ihm schwanger. Doch obwohl ihr Sohn Christian wie eine Kopie seines leiblichen Vaters aussieht, ahnt natürlich der zurückgekehrte Alex später nichts von den Umständen dessen Zeugung.

Alex kehrt also unter falschem Namen zurück in die DDR, er und Barbara bekommen noch zwei weitere Kinder, Werner und Tina. Doch Alex landet aufgrund unglücklicher Umstände im Gefängnis. Nach seiner Entlassung ist das Maß endgültig voll und die Familie plant die Flucht in den Westen. Zunächst reisen, im Sommer 1961, Alex und Tina zu Verwandten nach Essen aus, dann will Barbara mit Christian und Werner nachkommen. Doch dann wird die Mauer gebaut und die Familie ist wieder getrennt…

So, hier jetzt mal ein Cut, es passiert noch mehr als genug. Es gibt natürlich noch weitere Nebenhandlungen, jede Menge Intrigen und die passenden Charaktere dazu (die ehemals überzeugte Nazi-Anhängerin, die sich trotz Vergewaltigung durch Rotarmisten hastdunichtgesehen zu einer durch und durch sozialistischen Funktionärin wandelt; außerdem den ehemaligen SA-Mann, der über die Zwischenstation „Kriegsgewinnler“ schnell Karriere in der Bonner Republik macht und exzellente Ostkontakte pflegt…).

Ich muss sagen: Mir hat dieses Buch wirklich Spaß gemacht. Die Familie Reichenbach ist nun wahnsinnig vom Schicksal gebeutelt, man kann gar nicht anders als mitfiebern – und trotzdem weiß man natürlich, dass am Ende alles gut werden wird.

Also, kurz nochmal überprüfen: 1) Check 2) Check. Definitiv. 3) Öhm ja, auch das ist ein klares check.

Alle Erwartungen erfüllt, Leserin zufrieden.

ISBN: 978-3426621592
511 Seiten
Weltbild Verlag
€9,99
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Sturz der Titanen – Ken Follett

24. Juni 2013 § Ein Kommentar

IMG_6858Wie bekannt sein dürfte, ist dies der Auftaktband der Jahrhundert-Trilogie von Follett. Nachdem ich eine Weile um dieses Buch herumgeschlichen bin, habe ich es nun endlich gekauft und gelesen. (Das zweite 1000-Seiten-Buch in diesem Jahr… *hust* Meine Mutter, selbst nicht so die Leserin, zweifelte schon daran, dass ich tatsächlich ihre Tochter bin. Dabei hat sie mich mit regelmäßigem Vorlesen in der Kindheit erst angefixt…)

Idee dieser Reihe ist es, die wichtigsten Entwicklungen im 20. Jahrhundert anhand dreier Familien in drei verschiedenen Ländern nachzuzeichnen. Dabei sind diese Familien untereinander an einigen Punkten miteinander bekannt bzw. begegnen sich immer mal wieder im Laufe der Geschichte. Sowas gefällt mir immer gut, mal sehen, was Follett draus gemacht hat.

Auf der Seite Deutschlands haben wir hier die Familie von Ulrich, insbesondere den Sohn Walter. Die von Ulrichs haben durch ihre hohe gesellschaftliche Stellung Zugang zu den wichtigen Personen im Kaiserreich, doch gerade Walter denkt bereits fortschrittlicher als sein Vater und ist demokratischen Gedanken nicht abgeneigt. Während er als Militärattaché in der deutschen Botschaft in London eingesetzt ist, lernt er Lady Maud Fitzherbert kennen, eine Frauenrechtlerin, die ihn mit ihrer unkonventionellen und klugen Art schnell fasziniert. (Ja, die beiden beginnen eine Affäre.)

Lady Maud ist die Schwestern von Earl Fitzherbert (meist Fitz genannt). Fitz ist mit der russischen und launischen Fürstin Bea verheiratet, schwängert jedoch auch noch sein Dienstmädchen, Ethel. Klar, dass diese postwendend entlassen wird und Stillschweigen bewahren muss, wer der Vater ihres Kindes ist.

