Tiger, Tiger – Margaux Fragoso

18. August 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Das hier war in jeglicher Hinsicht ein ziemlich dicker Brocken. Nicht nur im Hinblick auf die Thematik, sondern auch in Bezug auf Handlung und Charaktere war hier wenig sommerlich leicht und luftig, sondern ziemlich heftig und trostlos. Aber kein Wunder: Das Thema dieses (autobiografischen) Romans ist Pädophilie (Als Hinweis für alle, die bei diesem Thema sensibel sind: Auf einzelne Aspekte davon gehe ich in meiner Rezension auch ein).

Als sich Margaux und Peter kennenlernen, ist sie 7 und er über 50. Zunächst scheint es so, als fände Margaux bei Peter, dessen Lebensgefährtin Inés und seinen beiden älteren Söhnen eine Art Ersatzfamilie – Margaux‘ eigene Eltern können ihr nicht allzu viel Liebe und Rückhalt geben, da ihre Mutter psyschich krank ist und ihr Vater seine eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit vor allem an seiner Tochter auslässt. Liebevolle Momente gibt es selten. Bei Peter jedoch ist sie immer willkommen, er hat einen schönen Garten und viele exotische Tiere, auch wenn das Haus an sich etwas heruntergekommen ist.

Zunehmend fordert Peter als Zeichen der Verbundenheit Dinge ein, für die Margaux eigentlich noch viel zu jung ist: Sie soll sich in aufreizender Pose fotografieren lassen, sie soll sich von Peter anfassen lassen und soll auf seine zunehmend sexuellen Anspielungen eingehen. In der Folge manipuliert Peter Margaux mehr und mehr, so dass sie schließlich vollkommen fixiert ist auf ihn, ihren einzigen richtigen Freund.

Margaux‘ Eltern schöpfen zwar Verdacht, und vor allem ihre Vater versucht, sie von Peter fernzuhalten, aber Margaux selbst wehrt sich dagegen und verlangt, Peter sehen zu dürfen. Sie ist gefangen in einer Hassliebe zu Peter: Sie will diese Spielchen gar nicht mitmachen, sie hasst Peter dafür, dass er sie dazu zwingt und dermaßen manipuliert, sie kämpft um eine eigene Identität, sie beginnt, sich für gleichaltrige Jungs zu interessieren – und gleichzeitig kann sie selbst nicht von dieser Beziehung lassen…

Also, ja. Das ist alles sehr unschön. Ich fand das Buch sehr heftig, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen. Ich fand hier eigentlich keinen positiven Charakter. Vor allem die männlichen Protagonisten sind alle manipulativ, unsicher, weinerlich und fügen den Frauen in ihren Leben Schaden zu. Aber auf der anderen Seite muss man dem Buch auch lassen, dass Peter nie als das Monster dargestellt wird, als das die Gesellschaft einen Pädophilen gerne sehen möchte. Fragoso schafft den Spagat, ihn irgendwie als Menschen und als arme Sau darzustellen, aber gleichzeitig seine Taten nicht zu verharmlosen oder so zu tun, als sei das alles gar nicht seine Schuld, er könne ja nicht anders.

Margaux (und letztlich auch ihre Mutter) hatten irgendwie nie eine richtige Chance, aus ihrem Leben etwas zu machen. Es gibt in diesem Buch keine „gesunde“ Beziehung, selbst die Nebenfiguren sind immer in irgendeine Geschichte involviert, die ihnen nicht gut tut, wo einer der Partner (oder beide sich gegenseitig) den anderen einschränkt und verletzt.

Nichts für nebenher, nichts für jeden, aber mit diesen Einschränkungen eigentlich schon ein lesenswertes Buch.

ISBN: 978-3453356856
464 Seiten
Originaltitel: Tiger, tiger: A memoir
Diana Verlag
€9,99

Looking for Alaska – John Green

29. Juli 2014 § 2 Kommentare

IMG_7896Miles war an seiner bisherigen Schule in Florida eher ein Außenseiter und hatte auch sonst nicht das spannendste Leben. Um daran etwas zu ändern, welchselt er auf ein Internat in Alabama. Dort findet er schnell Freunde: Seinen Zimmergenossen Chip, seine Mitschüler Takumi und Lara und vor allem Alaska: Traumhaft hübsch, sexy, unternehmungslustig, klug und geistreich im Streiche-Ausdenken, aber auch launisch, unberechenbar und depressiv.

