Back to Blood – Tom Wolfe

1. September 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7930Ein passendes Genre für diese Geschichte zu finden, ist gar nicht so leicht. Vielleicht am ehesten „Multikulti-Satire-Roman“? Es geht jedenfalls um das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, um Gewinner und Verlierer – und letztlich fällt alles immer darauf zurück, von woher die eigenen Eltern oder sonstige Ahnen irgendwann mal eingewandert sind.

Nestor Camacho ist Mitte 20 und Polizist. Eines Tages fällt ihm die unangenehme Aufgabe zu, einen kubanischen Flüchtling von einem Bootsmast zu holen. Nestor hat ihm zwar wahrscheinlich das Leben gerettet, der Flüchtling konnte dadurch aber nicht den rettenden amerikanischen Boden erreichen und wird wahrscheinlich nach Kuba zurückgeschickt.

Nestor ist dummerweise selbst kubanischstämmig und für seine Community fortan ein Verräter. Seine Familie will nichts mehr von ihm wissen und sogar seine Freundin Magdalena verlässt ihn.

Magdalena wiederum will unbedingt gesellschaftlich aufsteigen und schläft deswegen mit ihren Chef, einem Psychiater für Pornografiesüchtige. Sie findet ihn eigentlich gar nicht mal so scharf, aber er kann sie eben in die High Society Miamis einführen. Dadurch lernt sie viele wichtige und einflussreiche Leute kennen, unter anderem den russischen Millionär Sergej Koroljow. Sergej ist so charmant und kultiviert, kurzum: viel attraktiver als ihr Chef, weswegen sie diesen abserviert und mit jenem in der Kiste landet. Was sie nicht weiß: Koroljow hat möglicherweise ziemlichen Dreck am Stecken und ausgerechnet ihr Ex Nestor versucht, ihm auf die Schliche zu kommen.

Nestor nämlich wird von John Smith kontaktiert, einem weißen Journalisten, der über seine Heldentat berichtet hatte. Denn für alle Nicht-Kubaner hat der durchtrainierte Nestor eine wahre Heldentat vollbracht, als er da einfach so auf den Mast kletterte und dem armen Flüchtling das Leben rettete. Und Smith hat noch eine weitaus spannendere Geschichte auf Lager: Koroljow hat einem Museum in Miami Kunstwerke im Wert von mehreren Millionen Dollar gestiftet – das Museum trägt sogar seinen Namen. Die Kunstwerke sollen aber gefälscht sein und John will gemeinsam mit Nestors Hilfe herausfinden, ob an diesem Verdacht etwas dran ist.

Wolfe hat es auf jeden Fall geschafft, einige sehr sympathische Charaktere zu schaffen, die er in eine ebenfalls gute und interessante Story einbindet. Manchmal ist die Geschichte etwas zäh und langatmig geraten, es gab einige Handlungsstränge, die nicht (oder nicht in dieser Länge) notwendig gewesen wären. Das Ganze ist außerdem als Satire zu lesen. Deswegen ist manches überzeichnet und over the top, aber unterm Strich ist das hier ein unterhaltsam zu lesender Roman über die moderne amerikanische Multikultigesellschaft.

ISBN: 978-3896674890
768 Seiten
Originaltitel: Back to Blood
Karl Blessing Verlag
€24,99
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Tiger, Tiger – Margaux Fragoso

18. August 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Das hier war in jeglicher Hinsicht ein ziemlich dicker Brocken. Nicht nur im Hinblick auf die Thematik, sondern auch in Bezug auf Handlung und Charaktere war hier wenig sommerlich leicht und luftig, sondern ziemlich heftig und trostlos. Aber kein Wunder: Das Thema dieses (autobiografischen) Romans ist Pädophilie (Als Hinweis für alle, die bei diesem Thema sensibel sind: Auf einzelne Aspekte davon gehe ich in meiner Rezension auch ein).