Ethel selbst kommt aus einer walisischen Bergarbeiterfamilie. Ihr Bruder Bill musste beispielsweise schon mit 13 das erste Mal im Bergwerk arbeiten. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und geht nach London, wo sie, unterstützt von Lady Maud, bald ein neues Leben anfangen kann. Sie wird auch zunehmend politisch aktiv und setzt sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein.

Dann haben wir noch Lew und Grigori im zaristischen Sankt Petersburg. Die beiden Brüder, die schon früh auf sich alleine gestellt waren, sind sich nicht sonderlich ähnlich: Grigori ist der Ältere und Ernsthaftere, er hat Lew immer beschützt und ihm immer geholfen. Lew dagegen ist ein Frauenheld und hat ständig Ärger, ist aber auch wahnsinnig charmant und kann sich aus jeder Situation irgendwie rauswinden. Als Grigori gerade genug Geld gespart hat, um eine Schiffspassage in die USA zu bezahlen und sich somit seinen Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, gerät Lew mit der Polizei in Schwierigkeiten und muss schnellstens das Land verlassen. Grigori bleibt keine andere Wahl, als Lew das Ticket zu überlassen, ihn zu decken und sich um seine Freundin Katerina zu kümmern, die zu allem Überfluss auch noch schwanger ist. (Ja, Grigori ist heimlich in Katerina verliebt.)

Das ist nur ein Bruchteil der Handlung, denn gerade der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirbelt alle Beziehungen, Lebensentwürfe und sicher geglaubten Tatsachen ordentlich durcheinander. Insofern kann man schon ahnen, wie es Follett geschafft hat, über 1000 Seiten zu füllen. Alles in allem hat mir das Ergebnis auch wirklich gut gefallen. Solche Geschichtsstunden anhand von Schicksalen der damals lebenden Menschen sind super, zeigen sie doch, wie sich die große Politik im Kleinen ausgewirkt hat. Nur manchmal gerät das Ganze zu langatmig. Vor allem in den weitschweifigen Beschreibungen der jeweiligen Allianzen und Kriegstaktiken im Ersten Weltkrieg habe ich mich manchmal etwas verloren gefühlt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist wieder mal mein altes Problem: Schlechte Liebesszenen. Es wird ganz schön viel gevögelt in diesem Buch, was grundsätzlich ja nichts Schlechtes ist. Nur ist es bisweilen arg klischeehaft geraten (der Jungfernhäutchen-Mythos, der hier regelmäßig bemüht wird, ist so ein Beispiel dafür).

Aber gut, davon abgesehen hat mir dieser Auftakt wirklich gut gefallen und ich kann es jetzt kaum erwarten, bis der zweite Band im Taschenbuch erscheint.

ISBN: 978-3404166602
1040 Seiten
Originaltitel: Fall of Giants
Bastei Lübbe
€12,99

Der Archipel Gulag (Bd. 2) – Alexander Solschenizyn

29. Mai 2013 § Ein Kommentar

IMG_6857Mein Eingangssatz in der Rezension von Band 1 scheint sich zu bewahrheiten: Relativ genau ein Jahr danach habe ich den zweiten Band fertig. Und an dem habe ich auch schon fünf Monate gelesen…

Ich kann auch gar nicht allzu viel hinzufügen: Auch hier ist die Lektüre wieder sehr, sehr heftig. Inhalt ist hier das Lagerleben im engeren Sinne sowie alles drumherum: Das Lagerumfeld, die Wachen, verschiedene Gruppen im Lager, die Art der Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussten, die Unterkünfte, die Beziehungen der einzelnen Gruppen untereinander sowie auch Darüberhinausgehendes wie die Ziele des Gulags und die dahinterstehenden Ideen (Wir brauchen möglichst viele Arbeitskräfte für irgendwelche größenwahnsinnigen Bauprojekte? Dann lass uns doch einfach mal möglichst viele Leute verhaften! Da blieb mir echt die Spucke weg).

Neben schlimmen persönlichen Schicksalen findet sich hier zwar teilweise auch Skurriles und ganz selten auch Positives, doch meistens macht die Lektüre betroffen und oft wütend.  Es ist einfach zu viel Willkür, Gewalt und Grausamkeit, als dass es einen kalt lassen könnte.