Die fünf werden Freunde und unternehmen viel zusammen; Alaska verkuppelt Miles sogar mit Lara und gibt den beiden Tipps, als es mit der, nun ja, körperlichen Annäherung nicht so ganz klappen will. Dabei ist Miles wenigstens ein bisschen in (die vergebene) Alaska verliebt. Und immerhin: An einem Abend gelingt es Miles immerhin, von Alaska geküsst zu werden, doch ehe sie ihr irgendwie geartetes Versprechen auf „mehr“ einlösen kann, passiert etwas, das die bisher eigentlich relativ heile Welt der Freunde durcheinanderwirbelt und sie vor Fragen stellt, die sie sich so noch nie stellen mussten.

Die Geschichte ist in „before“ und „after“ eingeteilt und klugerweise gibt auch der Klappentext keine weiteren Informationen, was dieses „after“ eigentlich ist. Und das fand ich gut, weswegen ich euch auch nicht mehr verraten will. „Before“ ist eine normale, lockere und lustige Internatsgeschichte, wie es schon andere vor ihr gab und wie sie jetzt nicht sooo speziell war. „After“ hat mir jedoch dafür um einiges besser gefallen. Es ist etwas passiert, was normalen Teenies sonst nicht widerfährt, und so geht es um Fragen, mit denen man sich in diesem Alter eigentlich auch nicht beschäftigen sollte. Hier kommt dann der Tiefgang rein und bildet einen krassen Kontrast zu dem unbeschwerten „Before“-Teil.

Die Charaktere fand ich sehr sympathisch, jeder brachte so eine andere Facette mit rein; Alaska war vielleicht ein wenig too much. Aber ja, auf der anderen Seite ist sie ein extremer Charakter, der auch immer wieder zeigt, wie viel Klugheit und Verletzlichkeit hinter der ach-so-harten Schale steckt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei vielen Leserinnen (und sicher auch Lesern) gut ankommt.

Alles in allem also ein wirklich lesenswertes YA-Buch mit einigen ernsten und wichtigen Themen im Hintergrund.

ISBN: 978-0-14-240251-1
221 Seiten
Deutscher Titel: Eine wie Alaska
Penguin
€7,20

Die Bücherdiebin – Markus Zusak

25. Januar 2014 § 8 Kommentare

So, jetzt habe ich die wunderbare Aufgabe, ein Buch zu verreißen schlecht zu rezensieren, das gefühlte 99% aller Leser so GANZ supertoll finden und gerne als Meisterwerk oder sogar als neuen Klassiker (!) bezeichnen. Nuuuuunja. Ich will mal versuchen, in Worte zu fassen, was mich an dem Ganzen so gestört habe, dass ich es nicht mal komplett gelesen habe.

Ich halte es aus diesem Grund auch recht kurz mit dem Inhalt: Wir haben hier die kleine Liesel, die bei Pflegeeltern aufwächst und zu deren hervorstechenden Eigenschaften es offenbar gehört, dass sie ab und an mal ein Buch klaut. Inwieweit das Ganze jetzt irgendwie charakterformend ist oder was genau dadurch ausgedrückt werden, blieb mir verborgen, es muss jedoch so bahnbrechend sein, dass darauf immer wieder herumgeritten wird – siehe Titel des Buches.

Liesel lernt also mit Hilfe ihres Pflegevaters und ihres ersten gestohlenen Buches das Lesen. Was man allerdings noch dazu sagen muss ist, dass die Geschichte während des Zweiten Weltkriegs spielt, dass Liesels Bruder ums Leben gekommen und ihre Mutter verschwunden ist und dass der Tod selbst diese Geschichte erzählt. Und ja, es passieren schlimme Dinge, und ja, es wird auch ein Jude versteckt und ja, am Schluss sind einige der Menschen tot, die man im Laufe der Geschichte kennengelernt hat. Was halt zu einem ordentlichen Weltkriegs-Buch dazugehört.

Nun ist es ja so, dass der Tod mächtig viel zu tun hat und sich daher offenbar nicht so recht aufs Erzählen konzentrieren kann – und, sorry, auch nicht so viel davon versteht. Er erzählt weder stringent noch mit einem Gespür für Spannung, weil er nach Herzenslust auch mal vorgreift oder Rückblenden einstreut. Außerdem verwendet er DIE BESCHISSENSTEN METAPHERN EVER (ever, ever)! Also mal ganz ehrlich: „der FRÜHSTÜCKSFARBENE Himmel“? WTF?