Als sich Margaux und Peter kennenlernen, ist sie 7 und er über 50. Zunächst scheint es so, als fände Margaux bei Peter, dessen Lebensgefährtin Inés und seinen beiden älteren Söhnen eine Art Ersatzfamilie – Margaux‘ eigene Eltern können ihr nicht allzu viel Liebe und Rückhalt geben, da ihre Mutter psyschich krank ist und ihr Vater seine eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit vor allem an seiner Tochter auslässt. Liebevolle Momente gibt es selten. Bei Peter jedoch ist sie immer willkommen, er hat einen schönen Garten und viele exotische Tiere, auch wenn das Haus an sich etwas heruntergekommen ist.

Zunehmend fordert Peter als Zeichen der Verbundenheit Dinge ein, für die Margaux eigentlich noch viel zu jung ist: Sie soll sich in aufreizender Pose fotografieren lassen, sie soll sich von Peter anfassen lassen und soll auf seine zunehmend sexuellen Anspielungen eingehen. In der Folge manipuliert Peter Margaux mehr und mehr, so dass sie schließlich vollkommen fixiert ist auf ihn, ihren einzigen richtigen Freund.

Margaux‘ Eltern schöpfen zwar Verdacht, und vor allem ihre Vater versucht, sie von Peter fernzuhalten, aber Margaux selbst wehrt sich dagegen und verlangt, Peter sehen zu dürfen. Sie ist gefangen in einer Hassliebe zu Peter: Sie will diese Spielchen gar nicht mitmachen, sie hasst Peter dafür, dass er sie dazu zwingt und dermaßen manipuliert, sie kämpft um eine eigene Identität, sie beginnt, sich für gleichaltrige Jungs zu interessieren – und gleichzeitig kann sie selbst nicht von dieser Beziehung lassen…

Also, ja. Das ist alles sehr unschön. Ich fand das Buch sehr heftig, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen. Ich fand hier eigentlich keinen positiven Charakter. Vor allem die männlichen Protagonisten sind alle manipulativ, unsicher, weinerlich und fügen den Frauen in ihren Leben Schaden zu. Aber auf der anderen Seite muss man dem Buch auch lassen, dass Peter nie als das Monster dargestellt wird, als das die Gesellschaft einen Pädophilen gerne sehen möchte. Fragoso schafft den Spagat, ihn irgendwie als Menschen und als arme Sau darzustellen, aber gleichzeitig seine Taten nicht zu verharmlosen oder so zu tun, als sei das alles gar nicht seine Schuld, er könne ja nicht anders.

Margaux (und letztlich auch ihre Mutter) hatten irgendwie nie eine richtige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Es gibt in diesem Buch keine „gesunde“ Beziehung, selbst die Nebenfiguren sind immer in irgendeine Geschichte involviert, die ihnen nicht gut tut, wo einer der Partner (oder beide sich gegenseitig) den anderen einschränkt und verletzt.

Nichts für nebenher, nichts für jeden, aber mit diesen Einschränkungen eigentlich schon ein lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3453356856
464 Seiten
Originaltitel: Tiger, tiger: A memoir
Diana Verlag
€9,99

Eunuchen für das Himmelreich – Uta Ranke-Heinemann

25. Juni 2012 § 3 Kommentare

Im Vorfeld des Papstbesuchs in Freiburg im September letzten Jahres hat das Protestbündnis „Freiburg ohne Papst“ eine Reihe von kirchenkritischen Veranstaltungen angeboten – eine davon war ein Vortrag der katholischen Theologin und bekannten Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann. Dort habe ich dann auch dieses Buch erstanden, nachdem mir die Autorin schon während ihres Vortrags sehr sympathisch war.

Kirchenkritik ist ja momenten en vogue, die Austrittszahlen zumindest der katholischen Kirche steigen seit Jahren (nicht erst seit Bekanntwerden verschiedener Missbrauchsskandale), und praktizierende Christen (und damit meine ich nicht die Fraktion, die nur an Weihnachten und zu Ostern den Gottesdienst besucht) findet man immer seltener.