Solschenizyn hält mit seiner Wut gegen Stalin und das System allgemein nicht hinterm Berg und ist oft beißend ironisch in seinen Beschreibungen. Er beschränkt sich aber auch hier nicht auf die Beschreibungen, sondern analysiert wie schon im ersten Band: Warum haben die Menschen damals so gehandelt, wie wurde dieses System möglich gemacht, warum fanden sich Menschen, die dem dienten und sich dem unterordneten?

Auch dieser Band ist nichts für schwache Nerven und auch hier kann ich nur eine ausdrückliche Leseempfehlung geben.

ISBN: 978-3596184255
640 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95

Between Shades of Gray – Ruta Sepetys

5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6716Vorbemerkung: Diese Rezension ist zuerst beim Osteuropakanal erschienen. Der Redaktion danke ich noch einmal ganz herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Es kommt selten genug vor: Man klappt ein Buch nach der letzten Seite zu und hat einen Riesen-Kloß im Hals, weil die Geschichte einfach so traurig, tragisch, schön, herzerwärmend und hoffnungsvoll war.

Traurig und tragisch? Nun, es ist eine Geschichte über den Gulag. Lina und ihre Familie werden dorthin in den 1940er Jahren aus dem litauischen Kaunas deportiert, zusammen mit vielen anderen Balten nach der sowjetischen Okkupation.

Sepetys spart nicht an Beschreibungen der Unmenschlichkeit und des Grauens: Hunger, harte Arbeit, menschenunwürdige Unterkünfte, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Schikane, Eiseskälte und Krankheiten. Die Verhafteten wissen oft nicht einmal, aus welchem Grund sie ins Lager gesperrt wurden. Im Falle von Lina, ihren Bruder Jonas und ihrer Mutter bedeutet das: Sie landen erst in einem Lager im sibirischen Altai-Gebirge, ehe sie weiter in den Norden, jenseits des Polarkreises, deportiert werden, wo es nicht einmal richtige Hütten gibt. In der ganzen Zeit kennen sie weder ihre Anklage noch wissen sie, was mit Linas Vater geschehen ist, der wenige Tage vor ihnen verhaftet wurde.

Und wo bleibt da der Platz für Schönes oder Hoffnungsvolles? Lina und ihre Familie geben nicht auf. Was immer ihnen auch passiert, sie sind bereit, durchzuhalten, um bald wieder in ihren gewohnten, bürgerlichen Alltag zurückkehren zu können. Für Lina ist es insbesondere ihre Kunst und ihre Liebe zu Andrius, der ebenfalls deportiert wurde, die ihr die Kraft zum Überleben geben. Auch gibt es große Solidarität zwischen den Litauern im Lager. Man versucht, einander zu helfen, wo es möglich ist, teilt die knappen Nahrungsmittel und feiert Feste gemeinsam. Doch zwischen allem schleicht sich immer wieder das Unheil ein: Einige schaffen es eben doch nicht, sterben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten oder den Kugeln der Wachen. Dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es für Linas Familie ausgehen wird, ist die große Stärke dieses Buchs: Zu leicht wäre es gewesen, eine kitschige, vorhersehbare Geschichte zu schreiben, der man das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende schon auf den ersten Seiten anmerkt. Gut, einige Charaktere sind tatsächlich für meinen Geschmack etwas zu schwarz-weiß gezeichnet (insbesondere Linas Mutter hätte man durchaus mal zugestehen können, auch mal durchzudrehen und nicht immer nur ständig selbstlos für andere da zu sein), aber glücklicherweise tut das der Geschichte als Ganzes keinen Abbruch.

Ohne wirklich alle historischen Details zu kennen, würde ich schätzen, dass die geschilderten Zustände realistisch sind. Unglaublich genug, dass es tatsächlich Menschen gab, die das alles überleben konnten. Wer das Baltikum kennt, weiß, dass die Erinnerung an die Deportationen noch sehr präsent sind; in Deutschland hat man verhältnismäßig wenig Wissen darüber. Umso wichtiger sind solche Bücher, die immer mal wieder gewisse historische Perioden ins Gedächtnis rufen und vielleicht dazu beitragen, das Andenken an die Opfer irgendwie wachzuhalten.

„Between shades of gray“ ist so ein Buch. Deswegen möchte ich es euch wärmstens empfehlen. Und ehe ihr auf den letzten Seiten ankommt, legt ein Taschentuch bereit. Ihr könntet es brauchen.

