ZERO. Sie wissen, was du tust – Marc Elsberg

25. März 2015 § 2 Kommentare

IMG_8069Von Elsbergs Erstling „Blackout“ war ich ja ziemlich angetan und da ich die ganze Big Data-Thematik sehr spannend finde, habe ich mich gefreut, als ich „ZERO“ geschenkt bekommen habe.

Auch ZERO hat wieder ein Szenario zur Grundlage, das gar nicht mal sooo unrealistisch ist. Wir müssen uns dafür nur ein paar Jahre in die Zukunft denken, denn alle Technologien, um die es hier geht, gibt es auch heute schon.

Der neue heiße Scheiß in dieser Geschichte ist ein Netzwerk namens „Freeme“: Jedem Nutzer gehören seine aggregierten Daten und er kann entscheiden, was mit ihnen passiert und auch, welchen Wert sie haben. Klar, dass alle den Wert ihrer Daten stetig verbessern wollen, denn es gibt Rankings und Scores, so dass jeder immer nachprüfen kann, wie wertvoll seine Persönlichkeit und sein Können aktuell sind. Und um das alles zu verbessern, gibt es dann die ActApps, die für alle möglichen Lebenslagen Ratschläge geben. In erster Linie geht es natürlich um ein besseres, gesünderes und zufriedeneres Leben, mit dem netten Nebeneffekt, dass die Erfolgreichen auch ihren Datenwert steigern können.

Gut, das an sich ist jetzt nicht so tragisch. Vi, die Tochter der Journalistin Cynthia, ist dank der ActApps besser in der Schule geworden, hat ihre etwas schwierige Emophase überstanden und benimmt sich allgemein zugänglicher und erwachsener (und Mama Cynthia lässt sich immerhin von einer App schon Flirttipps einflüstern, um diesen einen knackigen IT-Experten rumzukriegen für sich zu gewinnen). Doch dann passiert ein Unglück: Einer der Freunde von Vi hat sich mit einer Datenbrille auf Verbrecherjagd begeben und wurde dabei erschossen. Und natürlich wird diskutiert: Haben ihn diese ActApps dazu gebracht, mutig und zu wagehalsig zu werden, um seine Werte zu verbessern? Ist Freeme etwa gefährlich?

Befeuert wird die Debatte zusätzlich vom Hackerkollektiv ZERO, das mit einigen spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht und sein Ziel, die „Datenkraken“ zu vernichten, dabei mehr als deutlich artikuliert hat.

Cynthia ist zunächst überfordert, da sie mit diesen ganzen neuen Technologien nie wirklich Schritt gehalten hat. Plötzlich ist sie als Mutter gefragt, aber auch in ihrem Job als Journalistin: Wegen ihrer direkten Nähe zu dem Fall soll sie davon berichten. Gemeinsam mit Kollegen versucht sie, hinter Freemes Geheimnis zu kommen und begibt sich damit auf ein vermintes Terrain – denn das Netzwerk will sich natürlich nicht in die Karten schauen lassen und auch ZERO mischt kräftig mit.

Ich muss sagen, mich hat die ganze Geschichte etwas zwiegespalten zurückgelassen. Klar, die Thematik ist super-spannend und die Story könnte aktueller nicht sein. Auf der anderen Seite schien die Geschichte nicht als solche zu leben, sondern in erster Linie dem Namedropping zu dienen. So sprechen die Charaktere manchmal, als zitierten sie gerade aus der Wikipedia. Ich bin mir bewusst, dass dieses Buch eine große Rechercheleistung darstellt und man merkt, dass Elsberg diese Sache recht gründlich erledigt hat. Allerdings hätten die Protagonisten ruhig etwas lebendiger und dreidimensionaler und die Dialoge etwas natürlicher sein dürfen.

Ich will das Buch hier aber nicht zu schlecht machen: Es ist auf jeden Fall ein ganz guter Einstieg in die Big Data-Thematik und zeigt einige der Probleme auf, mit denen wir uns in den nächsten Jahren wohl beschäftigen dürfen.

Im Übrigen, um gleich mal beim Thema zu bleiben: Ich bin ab heute bis Freitag bei der Herrenhäuser Konferenz der Volkswagen Stiftung „Big Data in a Transdisciplinary Perspective“ dabei – als eine der Science Reporter werde ich darüber bei Twitter, Facebook und eventuell auch hier im Blog berichten (ansonsten lautet der Hashtag #hkbigdata). Ich freue mich auf die Konferenz und auch darauf, wenn der ein oder die andere von euch sich dafür interessiert!

Der Insider – Michael Robotham

31. Januar 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_8041Der Ex-Polizist Vincent Ruiz wird in London von einer junger Frau namens Holly ausgeraubt. Als er sie suchen und seine Wertsachen zurückfordern will, findet er in ihrer Wohnung nur ihren toten Freund vor, der offenbar erst misshandelt und dann ermordet wurde. Holly entwischt ihm knapp, als sie in Panik vor ihm flieht. Ruiz wird klar, dass es hier um mehr geht als nur einen simplen Diebstahl.