An diesem Punkt angekommen hatte ich auch keine Lust mehr, dieses Buch irgendwie sonderlich objektiv zu bewerten. Ich habe mich ehrlich gesagt geärgert. Ich mochte die Charaktere nämlich recht gerne und auch die Idee, den Tod die Story erzählen zu lassen, hatte jedenfalls zu Anfang durchaus seinen Reiz. Aber dann blieben die Charaktere ziemlich blass, die Story nimmt nicht wirklich Fahrt auf und dann war die Sprache einfach nur noch anstrengend und bemüht originell. Ich war dann nur noch genervt, habe noch ein bisschen mit mir gerungen (So viele begeisterte Leser können doch nicht irren…?) und dann aber ungefähr bei der Hälfte abgebrochen.

Also, entweder habe ich wirklich gar keine Ahnung von guter Literatur, dann schließe ich dieses Blog hier sofort und gehe nur noch in Sack und Asche, oder dieses Buch ist absolut überschätzt. Den Hype darum verstehe ich jedenfalls überhaupt nicht.

ISBN: 978-3442373956
588 Seiten
Originaltitel: The Book Thief
Blanvalet
€8,99 (ebook)

Der Archipel Gulag (Bd. 2) – Alexander Solschenizyn

29. Mai 2013 § Ein Kommentar

IMG_6857Mein Eingangssatz in der Rezension von Band 1 scheint sich zu bewahrheiten: Relativ genau ein Jahr danach habe ich den zweiten Band fertig. Und an dem habe ich auch schon fünf Monate gelesen…

Ich kann auch gar nicht allzu viel hinzufügen: Auch hier ist die Lektüre wieder sehr, sehr heftig. Inhalt ist hier das Lagerleben im engeren Sinne sowie alles drumherum: Das Lagerumfeld, die Wachen, verschiedene Gruppen im Lager, die Art der Arbeit, die die Häftlinge verrichten mussten, die Unterkünfte, die Beziehungen der einzelnen Gruppen untereinander sowie auch Darüberhinausgehendes wie die Ziele des Gulags und die dahinterstehenden Ideen (Wir brauchen möglichst viele Arbeitskräfte für irgendwelche größenwahnsinnigen Bauprojekte? Dann lass uns doch einfach mal möglichst viele Leute verhaften! Da blieb mir echt die Spucke weg).

Neben schlimmen persönlichen Schicksalen findet sich hier zwar teilweise auch Skurriles und ganz selten auch Positives, doch meistens macht die Lektüre betroffen und oft wütend.  Es ist einfach zu viel Willkür, Gewalt und Grausamkeit, als dass es einen kalt lassen könnte.

Solschenizyn hält mit seiner Wut gegen Stalin und das System allgemein nicht hinterm Berg und ist oft beißend ironisch in seinen Beschreibungen. Er beschränkt sich aber auch hier nicht auf die Beschreibungen, sondern analysiert wie schon im ersten Band: Warum haben die Menschen damals so gehandelt, wie wurde dieses System möglich gemacht, warum fanden sich Menschen, die dem dienten und sich dem unterordneten?

Auch dieser Band ist nichts für schwache Nerven und auch hier kann ich nur eine ausdrückliche Leseempfehlung geben.

ISBN: 978-3596184255
640 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95

Between Shades of Gray – Ruta Sepetys

5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6716Vorbemerkung: Diese Rezension ist zuerst beim Osteuropakanal erschienen. Der Redaktion danke ich noch einmal ganz herzlich für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Es kommt selten genug vor: Man klappt ein Buch nach der letzten Seite zu und hat einen Riesen-Kloß im Hals, weil die Geschichte einfach so traurig, tragisch, schön, herzerwärmend und hoffnungsvoll war.

Traurig und tragisch? Nun, es ist eine Geschichte über den Gulag. Lina und ihre Familie werden dorthin in den 1940er Jahren aus dem litauischen Kaunas deportiert, zusammen mit vielen anderen Balten nach der sowjetischen Okkupation.

Sepetys spart nicht an Beschreibungen der Unmenschlichkeit und des Grauens: Hunger, harte Arbeit, menschenunwürdige Unterkünfte, willkürliche Erschießungen, Misshandlungen und Schikane, Eiseskälte und Krankheiten. Die Verhafteten wissen oft nicht einmal, aus welchem Grund sie ins Lager gesperrt wurden. Im Falle von Lina, ihren Bruder Jonas und ihrer Mutter bedeutet das: Sie landen erst in einem Lager im sibirischen Altai-Gebirge, ehe sie weiter in den Norden, jenseits des Polarkreises, deportiert werden, wo es nicht einmal richtige Hütten gibt. In der ganzen Zeit kennen sie weder ihre Anklage noch wissen sie, was mit Linas Vater geschehen ist, der wenige Tage vor ihnen verhaftet wurde.