Uta Ranke-Heinemann schwimmt beileibe nicht nur auf dieser Zeitgeist-Welle, im Gegenteil: Sie war die weltweit erste Frau (!), die in katholischer Theologie eine Professur innehatte – und verlor diese, weil sie sich mit der Kirche überwarf (konkret ging es darum, dass sie die Jungfrauengeburt Marias anzweifelte). Also eine (kritische) Frau vom Fach, und das merkt man in diesem Buch auf jeder Seite: Ranke-Heinemann will ergründen, wie sich die katholische Kirche in eine derartige Feindlichkeit gegenüber der menschlichen Sexualität hereinsteigern konnte, die sich zu einer Überhöhung der Keuschheit und einer wie aus der Zeit gefallenen Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit entwickelt hat. Dabei geht sie sehr detailreich vor und gerade am Anfang muss man als Nicht-Theologin hier und da etwas Geduld aufbringen, wenn es um Päpste und Gelehrte ferner Jahrhunderte geht. Aber das ist gar nicht als Kritik gemeint, im Gegenteil: Wer sich für die Thematik interessiert (ansonsten würde man sowas ja auch kaum lesen), findet hier viel Interessantes; oft blieb mir auch einfach die Spucke weg, wie menschen- und frauenfeindlich argumentiert wurde und wie sehr sich die Kirchenväter eigentlich von Jesus entfernten – dieser wird ja, wie Ranke-Heinemann auch betont, durchaus als Frauenfreund beschrieben.

Sowieso nimmt Ranke-Heinemann auch oft die Frauen in den Blick, die ja in der katholischen Kirche nichts zu melden haben. Sie weist sehr oft gesondert darauf hin, was bestimmte Regelungen und Meinungen speziell für Frauen bedeutet haben und immernoch bedeuten (in aller Regel nichts Gutes). Es tut mal ganz gut, das Schwarz auf Weiß zu lesen und auch festzustellen, dass mein eigenes Unbehagen über das Fehlen von Frauen in dieser immernoch wichtigen Institution auch von Fachleuten geteilt wird.

Ranke-Heinemann balanciert ihren sachlichen, faktenreichen Stil gut mit feiner Ironie und vereinzelten eigenen Anekdoten aus. Wenn sie einen Essener Bischof zitiert, der ihr Mitte der 1960er Jahre schrieb: „Ich freue mich, dass Sie als Frau und Mutter noch geistig tätig sind“, muss man erstmal schmunzeln. Dass einem kurz darauf das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man versteht, was für ein Weltbild dahintersteht, dafür kann Ranke-Heinemann ja nichts.

An wen richtet sich nun dieses Buch? Wer bereits kirchenkritisch eingestellt ist, findet hier einiges an Argumentationsstoff, für Praktizierende kann es Gedankenanstoß oder Diskussionsgrundlage sein (wobei ich persönlich fast nur Gläubige kenne, die selbst oft und gerne die Institution Kirche kritisieren). Ich denke, Ranke-Heinemann hatte auch gerade die Zweifelnden im Sinn – sie selbst ist ja trotz allem noch Katholikin (das sagte sie bei dem Vortrag, weil sie dort ebenfalls gefragt wurde, wieso sie denn bei aller Kritik noch nicht ausgetreten sei). Man muss nicht in allem mit ihr übereinstimmen, aber es ist immer gut, sich herausfordern zu lassen, sich vielleicht auch mal an Aussagen zu reiben und auf diese Weise die eigene Position zu prüfen. Und wenn es dann auf so scharfsinnige und oft witzige Weise geschieht wie mit diesem Buch – umso besser!

ISBN: 978-3453165052
592 Seiten
Heyne
€11,99

Lady Chatterley – D.H. Lawrence

21. März 2012 § 3 Kommentare

Oh, Lady Chatterley, der Skandalroman… Lange stand er in meinem Regal, immer wieder habe ich dann doch was anderes gelesen, auch weil mich (ich gestehe) die sehr klein und eng bedruckten Seiten etwas abgeschreckt haben. Aber aktuell ist es bei mir endlich mal wieder etwas entspannter, deswegen habe ich diesen Klassiker in Angriff genommen.