Zur gleichen Zeit in Bagdad: Journalist Luca ist im Irak einer Serie von Banküberfällen auf der Spur. Dabei bemerkt er Unregelmäßigkeiten bei der Zuweisung von Hilfsgeldern – werden diese möglicherweise veruntreut? Gemeinsam mit der UN-Buchprüferin Daniela will er dem Ganzen auf die Spur zu kommen und bekommt bald zu spüren, dass nicht alle mit ihren Nachforschungen einverstanden sind.

Wieder in London: Der Mann von Elizabeth North ist seit einigen Tagen verschwunden. Richard North war Banker, er schien in den Wochen vor seinem Verschwinden verändert, abwesend, traurig. Elizabeth war so beunruhigt, dass sie sogar einen Privatdetektiv auf ihren Ehemann angesetzt hat. Dieser hatte in der Tat einiges an Ungereimtheiten entdeckt: Wie von Elizabeth befürchtet, hatte Richard offenbar eine Geliebte. Aber es scheint noch mehr im Argen gelegen haben: Er hat sich auch in der Bank auffällig verhalten, hat Andeutungen gemacht und redete von einem „großen Fehler“, den er angeblich gemacht hatte.

Es wird recht schnell klar, dass diese drei Fälle zusammenhängen und man ahnt bereits recht früh, wo die Berührungspunkte sein könnten. Einzig ein weiterer Nebenplot um eine Gruppe Terroristen, die einen Anschlag in London planen, schien nicht so recht dazu zu passen.

„Der Insider“ ist eine solide Story, nicht extrem, aber ausreichend spannend und relativ vorhersehbar. Eine nette Lektüre für zwischendurch.

Der Medicus – Noah Gordon

6. Juli 2014 § 7 Kommentare

IMG_7753Eine Kollegin sprach mir neulich kurzerhand so lange meine Kompetenz als Literaturbloggerin ab, bis ich „Der Medicus“ gelesen hätte. Es sei nämlich so ein tolles Buch und jeder sollte es kennen. Was soll ich sagen? Challenge accepted. Sie hat es mir netterweise gleich ausgeliehen und jetzt kann ich endlich mitreden.

Da es schon alle außer mir kennen, kann ich mir eine weitschweifige Inhaltsangabe sparen: Der Waisenjunge Rob wird von einem reisenden Bader als Gehilfe aufgenommen. Wir schreiben das 11. Jahrhundert, und Bader waren auf den Dörfern eine Mischung aus Alleinunterhaltern, Medizinern und Apothekern. Rob und der Bader führen Zaubertricks und Jonglagekunststücke auf, behandeln Krankheiten und Verletzungen und verkaufen ein selbstgebrautes Wunderelixier, das vor allem aufgrund seines hohen Alkoholgehalts Wunder wirkt.

Rob entdeckt sein Talent fürs Heilen, und als der Bader nach einigen Jahren des gemeinsamen Umherziehens stirbt, beschließt Rob, sich zum Medicus ausbilden zu lassen. Ein Medicus hatte damals um einiges mehr an Wissen über die Heilkunst und konnte daher Krankheiten besiegen, denen ein Bader machtlos gegenüber stand. In England gibt es zwar einige Stätten, wo man diese Ausbildung genießen kann, aber den besten Ruf dafür hat das persische Isfahan. Rob hat sich schnell entschieden, dass er diese weite und gefährliche Reise auf sich nehmen muss, um seinen großen Traum zu verwirklichen.

Das ist der Startpunkt eines großen Abenteuers, in dessen Folge Rob mit einer Karawane nach Konstantinopel und vorn dort aus weiter nach Isfahan reist. Dort lebt er dann der Einfachheit halber undercover als Jude, lernt Persisch und wird tatsächlich als Medizinstudent angenommen. Er schafft es sogar, ein Vertrauter des Schahs zu werden – was ihm zwar Privilegien bringt, aber nicht ganz ungefährlich ist.

Also, ich wurde nicht enttäuscht. „Der Medicus“ ist wirklich eine schöne, stimmige Abenteuergeschichte, die zwar ein paar (wenige) Längen hat und einen Protagonisten, der mir manchmal ein bisschen zu sehr Mr. Superman war, die aber dafür meistens mit Spannung und viel, viel Zeitkolorit punktet. Hab ich gern gelesen.

ISBN: 978-3453471092
848 Seiten
Originaltitel: The Physician
Heyne Verlag
€9,99

 

Erebos – Ursula Poznanski

2. Januar 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Das war ja DER Hype in den Bücherblogs im letzten (oder schon vorletzten?) Jahr. Und ich, die ich ja gerne mal einen Bogen um YA-Bücher mache, bin wieder mal spät dran. Aber: Der Hype war nicht so ganz unberechtigt.

Zunächst wundert sich Nick nur, dass sich einige seiner Kumpels seltsam benehmen: Sie sind wortkarg und übernächtigt, lassen das Basketballtraining ausfallen und gehen nicht mehr ans Telefon. Nick beobachtet ein paarmal in der Schule, wie CDs heimlich den Besitzer wechseln. Schließlich wird er selbst von einer Klassenkameradin beiseite genommen, die ihm ein nie dagewesenes Erlebnis verspricht, wenn er selbst eine dieser CDs entgegennimmt und das Spiel darauf ausprobiert.

