Der futurologische Kongress – Stanisław Lem

1. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Ich wage mich selten genug ins Sci-Fi-Genre vor – wobei ich bei diesem Buch gar nicht mal so sicher bin, ob man es überhaupt in diese Richtung kategorisieren sollte. Wie dem auch sei: Fantastisches und irgendwie Irreales finden bei mir eher selten den Platz ins Regal. Und des Öfteren – wie auch nach dem Lesen dieses Buches – denke ich mir, dass sich das mal zumindest ein wenig ändern dürfte.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Ijon Tichy – seines Zeichens Weltraumfahrer – nehmen wir am namensgebenden Futurologischen Kongress teil. Dieser findet in Costricana statt, das der Beschreibung nach am ehesten einem mittelamerikanischen Polizeistaat gleicht. Tichy weiß auf seine humorige, vielleicht etwas naive Art von allerlei eigenartigen Vorkommnissen zu berichten. Seien es die seltsam anmutenden Parallelveranstaltungen im großen Tagungshotel, seien es die Schutzausrüstung in seinem Zimmer oder die Kämpfe, die irgendwo draußen zwischen der Regierung und verfeindeten Kräften toben. Auch der Kongress selbst ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen: Zu Beginn werden umfangreiche Tagungsunterlagen ausgegeben und die einzelnen Redner verweisen nur noch auf Seiten- und Zeilenzahlen, um ihre Meinungen zu unterstreichen.

Doch schnell werden die Kämpfe heftiger, das Hotel wird bombardiert und Tichy ist gezwungen, mit einigen anderen Teilnehmern Zuflucht in der Kanalisation unter dem Hotel zu suchen. Doch nicht nur herkömmliche Munition wird verwendet – die Regierung wirft so gegannte Bemben ab, die statt Sprengstoff bestimmte psychoaktive Substanzen enthalten. Wenn Lebewesen damit in Berührung kommen, sind sie nicht mehr in der Lage, einander Gewalt anzutun, sie werden im Gegenteil selbstlos und harmoniebedürftig.

Trotz aller Schutzmaßnahmen sind auch die Geflüchteten in der Kanalisation den Stoffen ausgesetzt und in der Folge durchlebt Tichy einige etwas abgedrehte Visionen, in denen er wahlweise durch die Luft fliegt oder zu ganz anderen Personen wird. Doch nach kurzer Zeit erwacht er wieder in den Eingeweiden des Hotels, bis er schließlich bei einem Angriff so schwer verletzt wird, dass für ihn in seinem alten Körper kaum eine Überlebenschance besteht. Es ist jedoch möglich, Menschen einzufrieren und in der Zukunft wieder auftauen – dann, wenn eine Heilung für die Krankheit oder die Verletzung gefunden worden ist. So wird Tichy mehrere Jahrzehnte später aufgetaut und ist tatsächlich auch wieder hergestellt. Er findet eine schöne und friedliche Welt vor, in der alle gut gelaunt zu sein scheinen. Doch nach und nach entdeckt Tichy, was dahintersteckt: Die Wirklichkeit wird verdeckt und vernebelt durch die zahlreichen Substanzen, die die Menschen zu sich nehmen und mit denen sie im Handumdrehen jede denkbare Stimmung erzeugen können. Das, was sie um sich herum wahrnehmen, ist also nichts anderes als eine Illusion. Doch kann man sich dann überhaupt noch auf irgendetwas verlassen?

Ein höchst spannendes Thema hat sich Lem als Hintergrund für diese Geschichte ausgedacht. Wenn euch diese Beschreibung an Matrix erinnert oder an solche Innovationen wie Oculus Rift, mit denen wir ebenfalls in virtuelle Umgebungen abtauchen können, liegt ihr nicht ganz falsch. Hier ist diese Entwicklung bereits um einiges weiter gedacht – und das bereits in den 1970er Jahren und verpackt in allerhand Sprach- und Aberwitz. Wer bereit ist, sich auch mal auf ein Experiment einzulassen, liegt mit diesem Buch auf keinen Fall verkehrt.

Alle Tage – Terézia Mora

23. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7683Um eins vorneweg zu schicken: Dieses Buch ist etwas für Zeiten, in denen man Muße genug hat. Liest man das Ganze morgens im Zug, findet man es wahrscheinlich scheiße, weil man nichts versteht. Doch sobald man sich Zeit nimmt, könnte man ziemlich begeistert sein. So man es denn dann versteht, denn in dieser Hinsicht bin ich mir bei mir gar nicht so sicher… Aber hey, zumindest bei dem 40 Seiten langen Drogentrip gegen Ende bin ich wohl entschuldigt.