Die titelgebende Dame, Lady Constance „Connie“ Chatterley, lebt zusammen mit ihrem Ehemann Clifford auf einem Anwesen im England der 1920er Jahre. Besonders glücklich ist diese Ehe nicht: Clifford ist gelähmt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt und sitzt seitdem im Rollstuhl. Da er zusätzlich auch impotent ist, bleibt die sexuelle Befriedigung in der Ehe insbesondere für Connie auf der Strecke – Clifford scheint mehr traurig darüber zu sein, dass er seiner Familie keinen Stammhalter schenken kann und sucht seine Erfüllung derweil in einer Karriere als Autor.

Entsprechend sucht Connie anderweitig nach Abenteuern, die sie jedoch auch nicht zufriedener machen – bis sie den eher eigenbrötlerischen Waldhüter ihre Mannes, Oliver Mellors, näher kennenlernt und sich zu ihm hingezogen fühlt. Was dann folgt, dürfte bekannt sein: Die adelige Lady und der einfache, nicht standesgemäße Mann gehen eine sprichwörtliche leidenschaftliche Affäre ein, die sich schließlich zu echten Gefühlen füreinander entwickelt. Clifford hat damit eigentlich auch gar kein Problem; er signalisiert seiner Frau, dass er, sollte sie schwanger werden, das Kind sogar adoptieren und als eigenes aufziehen werde. Doch Connie merkt immer mehr, was sie eigentlich will: Raus aus den zwar komfortablen, aber beengten Verhältnissen ihrer Ehe und ein einfacheres, aber glückliches Leben führen an der Seite des Mannes, den sie wirklich liebt.

Es geht hier allerdings nicht ständig zur Sache. Der Sex und die Erotik nehmen einen eher kleinen Teil der Geschichte ein. Jedoch ist die Suche Lady Chatterleys nach Liebe und sexueller Erfüllung über die meiste Zeit des Buches zumindest unterschwellig vorhanden und wird immer wieder thematisiert. Wenn es denn jedoch zur Sache geht, dann richtig. Lawrence geizt hier nicht mit detaillierten Beschreibungen und deutlichen Worten (kein Wunder, dass dieses Buch in einigen Ländern lange auf dem Index stand). Aber leider erinnerten mich viele Liebesszenen mehr an irgendwelchen drittklassigen Frauen-Schicksalsromane – und wenn ich etwas hasse, dann kitschige Liebesszenen in ansonsten ganz guten Geschichten. Wirklich. Ich glaube, dazu muss ich nochmal extra was schreiben.

Als Charakterstudie und als Sittenbild der damaligen Zeit ist „Lady Chatterley“ durchaus zu empfehlen. Wer jedoch in erster Linie gute erotische Literatur lesen will, sollte meines Erachtens nach lieber woanders suchen. Wie auch hier gilt allerdings immer: Vielleicht war nur die Übersetzung nicht die allerbeste, vielleicht gibt es mittlerweile eine neue Fassung oder man liest es gleich im Original – ist dann bestimmt auch ganz nützlich, wenn man die englischen Begriffe für sämtliche Geschlechtsorgane lernen will. 😉

Fazit also: Trotz einiger Längen auf jeden Fall lesenswert.

ISBN: 3-499-11638-3
280 Seiten
Originaltitel: Lady Chatterley’s Lover
rororo
€9,95

Deutschlands sexuelle Tragödie – Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher

9. Juli 2011 § 4 Kommentare

Ich hab mich ausnahmsweise mal an so ein „Betroffenheitsbuch“ rangetraut – und ich weiß jetzt, dass sowas tatsächlich nicht mein bevorzugtes Genre ist.

Die beiden Autoren arbeiten in der „Arche“ in Berlin, einer Einrichtung, die sich um Kinder aus problematischen Verhältnissen kümmert. Klar, dass sie da einige Geschichten zu hören bekommen.

Hier geht es vor allem um die sexuelle Verwahrlosung, die sie beobachten: Jugendliche haben immer früher Sex, in der Regel ohne eine feste Beziehung, natürlich auch ohne Verhütung. Sex ist ein Ersatz für Anerkennung, für Liebe, für familiäre Strukturen. Denn meistens sind die Eltern schlechte Vorbilder: Viele Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf (meist mit der Mutter, die immer wieder wechselnde Partner hat). Gemeinsam werden Pornos geschaut, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Mutter und Tochter nacheinander mit dem selben Mann schlafen.