Nick tut wie geheißen und ist bald auch von Erebos – so heißt das Computerspiel, das von der CD installiert werden kann – in seinen Bann geschlagen. Was zunächst aussieht wie ein gewöhnliches, wenn auch grafisch perfekt gemachtes Computerspiel, wird immer gruseliger: Das Spiel scheint Nick genau zu kennen, es kann mit ihm problemlos kommunizieren und gibt sich außerdem höchst konspirativ. Niemand darf außerhalb des Spieles darüber sprechen, Eltern und Nichteingeweihte dürfen erst recht nichts erfahren und man muss immer alles befolgen, was das Spiel einem aufträgt. Dies sind zunächst bestimmte Missionen, die man gemeinsam mit anderen Spielern in Erebos selbst absolviert, später dann aber sogar in der Realität. Erstmal sind die Aufgaben harm- bis sinnlos: So soll Nick etwa eine Kiste irgendwo finden und an einer anderen Stelle wieder ablegen. Ein andermal findet er als Belohnung für eine gut gelöste Aufgabe in Erebos im wirklichen Leben ein Shirt seiner Lieblingsband. Nick kann sich Erebos kaum entziehen. Er steigt schnell auf, sammelt Kampferfahrung und bekommt signalisiert, dass er es im Spiel weit bringen wird, wenn er bei der Stange bleibt.

Da immer mehr Schüler Erebos spielen und deswegen im Unterricht unkonzentriert sind und sogar tagelang fehlen, werden auch Lehrer aufmerksam und ziehen die wenigen Schüler auf ihre Seite, die noch nicht spielen. Vor allem Mr. Watson versucht, gegen das Spiel vorzugehen und die Schüler vor dessen Gefahren zu warnen. Nachdem er und einige der engagierten Schüler Drohungen erhalten haben, bekommt nun Nick die Aufgabe vom Spiel, Mr Watson ein Medikament in den Tee zu schütten, das potenziell tödlich sein kann. Nick macht im letzten Moment einen Rückzieher und wird aus dem Spiel ausgeschlossen. Jetzt ist es an ihm, Erebos zurückzuschlagen, der er hat erkannt: Dieses Spiel bedroht das reale Leben echter Menschen.

Es hat ein bisschen gedauert, ehe ich komplett in der Geschichte drin war. Das lag in erster Linie daran, dass ich keine Computerspielerin bin und auch mit der Fantasywelt Erebos‘ recht wenig anfangen konnte. In dem Maße, in dem Erebos allerdings auf die reale Welt Einfluss nimmt und umgekehrt, hat mich die Geschichte immer weniger losgelassen. Es ist echt spannend und auch wenn man schon ahnt, was oder wer hinter dem Spiel steckt, fiebert man trotzdem noch mit.

Ich könnte mir vorstellen, dass man anhand dieser Geschichte auch ganz gut das Pro und Contra von Computerspielen und deren exzessiven Konsum diskutieren kann. Insofern kann man Erebos allen empfehlen, die in Bezug auf das Alter zur Zielgruppe gehören, aber auch beispielsweise Eltern und Lehrern. Darüber hinaus aber auch allen, die ein bisschen Affinität zur Thematik haben und gerne gute, spannende Bücher lesen.

ISBN: 978-3785573617
485 Seiten
Loewe Verlag
€8,99 (ebook)

Asche zu Asche – Elizabeth George

1. Januar 2014 § Ein Kommentar

IMG_7444Ich habe vor Jahren schonmal ein oder zwei Bücher aus dieser Reihe gelesen, die mir glaube ich auch ganz gut gefallen haben. Bloß weiß ich nicht mehr, warum ich nicht dabeigeblieben bin und erst eine Uralt-Ausgabe beim Bücherflohmarkt erwischen musste, um mal wieder Inspector Lynley und Barbara Havers zu begegnen…

Als der gefeierte Cricket-Nationalspieler Kenneth Fleming tot in einem Landhaus aufgefunden wird, sieht das Ganze auf den ersten Blick aus wie ein Unfall: Eine Zigarette hat einen Sessel in Brand gesetzt und Fleming ist an Rauchvergiftung gestorben. Doch Inspector Lynley und Barbara Havers merken schnell, dass da mehr dahintersteckt: Die Zigarette wurde dort gezielt platziert – jemand wollte Fleming umbringen.

Doch so einfach ist es dann doch nicht: Fleming lebte in dem Haus mit seiner Geliebten, von der er sich jedoch trennen wollte und die am Abend des Mordes kurz vorher das Haus im Streit verlassen hatte. Galt der Mordanschlag womöglich ihr?

Wer auch immer das Opfer gewesen sein sollte, Motive in Flemings Umfeld gäbe es genug: Da wäre seine Noch-Ehefrau, die weiterhin auf eine Revival gehofft hatte. Oder sein ältester Sohn Jimmy, der sowieso schon schwierig ist und sich mehr Aufmerksamkeit von seinem Vater wünscht. Außerdem Miriam Whitelaw, die weitaus ältere Mentorin Flemings, bei der er zuletzt gewohnt hat und von der man nie genau weiß, wie jetzt ihre exakte Beziehung zu Fleming aussieht – und wie sie auf eine potenzielle Konkurrentin reagiert hätte. Oder haben vielleicht Miriams Tochter Olivia und deren Freund Chris etwas mit dem Mord zu tun, da Olivia damals mit ihren Eltern brach und Fleming als Eindringling gesehen hat?

