Jetzt ich noch: Mein Lesejahr 2014

31. Dezember 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

goodreads2014

Die letzten Tage eines Jahres bieten ja allerlei Gelegenheit zur fleißigen Selbstbespiegelung und Nabelschau. Wir Literaturblogger erstellen dann unsere Top 5, lassen das Lesejahr nochmal Revue passieren und befinden in der Regel, dass es doch alles in allem ziemlich gut war, was wir so gelesen haben (An dieser Stelle erstarre ich immer in Ehrfurcht, wenn Bloggerkollegen von ihren erfolgreichen Challenges, Themenprojekten und Lebenswerk-Leserunden berichten. Zusätzlich zu der „normalen“ Lektüre nebenher. Chapeau!).

Und dieses Jahr bei mir? Tja. Die Goodreads-Statistik zeigt, was mein Gefühl mir schon vorher sagte. Mein Jahr 2014 war zwar, ganz allgemein gesehen, gar nicht mal so schlecht. Lesetechnisch wars aber erstaunlich mau. Allgemein kam ich schon weniger zum Lesen (viel anderen Kram zu tun und keinen wirklichen Urlaub gehabt…), und es waren sehr, sehr wenige Highlights dabei. Erstaunlich häufig waren die Bücher eher mittelmäßig – von richtigen Fehlgriffen wie der Bücherdiebin reden wir hier noch gar nicht.

Was lerne ich daraus? Ein reines „Mehr“ möchte ich mir gar nicht wirklich vornehmen. Zum einen kann ich noch gar nicht abschätzen, was die (immer noch) neue Stadt, der kommende Job und das Leben allgemein für mich bereithalten und was ich an Lesezeit abknapsen kann. Im kommenden Jahr möchte ich vor allem wieder gezielter lesen. Nur solche Bücher ins Regel stellen, die mich wirklich interessieren, von denen ich mir auch etwas verspreche. Und sei es nur gute Unterhaltung. Ich werde wahrscheinlich noch mal meinen SUB bereinigen. Vor meinem Umzug im Herbst habe ich zwar schon einige der ganz üblen Leichen weggegeben, aber immer noch steht da eigentlich zu viel rum, was ich wahrscheinlich nie lesen werde. Da sehe ich irgendwie noch die Möglichkeiten, überrascht zu werden oder neue Lieblingsautoren zu entdecken. Aber mal ehrlich: Oft genug lief es in diesem Jahr auf „Geht so“-Lektüren hinaus, gerade bei Büchern dieser Art. Ich sehe es da einfach mal als Zeichen, dass meine neue Hood einen öffentlichen Bücherschrank hat. 😉

Und ein weiteres Fazit? Einfach mal wieder länger Urlaub machen. DAS wünsche ich mir sowieso schon. Mal sehen, was 2015 mir in dieser Hinsicht bringt. 🙂

Die Korrekturen – Jonathan Franzen

30. Dezember 2014 § 7 Kommentare

IMG_7950Das Statement, das ich am häufigsten gehört habe, während ich „Die Korrekturen“ gelesen habe? „Ach ja, das hab ich auch mal angefangen. Bin aber nicht weit gekommen, ich fands zu langatmig/langweilig/doof!“. Haha, ja, an dem Punkt war ich auch einige Male. Wenn die Protagonisten mal wieder überhaupt nicht klarkamen und sich ad nauseam mit irgendwelchen Scheißproblemen (durchaus auch mal im Wortsinne) beschäftigt haben. Und dann habe ich mich doch weiter durchgebissen (warum auch immer) und habe dann ein paar Seiten später wieder herzhaft gelacht und das Lesen genossen. Und ich bin immer noch nicht wirklich dahintergestiegen, was genau an diesem Buch diese etwas extremen Reaktionen in mir ausgelöst hat.

Bei den „Korrekturen“ geht es um Familie Lambert aus dem Mittleren Westen der USA. Enid und Alfred haben drei erwachsene Kinder, Gary, Chip und Denise, und genug eigene Probleme: Alfred ist auf dem Weg in die Demenz und zusätzlich durch Parkinson und weitere Gebrechen gehandicapt. Enid ist eigentlich die Optimistische und Unternehmenslustigere, sie ordnet sich aber dem zunehmend starrsinnigen Alfred unter.

