ZERO. Sie wissen, was du tust – Marc Elsberg

25. März 2015 § 2 Kommentare

IMG_8069Von Elsbergs Erstling „Blackout“ war ich ja ziemlich angetan und da ich die ganze Big Data-Thematik sehr spannend finde, habe ich mich gefreut, als ich „ZERO“ geschenkt bekommen habe.

Auch ZERO hat wieder ein Szenario zur Grundlage, das gar nicht mal sooo unrealistisch ist. Wir müssen uns dafür nur ein paar Jahre in die Zukunft denken, denn alle Technologien, um die es hier geht, gibt es auch heute schon.

Der neue heiße Scheiß in dieser Geschichte ist ein Netzwerk namens „Freeme“: Jedem Nutzer gehören seine aggregierten Daten und er kann entscheiden, was mit ihnen passiert und auch, welchen Wert sie haben. Klar, dass alle den Wert ihrer Daten stetig verbessern wollen, denn es gibt Rankings und Scores, so dass jeder immer nachprüfen kann, wie wertvoll seine Persönlichkeit und sein Können aktuell sind. Und um das alles zu verbessern, gibt es dann die ActApps, die für alle möglichen Lebenslagen Ratschläge geben. In erster Linie geht es natürlich um ein besseres, gesünderes und zufriedeneres Leben, mit dem netten Nebeneffekt, dass die Erfolgreichen auch ihren Datenwert steigern können.

Gut, das an sich ist jetzt nicht so tragisch. Vi, die Tochter der Journalistin Cynthia, ist dank der ActApps besser in der Schule geworden, hat ihre etwas schwierige Emophase überstanden und benimmt sich allgemein zugänglicher und erwachsener (und Mama Cynthia lässt sich immerhin von einer App schon Flirttipps einflüstern, um diesen einen knackigen IT-Experten rumzukriegen für sich zu gewinnen). Doch dann passiert ein Unglück: Einer der Freunde von Vi hat sich mit einer Datenbrille auf Verbrecherjagd begeben und wurde dabei erschossen. Und natürlich wird diskutiert: Haben ihn diese ActApps dazu gebracht, mutig und zu wagehalsig zu werden, um seine Werte zu verbessern? Ist Freeme etwa gefährlich?

Befeuert wird die Debatte zusätzlich vom Hackerkollektiv ZERO, das mit einigen spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht und sein Ziel, die „Datenkraken“ zu vernichten, dabei mehr als deutlich artikuliert hat.

Cynthia ist zunächst überfordert, da sie mit diesen ganzen neuen Technologien nie wirklich Schritt gehalten hat. Plötzlich ist sie als Mutter gefragt, aber auch in ihrem Job als Journalistin: Wegen ihrer direkten Nähe zu dem Fall soll sie davon berichten. Gemeinsam mit Kollegen versucht sie, hinter Freemes Geheimnis zu kommen und begibt sich damit auf ein vermintes Terrain – denn das Netzwerk will sich natürlich nicht in die Karten schauen lassen und auch ZERO mischt kräftig mit.

Ich muss sagen, mich hat die ganze Geschichte etwas zwiegespalten zurückgelassen. Klar, die Thematik ist super-spannend und die Story könnte aktueller nicht sein. Auf der anderen Seite schien die Geschichte nicht als solche zu leben, sondern in erster Linie dem Namedropping zu dienen. So sprechen die Charaktere manchmal, als zitierten sie gerade aus der Wikipedia. Ich bin mir bewusst, dass dieses Buch eine große Rechercheleistung darstellt und man merkt, dass Elsberg diese Sache recht gründlich erledigt hat. Allerdings hätten die Protagonisten ruhig etwas lebendiger und dreidimensionaler und die Dialoge etwas natürlicher sein dürfen.

Ich will das Buch hier aber nicht zu schlecht machen: Es ist auf jeden Fall ein ganz guter Einstieg in die Big Data-Thematik und zeigt einige der Probleme auf, mit denen wir uns in den nächsten Jahren wohl beschäftigen dürfen.