Das Dumme ist nur: Nahezu jeder dieser Verdächtigen hat neben einem Motiv auch ein Alibi vorzuweisen. Und es ist für Lynley und Havers alles andere als einfach, das Gestrüpp an wechselseitigen Gefühlen, Enttäuschungen, Hass und Verzweiflung zu durchschauen und herauszufinden, was genau dahintersteckt.

Ich muss gestehen: Anfangs war ich etwas skeptisch, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass George es wirklich schaffen würde, die Krimi-Spannung über 700 Seiten zu halten. Aber: Sie hat es tatsächlich geschafft. Zwar hat diese Geschichte auch mal ruhigere Phasen, aber es gibt immer eine gewisse Grundspannung, die mich immer wieder bei der Stange gehalten hat. Und: Jedes Detail, jede Wendung, jede zusätzliche Information ist irgendwie relevant und führt dazu, dass die Auflösung dann ein stimmiges Bild ergibt.

ISBN: 978-3442437719
768 Seiten
Originaltitel: Playing for the Ashes
Goldmann
€9,95

1984 – George Orwell

6. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Naja, es ist ja in der aktuellen politischen Großwetterlage fast schon phantasielos, Orwell zu rezensieren. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dieses Buch schon zum bestimmt vierten Mal gelesen habe und es auch alle paar Jahre mal wieder zur Hand nehme – es gehört definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Meine Ausgabe ist noch aus dem elterlichen Regal gemopst und mein Vater hatte damals einen Artikel über das Buch aus der ZEIT von 1983 zwischen die Seiten gelegt. Dient mir jedes Mal als Lesezeichen.

Die Geschichte dürfte im Groben bekannt sein: Die Welt im Jahr 1984 ist in drei Machtblöcke aufgeteilt: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Auf dem Luftflottenstützpunkt Nr. 1 (heute wie eh und je als „London“ bekannt) lebt Winston Smith in einem heruntergekommenen Wohnblock; sein Job besteht darin, alle möglichen Dokumente und Veröffentlichungen der jeweils neuen Version der Geschichte anzupassen. Die Vergangenheit, so lernen wir, ist vollkommen veränderbar. Die herrschende Partei verfährt damit nach Gutdünken, verändert Zahlen und Behauptungen und lässt Personen, die in Ungnade gefallen sind, komplett aus der Geschichte tilgen. Das nennt sich dann „Vaporisierung“: Die vollständige Auslöschung von unliebsamen Personen, so als hätten sie nie existiert.

Die Welt des Jahres 1984 ist, und so wurde dieses Jahr bereits zu Metapher, geprägt von totaler Überwachung. Zum einen durch technische „Errungenschaften“ wie den Televisoren, die sowohl Empfangs- als auch Überwachungsgeräte sind, zum anderen durch die Gedankenpolizei, die überall und nirgends ist. Keinem kann man mehr vertrauen, jeder könnte der Geheimpolizei angehören und sogar Kinder verraten ihre Eltern – einfach so, wenn es sein muss. Freundschaften, Liebesbeziehungen und Sexualität sollen ausgemerzt werden, es zählt einzig und alleine, dass man sein Leben, seine ganze Freizeit und seine Emotionen der Partei widmet.

Durch Neusprech sollen schließlich sogar die Gedanken der Menschen in genehme Bahnen gelenkt werden: Indem „schlechte“ Begriffe eliminiert werden, sollen Gedankenverbrechen (das bloße Nachdenken über Abweichendes) unmöglich gemacht werden – denn wie soll man Dinge denken oder tun können, für die man gar keine Begriffe hat?

Über all diesem schwebt der Große Bruder, von dem man eigentlich gar nicht so recht weiß, ob er wirklich existiert. Der Große Bruder ist für alles Gute verantwortlich und wird nicht ohne Grund als ein Stalin-Lookalike beschrieben. Bedingungslose Liebe zum Großen Bruder, grenzenloser Hass gegenüber seinen Gegnern, diese Devise gilt für die Bewohner Ozeaniens.

Winston ist davon eher weniger überzeugt. Er macht seinen Job und lässt sich bei den endlosen, öden Parteiveranstaltungen nach Feierabend blicken, aber er begibt sich auf Abwege – zunächst gedanklich, dann auch durch kleine rebellische Taten. Eines Tages fällt ihm eine Kollegin auf: Eine junge Frau, die immer ganz vorne dabeisein zu scheint, wenn es um Parteianliegen geht und die bei allem die Eifrigste ist. Winston hasst ihre Hinhabe und ihre offensichtliche Systemtreue, er ist überzeugt, dass sie Mitglied der Gedankenpolizei ist. Doch eines Tages gesteht sie ihm ihre Liebe, die beiden werden ein Paar und Winston bemerkt, dass Julia nur so konform tut. Für Julia ist ihre Anpassung der beste Schutz: Wer immer an vorderster Front überall mitmacht, der würde nicht so schnell verdächtig.