Und auch bei den Kindern täuscht die Fassade gewaltig: Gary ist zwar beruflich erfolgreich, hat eine schöne Frau und drei gesunde Kinder, schrammt aber regelmäßig knapp an einer Depression vorbei. Chip, der Mittlere, arbeitet mitnichten beim „Wall Street Journal“, wie Enid gerne erzählt, sondern bei irgendeinem drittklassigen Käseblatt, das halt nur einen ähnlichen Namen hat. Das aber erst, nachdem er wegen einer Affäre mit einer Studentin seinen vielversprechenden Dozentenjob an einer Uni verloren hatte. Und zum Schluss landet er in Litauen, wo er einem (Ex-)Politiker bei, ich sag mal, dubiosen „Internet-Aktivitäten“ behilflich ist. Und Denise, die Starköchin? Sie ist tatsächlich gefeiert in ihrem Job, hatte einen Kollegen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant geführt. Dann kam die Scheidung und ein neuer Job, bei dem sie jedoch gefeuert wurde, weil sie mit der Frau ihres Chefs eine Affäre angefangen hat.

Und in diesem ganzen Durcheinander will Enid eigentlich nur noch eines: Ein letztes Mal Weihnachten feiern, gemeinsam mit der ganzen Familie, mit Kindern und Enkeln.

Ja, also, wie gesagt. Dieses Buch hat in mir sehr zwiespältige Gefühle ausgelöst. Ich gebe zu: Am Schluss wars erst einmal die Freude, es endlich geschafft zu haben. Doch irgendwie bin ich ja doch immer bei der Stange geblieben, über alle Längen und sinnentleerten Dialoge hinweg. Das mag daran gelegen haben, dass da dann doch so ein Sprachwitz durchblitzte, den ich mochte, und dass hinter alldem das Wissen stand, dass man die Schilderung einer amerikanischen Durchschnittsfamilie um die Jahrtausendwende vor sich hat, die nicht allzu weit hergeholt zu sein scheint.
Ob man dieses Buch jetzt allerdings unbedingt gelesen haben muss – ich weiß es nicht. Franzen macht es einem recht schwer, dabei zu bleiben, vor allem durch die tatsächlich sehr langatmigen Schilderungen und die samt und sonders unsympathischen Charaktere. Verlorene Lebenszeit wars nicht, aber wirklich was gewonnen hab ich dabei auch nicht.

Der futurologische Kongress – Stanisław Lem

1. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Ich wage mich selten genug ins Sci-Fi-Genre vor – wobei ich bei diesem Buch gar nicht mal so sicher bin, ob man es überhaupt in diese Richtung kategorisieren sollte. Wie dem auch sei: Fantastisches und irgendwie Irreales finden bei mir eher selten den Platz ins Regal. Und des Öfteren – wie auch nach dem Lesen dieses Buches – denke ich mir, dass sich das mal zumindest ein wenig ändern dürfte.

Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler Ijon Tichy – seines Zeichens Weltraumfahrer – nehmen wir am namensgebenden Futurologischen Kongress teil. Dieser findet in Costricana statt, das der Beschreibung nach am ehesten einem mittelamerikanischen Polizeistaat gleicht. Tichy weiß auf seine humorige, vielleicht etwas naive Art von allerlei eigenartigen Vorkommnissen zu berichten. Seien es die seltsam anmutenden Parallelveranstaltungen im großen Tagungshotel, seien es die Schutzausrüstung in seinem Zimmer oder die Kämpfe, die irgendwo draußen zwischen der Regierung und verfeindeten Kräften toben. Auch der Kongress selbst ist nicht so, wie wir ihn uns vorstellen: Zu Beginn werden umfangreiche Tagungsunterlagen ausgegeben und die einzelnen Redner verweisen nur noch auf Seiten- und Zeilenzahlen, um ihre Meinungen zu unterstreichen.

Doch schnell werden die Kämpfe heftiger, das Hotel wird bombardiert und Tichy ist gezwungen, mit einigen anderen Teilnehmern Zuflucht in der Kanalisation unter dem Hotel zu suchen. Doch nicht nur herkömmliche Munition wird verwendet – die Regierung wirft so gegannte Bemben ab, die statt Sprengstoff bestimmte psychoaktive Substanzen enthalten. Wenn Lebewesen damit in Berührung kommen, sind sie nicht mehr in der Lage, einander Gewalt anzutun, sie werden im Gegenteil selbstlos und harmoniebedürftig.

