Agent 6 – Tom Rob Smith

17. November 2013 § Ein Kommentar

IMG_7423Hat diese Trilogie eigentlich einen offiziellen Namen? Ich glaube nicht. Nennen wir sie also mal etwas phantasielos die „Leo-Demidow-Trilogie“. Hier jetzt also der dritte und letzte Band, der die Geschichte des Geheimagenten Leo zu einem – wie ich finde – stimmigen Ende führt.

Wir schreiben das Jahr 1965, nach der Kubakrise kommt es zu einer zaghaften Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion. Zeichen dafür ist unter anderen ein Friedenskonzert mit sowjetischen und amerikanischen Schülern, das im Hauptsitz der UN in New York stattfinden soll. Leos Frau Raisa, die ja Lehrerin ist, soll dieses Konzert leiten und fliegt dafür mit den beiden Töchtern Soja und Elena nach New York.

Das Konzert an sich verläuft sehr zufriedenstellend und Raisa bekommt viel Lob. Sie ahnt jedoch nicht, dass im Hintergrund bereits ganz andere Strippen gezogen werden: Der afroamerikanische Sänger Jesse Austin wird zu einem Auftritt vor dem UN-Gebäude überredet, direkt nach dem letzten Konzert. Austin ist bekennender Kommunist, war während der Stalinzeit in die UdSSR gereist und wurde nicht müde, das sowjetische System als Vorbild zu bezeichnen. Klar, dass ihm das während der McCarthy-Ära die Karriere kostete. Mittlerweile verkauft der einst gefeierte Star keine Platten mehr, er wird nicht mehr im Radio gespielt, von ehemaligen Fans geschnitten und muss gemeinsam mit seiner Frau ums Überleben kämpfen.

Zurück zum UN-Gebäude: Elena, Leos Tochter, wurde von ihrem KGB-Lover dazu überredet, gemeinsam mit Austin aufzutreten. Das wäre doch ein tolles Zeichen für die Völkerfreundschaft! Doch noch während die beiden vor der Menge stehen, fallen Schüsse und am Ende sind drei Menschen tot: Austin, dessen Frau und Raisa. Was ist passiert? Und vor allem: Wer hat geschossen?

Leo trauert um seine große Liebe, verliert den Boden unter den Füßen und will nur noch herausfinden, was passiert ist und warum Raisa sterben musste.

Als er acht Jahre später einen verzweifelten Versuch wagt, die sowjetisch-finnische Grenze zu überqueren, um in die USA zu gelangen, wird er aufgegriffen und vor die Wahl gestellt: Entweder geht er für sehr lange ins Gefängnis oder er verpflichtet sich, die prosowjetische Regierung in Afghanistan zu beraten – ein Job, der den meisten Leuten viel zu gefährlich ist. Er entscheidet sich natürlich für letzteres (was hat er denn schon zu verlieren?) und bekommt nach vielen Jahren in diesem Land endlich die Chance, den Tod von Raisa aufzuklären.

Wie schon gesagt: Leo als Charakter gefällt mir weiterhin sehr gut, ich finde ihn schlüssig gezeichnet und Smith bleibt ihm auch in allen drei Bänden treu. Kritikpunkt an diesem Band ist jedoch, dass die Handlung streckenweise etwas langatmig geraten ist. Gerade während der langen Periode in Afghanistan ist zunächst unklar, wie das Ganze mit den Ereignissen in New York zusammenhängt. Klar, später fügt sich das Ganze dann in die allgemeine Handlung ein, aber bis dahin dauert es eben ein bisschen zu lang.

Grundsätzlich finde ich, dass „Agent 6“ einen guten Abschluss der Trilogie bildet, allerdings war für mich „Kind 44“ das Highlight der drei. Das Ende schließlich ist kein klassisches Happy End, ist aber stimmig und bildet einen passenden Abschluss – passend zu der Geschichte und auch passend zum Charakter von Leo.

Fazit also: Wer bisher mitgelesen hat, sollte auch „Agent 6“ noch lesen. Und auch die Trilogie insgesamt ist auf jeden Fall empfehlenswert.