Im Übrigen, um gleich mal beim Thema zu bleiben: Ich bin ab heute bis Freitag bei der Herrenhäuser Konferenz der Volkswagen Stiftung „Big Data in a Transdisciplinary Perspective“ dabei – als eine der Science Reporter werde ich darüber bei Twitter, Facebook und eventuell auch hier im Blog berichten (ansonsten lautet der Hashtag #hkbigdata). Ich freue mich auf die Konferenz und auch darauf, wenn der ein oder die andere von euch sich dafür interessiert!

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Corpus Delicti – Juli Zeh

15. März 2015 § 4 Kommentare

Nachdem ich von meiner ersten Zeh-Lektüre so begeistert war, IMG_8065habe ich mich jetzt an einen ihrer aktuelleren und vielgelobten Romane gemacht. Und ich konnte mir schon im Vorfeld denken, warum „Corpus Delicti“ so gut ankam: Es scheint einen Nerv zu treffen. Thema ist die zunehmende Fokussierung auf den (gesunden) Körper, die Rhetorik der Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Abwälzung gesamtgesellschaftlicher Belastungen auf den Einzelnen: Wenn du nicht auf dich selbst achtest, dich nicht gesund ernährst, übergewichtig bist und zu wenig Sport treibst, kostet du die Gesellschaft (zu) viel Geld.

Zeh hat sich dafür in eine dystopische Zukunft begeben, wo diese Haltung zur Staatsräson geworden ist: Alle Menschen sind gesund und glücklich, die allermeisten von ihnen haben noch nie Schmerzen gespürt, es gibt keine Krankheiten mehr. Das klingt jetzt auf Anhieb gar nicht mal so schlecht. Dafür muss sich allerdings jeder Bürger und jede Bürgerin einem engmaschigen Überwachungsregime unterwerfen: Der Staat gibt Fitnessprogramm und Urintests vor und verwarnt bei Lässigkeit. Partnerschaften werden über Portale geknüpft, die eine möglichst große Passgenauigkeit der jeweiligen Immunsysteme berechnen (OkCupid weitergedacht, wenn man so will) und „die Methode“ zur Gesunderhaltung hat die Stelle der Religionen eingenommen.

Mia Holl scheint in dieses System nicht recht zu passen: Sie lässt sich nicht einlullen, sie ist Naturwissenschaftlerin und kann ihr entsprechend geschultes Denken nicht an der Labortüre abgeben. Doch sie muss einen Schicksalsschlag verkraften, was ihr zunehmend schwer fällt: Ihr Bruder Moritz hat sich im Gefängnis das Leben genommen, er war beschuldigt worden, eine Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Mia glaubt fest an die Unschuld ihres Bruders und gerät in ihrer Trauer, ohne es wirklich zu wollen, immer stärker in Opposition zur Methode, die in schöner totalitaristischer Tradition selbstverständlich keinerlei Abweichung duldet und Mia mit zunehmender Härte auf Linie zu zwingen versucht.

Es hat zugegebenermaßen etwas gedauert, ehe ich mit dieser Geschichte warm wurde. Mir waren die Dialoge anfangs zu gestelzt, zu plakativ. Aber dann machte es irgendwann „klick“ und ich bin dahintergestiegen, wie diese Geschichte funktioniert. Auf einmal zeigten sich immer mehr Parallelen zu aktuellen Entwicklungen: Einzelne Aussagen oder Meinungen, die schon heute in dieser Form getätigt werden und die hier nur noch zugespitzt und konsequent zu Ende gedacht sind. Dazu gehört wohl, die Charaktere weniger als vollständige Persönlichkeiten, sondern eher als Rollen anzulegen, die eine bestimmte Funktion im Stück einnehmen.

Ich glaube, Zeh ging es gar nicht darum, die Protagonisten besonders lebensnah darzustellen; jedenfalls habe ich die Geschichte nicht so gelesen. Es erschien mir eher als Parabel, als Möglichkeit, als Weiterdenken. Und dann funktioniert dieses Buch auch. Ich würde es – wie die meisten Dystopien – als Warnung lesen und als Handlungsaufforderung: Seid kritisch und reflektiert, was man euch erzählen will. Macht euch euren eigenen Kopf. Und lest dieses Buch.