Und wo bleibt da der Platz für Schönes oder Hoffnungsvolles? Lina und ihre Familie geben nicht auf. Was immer ihnen auch passiert, sie sind bereit, durchzuhalten, um bald wieder in ihren gewohnten, bürgerlichen Alltag zurückkehren zu können. Für Lina ist es insbesondere ihre Kunst und ihre Liebe zu Andrius, der ebenfalls deportiert wurde, die ihr die Kraft zum Überleben geben. Auch gibt es große Solidarität zwischen den Litauern im Lager. Man versucht, einander zu helfen, wo es möglich ist, teilt die knappen Nahrungsmittel und feiert Feste gemeinsam. Doch zwischen allem schleicht sich immer wieder das Unheil ein: Einige schaffen es eben doch nicht, sterben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten oder den Kugeln der Wachen. Dass man bis zuletzt nicht weiß, wie es für Linas Familie ausgehen wird, ist die große Stärke dieses Buchs: Zu leicht wäre es gewesen, eine kitschige, vorhersehbare Geschichte zu schreiben, der man das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende schon auf den ersten Seiten anmerkt. Gut, einige Charaktere sind tatsächlich für meinen Geschmack etwas zu schwarz-weiß gezeichnet (insbesondere Linas Mutter hätte man durchaus mal zugestehen können, auch mal durchzudrehen und nicht immer nur ständig selbstlos für andere da zu sein), aber glücklicherweise tut das der Geschichte als Ganzes keinen Abbruch.

Ohne wirklich alle historischen Details zu kennen, würde ich schätzen, dass die geschilderten Zustände realistisch sind. Unglaublich genug, dass es tatsächlich Menschen gab, die das alles überleben konnten. Wer das Baltikum kennt, weiß, dass die Erinnerung an die Deportationen noch sehr präsent sind; in Deutschland hat man verhältnismäßig wenig Wissen darüber. Umso wichtiger sind solche Bücher, die immer mal wieder gewisse historische Perioden ins Gedächtnis rufen und vielleicht dazu beitragen, das Andenken an die Opfer irgendwie wachzuhalten.

„Between shades of gray“ ist so ein Buch. Deswegen möchte ich es euch wärmstens empfehlen. Und ehe ihr auf den letzten Seiten ankommt, legt ein Taschentuch bereit. Ihr könntet es brauchen.

ISBN: 978-0-399-25628-8
338 Seiten
Deutscher Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Philomel Books
€9,99

Zweier ohne – Dirk Kurbjuweit

10. März 2013 § 4 Kommentare

Meine These war ja: Die eher schlechten Bewertungen zu diesem Buch sind wohl der Tatsache geschuldet, dass es zumindest in einigen Bundesländern Schullektüre ist… oder? Mal sehen…

In diesem recht schmalen Büchlein geht es um zwei Freunde: Johann und Ludwig lernen sich kennen, als Ludwig neu in die Klasse kommt. Dort scheint es dazuzugehören, möglichst viele Telefonnummern zu sammeln, an denen sich dann die Beliebtheit messen lässt. Ludwig sammelt fleißig, ruft aber schließlich Johann – den Ich-Erzähler – an. Sie tasten sich erstmal etwas aneinander heran, werden dann jedoch beste Freunde und unternehmen viel gemeinsam. Letztlich werden sie unzertrennlich – eine Entwicklung, die vor allem von Ludwig ausgeht. Ludwig möchte, dass Johann sein Zwillingsbruder wird. Er will eins werden mit ihm, immer die gleichen Erfahrungen machen und immer das gleiche wollen. Die genauen Gründe für diesen Wunsch bleiben jedoch unklar.

Bei ihrem gemeinsamen Sport, dem Rudern, ist dieses Aufeinandereinstimmen sehr nützlich, die beiden werden aufgrund ihrer Eingespieltheit wirklich gut und gewinnen einige Rennen. Doch das genügt Ludwig nicht, er möchte, dass Johann und er eine Person werden, nicht mehr zu unterscheiden, gleich in jeder Hinsicht. Als schließlich Mädchen und Sex interessant werden, gibt es für die beiden nur eine Lösung, ihre Erfahrungen zu machen: Ludwig bringt eines Tages ein Mädchen mit, Josefina, die einen eindeutigen Ruf an der Schule genießt. Ohne es genau auszusprechen, wissen beide, was zu tun ist: Zunächst geht Ludwig mit ihr auf sein Zimmer, um mit ihr zu schlafen, danach ist Johann dran. (Ja, das ist Schullektüre! Wie schön es ist, in aufgeklärten Zeiten zu leben! 😉 )

Doch als Johann etwas später eine Affäre mit Ludwigs Schwester Vera beginnt, ist ihm auch bewusst: Damit kündigt er den Pakt mit Ludwig auf. Er tut es in aller Heimlichkeit, natürlich, und beobachtet, wie Ludwig gleichzeitig immer extremer in seinem Verhalten wird. Er neigt zu immer gefährlicheren Aktionen, fängt schließlich vor einem wichtigen Wettkampf an, unkontrolliert zu essen, obwohl sie ein gewisses Maximalgewicht nicht überschreiten dürfen. Fast schon klar ist, dass Johann als Ausgleich streng fastet und sie schließlich gerade so unter der Gewichtsgrenze bleiben.