Erzählt wird das Ganze anhand von Einzelschicksalen, und spätestens nach dem dritten wiederholen sich die Muster. Und irgendwie hatte ich auch spätestens ab da so meine Probleme mit diesem Buch: Sich die krassestens Geschichten aus einer Stadt rauszugreifen, diese zusammenzufassen und das Ganze dann als „Deutschlands sexuelle Tragödie“ zu verkaufen, ist doch arg gewagt. Dachte ich zumindest immer, der/die Durchschnittsjugendliche lasse sich mit dem ersten Sex wieder mehr Zeit und lege vor allem Wert, dass es innerhalb einer Liebesbeziehung passiert. Stattdessen gibt es hier enorm viel Schwarzmalerei, Bashing der neuen Medien und eine versteckte Sehnsucht nach der guten, alten heilen Welt, wo mit Mutti, Vati und Kind die Welt noch in Ordnung war (letzteres ist eine Unterstellung, ich meine es aber zwischen den Zeilen gelesen zu haben). Es spricht schon Bände, dass immer genau die Piercings der Jugendlichen aufgezählt werden, als wäre das ein sicheres Zeichen für Verruchtheit.

Die etwas altbackene Sprache tut ihr Übriges: „Seine Jeans, Baggypants nennt man diese Art Hose wohl, hängt fast in den Knien“ oder „… neue Chats schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Kinder erfahren die neuen Adressen durch Freunde und Mitschüler.“ JETZT weiß ich also, wie man in die wirklich abgefahrenen Chats kommt! Ich kannte da wohl einfach nie die richtigen Leute…

Aber im Ernst: Es ist natürlich besorgniserregend, wenn sich Familienstrukturen dahingehend auflösen, dass viele Kinder und Jugendlichen aufwachsen, ohne Geborgenheit und Wertschätzung zu erfahren. Es darf natürlich nicht sein, dass junge Leute ohne Schulabschluss und mit der Aussicht auf ein Leben mit Transferleistungen ihre Bestätigung in anderen Bereichen suchen, oder dass junge Mädchen meinen, sie müssten nur das tun, was ein Mann von ihnen will, damit er noch ein paar Monate länger bei ihnen bleibt. Aber dieses Buch erschien mir doch auch arg subjektiv mit seinen extremen Fällen, und ich weiß auch ehrlich gesagt nicht wirklich, was es mir sagen wollte.

ISBN: 978-3865913463
187 Seiten
Gerth Medien Verlag
€14,95
 

ER – Marie-Sissi Labrèche

31. Dezember 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Émilie-Kiki ist in ihren Literaturprofessor verliebt, und das schon seit über einem Jahr. Als sie schließlich miteinander ausgehen und anschließend in einem Hotelzimmer im Bett landen, könnte alles gut sein. Der Haken: Besagter Professor könnte ihr Vater sein, außerdem ist er verheiratet und hat selbst Kinder. Für Émilie-Kiki ist da eigentlich kein Platz mehr. Diese ist aber dummerweise verrückt nach ihm: Wartet ständig auf seine Anrufe, schwankt zwischen Vermissen und Wut, wenn er sich nicht meldet, wenn er ihre Treffen absagt, wenn er ihr nicht die magischen drei Worte sagen kann.

Viel mehr Handlung hat das Ganze eigentlich auch nicht, dafür jede Menge Sex (meistens irgendwas mit Schwänzen, die in Schlitze gesteckt werden). Irgendwie bleibt die Geschichte – jedenfalls für Émilie-Kiki – unerfüllt, auch dann, als sie mehr aus Trotz eine Affäre mit einem gutaussehenden, reichen Typen anfängt, der sie auf Händen trägt.