Protagonist ist Abel Nema, ein Typ (geschätzt) in seinen Zwanzigern. Er musste aus seiner Heimat, die irgendwo in Südosteuropa (auf dem Balkan?) liegt, vor einem Krieg fliehen. Er landet zwar in irgendeiner Stadt (in Österreich oder Deutschland?), kommt aber nirgendwo wirklich an, obwohl er ohne große Mühe zehn Fremdsprachen erlernt. Das schien mir ein vorherrschendes Gefühl in diesem Buch zu sein: Die Heimatlosigkeit, das Nirgendwo-Dazugehören, das Suchen, die Einsamkeit. Nicht nur Abel, viele andere Charaktere dieser Geschichte scheinen sich irgendwo dazwischen aufzuhalten. Es gibt wenige, die wirklich dort leben, wo sie herkommen, die nicht irgendwelche Brüche in ihren Biografien haben oder irgendwann mal etwas erlebt haben, das ihr Leben durcheinander brachte.

Abel heiratet schließlich Mercedes und wird von deren Sohn Omar wie ein Vater oder großer Bruder angenommen. Das Ganze ist und bleibt jedoch eben: eine Scheinehe – zum einen, weil Abel eine Aufenthaltsgenehmigung braucht, zum anderen, weil der einzige Mensch, den er jemals geliebt hat, sein bester Freund Ilia war (und auch hier wieder eine unerfüllte Liebe). So ist schon fast klar, dass auch diese Beziehung ihm nicht den Halt gibt, den er bräuchte. Aber ob er überhaupt so leben könnte, bürgerlich-gesettled? Sucht er nicht immer die Einsamkeit und das Unterwegssein?

Als wäre diese schwere Kost noch nicht genug, hält sich Mora außerdem nicht sonderlich an konventionelle Erzählweisen. Sie springt ohne irgendwelche Kenntlichmachung zwischen Zeitebenen und Erzählern hin und her. Das ist anstrengend, weil es volle Aufmerksamkeit erfordert. Aber es ist auch spannend, weil man sich die Geschichte auf diese Weise erarbeiten muss. Und man taucht voll und ganz in Moras Sprache ein, die ich sehr toll fand. Sie zeichnet Bilder, die mich zum Teil sehr angesprochen haben. Indikator dafür: Mehrmaliges Lesen – Grinsen/Nicken/beides – nochmal lesen – geistige Notiz, sich diesen Ausdruck oder diese Metapher bitte zu merken – (sie schließlich doch wieder vergessen).

Anstrengend, aber gut!

ISBN: 978-3-442-73496-2
430 Seiten
btb
€10,00
 

Fräulein Niemand – Tomek Tryzna

3. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7421Marysia ist ein 15jähriges Mädchen im Polen der Wendezeit zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Ihre Familie ist nicht reich und so sind alle erstmal froh, als der Vater in der Stadt einen besseren Job bekommt und sie in eine schönere und moderne Wohnung umziehen können, wo es sogar fließend Wasser gibt.

In der neuen Schule hat Marysia zunächst einen schweren Start – sie wird als Landei verspottet, und keiner will etwas mit ihr zu tun haben. Schließlich aber freundet sie sich mit Kasia an, die ebenfalls Außenseiterin ist.

Kasia ist Musikerin, trägt außergewöhnliche Klamotten, hat Stimmungsschwankungen und kommt häufig einfach gar nicht erst zur Schule. Sie verbringt ihre Freizeit in der Regel damit, Musik auf ihrem Synthesizer zu komponieren. Die beiden Mädels kommen auf seltsame Ideen, um sich ihre „Freundschaft“ zu beweisen und einander herauszufordern. Doch eines Tages geht Kasia dabei zu weit und der Kontakt zu Marysia bricht ab.

Doch sofort bemüht sich Ewa um sie. Ewa ist wunderschön, geheimnisvoll und neureich. Noch dazu fährt sie Motorrad und macht Männern schöne Augen. Für die anfangs etwas naive Marysia ist das eine vollkommen neue Welt, in der sie sich erst befangen, dann aber immer selbstbewusster bewegt. Sie ist schließlich überzeugt, Model zu werden und der Armut entkommen zu können.