Ein immer wiederkehrendes Element in diesem Buch ist die Autobahnbrücke, die das Tal überquert, in dem der Wohnort der beiden liegt. Die Jungs klettern von Anfang an oft die Böschung hinauf, um den Autos zuzuschauen, später wird die Brücke Schauplatz von Ludwigs immer wagemutigeren Aktionen, zu denen er Johann wiederholt anstiften kann. Später wird eine Schulkameradin entführt und in einem der Brückenpfeiler in einem kleinen Verlies gefangen gehalten, bis ihre Eltern das Lösegeld zahlen. Und da sind noch die Selbstmörder, die von der Brücke springen und mehr als einmal im Garten von Ludwigs Familie landen. Am Anfang, als ein junges Mädchen dort liegt, wird noch die Polizei gerufen, die Leiche wird abgeholt. Dann springt eines Nachts ein Mann, und hier sitzen Ludwig und Johann die ganze Nacht bei der Leiche und denken sich die Lebensgeschichte des Mannes aus. Sie verstecken die Leiche und erzählen niemandem davon.

Ich glaube, es wird deutlich, dass diese Geschichte nicht auf ein gutes Ende zusteuern kann. Insofern ist das, was kommt, nicht überraschend und nur konsequent. Was ich sonst von dem Ganzen halten soll? Ich bin wirklich etwas ratlos. Zum einen kann man hier durchaus über die Gefahren von ungleichen und manipulierenden Freundschaften oder Beziehungen diskutieren. Man kann die Beziehung (Freundschaft will ich es gar nicht nennen) zwischen Ludwig und Johann als Extrembeispiel sehen. Johann gibt mehr als einmal seine Gedanken als die von Ludwig aus und umgekehrt, handelt in vorauseilendem Gehorsam, tut alles, um den Prozess des Eins-Werdens nicht zu gefährden, distanziert sich aber durch die Beziehung zu Vera auch wieder ein stückweit davon oder treibt ihn zumindest nicht ganz auf die Spitze.

Auf der anderen Seite durchzieht dieses Buch eine sehr niedergedrückte Stimmung. Selbst wenn die beiden Protagonisten eine gute Zeit haben, das Dunkle lauert immer schon im Hintergrund. Für mich war es irgendwie immer diese Brücke, die so bedrohlich wirkte, die alles überragt, in deren Schatten alles stattfindet und von der aus immer diese Selbstmörder in den Garten springen. Letzteres ist ja fast schon absurd, zumal in der Szene, als Johann und Vera zusammen unter der Brücke im Gras liegen und sich Johann überlegt, wie gefährlich das doch ist, ein Selbstmörder könnte ja direkt auf sie drauffallen.

Mich hat dieses Buch sehr zwiegespalten zurückgelassen. Wie gesagt, die Themen, die man damit ansprechen kann, sind durchaus wichtige und interessante. In seiner Gesamtheit ist die Geschichte aber ziemlich depri und irgendwie… ja, was eigentlich? Trostlos trifft es vielleicht am ehesten. Ein sehr eigenartiges Buch.

ISBN: 978-3462040265
144 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
€6,99

Tausend strahlende Sonnen – Khaled Hosseini

3. Februar 2013 § 2 Kommentare

IMG_6560Es gibt ja jede Menge Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, alle haben sie bereits gelesen, nur ich noch nicht. Entsprechend schwer fällt es mir dann, nach letztlich doch erfolgter Lektüre, eine Rezension zu schreiben: Gefühlt wurden bereits alle Aspekte des Buches tausendfach besprochen, alle Details der Handlung wiedergegeben. Aber das ficht mich dann doch nicht so an, dass ich hier auf meine ganz eigene und persönliche Rezension verzichten würde! 😉

Mariam hatte bisher kein sonderlich glückliches Leben: Als uneheliches Kind einer alleinstehenden Mutter bekommt sie wenig Liebe entgegengebracht. Die einzigen Lichtblicke sind die Besuche ihres leiblichen Vaters Jalil, der als Kinobesitzer in Herat ein Leben voller Wohlstand führt, dass er mit seinen drei Frauen und mehreren Kindern teilt. Mariam und ihre Mutter haben in dieser Familie jedoch keinen Platz, die Mutter ist über Jalils Verhalten verbittert und macht ihn vor ihrer Tochter schlecht.