ISBN: 978-0-399-25628-8
338 Seiten
Deutscher Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Philomel Books
€9,99

Die unsichtbaren Stimmen – Carolina De Robertis

18. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6668Mit dieser Art von Familiensaga à la „Wir porträtieren hier ein paar Generationen starker Frauen einer Familie“ kann man ja auch danebengreifen. Schnell wird das Ganze kitschig. Diese Geschichte (die ich übrigens schon vor einem Jahr zum Examen geschenkt bekam) ist dagegen ein Positivbeispiel und hat mir wirklich gut gefallen.

Es beginnt mit Pajarita, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem kleinen Dorf in Uruguay zur Welt kommt. In diesem Dorf heißt es, dass zu jeder Jahrhundertwende dort ein Wunder geschieht. Pajarita nun ist nicht gerade ein Wunschkind, ihr Vater setzt sie als Säugling irgendwo aus. Sie wird für tot gehalten und verblüfft die Dorfbewohner eines Tages, als sie auf einem hohen Baum sitzt und von dort herunterfällt – oder -fliegt, wie auch immer.

Als Pajarita älter wird, verdreht sie einem jungen Mann den Kopf, der mit einem Wanderzirkus in ihrem Dorf vorbeikommt. Ignazio, so heißt er, hält um ihre Hand an und nimmt sie nach der Hochzeit mit nach Montevideo. Er, der Venezianer, kam eigentlich mit dem Traum nach Uruguay, dort Gondeln zu bauen, wie es schon sein Vater in Venedig getan hat. Dass daraus vorerst nichts wird, setzt ihm zu und er verfällt dem Alkohol und dem Glücksspiel. Schließlich lässt er Pajarita zusammen mit den mittlerweile vier gemeinsamen Kindern sitzen. Diese sorgt für die Familie, indem sie Heilkräuter verkauft und den Frauen der Nachbarschaft bei allen körperlichen und seelischen Leiden zu helfen versucht.

Ignazio taucht wieder auf, die Kinder werden größer, wenden wir uns also der jüngsten Tochter Eva zu. Diese wird mit elf bereits von der Schule genommen, um im Schuhgeschäft von Ignazios altem Freund zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch besagter Freund belästigt und missbraucht sie, so dass sie es nicht mehr aushält und den Job hinschmeißt. Als ihr Jugendfreund Andrés ihr erzählt, er wolle nach Buenos Aires gehen und dort sein Glück versuchen, folgt sie ihm kurzerhand, auch in der Hoffnung, dass er ihre Gefühle erwidert. Doch ach: Kaum, dass sie sich überwunden und ihm ihre Liebe gestanden hat, verschwindet Andrés und gibt ihr damit auch klar zu verstehen, dass er sie nicht lieben kann. Soviel kann schonmal verraten werden: Die beiden wären nicht so eingeführt worden, wenn sie sich nicht noch einmal begegnen würden, später in der Geschichte. Und das war dann doch noch eine (schöne) Überraschung.

Aber zurück zur Chronologie: Der Weggang von Andrés trifft Eva tief, sie bekommt psychische Probleme und landet im Krankenhaus, wo sie auch schon bald ihren behandelnden Arzt, Dr. Roberto Santos, für sich begeistern kann. Dieser lässt kurzerhand seine standesgemäße Verlobte sitzen und macht ihr einen Antrag. Eva wird nun also zur repräsentativen Ehefrau, die Gedichte verfasst und ihrem Mann zwei Kinder schenkt (Funfact: Bei der Entbindung von ihrer Tochter Salomé ist ein Medizinstudent zugegen, der sich als Ernesto Guevara vorstellt… Der Typ von den T-Shirts also. Schönes Detail.). Doch als die politische Situation brenzliger wird, muss die Familie ins Exil nach Uruguay gehen. Dort kommen sie zwar bei Evas Familie unter, doch Roberto zieht es bald wieder zurück nach Argentinien. Als Eva sich dagegen entscheidet, mit ihm mitzukommen, trennen sich die beiden.