Doch so allmählich steigert sich Marysia in diese Ideen hinein, sie hat Tagträume (oder sind das schon Wahnvorstellungen?), man weiß nicht mehr, was real ist und was nur in ihrem Kopf passiert. Und zum Ende hin ist es nur noch abgefahren…

Zunächst: Es ist oft nervig und kaum auszuhalten, wie die Freundinnen jeweils miteinander umgehen. Spannend ist dagegen die Entwicklung Marysias, obwohl (oder gerade weil?) sie sich eher zum Schlechten hin entwickelt: Vom Naivchen zur selbstbewussten jungen Frau, die aber letztlich doch irgendwie unsicher bleibt und ihren Platz noch nicht gefunden hat. Unterm Strich fand ich die Protagonistinnen  die allermeiste Zeit mindestens ein bisschen nervig, oft aber auch fast unerträglich anstrengend und ätzend. Das hatte ich bisher so auch selten.

Rezension in einem Satz? Die sehr poetische, metaphorische Sprache hat mir gut gefallen, die Handlung und vor allem die Charaktere eher weniger.

ISBN: 978-3442725007
366 Seiten
Originaltitel: Panna Nikt
btb
vergriffen und nur noch gebraucht für ein paar Euro erhältlich

Das Lied von Leben und Tod – Marcelo Figueras

26. August 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7269Und einen weiteren Lieblingsautor nehme ich wohl aus 2013 mit. Mir hatte ja schon „Kamtschatka“ so gut gefallen, und hier zeigt Figueras nochmal, was er kann (bzw. dass ers kann). Auch wenn seine Fabulierkunst bisweilen etwas mit ihm durchgeht, kann man ihm das immer wieder verzeihen, weil er letzten Endes eine so schöne Geschichte geschrieben hat.

Wir treffen Teo, der anfangs ein seltsames Gespräch mit einem Wolf auf Lateinisch führt. Als er vom Baum, auf dem er sitzt, herunterfällt, landet er zu Füßen einer wunderschönen Frau, die ihn verarztet, ihn wunderbar offenherzig-charmant abschleppt und ihn schließlich als ihren Partner akzeptiert. Man muss dazu sagen: Teo ist ein Riese, weit über 2m groß, und Pat lebte bisher sehr zurückgezogen mit ihrer fünfjährigen Tochter Miranda. Teo merkt bald, dass er sich da eine etwas schwierige Geliebte angelacht hat: Pat ist launisch, schreit nachts wie in den schlimmsten Alpträumen und macht ihm gleich klar, dass sie quasi täglich ihre Sacken packen und verschwinden könnte. Sie hat vor irgendetwas große Angst, so dass sie bisher von einem abgelegenen Ort zum anderen geflohen ist. Miranda auf der anderen Seite ist ein für ihr Alter außergewöhnlich reifes Mädchen – auch, weil sie letztlich immer ein bisschen auf ihre labile Mutter aufpassen muss.

Figueras lässt sich Zeit, entfaltet aber innerhalb eines Panoramas aus seltsamen und wunderlichen Charakteren, von denen jeder seine eigene Geschichte und sein eigenes Päckchen zu tragen hat, die ganze schlimme Lebensgeschichte von Pat, die eng mit der argentinischen Militärdiktatur zusammenhängt (die Lebensgeschichte, nicht Pat, Oder vielleicht läufts aufs Gleiche hinaus). Erst ganz zum Schluss kann man überblicken, was sie zu ihrer dauernden Flucht bewogen hat. Dann hat man sie schon fast liebgewonnen, so schwer es auch ist, denn Pat ist wirklich meistens kratzbürstig und schwierig. Miranda ist dagegen ist klug und ein Engel, und magische Fähigkeiten hat sie auch.

Man ahnt es schon, dass man nicht alles in diesem Buch für bare Münze nehmen sollte. Man sollte viel eher offen und unvoreingenommen an diese schöne Geschichte herangehen und sich auf ein bisschen Fantastisches oder Metaphorisches einlassen. Denn letztlich liegt unter allem Märchenhaften eine sehr brutale Wahrheit.