Nach dem Selbstmord von Mariams Mutter nimmt sich Jalil seiner Tochter an: Bei seiner Familie könne sie nicht bleiben, man habe ihr daher bereits einen Ehemann in Kabul ausgesucht, damit sie versorgt sei. Raschid, besagter Gatte, ist um einiges älter und bereits verwitwet. Sein bisher einziger Sohn ist bei einem Unfalls ums Leben gekommen. Die erste Zeit der Ehe, als Raschid Mariam noch Geschenke macht und sie auf Ausflüge mitnimmt, ist jedoch bald vorbei. Als Mariam mehrere Fehlgeburten erleidet, nimmt Raschid dies persönlich und behandelt Mariam immer schlechter.

An diesem Punkt schwenkt der Fokus der Geschichte zunächst auf Leila, das Nachbarskind von Mariam und Raschid. Leilas Mutter leidet an Depressionen, so dass auch die ehemals gute Ehe ihrer Eltern darunter gelitten hat. Leilas Brüder sind im Krieg gegen die Sowjets gefallen. Lichtblicke sind ihre Freundinnen sowie ihr bester Freund Tarik, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist – in der letzten Zeit hat sich jedoch mehr zwischen den beiden entwickelt. Da eröffnet Tarik ihr, dass er mit seiner Familie Kabul verlassen würde – die Stadt sei zu unsicher geworden, seit sich immer wechselnde Gruppen gegenseitig bekriegen und es Bombenangriffe auf die Stadt gibt. Leila ist untröstlich, dennoch schlafen die beiden an diesem Nachmittag das erste Mal miteinander. Das ist das letzte Mal, dass sie sich sehen sollen: Kurz nach Tariks Abreise wird Leilas Elternhaus von einer Granate getroffen. Leilas Eltern kommen beide ums Leben, Leila überlebt durch Zufall, da sie gerade vor die Tür gegangen war. Sie ist verletzt und steht unter Schock – so wird sie von ihren Nachbarn aufgenommen und gesund gepflegt. Da sie auf Dauer nicht als Fremde, d.h. Nicht-Verwandte, dort leben kann, nimmt sie Raschids Angebot an, seine Zweitfrau zu werden – auch und vor allem mit dem Wissen, dass sie von Tarik schwanger ist.

Kurz darauf kommt ein alter Mann mit weiteren schrecklichen Neuigkeiten: Tarik sei durch einen Luftangriff auf der Flucht schwer verwundet worden und bald darauf gestorben. Er hätte sich im Krankenhaus bis zuletzt nach ihr erkundigt und so habe sich der alte Mann, der ihn dort getroffen hatte, zu Leila durchgefragt. Diese ist geschockt, hat sie nun schließlich niemanden mehr, ihr altes Leben ist vorbei und sie muss sich in ihr neues, trostloses Schicksal fügen. Zwischen ihr und Mariam entwickelt sich erst allmählich und erst nach einer längeren Phase der Konkurrenz und Feindschaft eine feste Freundschaft. Schließlich verbindet sie beide eine Komplizenschaft gegen den brutalen Raschid, für den auch Leila bald nicht mehr gut genug ist – erst recht, als sie als erstes Kind „nur“ eine Tochter und keinen Sohn zur Welt bringt.

Als die Taliban an die Macht kommen, wird die Lage für sie als Frauen noch viel schlimmer. Doch gemeinsam schaffen sich Leila und Mariam kleine Freiheiten und entwickeln letztlich eine Kraft, ihr Leben zumindest ansatzweise selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn man mal über die oft recht schwarz-weiß gezeichneten Charaktere hinwegblickt, dann kann man letztlich nur sagen, dass Hosseini sein Handwerk durchaus beherrscht. Er weiß es anzustellen, dass einen die Geschichte nicht loslässt, dass man noch ein Kapitel liest… und noch eins. Und dass man nicht aufhören kann, ehe man das Buch zu Ende gelesen hat.

Nichtsdestotrotz ist die Lektüre natürlich harter Tobak durch die Beschreibungen der Erniedrigungen und Gewalt, die Frauen insbesondere (aber nicht nur) zu Zeiten der Taliban erleiden mussten. Man finde mir einen Leser, der Raschid auch nur einen winzigen positiven Charakterzug abgewinnen kann.