Apokalypse jetzt! – Greta Taubert

3. Januar 2015 § 7 Kommentare

IMG_7953Greta Taubert treibt eine Frage um: Gibt es Alternativen zu unserer konsumgetriebenen Gesellschaft? Wie wäre sie selbst vorbereitet auf den großen Crash? Ihr Antwort zu Anfang des Buchs: Nicht besonders gut. Als 30something kennt sie nur den Überfluss in den Geschäften, die ständige Verfügbarkeit aller wichtigen (und unwichtigen) Güter, ohne dafür etwas tun zu müssen – außer Geld oder die Kreditkarte über den Tresen zu schieben.

Greta will das ändern und gibt sich ein Jahr, um sich auf die Apokalypse vorzubereiten. Dabei geht es hier mitnichten darum, zum Prepper zu werden oder sich irgendwelche weltfremd-abgehobenen Luftschlösser zu bauen – klar beginnt sie bei dem Naheliegendsten: Das Futtern. Sie spricht mit Typen, die Notfallkisten verkaufen, trifft Kräutersammlerinnen und Pilzzüchter. Nach und nach taucht sie aber tiefer in die Welt derjenigen ein, die Alternativen zu unserer Konsumgesellschaft leben und verschiedene Bereiche anders gestalten wollen: Moderne Nomaden, Tramper, Couchsurfer, Mülltaucher oder Bewohner von alternativen Wohnprojekten. Von ihnen inspiriert macht sich Greta Gedanken, auf was es wirklich ankommt, wenn die gewohnten Strukturen zusammenbrechen – oder einfach, wenn man sein Leben ein bisschen besser und nachhaltiger gestalten will.

Mir hat der Stil dieses Buches echt gut gefallen. Greta berichtet direkt und ehrlich, sie gesteht sich Vorbehalte und Zweifel offen ein, macht aber auch keinen Hehl aus ihrer wachsenden Begeisterung für ihre Entdeckungen. Wo ihre Berichte anfangs eher getrieben waren von der Angst, was nach dem großen Crash kommen könnte und ob man dann irgendwie das gewohnte Leben weiterführen könnte, steht am Schluss der Expedition die Erkenntnis: Wenn alles anders wird, wäre das vielleicht gar nicht so tragisch. Denn das muss nicht unbedingt den Weltuntergang bedeuten.

Wie ich fand: Ein interessantes, gedankenanregendes und trotzdem witziges Buch ums Überleben und Besser leben.

Der futurologische Kongress – Stanisław Lem

1. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Ich wage mich selten genug ins Sci-Fi-Genre vor – wobei ich bei diesem Buch gar nicht mal so sicher bin, ob man es überhaupt in diese Richtung kategorisieren sollte. Wie dem auch sei: Fantastisches und irgendwie Irreales finden bei mir eher selten den Platz ins Regal. Und des Öfteren – wie auch nach dem Lesen dieses Buches – denke ich mir, dass sich das mal zumindest ein wenig ändern dürfte.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Ijon Tichy – seines Zeichens Weltraumfahrer – nehmen wir am namensgebenden Futurologischen Kongress teil. Dieser findet in Costricana statt, das der Beschreibung nach am ehesten einem mittelamerikanischen Polizeistaat gleicht. Tichy weiß auf seine humorige, vielleicht etwas naive Art von allerlei eigenartigen Vorkommnissen zu berichten. Seien es die seltsam anmutenden Parallelveranstaltungen im großen Tagungshotel, seien es die Schutzausrüstung in seinem Zimmer oder die Kämpfe, die irgendwo draußen zwischen der Regierung und verfeindeten Kräften toben. Auch der Kongress selbst ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen: Zu Beginn werden umfangreiche Tagungsunterlagen ausgegeben und die einzelnen Redner verweisen nur noch auf Seiten- und Zeilenzahlen, um ihre Meinungen zu unterstreichen.

Doch schnell werden die Kämpfe heftiger, das Hotel wird bombardiert und Tichy ist gezwungen, mit einigen anderen Teilnehmern Zuflucht in der Kanalisation unter dem Hotel zu suchen. Doch nicht nur herkömmliche Munition wird verwendet – die Regierung wirft so gegannte Bemben ab, die statt Sprengstoff bestimmte psychoaktive Substanzen enthalten. Wenn Lebewesen damit in Berührung kommen, sind sie nicht mehr in der Lage, einander Gewalt anzutun, sie werden im Gegenteil selbstlos und harmoniebedürftig.