ISBN: 978-3423139243
528 Seiten
Originaltitel: La batalla del calentamiento
dtv
€12,90

Die Sache mit dem Ich – Marc Fischer

27. April 2013 § Ein Kommentar

IMG_6719Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Marc Fischer vorher nicht (bewusst) kannte. Diesen Tipp bekam ich von einem Kumpel und als ich mir das Buch dann besorgt hatte, las ich im Klappentext: Fischer ist ja schon längst tot. Tja, und das gerade dann, wo ich ihn ein bisschen für mich entdeckt hatte…

„Die Sache mit dem Ich“ ist ein Sammelband von Kurzgeschichten und Reportagen, die Fischer bereits irgendwo anders veröffentlicht  hatte und die postum noch einmal gesammelt herausgegeben wurden. Es sind Geschichten, die alle in Ich-Form geschrieben sind und bei denen man manchmal nicht so ganz sicher weiß, welche Teile  jetzt tatsächlich so passiert sind und welche erfunden sind. Gerade diese Zwei- und Uneindeutigkeit hat mir gefallen: Man weiß natürlich, dass es die verrücktesten Stories gibt und dass meistens diejenigen Geschichten wahr sind, die am abgefahrensten sind – aber was ist jetzt wie einzuordnen?

Vielleicht hat Fischer das ja tatsächlich alles so erlebt. Es wäre großartig. Dabei soll kein falscher Eindruck entstehen: Es gibt hier nicht nur Skurriles zu lesen, sondern auch Lustiges, Melancholisches, Nachdenkliches, Erstaunliches. Bemerkenswerte Treffen mit Prominenten, eigenartige Rechercheaufträge, außergewöhnliche Erlebnisse auf Reisen. Oft gibt es eine Pointe obendrauf oder sogar eine kleine Moral, aber letzteres nie mit erhobenem Zeigefinger. Das ist schön.

Fischer ist wohl einer dieser Typen gewesen, denen man gerne einen Abend lang zugehört hätte und bei denen selbst die x-te Anekdote nicht langweilig wäre. Es tröstet mich, dass er mehr als diese Geschichten hier geschrieben hat. Immerhin.

ISBN: 978-3462044263
304 Seiten
KiWi
€14,99

Die Eisläuferin – Katharina Münk

18. Februar 2013 § 2 Kommentare

IMG_6649Die Regierungschefin eines westlichen Industriestaates – zwar namenlos, dafür aber mit vielen eindeutigen Attributen ausgestattet – will gemeinsam mit ihrem Mann endlich mal unerkannt und ungestört Urlaub machen. Die geplante Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn scheint auch erstmal wie geplant zu verlaufen. Am Bahnhof Omsk jedoch steigt die Regierungschefin kurz aus, und da passiert es: Ein Schild löst sich am Bahnsteig aus seiner Befestigung und fällt der Kanzlerin direkt auf den Kopf. Als diese aus ihrer Ohnmacht erwacht, sind die letzten 20 Jahre aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Ihren Mann erkennt sie noch, aber sonst… Dass sie die Regierungsverantwortung eines Landes innehat, ist ihr nicht mehr bewusst. Und das Schlimmste: Alles, was sie den Tag über neu gelernt hat, vergisst sie in der darauffolgenden Nacht wieder.

Ihr engster Stab ist ratlos: Für die ersten Tage, vielleicht noch ein, zwei Wochen lang kann ihre Abwesenheit durch Urlaub erklärt werden, aber dann muss die Kanzlerin doch wieder präsent sein! So werden also Erklärvideos gedreht, die wichtigsten Leute gebrieft, Redentexte geschrieben und es wird sogar ein undurchsichtiger russischer Therapeut auf das Problem angesetzt. Was dieser genau im Schilde führt, ist unklar, er hat jedoch einige unkonventionelle Methoden auf Lager, um in der Regierungschefin wieder Erinnerungen zu wecken.

Währenddessen absolviert diese ihre ersten Auftritte in der Öffentlichkeit, die oft genug den sicheren Boden des Protokolls verlassen. Wie sonst wäre man auf die Idee gekommen, eine gemeinsame Kochsession mit dem französischen Präsidenten zu veranstalten? Den Stab erfasst das kalte Grauen, doch die Presse und die Bürger sind begeistert: Eine so spontane, leidenschaftliche Kanzlerin haben sie noch nicht erlebt! Sie sagt, was sie denkt, geht auf das Volk ein und macht auch sonst die Dinge ganz anders als früher.

Die Chefin selbst dagegen ist mit ihrer Lage unzufrieden: Was ist ein Leben wert, in dem nichts von Dauer ist, in dem kein Eindruck länger anhält als bis zum Einschlafen? Am liebsten würde sie alles hinschmeißen – doch ihre Mitarbeiter können dies nicht dulden, jetzt, wo sie im Volk beliebt ist wie nie! Doch genauso klar ist: Als sich die Kanzlerin auf eigene Faust auf den Weg durch die Hauptstadt macht und am nächsten Tag fragwürdige Fotos in der Presse auftauchen, ist schnelles Handeln gefragt…

Das Ganze klingt sehr schräg, und ist es phasenweise auch. Es wird nicht zuletzt durch das Cover deutlich, welche Regierungschefin hier gemeint ist. Zwischendurch war es etwas zu überdreht, aber hey, die ganze Story ist schließlich ziemlich abgefahren. „Die Eisläuferin“ ist eine nette Geschichte, bei der man vielleicht keinen tieferen Sinn suchen  sollte, sondern die mal einfach mal lesen kann, wenn die tatsächliche Politik mal wieder allzu absurd erscheint.