Auftritt Salomé. Die Tochter von Eva wächst in politisch unruhigen Zeiten auf. Durch eine Schulfreundin kommt sie in Kontakt mit einer Gruppe von Tupamaros, einer Guerillabewegung. Nach einigen erfolgreichen Aktionen geht jedoch etwas schief und Salomé wird mit einigen anderen verhaftet. Im Gefängnis wird sie gefoltert und vergewaltigt, sie wird dort ohne richtigen Prozess festgehalten und kennt ihr Urteil nicht. Ihre Kampfgefährtinnen sitzen mit ihr ein, und bald planen sie die gemeinsame Flucht durch die Kanalisation. Doch Salomé merkt, dass sie schwanger ist und will deswegen nicht an der Fluchtaktion teilnehmen. Ihre Tochter wird im Gefängnis geboren und mit Hilfe der Kampfgefährten in sichere Hände gegeben. Als Salomé nach Jahren wieder entlassen wird, gilt es, etwas über den Verbleib der Tochter zu erfahren und sich wieder ihr eigenes Leben aufzubauen, was gar nicht so einfach ist, wenn man die meiste Zeit seiner Jugend im Gefängnis verbracht hat…

Man merkt schon: Jede Menge Schicksal steckt auf diesen Seiten, und es ist wirklich eine Leistung, dass das hier nicht zu melodramatisch geworden ist. Aber de Robertis hat es geschafft, eine schöne, traurige, ergreifende und poetische Geschichte daraus zu machen. Sehr gut gefallen hat mir die Vielschichtigkeit ihrer Charaktere: Es gibt hier nicht, wie so oft, nur schwarz und weiß, sondern ihre Hauptpersonen machen auch mal Fehler, verhalten sich irrational und hadern mit ihrem Schicksal. Das machte die Geschichte sehr glaubwürdig; man hat das Gefühl, dass es tatsächlich reale Personen gewesen sein könnten, die hier zum Leben erweckt werden.

Noch dazu lernt man ein wenig über die uruguayische und argentinische Geschichte im 20. Jahrhundert. Empfehlenswert!

ISBN: 978-3596184811
464 Seiten
Originaltitel: The Invisible Mountain
Fischer Taschenbuch
€9,95

Tausend strahlende Sonnen – Khaled Hosseini

3. Februar 2013 § 2 Kommentare

IMG_6560Es gibt ja jede Menge Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, alle haben sie bereits gelesen, nur ich noch nicht. Entsprechend schwer fällt es mir dann, nach letztlich doch erfolgter Lektüre, eine Rezension zu schreiben: Gefühlt wurden bereits alle Aspekte des Buches tausendfach besprochen, alle Details der Handlung wiedergegeben. Aber das ficht mich dann doch nicht so an, dass ich hier auf meine ganz eigene und persönliche Rezension verzichten würde! 😉

Mariam hatte bisher kein sonderlich glückliches Leben: Als uneheliches Kind einer alleinstehenden Mutter bekommt sie wenig Liebe entgegengebracht. Die einzigen Lichtblicke sind die Besuche ihres leiblichen Vaters Jalil, der als Kinobesitzer in Herat ein Leben voller Wohlstand führt, dass er mit seinen drei Frauen und mehreren Kindern teilt. Mariam und ihre Mutter haben in dieser Familie jedoch keinen Platz, die Mutter ist über Jalils Verhalten verbittert und macht ihn vor ihrer Tochter schlecht.

Nach dem Selbstmord von Mariams Mutter nimmt sich Jalil seiner Tochter an: Bei seiner Familie könne sie nicht bleiben, man habe ihr daher bereits einen Ehemann in Kabul ausgesucht, damit sie versorgt sei. Raschid, besagter Gatte, ist um einiges älter und bereits verwitwet. Sein bisher einziger Sohn ist bei einem Unfalls ums Leben gekommen. Die erste Zeit der Ehe, als Raschid Mariam noch Geschenke macht und sie auf Ausflüge mitnimmt, ist jedoch bald vorbei. Als Mariam mehrere Fehlgeburten erleidet, nimmt Raschid dies persönlich und behandelt Mariam immer schlechter.