Zunächst geht es den beiden nur darum, sichere ( = unbeobachtete) Plätzchen für ihre Schäferstündchen zu finden. Doch allmählich bewegen sie sich ernsthafter Richtung Widerstand und nehmen schließlich Kontakt auf zu ihrem gemeinsamen Kollegen O’Brien, der irgendetwas zu wissen scheint. Gehört er vielleicht dieser geheimnisvollen Bruderschaft an, die gegen den Großen Bruder arbeiten soll und die immer das Ziel der großen Hasstiraden ist? Zuerst scheint es ganz danach auszusehen, doch wie das eben so ist im Jahr 1984: Man kann niemandem vertrauen.

Wie schon gesagt, dieses Buch gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Das, obwohl es gleichzeitig eines der düstersten, deprimierendsten und hoffnungslosesten Bücher ist, die ich kenne. Darüber hinaus hat es allerdings eine Message, die zwar wahnsinnig überstrapaziert (und oft auch nur aus dem Hörensagen zitiert wird), trotzdem aber sehr, sehr wichtig ist.

Natürlich ist 1984 als Warnung vor dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts geschrieben worden. Die Anspielungen auf Praktiken des Nationalsozialismus und des Stalinismus sind zu deutlich. Aber gleichzeitig nimmt Orwell die technologischen Entwicklungen ein stückweit vorweg, so dass diese Geschichte dem einen oder anderen auf gruselige Weise sehr hellsichtig scheinen dürfte.

Ob man Orwell jetzt immer und ständig zitieren muss, wenn man über die NSA, ACTA, die Unionsparteien oder allgemeines Datenkrakentum redet, sei dahingestellt. Ich finde, man darf ihn in diesen Debatten gerne wieder sparsamer einsetzen und muss nicht immer die „Große Bruder“-Keule schwingen. Denn eigentlich ist sein „1984“ immer noch ein starkes Plädoyer gegen staatliche Überwachung, gegen Gleichschaltung und gegen den Totalitarismus in seiner grausamsten Form.

ISBN: 978-3548234106
384 Seiten
Originaltitel: Nineteen Eighty-four
Ullstein Taschenbuch
€9,95

Sturz der Titanen – Ken Follett

24. Juni 2013 § Ein Kommentar

IMG_6858Wie bekannt sein dürfte, ist dies der Auftaktband der Jahrhundert-Trilogie von Follett. Nachdem ich eine Weile um dieses Buch herumgeschlichen bin, habe ich es nun endlich gekauft und gelesen. (Das zweite 1000-Seiten-Buch in diesem Jahr… *hust* Meine Mutter, selbst nicht so die Leserin, zweifelte schon daran, dass ich tatsächlich ihre Tochter bin. Dabei hat sie mich mit regelmäßigem Vorlesen in der Kindheit erst angefixt…)

Idee dieser Reihe ist es, die wichtigsten Entwicklungen im 20. Jahrhundert anhand dreier Familien in drei verschiedenen Ländern nachzuzeichnen. Dabei sind diese Familien untereinander an einigen Punkten miteinander bekannt bzw. begegnen sich immer mal wieder im Laufe der Geschichte. Sowas gefällt mir immer gut, mal sehen, was Follett draus gemacht hat.

Auf der Seite Deutschlands haben wir hier die Familie von Ulrich, insbesondere den Sohn Walter. Die von Ulrichs haben durch ihre hohe gesellschaftliche Stellung Zugang zu den wichtigen Personen im Kaiserreich, doch gerade Walter denkt bereits fortschrittlicher als sein Vater und ist demokratischen Gedanken nicht abgeneigt. Während er als Militärattaché in der deutschen Botschaft in London eingesetzt ist, lernt er Lady Maud Fitzherbert kennen, eine Frauenrechtlerin, die ihn mit ihrer unkonventionellen und klugen Art schnell fasziniert. (Ja, die beiden beginnen eine Affäre.)

Lady Maud ist die Schwestern von Earl Fitzherbert (meist Fitz genannt). Fitz ist mit der russischen und launischen Fürstin Bea verheiratet, schwängert jedoch auch noch sein Dienstmädchen, Ethel. Klar, dass diese postwendend entlassen wird und Stillschweigen bewahren muss, wer der Vater ihres Kindes ist.

Ethel selbst kommt aus einer walisischen Bergarbeiterfamilie. Ihr Bruder Bill musste beispielsweise schon mit 13 das erste Mal im Bergwerk arbeiten. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und geht nach London, wo sie, unterstützt von Lady Maud, bald ein neues Leben anfangen kann. Sie wird auch zunehmend politisch aktiv und setzt sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein.

Dann haben wir noch Lew und Grigori im zaristischen Sankt Petersburg. Die beiden Brüder, die schon früh auf sich alleine gestellt waren, sind sich nicht sonderlich ähnlich: Grigori ist der Ältere und Ernsthaftere, er hat Lew immer beschützt und ihm immer geholfen. Lew dagegen ist ein Frauenheld und hat ständig Ärger, ist aber auch wahnsinnig charmant und kann sich aus jeder Situation irgendwie rauswinden. Als Grigori gerade genug Geld gespart hat, um eine Schiffspassage in die USA zu bezahlen und sich somit seinen Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen, gerät Lew mit der Polizei in Schwierigkeiten und muss schnellstens das Land verlassen. Grigori bleibt keine andere Wahl, als Lew das Ticket zu überlassen, ihn zu decken und sich um seine Freundin Katerina zu kümmern, die zu allem Überfluss auch noch schwanger ist. (Ja, Grigori ist heimlich in Katerina verliebt.)