Trotz aller Schutzmaßnahmen sind auch die Geflüchteten in der Kanalisation den Stoffen ausgesetzt und in der Folge durchlebt Tichy einige etwas abgedrehte Visionen, in denen er wahlweise durch die Luft fliegt oder zu ganz anderen Personen wird. Doch nach kurzer Zeit erwacht er wieder in den Eingeweiden des Hotels, bis er schließlich bei einem Angriff so schwer verletzt wird, dass für ihn in seinem alten Körper kaum eine Überlebenschance besteht. Es ist jedoch möglich, Menschen einzufrieren und in der Zukunft wieder auftauen – dann, wenn eine Heilung für die Krankheit oder die Verletzung gefunden worden ist. So wird Tichy mehrere Jahrzehnte später aufgetaut und ist tatsächlich auch wieder hergestellt. Er findet eine schöne und friedliche Welt vor, in der alle gut gelaunt zu sein scheinen. Doch nach und nach entdeckt Tichy, was dahintersteckt: Die Wirklichkeit wird verdeckt und vernebelt durch die zahlreichen Substanzen, die die Menschen zu sich nehmen und mit denen sie im Handumdrehen jede denkbare Stimmung erzeugen können. Das, was sie um sich herum wahrnehmen, ist also nichts anderes als eine Illusion. Doch kann man sich dann überhaupt noch auf irgendetwas verlassen?

Ein höchst spannendes Thema hat sich Lem als Hintergrund für diese Geschichte ausgedacht. Wenn euch diese Beschreibung an Matrix erinnert oder an solche Innovationen wie Oculus Rift, mit denen wir ebenfalls in virtuelle Umgebungen abtauchen können, liegt ihr nicht ganz falsch. Hier ist diese Entwicklung bereits um einiges weiter gedacht – und das bereits in den 1970er Jahren und verpackt in allerhand Sprach- und Aberwitz. Wer bereit ist, sich auch mal auf ein Experiment einzulassen, liegt mit diesem Buch auf keinen Fall verkehrt.

Nichts als Erlösung – Gisa Klönne

11. November 2014 § Ein Kommentar

IMG_7946Bei einer morgendlichen Joggingrunde stolpert Kommissarin Judith Krieger mitten in einen Tatort: Ein Touri-Pärchen hat nahe der Kölner Altstadt einen Toten mit weggeschossenem Gesicht gefunden. Zunächst ist unklar, wer überhaupt der Tote ist. Doch als schließlich die Identität festgestellt wurde, gibt das der Mordkommission nur noch mehr Rätsel auf, denn Jonas Vollenweider war in den 80ern selbst der Hauptverdächtige, als seine Eltern und seine Schwester ermordet wurden. Ihm konnte jedoch nie etwas nachgewiesen, die Leichen wurden nie gefunden und er selbst lebte zuletzt mit seiner Lebensgefährtin auf Samos, nahezu ohne Kontakt zu Deutschland. Zuletzt wollte er aber endlich das ehemalige Haus der Familie verkaufen; dort wurden die Vollenweiders ermordet, und seitdem stand das Haus leer, nahezu unberührt seit der Tat.

Was Judith Krieger zusätzlich zu schaffen macht: Sie bekommt regelmäßig anonyme Briefe mit Fotos von Details, die mit den aktuellen Ermittlunngen zu tun haben. Und sie wird das Gefühl nie los, dass ihr der Täter immer sehr nah und stets einen Schritt voraus ist.

Der Täter selbst – nun, es gibt am jüngsten Tatort und im Haus der Vollenweiders keinerlei verwertbare Spuren, alle Hinweisen laufen irgendwie ins Leere, doch Krieger und ihr Team sind sich sicher, dass sie, um diesen Fall zu lösen, tief in der Vergangenheit graben müssen. Die Eltern von Jonas Vollenweider waren Leiter eines Kinderheims in der Eifel, wo in der Nazizeit und auch danach noch Kinder misshandelt und sogar getötet wurden. Aber warum kommt das nun alles nach Jahrzehnten wieder ans Licht? Und musste der Sohn für die Verbrechen seiner Eltern büßen?