An diesem Punkt schwenkt der Fokus der Geschichte zunächst auf Leila, das Nachbarskind von Mariam und Raschid. Leilas Mutter leidet an Depressionen, so dass auch die ehemals gute Ehe ihrer Eltern darunter gelitten hat. Leilas Brüder sind im Krieg gegen die Sowjets gefallen. Lichtblicke sind ihre Freundinnen sowie ihr bester Freund Tarik, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist – in der letzten Zeit hat sich jedoch mehr zwischen den beiden entwickelt. Da eröffnet Tarik ihr, dass er mit seiner Familie Kabul verlassen würde – die Stadt sei zu unsicher geworden, seit sich immer wechselnde Gruppen gegenseitig bekriegen und es Bombenangriffe auf die Stadt gibt. Leila ist untröstlich, dennoch schlafen die beiden an diesem Nachmittag das erste Mal miteinander. Das ist das letzte Mal, dass sie sich sehen sollen: Kurz nach Tariks Abreise wird Leilas Elternhaus von einer Granate getroffen. Leilas Eltern kommen beide ums Leben, Leila überlebt durch Zufall, da sie gerade vor die Tür gegangen war. Sie ist verletzt und steht unter Schock – so wird sie von ihren Nachbarn aufgenommen und gesund gepflegt. Da sie auf Dauer nicht als Fremde, d.h. Nicht-Verwandte, dort leben kann, nimmt sie Raschids Angebot an, seine Zweitfrau zu werden – auch und vor allem mit dem Wissen, dass sie von Tarik schwanger ist.

Kurz darauf kommt ein alter Mann mit weiteren schrecklichen Neuigkeiten: Tarik sei durch einen Luftangriff auf der Flucht schwer verwundet worden und bald darauf gestorben. Er hätte sich im Krankenhaus bis zuletzt nach ihr erkundigt und so habe sich der alte Mann, der ihn dort getroffen hatte, zu Leila durchgefragt. Diese ist geschockt, hat sie nun schließlich niemanden mehr, ihr altes Leben ist vorbei und sie muss sich in ihr neues, trostloses Schicksal fügen. Zwischen ihr und Mariam entwickelt sich erst allmählich und erst nach einer längeren Phase der Konkurrenz und Feindschaft eine feste Freundschaft. Schließlich verbindet sie beide eine Komplizenschaft gegen den brutalen Raschid, für den auch Leila bald nicht mehr gut genug ist – erst recht, als sie als erstes Kind „nur“ eine Tochter und keinen Sohn zur Welt bringt.

Als die Taliban an die Macht kommen, wird die Lage für sie als Frauen noch viel schlimmer. Doch gemeinsam schaffen sich Leila und Mariam kleine Freiheiten und entwickeln letztlich eine Kraft, ihr Leben zumindest ansatzweise selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn man mal über die oft recht schwarz-weiß gezeichneten Charaktere hinwegblickt, dann kann man letztlich nur sagen, dass Hosseini sein Handwerk durchaus beherrscht. Er weiß es anzustellen, dass einen die Geschichte nicht loslässt, dass man noch ein Kapitel liest… und noch eins. Und dass man nicht aufhören kann, ehe man das Buch zu Ende gelesen hat.

Nichtsdestotrotz ist die Lektüre natürlich harter Tobak durch die Beschreibungen der Erniedrigungen und Gewalt, die Frauen insbesondere (aber nicht nur) zu Zeiten der Taliban erleiden mussten. Man finde mir einen Leser, der Raschid auch nur einen winzigen positiven Charakterzug abgewinnen kann.

Letztlich endet die Geschichte tröstlich und versöhnlich – auch wenn es nicht unbedingt ein Happy End gibt (jedenfalls nicht im klassischen Sinne). Wie vielen Tausenden vor mir hat mir dieses Buch wirklich gut gefallen. Könnt ihr ruhig auch mal lesen, so ihr es nicht schon längst getan habt. 😉

ISBN: 978-3833305894
384 Seiten
Originaltitel: A Thousand Splendid Suns
bloomsbury Taschenbuch
€10,99

Wie ein Stein im Geröll – Maria Barbal

23. Dezember 2012 § 2 Kommentare

IMG_6470Von der katalanischen Schriftstellerin Maria Barbal hatte ich bisher eigentlich nur „Inneres Land“ auf meiner Wunschliste stehen, bis dann meine Tante ihr Bücherregal ausmistete und mir mit einem ganzen Stapel anderen Sachen auch dieses schmale Büchlein zukommen ließ.