Das ist nur ein Bruchteil der Handlung, denn gerade der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirbelt alle Beziehungen, Lebensentwürfe und sicher geglaubten Tatsachen ordentlich durcheinander. Insofern kann man schon ahnen, wie es Follett geschafft hat, über 1000 Seiten zu füllen. Alles in allem hat mir das Ergebnis auch wirklich gut gefallen. Solche Geschichtsstunden anhand von Schicksalen der damals lebenden Menschen sind super, zeigen sie doch, wie sich die große Politik im Kleinen ausgewirkt hat. Nur manchmal gerät das Ganze zu langatmig. Vor allem in den weitschweifigen Beschreibungen der jeweiligen Allianzen und Kriegstaktiken im Ersten Weltkrieg habe ich mich manchmal etwas verloren gefühlt.

Ein weiterer Kritikpunkt ist wieder mal mein altes Problem: Schlechte Liebesszenen. Es wird ganz schön viel gevögelt in diesem Buch, was grundsätzlich ja nichts Schlechtes ist. Nur ist es bisweilen arg klischeehaft geraten (der Jungfernhäutchen-Mythos, der hier regelmäßig bemüht wird, ist so ein Beispiel dafür).

Aber gut, davon abgesehen hat mir dieser Auftakt wirklich gut gefallen und ich kann es jetzt kaum erwarten, bis der zweite Band im Taschenbuch erscheint.

ISBN: 978-3404166602
1040 Seiten
Originaltitel: Fall of Giants
Bastei Lübbe
€12,99

Das Ende einer Affäre – Graham Greene

22. April 2013 § 4 Kommentare

IMG_6699Ja, ich habe hier tatsächlich noch einen schönen Halblederband aus den 1950ern ergattert – meine Eltern haben ihren Keller aufgeräumt und dabei einige Bücher zu Tage gefördert, die wohl mal meinem Opa gehört hatten. Irgendwer hatte in diesem Buch sogar manche Stellen mit Bleistift markiert, wer das wohl war…? 😉

Der Ich-Erzähler in dieser Geschichte ist der Schriftsteller Maurice Bendrix. Maurice hatte in den letzten Kriegsjahren eine Affäre mit der verheirateten Sarah; diese beendete das Verhältnis damals, woraufhin sich die beiden zwei Jahre lang nicht mehr gesehen haben. 

Eines Abends trifft Maurice jedoch Henry, Sarahs Mann. Henry ist ein eher biederer, man möchte sagen langweiliger, Beamter und eigentlich kann Maurice ihn aus naheliegenden Gründen nicht ausstehen, Trotzdem fragt er ihn, ob er mit ihm etwas trinken gehen möchte. Henry willigt ein und schüttet Maurice sein Herz aus: Er vermutet, dass Sarah ihn betrügen könnte – ob er nicht einen Privatdetektiv engagieren sollte, um seinen Nebenbuhler zu enttarnen? 

Damit bringt er jedoch Maurice auf die Idee, der an Henrys statt den Detektiv, Mr. Parkis, aufsucht. Dieser beschattet Sarah schließlich und entdeckt, dass sie regelmäßig eine bestimmte Wohnung aufsucht. 

Maurice wird zunehmend eifersüchtig, zumal er Sarah in der Zwischenzeit wieder gesehen hat. Er liebt sie letztlich noch immer und kann den Gedanken nicht ertragen, einen weiteren Nebenbuhler zu haben. 

Mr. Parkis gelingt es sogar, ihm Sarahs Tagebuch zu beschaffen. In der Folge kann Maurice – gleichfalls auch für uns Leser – die Affäre von damals rekapitulieren und erkennen, welche Sicht Sarah auf die Dinge und auf die Zeit danach hatte. Diese Rückblenden kommen übrigens im Laufe des Buches selbst immer wieder vor. Auf diese Weise fügt sich nach und nach ein Bild der Affäre – und ihres Endes – zusammen und man versteht nach und nach die Beweggründe der Handelnden. 

Ich muss leider gestehen, dass ich – trotz sehr interessanter Charaktere und einer guten und spannenden Geschichte – nicht so richtig in die Handlung reinfinden konnte. Das lag vielleicht an den immer wieder eingestreuten, philosophischen Abhandlungen über Gott und die Liebe, die zum letzten Drittel hin zunehmen und denen ich nicht immer so ganz folgen konnte. Ehrlich gesagt: Sie haben mich auch nicht so sehr interessiert, als dass ich mich besonders angestrengt hätte. 

Wahrscheinlich war das mein Fehler, wahrscheinlich sollte man dieses Buch, das ansonsten wie gesagt durchaus interessant ist, nur dann lesen, wenn man grade für solche Themen empfänglich ist und auch gerne mal dickere Bretter bohrt. 