Trotz aller Schutzmaßnahmen sind auch die Geflüchteten in der Kanalisation den Stoffen ausgesetzt und in der Folge durchlebt Tichy einige etwas abgedrehte Visionen, in denen er wahlweise durch die Luft fliegt oder zu ganz anderen Personen wird. Doch nach kurzer Zeit erwacht er wieder in den Eingeweiden des Hotels, bis er schließlich bei einem Angriff so schwer verletzt wird, dass für ihn in seinem alten Körper kaum eine Überlebenschance besteht. Es ist jedoch möglich, Menschen einzufrieren und in der Zukunft wieder auftauen – dann, wenn eine Heilung für die Krankheit oder die Verletzung gefunden worden ist. So wird Tichy mehrere Jahrzehnte später aufgetaut und ist tatsächlich auch wieder hergestellt. Er findet eine schöne und friedliche Welt vor, in der alle gut gelaunt zu sein scheinen. Doch nach und nach entdeckt Tichy, was dahintersteckt: Die Wirklichkeit wird verdeckt und vernebelt durch die zahlreichen Substanzen, die die Menschen zu sich nehmen und mit denen sie im Handumdrehen jede denkbare Stimmung erzeugen können. Das, was sie um sich herum wahrnehmen, ist also nichts anderes als eine Illusion. Doch kann man sich dann überhaupt noch auf irgendetwas verlassen?

Ein höchst spannendes Thema hat sich Lem als Hintergrund für diese Geschichte ausgedacht. Wenn euch diese Beschreibung an Matrix erinnert oder an solche Innovationen wie Oculus Rift, mit denen wir ebenfalls in virtuelle Umgebungen abtauchen können, liegt ihr nicht ganz falsch. Hier ist diese Entwicklung bereits um einiges weiter gedacht – und das bereits in den 1970er Jahren und verpackt in allerhand Sprach- und Aberwitz. Wer bereit ist, sich auch mal auf ein Experiment einzulassen, liegt mit diesem Buch auf keinen Fall verkehrt.

Tödliche Spiele (Die Tribute von Panem, Bd. 1) – Suzanne Collins

4. August 2014 § Ein Kommentar

Nein, ich lese mitnichten so viel zur Zeit, ich muss nur meine Motivation grade nutzen, um meinen Rezensionsstau abzuarbeiten. Nachdem nun diese Trilogie sogar schon verfilmt wurde und mich die Filme auch interessiert hatten, wollte ich vorher noch unbedingt die Bücher lesen. Und die sollen ja so SPANNEND sein!! Der erste Band durfte mich auch direkt mal wieder auf eine Dienstreise begleiten (die erfahrene Dienstreisende weiß, dass man bei manchen Trips lieber schonmal prophylaktisch für Spannung sorgt – manchmal braucht man das. Dieses Mal wäre es zwar gar nicht nötig gewesen, aber better safe than sorry. Ihr wisst schon).

Das Amerika der Zukunft ist in 12 Distrikte aufgeteilt. Es gab auch mal einen 13. Distrikt, doch dieser wurde nach einem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht. Seitdem veranstaltet die Regierung zur Machtdemonstration jedes Jahr die so genannten Hungerspiele: Die Namen aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 wandern dabei in jedem Distrikt in einen großen Lostopf. Diejenigen (1 Junge, 1 Mädchen), deren Namen gezogen werden, werden als Tribute in die Hauptstadt, das Kapitol, entsandt. Die Tribute müssen sich in einer Arena bekämpfen, bis nur noch einer überlebt hat und zum Sieger ernannt wird. Das Ganze wird live im TV übertragen und ist ein riesiges Ereignis.

Katniss, ihre kleine Schwester Prim und ihre Mutter leben im 12. Distrikt, einem der ärmsten Distrikte. Katniss jagt illegal im Wald und ernährt so ihre Familie. Prim ist ihr Ein und Alles, die Mutter ist seit dem Tod des Vaters depressiv und antriebslos. Als für die diesjährigen Hungerspiele Prim ausgelost wird, meldet sich Katniss freiwillig, um ihre kleine Schwester zu retten. Ihr Partner wird Peeta, ein Bäckersjunge, der ihr vor einigen Jahren das Leben gerettet hat. Die Tribute werden zunächst in die Hauptstadt gebracht, um dort ein Training zu erhalten und durch öffentliche Auftritte um Sponsoren zu werben.