Ja, sehr schöner Krimi. Sympathische Ermittler, nicht zuviel Privatkram und ein interessanter und stimmiger Fall. Da auch das hier wieder ein Mittendrin-angefangen-Buch war, kam der Band 1 mit Judith Krieger sofort auf meine Wunschliste.

 

Die Toten, die niemand vermisst – Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt

29. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7943Das mit den viellesenden Angehörigen ist ja so ne Sache: Zwar profitiert man regelmäßig von Buchgeschenken und Leihgaben, was perfekt ist. Nun habe ich allerdings eine Tante, die mir gerne Bücher empfiehlt und auch ausleiht, die sich dann als Teil x irgendeiner Serie entpuppen – und in der Regel ist es nie der erste Teil. Normalerweise stört mich das nicht so sehr, hier war es aber dem Lesegenuss eher abträglich, weil es zu viele Bezüge zu den vorangehenden Bänden gibt. Aber zum gestörten Lesegenuss gleich noch mehr.

In der nordschwedischen Einöde werden durch Zufall sechs Skelette entdeckt, zwei davon von Kindern. Die Toten wurden offenbar erschossen und liegen schon seit einigen Jahren dort – besonders viel mehr kann man nicht herausfinden, denn es gibt keine Vermisstenmeldungen aus der fraglichen Zeit, die auf diese Personen passen könnten.

Parallel suchen Shibeka und ihr Sohn Mehran aus Stockholm seit Jahren ihren verschwundenen Ehemann und Vater Hamid; die Behörden waren damals davon ausgegangen, dass sich Hamid durch Untertauchen seiner Abschiebung zurück nach Afghanistan widersetzen wollte. Shibeka aber glaubt, ihren Mann zu kennen – Hamid war nicht so. Sie nimmt Kontakt zu einem Journalisten auf, um die Geschichte um das Verschwinden endlich aufzuklären.

Im Fall um die Skelette übernimmt die Reichsmordkommission. Zunächst scheint es keine heiße Spur zu geben, ehe sie eine alte Meldung von einem ausgebrannten Auto mit einer Frauenleiche darin finden. Die Zeit könnte passen, doch die Leiche wurde nie identifiziert. Oder genauer: Bei dem Auto handelte es sich um einen Mietwagen, der von einer gewissen Patricia Wellton gemietet wurde. Nur: Diese Frau hat nie existiert, sie taucht in keinem offiziellen Register auf. Doch bei den Nachforschungen wird immer klarer, dass der ein oder andere Schlapphut (nicht nur) aus Schweden hier seine Finger im Spiel und natürlich kein Interesse daran hat, dass das jemand herausfindet. Eine Sache, die auch Shibeka und Mehran schnell merken…

Wie man sieht: Die Geschichte an sich ist echt interessant und spannend, keine Frage. Nur leider wird die Story durch Privatprobleme und Nebenhandlungen viel zu sehr aufgebläht. Da wird mehr als einmal die Frage aufgeworfen, wer mit wem schläft oder geschlafen hat oder wieder schlafen wird, und wieso, und wer jetzt der Vater von Vanja ist und wann sie das erfahren wird und ob Billy mit seiner Freundin My (bei dem Namen ist ja wohl klar, wie man sie sich vorstellt, oder?) zusammenziehen will oder nicht. Und das hat dann schnell was von Waynetrain und Whateverest. Mich hat sogar der Mega-Cliffhanger am Schluss relativ kaltgelassen. Schade eigentlich.

Deutschlandreise – Roger Willemsen

27. Oktober 2014 § 2 Kommentare

IMG_7940Gelegentlich mache mich während des Lesens Notizen zum Buch bei Goodreads. Die zu „Deutschlandreise“ sagen letztlich schon alles:

– Erstmal wieder beiseite gelegt – auf den ersten Seiten nur einsame, ältere Menschen. Grade keine Lust drauf. (Januar 2013)
– Neuer Versuch. (Oktober 2014)
– Dieses Deutschland muss ja verdammt deprimierend sein… (Status etwa bei der Hälfte)

Willemsen reist also quer durchs Land, ein paar Jahre/kurz nach der Jahrtausendwende und schreibt auf, was er so beobachtet. Zuerst ist diese leichte Melancholie, das Beschreiben kleiner Schwächen und Sonderlichkeiten, komischer Gestalten und eigenartiger Orte noch zumindest ein bisschen charmant, es begann mich aber bald brutal zu nerven. Mir fehlte die Leichtigkeit, der Humor, der Optimismus, einfach die guten, netten, schönen Seiten. Stattdessen: Abgehängte Menschen und abgewrackte Hotels und Orte, die man eigentlich als viel schöner und einladender im Erinnerung hat, als Willemsen sie hier beschreibt (Und ja, eigentlich ist es echt witzig, wenn er Orte beschreibt, die man selbst gut kennt. Eigentlich.).