Letztlich endet die Geschichte tröstlich und versöhnlich – auch wenn es nicht unbedingt ein Happy End gibt (jedenfalls nicht im klassischen Sinne). Wie vielen Tausenden vor mir hat mir dieses Buch wirklich gut gefallen. Könnt ihr ruhig auch mal lesen, so ihr es nicht schon längst getan habt. 😉

ISBN: 978-3833305894
384 Seiten
Originaltitel: A Thousand Splendid Suns
bloomsbury Taschenbuch
€10,99

Stadt der Diebe – David Benioff

2. September 2012 § 2 Kommentare

Hach ja… Schon länger kein Buch mehr gelesen, in dem lustig und traurig so nah beieinander lagen.

Das Setting: Das belagerte Leningrad im Zweiten Weltkrieg. Lew und seine Freunde sind grade dabei, einen gefallenen deutschen Soldaten nach etwas Essbarem zu durchsuchen, als sie von der Polizei überrascht werden. Lews Freunde können fliehen, er selbst wird festgenommen und landet im Gefängnis. Er weiß: Auf Plünderung steht die Todesstrafe. Insofern wartet er auf seinen sicheren Tod – doch als die Tür zu seiner Zelle aufgeht, tritt nicht der Sensemann ein, sondern ein weiterer Gefangener. Kolja soll von der Roten Armee desertiert sein, auch dies ein Kapitalverbrechen. Doch noch hat ihr letztes Stündlein nicht geschlagen: Wenn sie es schaffen, für die Tochter des Geheimdienstobersts zwölf Eier zu besorgen (sie wünscht sich eine richtige Hochzeitstorte, mit allem Drum und Dran…), werden sie am Leben gelassen.

Doch woher die Eier nehmen? Leningrad ist ausgehungert, die beiden Jungs bekommen selbst kaum etwas in die Mägen. Auf dem örtlichen Schwarzmarkt gibt es zwar Lebkuchen aus Pappe und Würstchen unbekannten Ursprungs zu kaufen, aber beileibe keine Eier. Und so müssen sich die beiden einiges einfallen lassen und einige Abenteuer bestehen, um am Ende vielleicht doch ihr Leben zu retten.

Sie sind schon ein komisches Gespann: Lew, dessen Vater, ein Dichter, vom NKWD abgeholt wurde und der wegen seiner krummen Nase regelmäßig als „Jude“ verspottet wird; dazu Kolja, der dagegen als Bilderbuch-Arier durchgehen könnte, trotz des Hungers noch immer pausenlos an Sex denkt und absolut keine Zweifel an seiner Großartigkeit hat. Die beiden verbindet erst eine Art Hassliebe, dann eine echte Freundschaft und die Dialoge sind zum Teil wirklich wunderbar. Ich habe sie ja beide ins Herz geschlossen, auch wenn Kolja manchmal etwas anstrengend war – dass er trotzdem nie unsympathisch wurde, ist wohl volle Absichts Benioffs gewesen.

Erzählt wird die Geschichte übrigens aus Lews Sicht – in der Retrospektive, als er seinem Enkel davon erzählt. Inwieweit es hier biografische Elemente gibt (immerhin heißt Lew mit Nachnamen Beniow), ist nicht überliefert oder jedenfalls mir nicht bekannt. Aber es ist doch auch schön, über solche Dinge zu spekulieren.

Fazit also: Eine sehr schöne Geschichte, die einen immer wieder zum Lachen oder Schmunzeln bringt, aber die traurigen und grausamen Seiten dieses Krieges nicht ausspart. Und eine Geschichte, die ich euch sehr gerne weiterempfehle.

ISBN: 978-3453407152
384 Seiten
Originaltitel: City of Thieves
Heyne
€9,95

Der Archipel Gulag (Bd. 1) – Alexander Solschenizyn

18. Juli 2012 § 3 Kommentare

Diesen Klassiker wollte ich schon seit langem lesen – es war mir ja nicht so recht bewusst, dass er tatsächlich aus drei Bänden à ca. 500-600 Seiten besteht. Insofern werde ich mich da wohl eher langsam vorarbeiten und dann den letzten Band in ca. zwei Jahren rezensieren. 😉

Das Ganze ist – so unglaublich es einem beim Lesen vorkommen mag – tatsächlich nicht erfunden. Alles ist Solschenizyn selbst oder seine Mithäftlingen widerfahren. Der Autor selbst verbrachte unter Stalin viele Jahre im Gulag und in der anschließenden Verbannung; in diesem ersten Band geht es aber in erster Linie um Vorgeschichte und Rahmenbedingungen eines typischen Lagerlebens: Die Verhaftung, die Untersuchungs- bzw. Durchgangshaft, den Transport in die Lager, die entsprechenden Paragraphen und Vergehen, aufgrund derer man verhaftet wurde, die Prozesse (so es denn welche gab) usw. Das alles ist wahnsinnig heftig – Menschen wurden wegen nichtigster „Vergehen“ zu zehn Jahren Lager oder mehr verurteilt, keiner konnte sich sicher sein, dass es ihn nicht auch treffen würde und die Verhaftungen beschränkten sich beileibe nicht auf die Jahre 1937/38, die man heute mit dem „Großen Terror“ in Verbindung bringt. Dass die Haft- und Transportbedingungen oft genug menschenunwürdig sind, muss ich nicht dazu sagen.