In der Arena hat Katniss nicht nur mit ihren Gegnern zu kämpfen: Einsamkeit, Wasserknappheit und Verletzungen machen ihr zu schaffen. Zudem ist sie sich nicht im Klaren, was Peeta eigentlich für eine Agenda hat: Dieser hatte bei seinen Auftritten auf einmal den Verehrer von Katniss gespielt – oder ist er tatsächlich schon lange in sie verliebt? Aber wieso scheint er sich dann zunächst mit anderen Tributen gegen Katniss zu verbünden? Wie auch immer, überleben wollen schließlich alle. Und Katniss hat sich geschworen, heil nach Hause zu Prim und zu ihrem Freund Gale zurückzukehren.

Katniss ist eine sehr interessante Heldin. Sie ist tough und unabhängig, natürlich, aber mit Ecken und Kanten und Schwächen. Das hat mir sehr gut gefallen, sie ist endlich mal ein role model, wie man es sich grade für Mädchen öfter wünscht. Die Story an sich hatte außerdem viel Drive; dass sie ein Pageturner ist, haben viele vor mir schon gesagt und geschrieben.

Teil 2, ich komme!

ISBN: 3-86274-141-9
416 Seiten
Originaltitel: The Hunger Games
Verlag Friedrich Oetinger
€8,99 (ebook)

11.9.: Zehn Jahre danach – Der Einsturz eines Lügengebäudes – Mathias Bröckers/Christian C. Walther

8. Juni 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Es ist ja so: Verschwörungstheoretiker würden sich selbst ja nie als solche bezeichnen. Denn sie wissen es ja besser und kennen die „Wahrheit“. Insofern klinge ich wohl nicht sonderlich glaubwürdig, wenn ich jetzt behaupte, ich hätte dieses Buch nur aus Interesse gelesen und fände alle diese Ideen von vorneherein schwachsinnig… Aber es ist wirklich so, dass ich mich für Verschwörungstheorien an sich interessiere und gerade diejenigen um die Anschläge vom 11. September spannend finde. Ich versuche also hier mal eine Rezension zu einem Werk aus dem „kritischen“ Spektrum – und das ganz ohne Aluhut:

Zuerst einmal: Ich möchte gar nicht ausschließen, dass uns einzelne Fakten rund um den 11. September noch nicht bekannt sind und dass wir manches vielleicht zu unseren Lebzeiten auch gar nicht mehr erfahren werden. An irgendwelche Theorien à la „inside job“, „Der Mossad war’s!“ und Ähnliches glaube ich allerdings noch weniger (vielleicht bin ich aber einfach noch nicht ausreichend gehirngewaschen, wer weiß das schon…).
Vor allem Herr Bröckers ist in diesem Metier kein Unbekannter und wird in der Regel offen als Verschwörungstheoretiker bezeichnet. Er selbst versucht in seinem Buch zunächst, eine Zwischenposition einzunehmen: Er kritisiert Vertreter der offiziellen Version ebenso wie die Hardcore-Truther (wobei für ihn beide Seiten mit Verschwörungstheorien arbeiten, was die aufmerksame Leserin schon etwas skeptisch macht) und stellt jede Menge Fragen. Das schien mir der Hauptaugenmerk seines Buches zu sein: Die offenen Fragen darzustellen und die Fakten zusammenzutragen, die eben belegen sollen, dass hier noch längst nicht alles ausdiskutiert und bewiesen ist. Er zitiert Zeugen und Dokumente, zeigt Ungereimtheiten in den offiziellen Versionen auf und bringt aber so nach und nach seine eigene Theorie ins Spiel, die dann gar nicht so weit von den klassischen Verschwörungstheorien abweicht. Letztlich war auch für ihn der 11. September ein Anschlag, der so ohne das Wissen und die Unterstützung der amerikanischen und befreundeten Geheimdienste nie hätte passieren können.

Also, ja. Wer sowieso nicht an die offizielle Version glaubt, wird dieses Buch toll finden. Alle anderen halten es für Mist. Eine eigene Bewertung kann ich mir wohl also schenken.