Ich möchte nicht ausschließen, dass ich das Buch in ein paar Jahren nochmal lesen werde. Vielleicht war es momentan auch einfach nicht die richtige Phase dafür. 

ISBN: 978-3423127769
256 Seiten
Originaltitel: The end of the affair
dtv
€8,90

A Clockwork Orange – Anthony Burgess

5. Mai 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn ein Autor für ein Buch schon eine eigene (Jugend)Sprache erfindet, ist schon das alleine ein Grund, es zu lesen. Und, wie ich finde, ist das hier ein Buch, das man auf jeden Fall in der Originalsprache lesen sollte.

Aber da es sich bei „A Clockwork Orange“ noch dazu um einen Klassiker handelt, auf den sich – ebenso wie auf die Verfilmung – zahlreiche Zitate der Popkultur beziehen, hat man noch mehr Gründe, sich dieses Buch schnellstmöglich anzuschaffen (abgesehen mal von dem Cover, das ich ja absolut gelungen finde!).

Also, worum gehts? Alex ist 15 und schon ziemlich krass unterwegs: Zusammen mit seiner Clique schlägt er wahllos Leute zusammen, vergewaltigt Frauen und bricht in Häuser ein. Die vier gehen dabei äußerst brutal vor – ein ziemlicher Gegensatz zu dem Charakter von Alex, der ansonsten auch klassische Musik mag und sich sehr eloquent und charmant ausdrücken kann und mich als Leserin damit ziemlich schnell um die Finger gewickelt hatte.

Nachdem eines ihrer Opfer an seinen Verletzungen gestorben ist, wird Alex verhaftet und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach zwei Jahren bekommt er jedoch ein Angebot: Sofern er an einer neuen, innovativen Maßnahme zur Besserung von Straftätern teilnimmt (lies: Versuchskaninchen spielt), wird er vorzeitig entlassen. Alex stimmt natürlich zu, ohne zu wissen, dass diese Methode nichts anderes will als seine Persönlichkeit zu verändern. Von einem notorischen Kriminellen wird er bald zu einem Menschen ohne freien Willen – sobald er nur an Gewalt denkt,  wird ihm sofort schlecht. Er kann nur noch gut sein. Dies ist von der Regierung so gewollt, denn schließlich weiß man sich nicht mehr anders zu helfen, um der grassierenden (Jugend-)Kriminalität Herr zu werden. Da scheint es doch eine bequeme und günstige Möglichkeit, das Böse an sich auszumerzen – oder etwa doch nicht?

Wie schon erwähnt: Die Sprache (Nadsat) alleine ist schon spannend genug. Burgess wollte, dass sein Werk zeitlos bleibt und daher nicht auf einen existierenden  Jugendslang zurückgreifen. Also hat er kurzerhand einen erfunden, der sich vor allem russischer Vokabeln und shakespearschen Ausdrücken bedient. Nach kurzer Zeit hat man sich da erstaunlich schnell reingelesen und man versteht die Begriffe, ohne sie nachschlagen zu müssen oder zurückzublättern.

Viel wurde schon geschrieben über die Gewaltexzesse dieses Buches. Die gibt es, klar. Aber was ich erstaunlich fand: Gerade am Anfang, wo ich mich erst noch in Nadsat reinfinden musste, hat genau das eine gewisse Distanz aufgebaut zu den Gewaltbeschreibungen. Wenn von „the old in-out“ die Rede ist, klingt das halt nochmal ganz anders als „rape“. Ich weiß allerdings nicht, ob es anderen auch so geht/ging. Man muss eben erstmal alles für sich „übersetzen“, ehe man die (erschreckenden) Dimensionen tatsächlich versteht.

Vor lauter Sprache geht hier fast die eigentliche Story verloren: Es handelt sich um einen düsteren Zukunftsentwurf, wobei sich das Dystopische hier nicht so aufdrängt wie zum Beispiel bei 1984, sondern eher in der Reflexion sichtbar wird: Was wiegt mehr, das Gute (und das um jeden Preis) oder der freie Wille eines Menschen (der dann auch beinhalten kann, dass ein Mensch sich für das Böse entscheidet)? Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der es nur gute Menschen gibt? Diese Frage ist hier nicht zu Ende gedacht, schließlich ist Alex der Erste, an dem diese Methode getestet wurde – er ist jedenfalls dem noch allgegenwärtigen Bösen in der Gesellschaft schutzlos ausgeliefert.

Was soll ich sagen? Die DVD mit der Verfilmung liegt schon bereit und ich bin gespannt, wie das Ganze filmisch umgesetzt wurde. Ich habe da große Erwartungen. Und ich glaube, auch das Buch habe ich nicht zum letzten Mal gelesen. It was horrorshow, O my brothers!