ISBN: 978-3442475032
544 Seiten
Originaltitel: Agent 6
Goldmann
€9,99
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Sturz der Titanen – Ken Follett

24. Juni 2013 § Ein Kommentar

IMG_6858Wie bekannt sein dürfte, ist dies der Auftaktband der Jahrhundert-Trilogie von Follett. Nachdem ich eine Weile um dieses Buch herumgeschlichen bin, habe ich es nun endlich gekauft und gelesen. (Das zweite 1000-Seiten-Buch in diesem Jahr… *hust* Meine Mutter, selbst nicht so die Leserin, zweifelte schon daran, dass ich tatsächlich ihre Tochter bin. Dabei hat sie mich mit regelmäßigem Vorlesen in der Kindheit erst angefixt…)

Idee dieser Reihe ist es, die wichtigsten Entwicklungen im 20. Jahrhundert anhand dreier Familien in drei verschiedenen Ländern nachzuzeichnen. Dabei sind diese Familien untereinander an einigen Punkten miteinander bekannt bzw. begegnen sich immer mal wieder im Laufe der Geschichte. Sowas gefällt mir immer gut, mal sehen, was Follett draus gemacht hat.

Auf der Seite Deutschlands haben wir hier die Familie von Ulrich, insbesondere den Sohn Walter. Die von Ulrichs haben durch ihre hohe gesellschaftliche Stellung Zugang zu den wichtigen Personen im Kaiserreich, doch gerade Walter denkt bereits fortschrittlicher als sein Vater und ist demokratischen Gedanken nicht abgeneigt. Während er als Militärattaché in der deutschen Botschaft in London eingesetzt ist, lernt er Lady Maud Fitzherbert kennen, eine Frauenrechtlerin, die ihn mit ihrer unkonventionellen und klugen Art schnell fasziniert. (Ja, die beiden beginnen eine Affäre.)

Lady Maud ist die Schwestern von Earl Fitzherbert (meist Fitz genannt). Fitz ist mit der russischen und launischen Fürstin Bea verheiratet, schwängert jedoch auch noch sein Dienstmädchen, Ethel. Klar, dass diese postwendend entlassen wird und Stillschweigen bewahren muss, wer der Vater ihres Kindes ist.

Ethel selbst kommt aus einer walisischen Bergarbeiterfamilie. Ihr Bruder Bill musste beispielsweise schon mit 13 das erste Mal im Bergwerk arbeiten. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und geht nach London, wo sie, unterstützt von Lady Maud, bald ein neues Leben anfangen kann. Sie wird auch zunehmend politisch aktiv und setzt sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein.

Dann haben wir noch Lew und Grigori im zaristischen Sankt Petersburg. Die beiden Brüder, die schon früh auf sich alleine gestellt waren, sind sich nicht sonderlich ähnlich: Grigori ist der Ältere und Ernsthaftere, er hat Lew immer beschützt und ihm immer geholfen. Lew dagegen ist ein Frauenheld und hat ständig Ärger, ist aber auch wahnsinnig charmant und kann sich aus jeder Situation irgendwie rauswinden. Als Grigori gerade genug Geld gespart hat, um eine Schiffspassage in die USA zu bezahlen und sich somit seinen Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, gerät Lew mit der Polizei in Schwierigkeiten und muss schnellstens das Land verlassen. Grigori bleibt keine andere Wahl, als Lew das Ticket zu überlassen, ihn zu decken und sich um seine Freundin Katerina zu kümmern, die zu allem Überfluss auch noch schwanger ist. (Ja, Grigori ist heimlich in Katerina verliebt.)

Das ist nur ein Bruchteil der Handlung, denn gerade der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirbelt alle Beziehungen, Lebensentwürfe und sicher geglaubten Tatsachen ordentlich durcheinander. Insofern kann man schon ahnen, wie es Follett geschafft hat, über 1000 Seiten zu füllen. Alles in allem hat mir das Ergebnis auch wirklich gut gefallen. Solche Geschichtsstunden anhand von Schicksalen der damals lebenden Menschen sind super, zeigen sie doch, wie sich die große Politik im Kleinen ausgewirkt hat. Nur manchmal gerät das Ganze zu langatmig. Vor allem in den weitschweifigen Beschreibungen der jeweiligen Allianzen und Kriegstaktiken im Ersten Weltkrieg habe ich mich manchmal etwas verloren gefühlt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist wieder mal mein altes Problem: Schlechte Liebesszenen. Es wird ganz schön viel gevögelt in diesem Buch, was grundsätzlich ja nichts Schlechtes ist. Nur ist es bisweilen arg klischeehaft geraten (der Jungfernhäutchen-Mythos, der hier regelmäßig bemüht wird, ist so ein Beispiel dafür).