ISBN: 978-3423214155
256 Seiten
dtv
€9,95

A Clockwork Orange – Anthony Burgess

5. Mai 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn ein Autor für ein Buch schon eine eigene (Jugend)Sprache erfindet, ist schon das alleine ein Grund, es zu lesen. Und, wie ich finde, ist das hier ein Buch, das man auf jeden Fall in der Originalsprache lesen sollte.

Aber da es sich bei „A Clockwork Orange“ noch dazu um einen Klassiker handelt, auf den sich – ebenso wie auf die Verfilmung – zahlreiche Zitate der Popkultur beziehen, hat man noch mehr Gründe, sich dieses Buch schnellstmöglich anzuschaffen (abgesehen mal von dem Cover, das ich ja absolut gelungen finde!).

Also, worum gehts? Alex ist 15 und schon ziemlich krass unterwegs: Zusammen mit seiner Clique schlägt er wahllos Leute zusammen, vergewaltigt Frauen und bricht in Häuser ein. Die vier gehen dabei äußerst brutal vor – ein ziemlicher Gegensatz zu dem Charakter von Alex, der ansonsten auch klassische Musik mag und sich sehr eloquent und charmant ausdrücken kann und mich als Leserin damit ziemlich schnell um die Finger gewickelt hatte.

Nachdem eines ihrer Opfer an seinen Verletzungen gestorben ist, wird Alex verhaftet und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach zwei Jahren bekommt er jedoch ein Angebot: Sofern er an einer neuen, innovativen Maßnahme zur Besserung von Straftätern teilnimmt (lies: Versuchskaninchen spielt), wird er vorzeitig entlassen. Alex stimmt natürlich zu, ohne zu wissen, dass diese Methode nichts anderes will als seine Persönlichkeit zu verändern. Von einem notorischen Kriminellen wird er bald zu einem Menschen ohne freien Willen – sobald er nur an Gewalt denkt,  wird ihm sofort schlecht. Er kann nur noch gut sein. Dies ist von der Regierung so gewollt, denn schließlich weiß man sich nicht mehr anders zu helfen, um der grassierenden (Jugend-)Kriminalität Herr zu werden. Da scheint es doch eine bequeme und günstige Möglichkeit, das Böse an sich auszumerzen – oder etwa doch nicht?

Wie schon erwähnt: Die Sprache (Nadsat) alleine ist schon spannend genug. Burgess wollte, dass sein Werk zeitlos bleibt und daher nicht auf einen existierenden  Jugendslang zurückgreifen. Also hat er kurzerhand einen erfunden, der sich vor allem russischer Vokabeln und shakespearschen Ausdrücken bedient. Nach kurzer Zeit hat man sich da erstaunlich schnell reingelesen und man versteht die Begriffe, ohne sie nachschlagen zu müssen oder zurückzublättern.

Viel wurde schon geschrieben über die Gewaltexzesse dieses Buches. Die gibt es, klar. Aber was ich erstaunlich fand: Gerade am Anfang, wo ich mich erst noch in Nadsat reinfinden musste, hat genau das eine gewisse Distanz aufgebaut zu den Gewaltbeschreibungen. Wenn von „the old in-out“ die Rede ist, klingt das halt nochmal ganz anders als „rape“. Ich weiß allerdings nicht, ob es anderen auch so geht/ging. Man muss eben erstmal alles für sich „übersetzen“, ehe man die (erschreckenden) Dimensionen tatsächlich versteht.

Vor lauter Sprache geht hier fast die eigentliche Story verloren: Es handelt sich um einen düsteren Zukunftsentwurf, wobei sich das Dystopische hier nicht so aufdrängt wie zum Beispiel bei 1984, sondern eher in der Reflexion sichtbar wird: Was wiegt mehr, das Gute (und das um jeden Preis) oder der freie Wille eines Menschen (der dann auch beinhalten kann, dass ein Mensch sich für das Böse entscheidet)? Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der es nur gute Menschen gibt? Diese Frage ist hier nicht zu Ende gedacht, schließlich ist Alex der Erste, an dem diese Methode getestet wurde – er ist jedenfalls dem noch allgegenwärtigen Bösen in der Gesellschaft schutzlos ausgeliefert.