Update: Noch ein paar kurze Sätze zum Film, den ich mir mittlerweile auch mal angeschaut habe: Es ist natürlich schwer, einen Film mit einem derartigen Kultstatus auch nur ansatzweise objektiv anzuschauen. Meine ersten Gedanken waren: „Die spinnen da doch alle!“. Aber auf irgendeine seltsame und mir noch etwas unverständlich Weise wirkt der Film noch lange nach und erst im Nachhinein werden einem gewisse Zusammenhänge und Andeutungen klar. Wie im Buch geht es hier eben bei weitem nicht nur um die Gewalt. Ich bin aber ja keine Film- sondern eine Buchbloggerin, deswegen beschränke ich mich mal auf ein kurzes Fazit: Mal wieder eine Literaturverfilmung, die dem Buch absolut ebenbürtig ist – man sollte aber natürlich beides kennen, also sowohl das  Buch lesen und den Film schauen. Im Übrigen hatte ich schon vor einiger Zeit bei Ninia La Grande den Link zu einer Doku gefunden, wo man einiges Interessantes über die Entstehungsgeschichte des Films erfährt (Einbetten funktioniert nicht, deswegen folgt bitte diesem Link).

ISBN: 978-0141182605
141 Seiten
Deutscher Titel: Clockwork Orange
Penguin
€7,90

Das Mädchen, das sterben sollte – Glyn Maxwell

23. März 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Buch als Experiment – mir ist jedenfalls noch kein Roman untergekommen, der ausschließlich aus Dialogen besteht.

Suzan Mantles Leben ist bisher nicht sonderlich von Erfolg gekrönt gewesen – sie lebt alleine im Haus ihrer ausgewanderten Eltern, verdient ein wenig Geld als Teilzeit-Fremdenführerin, wobei sie amerikanischen Touristen allerlei Unwahrheiten über Londoner Sehenswürdigkeiten erzählt und findet immer nur die falschen Männer.

Momentan ist grade Nigel dran, weswegen sich Suzan bei einer Wahrsagerin versichern will, dass sie dieses Mal den Richtigen gefunden hat. Doch die Dame denkt gar nicht daran, ihr diese Frage zu beantworten. Viel eher bekommt Suzan eine ziemlich verstörende Vorhersage: Sie werde bald berühmt werden und reich. Sie werde über Land und Wasser reisen. Sie werde einen geheimnisvollen dunklen Fremden treffen und Nein zu ihm sagen. Doch irgendwann werde sie Ja sagen, und am Tag darauf werde sie sterben.

Suzan ist natürlich geschockt und läuft weinend durch die Straßen: Sterben will sie mit 28 ja wohl noch nicht! Sie bekommt daher gar nicht mit, dass ganz England in Aufruhr ist: Auf ein Filmset in Libyen wurde ein Anschlag verübt und unter den Opfern befindet sich auch der sehr beliebte Schauspieler Thomas Bayne. Sofort sind Fernsehteams unterwegs, um die obligatorischen Stimmungsbilder einzufangen – und Suzan kommt ihnen gerade recht: Eine schöne junge Frau, traurig, offensichtlich geschockt vom Tod ihres Idols, die tränenüberströmt immer nur diese Worte stammelt: „Dem Tod wird kein Reich mehr bleiben!“. Damit nicht genug: Just in diesem Augenblick verbreitet sich die Nachricht, Thomas Bayne sei am Leben, nur durch ein Missverständnis wurde er für tot erklärt! Und sofort wird Suzan zur Prophetin dieses Wunders verklärt, ihr schönes tränenüberströmtes Gesicht taucht in den Nachrichtensendungen auf und ein Sturm bricht los.

Freunde und Ex-Lover werden interviewt, Fernsehteams belagern ihr Haus und rücken ihr auf die Pelle – doch Suzan weiß genau, was passiert: Die Prophezeihung erfüllt sich. Sie ist berühmt! Als sie ihr Konto überprüft, sieht sie, dass ihr jemand anonym eine Million US-Dollar überwiesen hat – sie ist also auch reich. Und es sieht ganz danach aus, als würden die drei anderen Prophezeihungen ebenfalls Wirklichkeit werden…

Alles in allem funktioniert diese Dialogsache erstaunlich gut – abgesehen davon, dass manchmal auch ziemlicher Stuss geredet wird, macht das Lesen ziemlich viel Spaß und dank Kursiv- und Fettdruck weiß man nahezu immer, wer gerade spricht. Hätte ich ja nicht gedacht.

„Das Mädchen, das sterben sollte“ ist eine Satire auf den Medienzirkus, der aus  absolut gewöhnlichen Menschen plötzlich wie aus dem Nichts große Stars produziert und diese ebenso schnell wieder verheizt. Ich denke, uns allen fallen da zur Genüge Beispiele ein. Aber so richtig zum Nachdenken gebracht wird man auf der anderen Seite nicht, da die Handlung durch die Dialogform wahnsinnig rasant ist und man keine erklärenden und reflektierenden Passagen zwischendurch findet. Die Leserin muss theoretisch also selbst zwischendurch mal innehalten und über das Gelesene nachdenken. Naja, theoretisch eben…

Die Story wird – und das ist ein kleiner Wermutstropfen – leider zunehmend abgedrehter, das Ende habe ich nicht so recht kapiert. Trotzdem will ich es hier weiterempfehlen. Ich würde zwar wetten, dass manche mit dem Buch auch überhaupt nichts anfangen können, aber ein paar mehr Leser hat es dann doch verdient.

ISBN: 978-3888975516
455 Seiten
Originaltitel: The girl who was going to die
Verlag Antje Kunstmann
€19,90

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