Zwischendurch blitzt schon ein bisschen Humor und Sprachwitz auf, man findet gelungene Formulierungen und denkt sich zum Schluss doch wieder: „Ey, in diesem Deutschland willste auch nicht tot überm Zaun hängen!“.

Narziß und Goldmund – Hermann Hesse

22. Oktober 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7935Es war mal wieder Klassikerzeit. Von Hesse habe ich bisher noch nicht allzu viel gelesen (als ich diesen Satz grade schrieb, ging ich in mich und stellte fest: Ich kannte vorher sogar überhaupt nichts von ihm!), und da ich diesen Band von meinen Eltern ausgeliehen hatte, war das doch ein ganz guter Einstieg.

Narziß und Goldmund sind zwei Freunde, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Narziß ist Lehrgehilfe in einem Kloster, er will sich auch in Zukunft ganz dem geistlichen Leben widmen. Er bekommt Goldmund als Schüler und freundet sich bald mit ihm an. Goldmund ist eine Künstlernatur, der unterbewusst noch immer unter dem Verlust seiner Mutter leidet und versucht, durch seine Kunst und das Umherziehen über lange Jahre seiner Jugend dieser Mutter irgendwie näher zu kommen.

Die beiden sind gegensätzliche Charaktere, aber doch voneinander angezogen. Goldmund verlässt allerdings das Kloster nach seinem ersten Liebesabenteuer – er will die Welt entdecken und sich ausprobieren. Als er in einer Kirche eine Marienstatue entdeckt, die ihn komplett in seinen Bann zieht, sucht er den Bildhauer auf und schafft es, bei ihm in die Lehre zu gehen. Doch nach Jahren des Herumziehens und der wechselnden Liebschaften hält es ihn nicht lange am gleichen Ort, obwohl ihm der Bildhauer anbietet, bei ihm zu bleiben, als Meister zu arbeiten und seine Tochter zu heiraten. Er wandert also weiter, lebt streckenweise zusammen mit seiner Geliebten und einem Freund, bis die Geliebte an der Pest stirbt und der Freund dann aus Angst vor einer Ansteckung alleine weiterziehen will.

Das mit den Frauengeschichten wird Goldmund beinahe zum Verhängnis: Er beginnt eine Affäre mit der Geliebten des Statthalters, wird erwischt und in den Kerker geworfen; er soll am nächsten Tag direkt gehängt werden. Zufällig halten sich einige Geistliche in der Burg auf, so dass einer von ihnen Goldmund noch die Beichte abnehmen kann. Dieser Geistliche entpuppt sich als Narziß, der mittlerweile Abt ist. Er erreicht eine Begnadigung Goldmunds und nimmt ihn mit ins Kloster, wo beide dann ihre Freundschaft wieder aufleben lassen können.

Ich will mich gar nicht an einer groß angelegten Interpretation versuchen, das haben schon viele andere vor mir (und wahrscheinlich auch besser) gemacht. „Narziß und Goldmund“ ist letztlich eine philosophische Geschichte: Was wollen wir von unserem Leben, wofür lohnt es sich zu leben (und zu sterben)? Es geht um den Widerstreit von Verstand und Gefühlen, von Sinnesgenuss und Askese und auch um die Frage nach dem Göttlichen in der Figur der Mutter.

Ich persönlich habe etwas gebraucht, ehe ich in die Geschichte reingefunden habe. Nicht, weil es kompliziert geschrieben war – ganz im Gegenteil, das Ganze liest sich sehr flüssig und angenehm, stellenweise fast ein bisschen zu vor-sich-hin-plätschernd. Aber gegen Ende hatte ich für mich verstanden, worum es wohl gehen soll, und dann fand ich einige gute Gedanken. Ein schönes und lesenswertes Buch.

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