Mir hat’s gut gefallen – klar, ein bisschen weniger Schwänze und Schlitze dürften es schon sein, aber das schien mir dann eher ein Stilmittel und daher Mittel zum Zweck zu sein, um die Eindimensionalität dieser Beziehung darzustellen. Das Buch ist quasi ein einziger innerer Monolog – aber sehr gut und flüssig zu lesen, weil die Sprache wirklich außergewöhnlich ist und Spaß macht. Nur mit dem Ende bin ich ziemlich unzufrieden gewesen. Ich möchte euch dieses recht dünne Büchlein durchaus empfehlen – mit der Einschränkung, dass es den ein oder anderen vielleicht stören könnte, dass hier (stellenweise sogar recht vulgär) über Sex geschrieben wird. Das ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack.

ISBN: 978-3888973499

178 Seiten

Originaltitel: La brèche

Kunstmann

€16,90

Wie war ich? – Sigrid Neudecker

27. Juli 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Den ZEIT-Sexblog von Sigrid Neudecker habe ich immer sehr gern gelesen (leider wurde der jetzt vor kurzem eingestellt – ich hoffe, da kommt ein würdiger Nachfolger) – es war also nur eine Frage der Zeit, ehe ich mir auch ihr gedrucktes Werk zu Gemüte führen würde.

Natürlich geht es auch hier um Sex – aber wer irgendwelche Tipps für die neuesten Stellungen oder zum Erreichen des Mega-Super-Orgasmus sucht (an dieser Stelle begrüße ich auch die Besucher via Google), sollte lieber woanders nachschlagen. Oder sich erstmal fragen, wieso er oder sie eigentlich immer den neusten Sex-Trends nacheifern will: Aus echter, eigener Überzeugung oder etwa nur deswegen, weil man das Gefühl, dass alle das machen und dass verklemmt und langweilig ist, wer das nicht mal ausprobiert hat?

Neudecker begrüßt es natürlich, dass man mittlerweile offen auch mit Praktiken und Vorlieben umgehen kann, die jenseits von heterosexuellen ehelichen Pflichten liegen: dass Homosexualität, BDSM und spezielle Fetische (meistens) nicht mehr als pervers und krank abgetan werden, ist definitiv eine positive Entwicklung. Aber: Die Gefahr besteht, dass durch die ständige Präsenz von immer neuen und „angesagten“ Praktiken diese als neuer Standard gesetzt werden. Wenn also, so Neudecker, Otto Normalverbraucher den zehnten Beitrag über Swingerclubs im Fernsehen sieht, dann wird er zwangsläufig irgendwann denken, dass er das doch auch mal ausprobieren müsste, wo es doch „alle“ tun.

Ob sich wirklich alle Leute gleichermaßen von sowas beeinflussen lassen, ist die eine Frage, zustimmen kann man aber sicherlich, dass sich ein penetrantes Leistungsdenken in Sexualität, Beziehungen und auch in Bezug auf den eigenen Körper in unsere Gesellschaft eingeschlichen hat: Egal, wie toll dein Partner, dein Liebesleben und dein Aussehen ist, es geht immer noch besser. Das sorgt dafür, dass man automatisch nach Schwachstellen sucht, um diese dann zu optimieren – dass das selten gut ist für das eigene Wohlbefinden, versteht sich von selbst.

Neudecker plädiert also ganz einfach für eine neue Gelassenheit in Deutschlands Betten (jaja, ist ja gut, fünf Euro ins Phrasenschwein): Wer einfach mal in sich reinhört und dann mit eventuell vorhandenem Partner oder Partnerin darüber spricht, was man da so hört, der wird mit Sicherheit ein erfüllteres Sexleben haben als wenn er/sie immer erstmal die neueste Cosmo konsultieren muss, was denn gerade angesagt ist, um das dann eins zu eins nachzuturnen.

Ein unterhaltsames Buch zu einem oft viel zu ernst behandelten Thema – lässt sich im Übrigen auch ohne große Gefahr des Errötens in der Bahn lesen (ganz Verschämte können ja den Kaktus in Penisform auf dem Cover zudecken).

ISBN: 978-3596182329

247 Seiten

Fischer Taschenbuch

€8,95

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