Was soll ich sagen? Die DVD mit der Verfilmung liegt schon bereit und ich bin gespannt, wie das Ganze filmisch umgesetzt wurde. Ich habe da große Erwartungen. Und ich glaube, auch das Buch habe ich nicht zum letzten Mal gelesen. It was horrorshow, O my brothers!

Update: Noch ein paar kurze Sätze zum Film, den ich mir mittlerweile auch mal angeschaut habe: Es ist natürlich schwer, einen Film mit einem derartigen Kultstatus auch nur ansatzweise objektiv anzuschauen. Meine ersten Gedanken waren: „Die spinnen da doch alle!“. Aber auf irgendeine seltsame und mir noch etwas unverständlich Weise wirkt der Film noch lange nach und erst im Nachhinein werden einem gewisse Zusammenhänge und Andeutungen klar. Wie im Buch geht es hier eben bei weitem nicht nur um die Gewalt. Ich bin aber ja keine Film- sondern eine Buchbloggerin, deswegen beschränke ich mich mal auf ein kurzes Fazit: Mal wieder eine Literaturverfilmung, die dem Buch absolut ebenbürtig ist – man sollte aber natürlich beides kennen, also sowohl das  Buch lesen und den Film schauen. Im Übrigen hatte ich schon vor einiger Zeit bei Ninia La Grande den Link zu einer Doku gefunden, wo man einiges Interessantes über die Entstehungsgeschichte des Films erfährt (Einbetten funktioniert nicht, deswegen folgt bitte diesem Link).

ISBN: 978-0141182605
141 Seiten
Deutscher Titel: Clockwork Orange
Penguin
€7,90

Das Mädchen, das sterben sollte – Glyn Maxwell

23. März 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Buch als Experiment – mir ist jedenfalls noch kein Roman untergekommen, der ausschließlich aus Dialogen besteht.

Suzan Mantles Leben ist bisher nicht sonderlich von Erfolg gekrönt gewesen – sie lebt alleine im Haus ihrer ausgewanderten Eltern, verdient ein wenig Geld als Teilzeit-Fremdenführerin, wobei sie amerikanischen Touristen allerlei Unwahrheiten über Londoner Sehenswürdigkeiten erzählt und findet immer nur die falschen Männer.

Momentan ist grade Nigel dran, weswegen sich Suzan bei einer Wahrsagerin versichern will, dass sie dieses Mal den Richtigen gefunden hat. Doch die Dame denkt gar nicht daran, ihr diese Frage zu beantworten. Viel eher bekommt Suzan eine ziemlich verstörende Vorhersage: Sie werde bald berühmt werden und reich. Sie werde über Land und Wasser reisen. Sie werde einen geheimnisvollen dunklen Fremden treffen und Nein zu ihm sagen. Doch irgendwann werde sie Ja sagen, und am Tag darauf werde sie sterben.

Suzan ist natürlich geschockt und läuft weinend durch die Straßen: Sterben will sie mit 28 ja wohl noch nicht! Sie bekommt daher gar nicht mit, dass ganz England in Aufruhr ist: Auf ein Filmset in Libyen wurde ein Anschlag verübt und unter den Opfern befindet sich auch der sehr beliebte Schauspieler Thomas Bayne. Sofort sind Fernsehteams unterwegs, um die obligatorischen Stimmungsbilder einzufangen – und Suzan kommt ihnen gerade recht: Eine schöne junge Frau, traurig, offensichtlich geschockt vom Tod ihres Idols, die tränenüberströmt immer nur diese Worte stammelt: „Dem Tod wird kein Reich mehr bleiben!“. Damit nicht genug: Just in diesem Augenblick verbreitet sich die Nachricht, Thomas Bayne sei am Leben, nur durch ein Missverständnis wurde er für tot erklärt! Und sofort wird Suzan zur Prophetin dieses Wunders verklärt, ihr schönes tränenüberströmtes Gesicht taucht in den Nachrichtensendungen auf und ein Sturm bricht los.