So schwer verdaulich diese Schicksale auch sein mögen, das Buch ist sehr gut geschrieben. Solschenizyn beherrscht sein Handwerk auf jeden Fall, er schafft es, den Leser trotz des Detailreichtums nicht zu langweilen (wobei man natürlich bei der Thematik ein gewisses Durchhaltevermögen braucht) und bringt immer wieder Spitzen gegen das herrschende System oder den Genossen Stalin mit ein. Mutig, wenn man bedenkt, dass er alles in den 1970ern geschrieben hat, als das durchaus noch gefährlich werden konnte. Solschenizyn beschreibt nicht nur Tatsachen, er analysiert und reflektiert, was passiert ist und stellt es in den größeren Zusammenhang der damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Wir haben hier eben nicht nur einen Erfahrungsbericht vor uns, sondern eine umfassende Analyse des sowjetischen Terrorregimes. Darin besteht meines Erachtens nach auch heute noch, lange nach dem Untergang der Sowjetunion, der Reiz und der Gewinn, dieses Buch zu lesen.

ISBN: 978-3596184248
592 Seiten
Originaltitel: Archipelag GULAG
Fischer Taschenbuch
€9,95

Tova – Ylva Karlsson

9. Juli 2012 § 2 Kommentare

Um es vorweg zu sagen: Ich bin voreingenommen. Das war jetzt bestimmt das dritte oder vierte Mal, dass ich dieses Buch gelesen habe und ich finde es immernoch genauso toll wie am Anfang.

Tova ist der Name der Protagonistin. 17 Jahre alt ist sie, lebt in Stockholm zusammen mit ihrem Vater, dessen Lebensgefährtin Eva und ihren kleinen Stiefbrüdern. Tovas Mutter hat die Familie verlassen, als Tova noch klein war; sie sah ihre Berufung als Entwicklungshelferin in Nicaragua und lebt seitdem dort.

Tova war bis zum Frühjahr noch mit Torsten zusammen, ehe dieser mit ihr Schluss machte. Jetzt ist Sommer, Tovas Vater und Eva sind ins Sommerhaus gefahren, Tova ist alleine in der Stadt und muss mit ihrem Liebeskummer klarkommen. Daran hätte sie schon genug zu knabbern, zu allem Überfluss schreibt ihre Mutter, sie sei über den Sommer eine zeitlang in Schweden und würde sich gerne mit Tova treffen. Was also tun?

Tova fühlt sich vor allem einsam. Nicht, dass sie nicht schon immer eher eine Einzelgängerin war. Nicht, dass sie keine Freunde hätte. Doch die sind mehr mit dem Entwerfen einer gerechteren Gesellschaft beschäftigt als damit, sie mal zu fragen, wie es ihr denn geht; auch ihr bester Freund Viktor ist ihr nicht immer eine große Hilfe, weil er grade selbst an seinem eigenen Gefühlschaos zu knabbern hat.

Klingt anstrengend und kompliziert? Ist es aber gar nicht so sehr. Tatsächlich liest sich die Geschichte recht leicht, sie ist in einer ganz eigenen, schönen Schreibe erzählt, dass man gar nicht anders kann als mit Tova mitzufühlen. Tova ist eine sehr schlaue und reflektierte Person, die sich viele kluge, melancholische und zum Teil auch verzweifelte Gedanken macht. Diese Melancholie zieht sich durch die ganze Geschichte. Und das gefällt mir so gut daran. Einfach, weil die Gefühle, die Tova durchmacht, so gut und treffend beschrieben sind und in eine so schöne Sprache gefasst sind. Und weil man haargenau weiß, wie sie sich fühlt und wie sich das anfühlen muss.

Das Buch eignet sich für alle ab 15 oder 16 Jahren aufwärts (alternativ: ab dem ersten Liebeskummer) – also ein Jugendbuch, das auch von Erwachsenen noch sehr gut gelesen werden kann.

ISBN: 3-423-62063-3
172 Seiten
Originaltitel: Tova
dtv
€7,50

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