Auch wenn es nur gut 150 Seiten sind, wird auf diesen eine ganze Lebensgeschichte erzählt: Das eigentlich unspektakuläre Leben von Conxa, die in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen aufwächst. Aber es war Barbal gerade deswegen ein Anliegen: Auch den ganz normalen Biografien einen Platz in der Literatur zu geben und jene Menschen zu porträtieren, die so lebten wie Dutzende zu ihrer Zeit es ebenfalls taten und in deren Lebensläufen sich ihre Zeit abbildete.

Mit 13 wird Conxa zu ihrer kinderlosen Tante geschickt, die ein paar Dörfer weiter lebt – aber dennoch ist ihr neues Zuhause weit entfernt, dass sie ihre Familie wohl so bald nicht mehr wiedersehen wird.

Sie lebt sich dennoch ein, nicht zuletzt deswegen, weil es mehr als genug Arbeit gibt und daher kaum Platz für Selbstmitleid und Grübeleien. Bei einem Marktbesuch trifft sie Jaume, in den sie sich verliebt und der bald darauf um ihre Hand anhält. Die Ehe ist grundsätzlich glücklich, auch wenn Jaume viel unterwegs ist und oft in sich gekehrt wirkt. Er wird außerdem zunehmend politisch sensibilisiert und kämpft für die Idee einer spanischen Republik. Als diese dann 1931 ausgerufen wird, übernimmt Jaume auch politische Funktionen.

Die Politik, die bisher kaum in das Bergdorf gelangt ist, nimmt zunehmend Raum ein in Conxas Leben und bestimmt es endgültig, als am Ende des Spanischen Bürgerkriegs und mit Beginn der Franco-Diktatur Jaume verhaftet wird und verschwindet. Conxa selbst und die gemeinsamen Kinder werden als Angehörige ebenfalls interniert, aber selbst nach der Freilassung wird sich ihr Leben verändert haben, denn Jaume war die Liebe ihres Lebens und sie hat nicht einmal ein Grab, zu dem sie gehen kann.

Eine weitere Umstellung erlebt sie noch einmal als ältere Frau: Ihr Sohn und seine Frau ziehen nach Barcelona, und da nun sonst keiner ihrer Familie mehr im Dorf geblieben ist, zieht sie zu ihnen. Barcelona als letzte Station ihres Lebens – die Stadt wird ihr fremd bleiben, zu sehr ist sie an ein Leben auf dem Land gewöhnt. Und doch zieht Conxa zum Schluss eine versöhnliche Bilanz.

Sowieso lässt einen dieses Buch, obwohl es durchaus traurig und tragisch ist, irgendwie optimistisch zurück. Das ist eigentlich verwunderlich, denn Conxa passt so gar nicht in unsere Zeit: Sie ist duldsam, kennt in ihrem Leben fast nur (selbstlose) Arbeit und Pflichterfüllung und ordnet sich dem unter, was das Leben für sie bereithält. Eigene Wünsche oder Ansprüche artikuliert sie nicht. Auf der anderen Seite kommt sie durch diese Haltung gar nicht auf die Idee, mit ihrem Schicksal zu hadern: Es kommt eh, wie es kommt, ändern kann man nichts.

Ein einziger Kritikpunkt ist die Kürze des Buches: Zum einen hätte man gerne länger darin gelesen, zum anderen kommen natürlich einige Entwicklungen zu kurz und man wird etwas zu schnell durch die Geschichte getrieben. Manche Ereignisse hätte ich gerne etwas genauer behandelt gesehen, gerade die tiefe Zäsur des Verschwindens von Jaume, die ja offensichtlich sehr traumatisch für Conxa war. So sehr mir der Schreibstil Barbals gefallen hat, so sehr hätte ich mir auch noch gewünscht, dass sie Conxa etwas mehr Platz eingeräumt hätte, ihre Geschichte zu erzählen.

Aber dennoch kann man dieses Buch guten Gewissens empfehlen. Mich hat es darin bestärkt, „Inneres Land“ auf jeden Fall noch zu lesen. Das hier war schon einmal ein guter Einstieg in das Werk von Maria Barbal.

ISBN: 978-3453352469
192 Seiten
Originaltitel: Pedra de tartera
Diana Taschenbuch Verlag
€7,95

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