Freunde und Ex-Lover werden interviewt, Fernsehteams belagern ihr Haus und rücken ihr auf die Pelle – doch Suzan weiß genau, was passiert: Die Prophezeihung erfüllt sich. Sie ist berühmt! Als sie ihr Konto überprüft, sieht sie, dass ihr jemand anonym eine Million US-Dollar überwiesen hat – sie ist also auch reich. Und es sieht ganz danach aus, als würden die drei anderen Prophezeihungen ebenfalls Wirklichkeit werden…

Alles in allem funktioniert diese Dialogsache erstaunlich gut – abgesehen davon, dass manchmal auch ziemlicher Stuss geredet wird, macht das Lesen ziemlich viel Spaß und dank Kursiv- und Fettdruck weiß man nahezu immer, wer gerade spricht. Hätte ich ja nicht gedacht.

„Das Mädchen, das sterben sollte“ ist eine Satire auf den Medienzirkus, der aus  absolut gewöhnlichen Menschen plötzlich wie aus dem Nichts große Stars produziert und diese ebenso schnell wieder verheizt. Ich denke, uns allen fallen da zur Genüge Beispiele ein. Aber so richtig zum Nachdenken gebracht wird man auf der anderen Seite nicht, da die Handlung durch die Dialogform wahnsinnig rasant ist und man keine erklärenden und reflektierenden Passagen zwischendurch findet. Die Leserin muss theoretisch also selbst zwischendurch mal innehalten und über das Gelesene nachdenken. Naja, theoretisch eben…

Die Story wird – und das ist ein kleiner Wermutstropfen – leider zunehmend abgedrehter, das Ende habe ich nicht so recht kapiert. Trotzdem will ich es hier weiterempfehlen. Ich würde zwar wetten, dass manche mit dem Buch auch überhaupt nichts anfangen können, aber ein paar mehr Leser hat es dann doch verdient.

ISBN: 978-3888975516
455 Seiten
Originaltitel: The girl who was going to die
Verlag Antje Kunstmann
€19,90

9987 – Nik Jones

7. September 2011 § Ein Kommentar

Meine Güte, ist dieses Buch krank. Absolut. Der Protagonist ist komplett gestört, doch erst im Laufe der Erzählung merkt man endgültig, dass er nicht nur ein bisschen seltsam, sondern definitiv krank ist. Aber bei mir war’s dann schon zu spät, aufhören konnte ich da schon nicht mehr.

Zuerst hält man den namenlosen Ich-Erzähler einfach nur für ein armes Würstchen: Er hat einen wenig anspruchsvollen Job in einer Videothek, hat außer seinen Eltern keine sozialen Kontakte und auch sonst kein wirklich ausgefülltes Leben. Bei der Arbeit sitzt er meist mit einer Tasse Kaffee herum und stellt Überlegungen über seine Kunden an – die er konsequent nur nach dem Schema Mitgliedsnummer, Nachname, Vorname nennt. Er ist ein genauer Beobachter, dem auch Details nicht entgehen, und er charakterisiert seine Kunden durchaus treffend und genau.

Eines Tages kommt SIE in die Videothek: Scarlett, bald darauf nur noch „9987, Santino, Scarlett“. Und unser Ich-Erzähler ist hin und weg. Sofort ist er in ihren Bann gezogen, sofort weiß er: Diese Frau ist für ihn bestimmt, sie gehört ihm, er muss sie beschützen.

Durch die Anmeldung hat er ihre Adresse, er kann bald nächtelang nicht anders, als vor ihrem Haus zu sitzen und in ihre Fenster zu filmen. Er hasst seinen Arbeitskollegen, als dieser ihr an seiner Stelle einen Film ausleiht. Er erzählt seiner Mutter, es gäbe da jemanden. In seiner Phantasie leben die beiden eine ausgefüllte, glückliche Beziehung. In seiner Phantasie ist sie seine Scarlett. Doch es ist eben nur: Eine Phantasie.

Der Grusel schleicht sich hier ganz allmählich zwischen die Zeilen. Das nächtliche Stalking wäre schon schlimm genug – als der Protagonist herausfindet, dass Scarlett als Krankenschwester arbeitet, sitzt er in der Notaufnahme des Krankenhauses herum und verletzt sich schließlich selbst, nur um von ihr gepflegt zu werden. Spätestens da weiß man: Nein, der Typ ist nicht einfach nur schwer verliebt. Dieser Typ ist wirklich krank.

Er steigert sich in eine Phantasie hinein, in der Scarlett von einem anderen Kunden Gefahr droht. Er fürchtet, Scarlett zu verlieren. Und das ist für ihn ein unerträglicher Gedanke. Er muss alles tun, um seine Scarlett vor diesem anderen Mann zu beschützen.