ISBN: 978-3938060483
320 Seiten
Westend
€12,99 (ebook)

Kreuzzug – Marc Ritter

26. Mai 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7746Es ist der Dreikönigstag und die Zugspitze ist gerammelt voll mit Touris, Skifahrern und Snowboardern. Plötzlich gibt es zwei Explosionen: Der Tunnel, durch den die Zahnradbahn auf den Gipfel fährt, wird vorne und hinten gesprengt, der Weg ist durch Geröllmassen verbaut. Über hundert Menschen sind im Zug eingeschlossen und die mehreren Tausend auf dem Gipfel können jetzt nur noch mit zwei kleinen Seilbahnen ins Tal geschafft werden. Während die Krisenstäbe zum einen diese Evakuierung vorbereiten und gleichzeitig mit der Ursachensuche beginnen, werden die Pfeiler der Seilbahn gesprengt, als die erste vollbesetzte Gondel gerade auf dem Weg ins Tal ist.

Zu allem Überfluss waren der bayrische Ministerpräsident und der Verteidigungsminister nebst Gattin zwecks besserer Medienwirksamkeit auf den Gipfel geflogen. Der Hubschrauber, der alle wieder ins Tal fliegen soll, wird abgeschossen, die Würdenträger sitzen fest. Spätestens jetzt ist klar: Die Attentäter sind nicht zu Scherzen aufgelegt. Und es gibt bald eine Meldung über eine Internetseite: Eine islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu den Anschlägen und fordert, inhaftierte Terrorverdächtige freizulassen. Andernfalls würde man die Geiseln im Zug nach und nach erschießen.

Die Bundesregierung muss nun irgendwie auf die Forderungen der Attentäter reagieren und schickt Kerstin Dembrovski ins Rennen. Die ist eine toughe Frau Kapitän zu See, die mit ihren grade mal 30 Lenzen schon ordentlich Erfahrung mit zwielichtigen und gefährlichen Gesellen hat. Sie soll also zu Geiselnehmern Kontakt aufnehmen und in die Verhandlungen einsteigen.

Außerdem gibt es noch Thien Hung Baumgartner: Ein einheimischer Fotograf mit vietnamesischen Wurzeln, der in der Bahn eingeschlossen ist. Thien ist ein cooler Typ, der gerne mal ein Risiko auf sich nimmt und deswegen sofort Pläne schmiedet, wie er die Geiseln in Eigenregie befreien kann. Mittels ausgefeilter nonverbaler Kommunikation nimmt er Kontakt mit seinem amerikanischen Sitznachbar auf, der wirkt, als könne er ihm helfen. (Thiens Hintergedanke dabei ist außerdem, dass er seine Freundin zurückgewinnen will – und wie könnte er ihren Neuen, einen Gebirgsjäger, besser ausstechen als durch Heldentum?)

Damit hätte ich die Handlung nur recht grob wiedergegeben, da uns die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Zunächst: Es ist ein schön spannender Schmöker, bei dem außerdem viel Hintergrund aus dem Bereich Krisenmanagement mitgeliefert wird, was mir aus beruflichen und anderen Gründen ziemlich gut gefallen hat. Wir haben außerdem den ein oder anderen Protagonisten, der interessant angelegt war und dann auch ganz sympathisch daherkam. Bei anderen war es dann aber wieder etwas schablonenhaft geraten. Was sicherlich Geschmackssache sein dürfte: Die ganze Geschichte ist durchzogen von Seitenhieben und Anspielungen auf den Politikbetrieb der letzten Jahre. So ist der Verteidigungsminister natürlich ein adeliger Schnösel mit repräsentativer Gattin und besten Verbindungen zur (Boulevard-)Presse. KTG, ick hör dir trapsen…

Was mich aber gestört hat: Ritter ist hier wahrscheinlich der gleichen Versuchung erlegen wie vor ihm bereits viele andere Autoren rechercheintensiver Bücher: Hier noch ein Infohäppchen, das noch unbedingt mit rein sollte, und hier, und hier… Es waren mir oft zu viele Details, zu viele Informationen und Nebenhandlungen, die die Geschichte unnötig aufgebläht haben.

Alles in allem ist es aber trotzdem noch spannend genug, dass ich euch diese Geschichte gerne empfehle.

ISBN: 978-3426511657
560 Seiten
Knaur
€9,99

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