Aber gut, davon abgesehen hat mir dieser Auftakt wirklich gut gefallen und ich kann es jetzt kaum erwarten, bis der zweite Band im Taschenbuch erscheint.

ISBN: 978-3404166602
1040 Seiten
Originaltitel: Fall of Giants
Bastei Lübbe
€12,99

Der Archipel Gulag (Bd. 2) – Alexander Solschenizyn

29. Mai 2013 § Ein Kommentar

IMG_6857Mein Eingangssatz in der Rezension von Band 1 scheint sich zu bewahrheiten: Relativ genau ein Jahr danach habe ich den zweiten Band fertig. Und an dem habe ich auch schon fünf Monate gelesen…

Ich kann auch gar nicht allzu viel hinzufügen: Auch hier ist die Lektüre wieder sehr, sehr heftig. Inhalt ist hier das Lagerleben im engeren Sinne sowie alles drumherum: Das Lagerumfeld, die Wachen, verschiedene Gruppen im Lager, die Art der Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussten, die Unterkünfte, die Beziehungen der einzelnen Gruppen untereinander sowie auch Darüberhinausgehendes wie die Ziele des Gulags und die dahinterstehenden Ideen (Wir brauchen möglichst viele Arbeitskräfte für irgendwelche größenwahnsinnigen Bauprojekte? Dann lass uns doch einfach mal möglichst viele Leute verhaften! Da blieb mir echt die Spucke weg).

Neben schlimmen persönlichen Schicksalen findet sich hier zwar teilweise auch Skurriles und ganz selten auch Positives, doch meistens macht die Lektüre betroffen und oft wütend.  Es ist einfach zu viel Willkür, Gewalt und Grausamkeit, als dass es einen kalt lassen könnte.

Solschenizyn hält mit seiner Wut gegen Stalin und das System allgemein nicht hinterm Berg und ist oft beißend ironisch in seinen Beschreibungen. Er beschränkt sich aber auch hier nicht auf die Beschreibungen, sondern analysiert wie schon im ersten Band: Warum haben die Menschen damals so gehandelt, wie wurde dieses System möglich gemacht, warum fanden sich Menschen, die dem dienten und sich dem unterordneten?

Auch dieser Band ist nichts für schwache Nerven und auch hier kann ich nur eine ausdrückliche Leseempfehlung geben.

ISBN: 978-3596184255
640 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95

Between Shades of Gray – Ruta Sepetys

5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6716Vorbemerkung: Diese Rezension ist zuerst beim Osteuropakanal erschienen. Der Redaktion danke ich noch einmal ganz herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Es kommt selten genug vor: Man klappt ein Buch nach der letzten Seite zu und hat einen Riesen-Kloß im Hals, weil die Geschichte einfach so traurig, tragisch, schön, herzerwärmend und hoffnungsvoll war.

Traurig und tragisch? Nun, es ist eine Geschichte über den Gulag. Lina und ihre Familie werden dorthin in den 1940er Jahren aus dem litauischen Kaunas deportiert, zusammen mit vielen anderen Balten nach der sowjetischen Okkupation.

Sepetys spart nicht an Beschreibungen der Unmenschlichkeit und des Grauens: Hunger, harte Arbeit, menschenunwürdige Unterkünfte, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Schikane, Eiseskälte und Krankheiten. Die Verhafteten wissen oft nicht einmal, aus welchem Grund sie ins Lager gesperrt wurden. Im Falle von Lina, ihren Bruder Jonas und ihrer Mutter bedeutet das: Sie landen erst in einem Lager im sibirischen Altai-Gebirge, ehe sie weiter in den Norden, jenseits des Polarkreises, deportiert werden, wo es nicht einmal richtige Hütten gibt. In der ganzen Zeit kennen sie weder ihre Anklage noch wissen sie, was mit Linas Vater geschehen ist, der wenige Tage vor ihnen verhaftet wurde.

Und wo bleibt da der Platz für Schönes oder Hoffnungsvolles? Lina und ihre Familie geben nicht auf. Was immer ihnen auch passiert, sie sind bereit, durchzuhalten, um bald wieder in ihren gewohnten, bürgerlichen Alltag zurückkehren zu können. Für Lina ist es insbesondere ihre Kunst und ihre Liebe zu Andrius, der ebenfalls deportiert wurde, die ihr die Kraft zum Überleben geben. Auch gibt es große Solidarität zwischen den Litauern im Lager. Man versucht, einander zu helfen, wo es möglich ist, teilt die knappen Nahrungsmittel und feiert Feste gemeinsam. Doch zwischen allem schleicht sich immer wieder das Unheil ein: Einige schaffen es eben doch nicht, sterben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten oder den Kugeln der Wachen. Dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es für Linas Familie ausgehen wird, ist die große Stärke dieses Buchs: Zu leicht wäre es gewesen, eine kitschige, vorhersehbare Geschichte zu schreiben, der man das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende schon auf den ersten Seiten anmerkt. Gut, einige Charaktere sind tatsächlich für meinen Geschmack etwas zu schwarz-weiß gezeichnet (insbesondere Linas Mutter hätte man durchaus mal zugestehen können, auch mal durchzudrehen und nicht immer nur ständig selbstlos für andere da zu sein), aber glücklicherweise tut das der Geschichte als Ganzes keinen Abbruch.

Ohne wirklich alle historischen Details zu kennen, würde ich schätzen, dass die geschilderten Zustände realistisch sind. Unglaublich genug, dass es tatsächlich Menschen gab, die das alles überleben konnten. Wer das Baltikum kennt, weiß, dass die Erinnerung an die Deportationen noch sehr präsent sind; in Deutschland hat man verhältnismäßig wenig Wissen darüber. Umso wichtiger sind solche Bücher, die immer mal wieder gewisse historische Perioden ins Gedächtnis rufen und vielleicht dazu beitragen, das Andenken an die Opfer irgendwie wachzuhalten.

„Between shades of gray“ ist so ein Buch. Deswegen möchte ich es euch wärmstens empfehlen. Und ehe ihr auf den letzten Seiten ankommt, legt ein Taschentuch bereit. Ihr könntet es brauchen.

ISBN: 978-0-399-25628-8
338 Seiten
Deutscher Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Philomel Books
€9,99

Fegefeuer – Sofi Oksanen

24. September 2012 § 3 Kommentare

Wir schreiben das Jahr 1992, also die Wendezeit im Ostblock. Aliide, eine alte Frau, lebt alleine auf ihrem Hof in West-Estland, als sie eines Tages eine junge Frau halb bewusstlos in ihrem Garten findet. Sie kann ihr nur mühsam Informationen entlocken: Zara heißt sie und ist vor ihrem Mann weggelaufen. Sie scheint große Angst vor ihm zu haben. Aliide wundert sich über die westliche Kleidung des Mädchens, über ihren seltsamen Akzent, sie ist misstrauisch und nimmt Zara eher zögerlich auf.

Zara dagegen hat ein schlimmes Schicksal hinter sich: Mit falschen Versprechungen wurde sie, wie viele Mädchen, aus ihrer Heimatstadt Wladiwostok nach Deutschland gelockt, wo sie zur Prostitution gezwungen wurde, ehe sie endlich fliehen konnte. Sie ist nicht zufällig auf Aliides Hof gekommen: Sie vermutet, dass Aliide die Schwester ihrer Großmutter ist. Und irgendwas scheint zwischen den Geschwistern vorgefallen zu sein, denn Kontakt bestand schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und in Rückblenden erfahren wir auch, warum:

Als Aliide eines Sonntags nach der Kirche Hans das erste Mal sah, war es für sie Liebe auf den ersten Blick. Doch Hans hatte nur Augen für ihre hübsche, kluge Schwester Ingel, der sowieso schon immer alles gelang. Und so heiraten sie und bekommen eine Tochter, Linda. Die unverheiratete Aliide muss weiterhin bei dem Paar im Haus wohnen – für sie die reinste Qual, den immer wünscht sie sich Aufmerksamkeit oder einen kurzen Blick für Hans; der aber spart seine Blicke für Ingel auf. Doch als für Hans, den estnischen Nationalisten, während der sowjetischen Okkupation gefährlicher wird, sieht Aliide die Gelegenheit, ihm zu helfen und ihn möglicherweise doch noch für sich zu gewinnen.

Damit wäre der Grundstein für die fatalen Wendungen dieser Geschichte bereits gelegt. Und in den politischen Wirren der 1930er und 1940er Jahre sind einige wenige unbedachte Worte oder wissentlich falsche Denunziationen Grund genug, einen Menschen für Jahre nach Sibirien zu schicken.

Dabei bleibt lange in der Schwebe, was genau passiert ist. Erst gegen Ende kann man sich zusammenreimen, was Aliide tatsächlich getan hat. Doch eigentlich geht es in dem Buch um mehr: Um die Hilflosigkeit der Einzelnen gegenüber staatlicher Gewalt. Um Hass und Schuld. Und darum, wie schwer es manchmal sein kann, das richtige Urteil zu fällen und immer den richtigen Weg einzuschlagen.

Ich tat mir schwer, Aliide tatsächlich für ihre Taten zu verurteilen oder zu hassen. Irgendwie tat sie mir eher ein wenig Leid: Sie, die immer wieder zu kurz kommt und es nicht schafft, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ich bin mir aber bewusst, dass sie selbst auch Schuld auf sich geladen hat; sie hätte die Möglichkeit gehabt, einigermaßen integer zu bleiben. Insofern hat sie ihre Wahl getroffen und muss mit ihrer Schuld leben.

Neben dieser sehr spannenden Geschichte muss man unbedingt die tolle Sprache Oksanens erwähnen. Die Bilder, die sie findet, haben mir wirklich gut gefallen, so dass ich mir fest vorgenommen habe, mehr von ihr zu lesen. „Fegefeuer“ ist schonmal ein sehr empfehlenswertes Buch.

ISBN: 978-3442742127
400 Seiten
Originaltitel: Puhdistus
btb
€9,90

Stadt der Diebe – David Benioff

2. September 2012 § 2 Kommentare

Hach ja… Schon länger kein Buch mehr gelesen, in dem lustig und traurig so nah beieinander lagen.

Das Setting: Das belagerte Leningrad im Zweiten Weltkrieg. Lew und seine Freunde sind grade dabei, einen gefallenen deutschen Soldaten nach etwas Essbarem zu durchsuchen, als sie von der Polizei überrascht werden. Lews Freunde können fliehen, er selbst wird festgenommen und landet im Gefängnis. Er weiß: Auf Plünderung steht die Todesstrafe. Insofern wartet er auf seinen sicheren Tod – doch als die Tür zu seiner Zelle aufgeht, tritt nicht der Sensemann ein, sondern ein weiterer Gefangener. Kolja soll von der Roten Armee desertiert sein, auch dies ein Kapitalverbrechen. Doch noch hat ihr letztes Stündlein nicht geschlagen: Wenn sie es schaffen, für die Tochter des Geheimdienstobersts zwölf Eier zu besorgen (sie wünscht sich eine richtige Hochzeitstorte, mit allem Drum und Dran…), werden sie am Leben gelassen.

Doch woher die Eier nehmen? Leningrad ist ausgehungert, die beiden Jungs bekommen selbst kaum etwas in die Mägen. Auf dem örtlichen Schwarzmarkt gibt es zwar Lebkuchen aus Pappe und Würstchen unbekannten Ursprungs zu kaufen, aber beileibe keine Eier. Und so müssen sich die beiden einiges einfallen lassen und einige Abenteuer bestehen, um am Ende vielleicht doch ihr Leben zu retten.

Sie sind schon ein komisches Gespann: Lew, dessen Vater, ein Dichter, vom NKWD abgeholt wurde und der wegen seiner krummen Nase regelmäßig als „Jude“ verspottet wird; dazu Kolja, der dagegen als Bilderbuch-Arier durchgehen könnte, trotz des Hungers noch immer pausenlos an Sex denkt und absolut keine Zweifel an seiner Großartigkeit hat. Die beiden verbindet erst eine Art Hassliebe, dann eine echte Freundschaft und die Dialoge sind zum Teil wirklich wunderbar. Ich habe sie ja beide ins Herz geschlossen, auch wenn Kolja manchmal etwas anstrengend war – dass er trotzdem nie unsympathisch wurde, ist wohl volle Absichts Benioffs gewesen.

Erzählt wird die Geschichte übrigens aus Lews Sicht – in der Retrospektive, als er seinem Enkel davon erzählt. Inwieweit es hier biografische Elemente gibt (immerhin heißt Lew mit Nachnamen Beniow), ist nicht überliefert oder jedenfalls mir nicht bekannt. Aber es ist doch auch schön, über solche Dinge zu spekulieren.

Fazit also: Eine sehr schöne Geschichte, die einen immer wieder zum Lachen oder Schmunzeln bringt, aber die traurigen und grausamen Seiten dieses Krieges nicht ausspart. Und eine Geschichte, die ich euch sehr gerne weiterempfehle.

ISBN: 978-3453407152
384 Seiten
Originaltitel: City of Thieves
Heyne
€9,95

In Zeiten des abnehmenden Lichts – Eugen Ruge

3. August 2012 § 4 Kommentare

Wohl dem, der lesende Verwandtschaft hat: Den letzten Tana French konnte ich mir von der einen, dieses Buch hier von der anderen Tante ausleihen. Aktuell wird „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ja breit besprochen (bzw. wird es seit einigen Monaten), und da reihe ich mich mal ein.

Erzählt wird die Geschichte einer deutschen Familie: Die Urgroßeltern, Charlotte und Wilhelm, gingen während der Nazizeit ins mexikanische Exil: Als überzeugte Kommunisten sahen sie keinen anderen Weg. Nach dem Krieg kehrten sie nach Ostdeutschland zurück, um die DDR mit aufzubauen, und bekamen zwei Söhne: Werner und Kurt. Während Werner, wie man eher andeutungsweise erfährt, irgendwann im sowjetischen Gulag ums Leben kam, hat Kurt das Lager überlebt, später die Russin Irina geheiratet und ist mit ihr in die DDR heimgekehrt. Sie bekommen einen Sohn, Alexander, und auch Irinas Mutter, Nadjeshda Iwanowna, lebt bei der Familie im Haus.

Alexander rebelliert gegen seine Eltern, die noch immer vom Kommunismus überzeugt sind (auch wenn zumindest Irina sich eher damit arrangiert als dass sie das System aktiv unterstützt). Alexander bekommt einen Sohn, der bei seiner Mutter aufwächst – die Eltern leben getrennt und Alexander setzt sich schließlich nicht lange vor dem Mauerfall in den Westen ab.

Soweit der Teil der Geschichte, der in Rückblenden auf wechselnden Zeitebenen erzählt wird. Immer wieder eingestreut die Gegenwartshandlung, die kurz nach dem 11. September 2001 spielt: Alexander, der vor kurzem eine Krebsdiagnose erhalten hat und sich sonst um den dementen Kurt kümmert, reist auf den Spuren seiner Großeltern nach Mexiko. Es wird nicht so recht klar, was er dort finden will und entsprechend konnte ich mit diesen Kapiteln am wenigsten anfangen.

Ein weiterer Bezugspunkt ist der 90. Geburtstag von Wilhelm, der Tag, an dem Alexander in den Westen geht. Was alles an diesem Geburtstag passiert, wird aus wechselnder Perspektive von verschiedenen Protagonisten erzählt. Gerade diese Technik hat mir sehr, sehr gut gefallen. Hat man sich nach einem Kapitel bereits seine Urteile über die Handelnden zurechtgelegt, werden sie bald darauf wieder erschüttert, weil die selben Geschehnisse sich aus einer anderen Perspektive wieder unterschiedlich darstellen.

Hier geht es zu wie wohl in sehr vielen Familien: Jahre- oder jahrzehntelang schwelende Konflikte, Missverständnisse und unterschiedliche politische Einstellung prägen dem Umgang miteinander. Ruge hat ein Händchen fürs Erzählen, ihm gelingt eine durchaus lustige Geschichte mit guten Charakterisierungen aller Personen darin. Meine Tante meinte, sie hätte es gar nicht mehr aus der Hand legen können – das war bei mir nicht durchgehend so, es ist aber halt auch nicht die klassische Spannungslektüre. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, es ist trotzdem ein sehr lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3498057862
432 Seiten
Rowohlt
€19,95

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