Ich sage gleich: Man muss bereit sein, sich in seelische Abgründe hinabzubegeben. Ich fand es… auf der einen Seite schon sehr gut und sehr spannend, aber die letzten Seiten waren schon sehr psycho und ziemlich krass. Alles gerät aus den Fugen – wirklich alles. Die Wahnvorstellungen, die den Protagonisten über die ganze Erzählung hinweg plagen, verdichten sich und nehmen ihn komplett gefangen. Das Finale ist ziemlich – hm, abartig, aber irgendwie auch konsequent und letztlich nicht überraschend. Während man am Anfang vielleicht noch am ehesten Mitleid mit dem Erzähler hatte, kann man ihn zum Schluss nur noch hassen. Und obwohl ich Charaktere in Büchern schon oft unsympatisch, nervig oder anstrengend gefunden habe, wirklich gehasst habe ich eigentlich noch keinen.

Aber trotz allem komme ich nicht umhin zu sagen, dass ich dieses Buch ziemlich, ziemlich gut fand. Jones sind sehr plastische und genaue Personen- und Szenenbeschreibungen gelungen, er schafft dadurch eine besondere Atmosphäre, die eine passende Kulisse zu dieser schrägen Handlung bildet. Die Welt, in der das Ganze spielt (eine nicht genannte britische Stadt – ich las mal etwas von Newcastle, würde das aber erstmal nicht bestätigen), ist eine verwahrloste und trostlose. Dazwischen schleicht sich aber immer wieder ein etwas absurder Humor mit fast schon charmanten Wortspielen. Man muss trotz allem immer mal wieder lachen oder zumindest vor sich hingrinsen, weil es einfach so schräg und absurd ist.

Ich würde aber dennoch auf eines hinweisen wollen: Ihr könnt euch in etwa vorstellen, worum es in diesem Buch geht. Überlegt selbst, ob ihr sowas mögt. Es ist verstörend und keine Geschichte, die man nett mal so nebenher wegliest. Man gerät allmählich in einen Sog, der einen immer weiterlesen lässt – man weiß, es wird kein gutes Ende nehmen, man ahnt es schon auf den ersten Seiten, aber man kann einfach nicht aufhören. Und das spricht ja in der Regel für ein Buch.

ISBN: 978-0955632662
268 Seiten
liegt bisher nur in der englischen Originalfassung vor
Tonto Books
€9,99
 

Nördlich des Weltuntergangs – Arto Paasilinna

12. März 2011 § 3 Kommentare

Paasilinna ist ja einer das Klassiker der finnischen Literatur – Grund genug für mich, auch endlich mal etwas von ihm zu lesen.

Der letzte Wunsch des alten Kommunisten und Kirchenbrandstifters Asser Toropainen ist es, dass sein Enkel Eemeli für ihn eine Kirche errichten soll. Es trifft sich gut, dass Eemeli vom Fach und gerade arbeitslos ist – er sucht daher auf Assers Ländereien direkt nach dessen Tod ein geeignetes Plätzchen und wird auch sobald am Ukonjärvi in Nordfinnland fündig. Zusammen mit einigen Helfern wird eine kleine Holzkirche gebaut, die bald durch Rechtsstreitigkeiten mit der Protestantischen Kirche und dem finnischen Staat eine gewisse Berühmtheit erlangt. Einige Alternative (oder „Grüne“, wie es im Buch heißt) lassen sich auf der Suche nach dem naturnahen Leben in der Gegend nieder, und so entsteht bald ein richtiges Dorf – denn nicht nur den Alternativen erscheint das Konzept eines Selbstversorgerlebens abseits der Zivilisation verlockend. Von der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise lassen sich die Bewohner von Ukonjärvi nicht beeindrucken, da sie alles, was sie zum Leben brauchen, selbst anbauen und herstellen können: Die Felder bringen Getreide, Kartoffeln und Kräuter, der See Fische und im Wald leben Elche, die man schießen kann. Insofern ändert sich der Lauf der Dinge auch so gut wie nicht, als der Dritte Weltkrieg beginnt und die Welt schließlich durch einen Kometeneinschlag untergeht…

Ja, in der Tat, eine sehr skurrile Geschichte. Lässt sich schnell und locker runterlesen – eine nette Lektüre für zwischendurch und nebenbei ein kleiner Einblick in die finnische Mentalität. War sicher nicht mein letztes Buch von Paasilinna.

ISBN: 978-3404921928

317 Seiten

Originaltitel: Maailman paras kylä

Bastei Lübbe

€7,99

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Schräges auf Besser lesen.

%d Bloggern gefällt das: