A Brief History of Misogyny – Jack Holland

27. April 2014 § Ein Kommentar

IMG_7729Yeah, jetzt wird endlich mal wieder die „Frauen“-Ecke bespielt hier im Blog! Ich habe ein schönes Sachbuch aufgetan, das sich im Schnelldurchlauf, aber dafür sehr lesbar und kompakt der Frage widmet, wie es zu der teils massiven Diskriminierung von Frauen durch Männer kommen konnte, deren Folgen auch heute noch nicht wirklich verschwunden sind.

Wir hatten ja im Lauf der Geschichte (und auch heute noch) immer wieder Gruppen, die andere diskriminieren. Im Nachhinein wirkt sowas meistens vollkommen lächerlich und willkürlich, aber oft wirken bestimmte Stereotype noch lange nach und beeinträchtigen das Leben der Betroffenen. Die Misogynie, also die Frauenfeindlichkeit, ist mit eine der nachhaltigsten Diskriminierungen und eine der am weitesten verbreiteten. Jack Holland versucht in seinem Buch, der Sache auf den Grund zu gehen: Wie konnte es eigentlich dazu kommen, dass eine Hälfte der Menschheit die andere zum Teil brutal unterdrückte und dies unwidersprochen mit allerlei kruden Theorien rechtfertigen konnte? Und vor allem: Was ist so mächtig an diesen Ideen, dass sie heute noch nachwirken?

Tja, die Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung ist ein Gemisch aus einzelnen Irrtümern, unschmeichelhaften Schöpfungsmythen und dem gestörten Verhältnis zu Frauen und ihrer Sexualität, das einige wenige (aber leider einflussreiche) Männer hatten. Anfangs wurden die Unterschiede der Geschlechter und die Unterlegenheit der Frauen als gottgewollt dargestellt, später kamen noch pseudo-biologische Thesen dazu – und ruck-zuck hatte man Machtstrukturen, die nahezu unumstößlich waren, denn wer wird sich schon trauen, gegen Gott oder die Natur zu argumentieren?

Ich muss sagen: Ich bin manchmal wirklich erschrocken während des Lesens. Dann nämlich, wenn Holland über gewisse Praktiken, Vorurteile und unumstößliche Auffassungen berichtet und ich das Gefühl hatte: So weit haben wir uns davon doch noch gar nicht entfernt! Manche Ideen sind nahezu Zombies, die in den Debatten immer wieder auftauchen. Vielleicht mit anderen Begrifflichkeiten, vielleicht in anderen Kontexten. Klar sind wir heute differenzierter und aufgeklärter, aber wir tun uns noch immer schwer, manche althergebrachten Klischees einfach mal in Frieden sterben zu lassen, gerade wenn sie durch sämtliche neuen Erkenntnisse ein für alle Mal wiederlegt wurden.

Und noch etwas habe ich gemerkt: Ich kann solche Bücher nicht objektiv lesen. Ich bin selbst eine Frau und auch wenn ich jetzt nicht gleich deswegen mit erhobener Faust in den Geschlechterkampf ziehen möchte (obwohl… Zu den Waffen, Schwestern! :D), lässt mich so etwas nicht kalt. Zusätzlich hilft dieses Buch zu verstehen, was für ein langer Kampf hinter den modernen feministischen Debatten steht. Man kann etwas besser nachvollziehen, dass jede Frau von Misogynie betroffen ist, egal, ob sie im Alltag direkt Nachteile dadurch hat oder ob diese Stereotype ihr eher indirekt begegnen. Und – das gilt für alle – man denkt mal darüber nach, wie bescheuert es ist, eine Person schlechter zu stellen, nur weil sie keinen Penis hat (und wie viel Potenzial, Wissen und Talent den Gesellschaften über die Jahrhunderte verloren gegangen ist, weil sie es doch immer wieder getan haben).

ISBN: 978-1845293710
338 Seiten
Deutscher Titel: Misogynie: Die Geschichte des Frauenhasses
Robinson
€14,59

 

Der Weg der Töchter – Yejide Kilanko

8. Oktober 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_7254Morayo wächst gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester recht behütet in der nigerianischen Großstadt Ibadan auf. Der familiäre Zusammenhalt ist sehr wichtig: Man feiert Feste gemeinsam, trauert zusammen um verstorbene Verwandte und hilft einander im Alltag, wo es nur geht.

So wird auch der 18jährige Cousin Bros T in die Familie aufgenommen, als er Probleme mit seiner Mutter hat. Bros T hat eine machohaft-große Klappe und ist sehr von sich überzeugt. Eines Abends bedrängt er Morayo, als ihre Eltern nicht zu Hause sind, und vergewaltigt sie schließlich.

Das Ganze passiert noch mehrmals und Morayo wird sogar schwanger, hat jedoch bald eine Fehlgeburt. Endlich schafft sie es, ihren Eltern davon zu erzählen. Doch in der Familie macht jeder sie irgendwie mitverantwortlich.

Lediglich ihre Aunty Morenike hält zu ihr: Sie hat selbst unverheiratet einen Sohn zur Welt gebracht; in der Familie und Nachbarschaft wird getratscht, das sei Resultat ihrer „Männergeschichten“. Doch Morenike erzählt Morayo, wie es wirklich war: Auch sie wurde als junge Frau vergewaltigt, und auch ihr hatte man nicht geglaubt – schließlich war ihr Vergewaltiger ein reicher und angesehener Mann, der so etwas ganz bestimmt nicht machen würde.

Morayo hilft die Unterstützung ihrer Tante und sie wird zunehmend selbstbewusster, wodurch sie schließlich ihr Happy End mit ihrem Kindheitsfreund erlebt.

Man ahnt es relativ schnell voraus, dass dieses Buch ein gutes Ende haben wird. Wie das Ganze aber umgesetzt wird, hat mir ganz gut gefallen. Morayo findet nach und nach ihren Weg und wird zu einer starken Frau, die mit ihrer Vergangenheit leben kann. Klar ist, wie schon angedeutet, manche Wendung hier vorhersehbar, aber ich glaube, es geht eher um die Intention: Zeigen, wie manchmal recht moderne Lebensweisen und traditionelle Wertvorstellungen aufeinanderprallen, gleichzeitig aber auch Hoffnung geben, dass es Wege gibt, diese beiden Strömungen doch zu vereinen. Afrika wird da klischeemäßig ja gerne als Beispiel genommen, aber ich denke, in Europa würde man da auch noch das ein oder andere Thema finden.

ISBN: 978-3862200375
384 Seiten
Originaltitel: Daughters who walk this path
Graf Verlag
€18,00

Die unsichtbaren Stimmen – Carolina De Robertis

18. März 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

IMG_6668Mit dieser Art von Familiensaga à la „Wir porträtieren hier ein paar Generationen starker Frauen einer Familie“ kann man ja auch danebengreifen. Schnell wird das Ganze kitschig. Diese Geschichte (die ich übrigens schon vor einem Jahr zum Examen geschenkt bekam) ist dagegen ein Positivbeispiel und hat mir wirklich gut gefallen.

Es beginnt mit Pajarita, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in einem kleinen Dorf in Uruguay zur Welt kommt. In diesem Dorf heißt es, dass zu jeder Jahrhundertwende dort ein Wunder geschieht. Pajarita nun ist nicht gerade ein Wunschkind, ihr Vater setzt sie als Säugling irgendwo aus. Sie wird für tot gehalten und verblüfft die Dorfbewohner eines Tages, als sie auf einem hohen Baum sitzt und von dort herunterfällt – oder -fliegt, wie auch immer.

Als Pajarita älter wird, verdreht sie einem jungen Mann den Kopf, der mit einem Wanderzirkus in ihrem Dorf vorbeikommt. Ignazio, so heißt er, hält um ihre Hand an und nimmt sie nach der Hochzeit mit nach Montevideo. Er, der Venezianer, kam eigentlich mit dem Traum nach Uruguay, dort Gondeln zu bauen, wie es schon sein Vater in Venedig getan hat. Dass daraus vorerst nichts wird, setzt ihm zu und er verfällt dem Alkohol und dem Glücksspiel. Schließlich lässt er Pajarita zusammen mit den mittlerweile vier gemeinsamen Kindern sitzen. Diese sorgt für die Familie, indem sie Heilkräuter verkauft und den Frauen der Nachbarschaft bei allen körperlichen und seelischen Leiden zu helfen versucht.

Ignazio taucht wieder auf, die Kinder werden größer, wenden wir uns also der jüngsten Tochter Eva zu. Diese wird mit elf bereits von der Schule genommen, um im Schuhgeschäft von Ignazios altem Freund zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch besagter Freund belästigt und missbraucht sie, so dass sie es nicht mehr aushält und den Job hinschmeißt. Als ihr Jugendfreund Andrés ihr erzählt, er wolle nach Buenos Aires gehen und dort sein Glück versuchen, folgt sie ihm kurzerhand, auch in der Hoffnung, dass er ihre Gefühle erwidert. Doch ach: Kaum, dass sie sich überwunden und ihm ihre Liebe gestanden hat, verschwindet Andrés und gibt ihr damit auch klar zu verstehen, dass er sie nicht lieben kann. Soviel kann schonmal verraten werden: Die beiden wären nicht so eingeführt worden, wenn sie sich nicht noch einmal begegnen würden, später in der Geschichte. Und das war dann doch noch eine (schöne) Überraschung.

Aber zurück zur Chronologie: Der Weggang von Andrés trifft Eva tief, sie bekommt psychische Probleme und landet im Krankenhaus, wo sie auch schon bald ihren behandelnden Arzt, Dr. Roberto Santos, für sich begeistern kann. Dieser lässt kurzerhand seine standesgemäße Verlobte sitzen und macht ihr einen Antrag. Eva wird nun also zur repräsentativen Ehefrau, die Gedichte verfasst und ihrem Mann zwei Kinder schenkt (Funfact: Bei der Entbindung von ihrer Tochter Salomé ist ein Medizinstudent zugegen, der sich als Ernesto Guevara vorstellt… Der Typ von den T-Shirts also. Schönes Detail.). Doch als die politische Situation brenzliger wird, muss die Familie ins Exil nach Uruguay gehen. Dort kommen sie zwar bei Evas Familie unter, doch Roberto zieht es bald wieder zurück nach Argentinien. Als Eva sich dagegen entscheidet, mit ihm mitzukommen, trennen sich die beiden.

Auftritt Salomé. Die Tochter von Eva wächst in politisch unruhigen Zeiten auf. Durch eine Schulfreundin kommt sie in Kontakt mit einer Gruppe von Tupamaros, einer Guerillabewegung. Nach einigen erfolgreichen Aktionen geht jedoch etwas schief und Salomé wird mit einigen anderen verhaftet. Im Gefängnis wird sie gefoltert und vergewaltigt, sie wird dort ohne richtigen Prozess festgehalten und kennt ihr Urteil nicht. Ihre Kampfgefährtinnen sitzen mit ihr ein, und bald planen sie die gemeinsame Flucht durch die Kanalisation. Doch Salomé merkt, dass sie schwanger ist und will deswegen nicht an der Fluchtaktion teilnehmen. Ihre Tochter wird im Gefängnis geboren und mit Hilfe der Kampfgefährten in sichere Hände gegeben. Als Salomé nach Jahren wieder entlassen wird, gilt es, etwas über den Verbleib der Tochter zu erfahren und sich wieder ihr eigenes Leben aufzubauen, was gar nicht so einfach ist, wenn man die meiste Zeit seiner Jugend im Gefängnis verbracht hat…

Man merkt schon: Jede Menge Schicksal steckt auf diesen Seiten, und es ist wirklich eine Leistung, dass das hier nicht zu melodramatisch geworden ist. Aber de Robertis hat es geschafft, eine schöne, traurige, ergreifende und poetische Geschichte daraus zu machen. Sehr gut gefallen hat mir die Vielschichtigkeit ihrer Charaktere: Es gibt hier nicht, wie so oft, nur schwarz und weiß, sondern ihre Hauptpersonen machen auch mal Fehler, verhalten sich irrational und hadern mit ihrem Schicksal. Das machte die Geschichte sehr glaubwürdig; man hat das Gefühl, dass es tatsächlich reale Personen gewesen sein könnten, die hier zum Leben erweckt werden.

Noch dazu lernt man ein wenig über die uruguayische und argentinische Geschichte im 20. Jahrhundert. Empfehlenswert!

ISBN: 978-3596184811
464 Seiten
Originaltitel: The Invisible Mountain
Fischer Taschenbuch
€9,95

Tausend strahlende Sonnen – Khaled Hosseini

3. Februar 2013 § 2 Kommentare

IMG_6560Es gibt ja jede Menge Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, alle haben sie bereits gelesen, nur ich noch nicht. Entsprechend schwer fällt es mir dann, nach letztlich doch erfolgter Lektüre, eine Rezension zu schreiben: Gefühlt wurden bereits alle Aspekte des Buches tausendfach besprochen, alle Details der Handlung wiedergegeben. Aber das ficht mich dann doch nicht so an, dass ich hier auf meine ganz eigene und persönliche Rezension verzichten würde! 😉

Mariam hatte bisher kein sonderlich glückliches Leben: Als uneheliches Kind einer alleinstehenden Mutter bekommt sie wenig Liebe entgegengebracht. Die einzigen Lichtblicke sind die Besuche ihres leiblichen Vaters Jalil, der als Kinobesitzer in Herat ein Leben voller Wohlstand führt, dass er mit seinen drei Frauen und mehreren Kindern teilt. Mariam und ihre Mutter haben in dieser Familie jedoch keinen Platz, die Mutter ist über Jalils Verhalten verbittert und macht ihn vor ihrer Tochter schlecht.

Nach dem Selbstmord von Mariams Mutter nimmt sich Jalil seiner Tochter an: Bei seiner Familie könne sie nicht bleiben, man habe ihr daher bereits einen Ehemann in Kabul ausgesucht, damit sie versorgt sei. Raschid, besagter Gatte, ist um einiges älter und bereits verwitwet. Sein bisher einziger Sohn ist bei einem Unfalls ums Leben gekommen. Die erste Zeit der Ehe, als Raschid Mariam noch Geschenke macht und sie auf Ausflüge mitnimmt, ist jedoch bald vorbei. Als Mariam mehrere Fehlgeburten erleidet, nimmt Raschid dies persönlich und behandelt Mariam immer schlechter.

An diesem Punkt schwenkt der Fokus der Geschichte zunächst auf Leila, das Nachbarskind von Mariam und Raschid. Leilas Mutter leidet an Depressionen, so dass auch die ehemals gute Ehe ihrer Eltern darunter gelitten hat. Leilas Brüder sind im Krieg gegen die Sowjets gefallen. Lichtblicke sind ihre Freundinnen sowie ihr bester Freund Tarik, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist – in der letzten Zeit hat sich jedoch mehr zwischen den beiden entwickelt. Da eröffnet Tarik ihr, dass er mit seiner Familie Kabul verlassen würde – die Stadt sei zu unsicher geworden, seit sich immer wechselnde Gruppen gegenseitig bekriegen und es Bombenangriffe auf die Stadt gibt. Leila ist untröstlich, dennoch schlafen die beiden an diesem Nachmittag das erste Mal miteinander. Das ist das letzte Mal, dass sie sich sehen sollen: Kurz nach Tariks Abreise wird Leilas Elternhaus von einer Granate getroffen. Leilas Eltern kommen beide ums Leben, Leila überlebt durch Zufall, da sie gerade vor die Tür gegangen war. Sie ist verletzt und steht unter Schock – so wird sie von ihren Nachbarn aufgenommen und gesund gepflegt. Da sie auf Dauer nicht als Fremde, d.h. Nicht-Verwandte, dort leben kann, nimmt sie Raschids Angebot an, seine Zweitfrau zu werden – auch und vor allem mit dem Wissen, dass sie von Tarik schwanger ist.

Kurz darauf kommt ein alter Mann mit weiteren schrecklichen Neuigkeiten: Tarik sei durch einen Luftangriff auf der Flucht schwer verwundet worden und bald darauf gestorben. Er hätte sich im Krankenhaus bis zuletzt nach ihr erkundigt und so habe sich der alte Mann, der ihn dort getroffen hatte, zu Leila durchgefragt. Diese ist geschockt, hat sie nun schließlich niemanden mehr, ihr altes Leben ist vorbei und sie muss sich in ihr neues, trostloses Schicksal fügen. Zwischen ihr und Mariam entwickelt sich erst allmählich und erst nach einer längeren Phase der Konkurrenz und Feindschaft eine feste Freundschaft. Schließlich verbindet sie beide eine Komplizenschaft gegen den brutalen Raschid, für den auch Leila bald nicht mehr gut genug ist – erst recht, als sie als erstes Kind „nur“ eine Tochter und keinen Sohn zur Welt bringt.

Als die Taliban an die Macht kommen, wird die Lage für sie als Frauen noch viel schlimmer. Doch gemeinsam schaffen sich Leila und Mariam kleine Freiheiten und entwickeln letztlich eine Kraft, ihr Leben zumindest ansatzweise selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn man mal über die oft recht schwarz-weiß gezeichneten Charaktere hinwegblickt, dann kann man letztlich nur sagen, dass Hosseini sein Handwerk durchaus beherrscht. Er weiß es anzustellen, dass einen die Geschichte nicht loslässt, dass man noch ein Kapitel liest… und noch eins. Und dass man nicht aufhören kann, ehe man das Buch zu Ende gelesen hat.

Nichtsdestotrotz ist die Lektüre natürlich harter Tobak durch die Beschreibungen der Erniedrigungen und Gewalt, die Frauen insbesondere (aber nicht nur) zu Zeiten der Taliban erleiden mussten. Man finde mir einen Leser, der Raschid auch nur einen winzigen positiven Charakterzug abgewinnen kann.

Letztlich endet die Geschichte tröstlich und versöhnlich – auch wenn es nicht unbedingt ein Happy End gibt (jedenfalls nicht im klassischen Sinne). Wie vielen Tausenden vor mir hat mir dieses Buch wirklich gut gefallen. Könnt ihr ruhig auch mal lesen, so ihr es nicht schon längst getan habt. 😉

ISBN: 978-3833305894
384 Seiten
Originaltitel: A Thousand Splendid Suns
bloomsbury Taschenbuch
€10,99

Fegefeuer – Sofi Oksanen

24. September 2012 § 3 Kommentare

Wir schreiben das Jahr 1992, also die Wendezeit im Ostblock. Aliide, eine alte Frau, lebt alleine auf ihrem Hof in West-Estland, als sie eines Tages eine junge Frau halb bewusstlos in ihrem Garten findet. Sie kann ihr nur mühsam Informationen entlocken: Zara heißt sie und ist vor ihrem Mann weggelaufen. Sie scheint große Angst vor ihm zu haben. Aliide wundert sich über die westliche Kleidung des Mädchens, über ihren seltsamen Akzent, sie ist misstrauisch und nimmt Zara eher zögerlich auf.

Zara dagegen hat ein schlimmes Schicksal hinter sich: Mit falschen Versprechungen wurde sie, wie viele Mädchen, aus ihrer Heimatstadt Wladiwostok nach Deutschland gelockt, wo sie zur Prostitution gezwungen wurde, ehe sie endlich fliehen konnte. Sie ist nicht zufällig auf Aliides Hof gekommen: Sie vermutet, dass Aliide die Schwester ihrer Großmutter ist. Und irgendwas scheint zwischen den Geschwistern vorgefallen zu sein, denn Kontakt bestand schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und in Rückblenden erfahren wir auch, warum:

Als Aliide eines Sonntags nach der Kirche Hans das erste Mal sah, war es für sie Liebe auf den ersten Blick. Doch Hans hatte nur Augen für ihre hübsche, kluge Schwester Ingel, der sowieso schon immer alles gelang. Und so heiraten sie und bekommen eine Tochter, Linda. Die unverheiratete Aliide muss weiterhin bei dem Paar im Haus wohnen – für sie die reinste Qual, den immer wünscht sie sich Aufmerksamkeit oder einen kurzen Blick für Hans; der aber spart seine Blicke für Ingel auf. Doch als für Hans, den estnischen Nationalisten, während der sowjetischen Okkupation gefährlicher wird, sieht Aliide die Gelegenheit, ihm zu helfen und ihn möglicherweise doch noch für sich zu gewinnen.

Damit wäre der Grundstein für die fatalen Wendungen dieser Geschichte bereits gelegt. Und in den politischen Wirren der 1930er und 1940er Jahre sind einige wenige unbedachte Worte oder wissentlich falsche Denunziationen Grund genug, einen Menschen für Jahre nach Sibirien zu schicken.

Dabei bleibt lange in der Schwebe, was genau passiert ist. Erst gegen Ende kann man sich zusammenreimen, was Aliide tatsächlich getan hat. Doch eigentlich geht es in dem Buch um mehr: Um die Hilflosigkeit der Einzelnen gegenüber staatlicher Gewalt. Um Hass und Schuld. Und darum, wie schwer es manchmal sein kann, das richtige Urteil zu fällen und immer den richtigen Weg einzuschlagen.

Ich tat mir schwer, Aliide tatsächlich für ihre Taten zu verurteilen oder zu hassen. Irgendwie tat sie mir eher ein wenig Leid: Sie, die immer wieder zu kurz kommt und es nicht schafft, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ich bin mir aber bewusst, dass sie selbst auch Schuld auf sich geladen hat; sie hätte die Möglichkeit gehabt, einigermaßen integer zu bleiben. Insofern hat sie ihre Wahl getroffen und muss mit ihrer Schuld leben.

Neben dieser sehr spannenden Geschichte muss man unbedingt die tolle Sprache Oksanens erwähnen. Die Bilder, die sie findet, haben mir wirklich gut gefallen, so dass ich mir fest vorgenommen habe, mehr von ihr zu lesen. „Fegefeuer“ ist schonmal ein sehr empfehlenswertes Buch.

ISBN: 978-3442742127
400 Seiten
Originaltitel: Puhdistus
btb
€9,90

Nur wenn du mich liebst – Joy Fielding

4. Juli 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Uh, schon wieder so ein Schundroman. Ich sage ja, das liegt nur an der Hitze… 🙂

Es gibt ja dieses berüchtigte Literaturgenre namens „Starke Frauen“. Ihr wisst Bescheid –  die Protagonistin ist zwar tough in jeder Hinsicht, findet  sich aber trotzdem zu fett und sinkt zum Happy End schmachtend in die Arme von Prinz Charming. Bei diesem Buch läuft das alles ein bisschen anders – alle Protagonistinnen hatten bei der Männerwahl kein so glückliches Händchen und leiden mehr oder weniger unter ihren Partnern. Sie nehmen ihr Leben nicht oder nur sehr zögerlich selbst in die Hand, sind vorwiegend passiv-duldend und des Weiteren zumindest am Rande mit ihrem Gewicht und ihrem Aussehen beschäftigt. Wenigstens ist das Cover nicht noch pink…

Die Story: Vier junge Mütter treffen sich auf einem Spielplatz, und wir erfahren gleich am Anfang des Buches, dass irgendwann später eine von ihnen ermordet werden wird. Nur wer? Ist es Vicki, die toughe Anwältin mit reichem Ehemann (den sie trotzdem gerne mal betrügt)? Barbara, die ehemalige Schönheitskönigin, deren Mann sie für eine Jüngere verlässt? Chris, die unter ihrem gewalttätigen Ehemann leidet, ehe sie es nach langen Jahren schafft, ihn zu verlassen? Oder Susan, die eigentlich glücklich verheiratet ist, aber unter ihrer rebellischen Teenietochter leidet und mit sich hadert, was sie tatsächlich kann, ob sie nochmal studieren soll, ob sie tatsächlich das Zeug zu einer Karriere hat und ob das wirklich das ist, was sie will?

Damit wären schonmal die Hauptdramen vorgezeichnet. Es ist nun nicht einfach, darüber hinaus mehr zu schreiben, ohne zuviel Spannung rauszunehmen. Sagen wir mal so viel: Die zunächst tiefe und innige Freundschaft der vier Frauen wird immer wieder auf die Probe gestellt und es gilt, teilweise immer absurdere Proben zu bestehen. Das Ganze ist halt typische Frauenschicksalsliteratur mit ein bisschen Psychothrill. Doof, wenn man diese Art von Büchern rezensiert, ist nur: Meistens schreibe ich dann ein Fazit à la „Kann man lesen, muss man aber nicht“, was ja auch irgendwie nur so meh ist. Ich verspreche euch: Es kommen auch wieder tiefsinnigere und bessere Zeiten.

ISBN: 978-3442456420 (Taschenbuchausgabe)
478 Seiten
Originaltitel: Grand Avenue
Lizenzausgabe Club Bertelsmann (Taschenbuch: Goldmann)
€9,95

Eunuchen für das Himmelreich – Uta Ranke-Heinemann

25. Juni 2012 § 3 Kommentare

Im Vorfeld des Papstbesuchs in Freiburg im September letzten Jahres hat das Protestbündnis „Freiburg ohne Papst“ eine Reihe von kirchenkritischen Veranstaltungen angeboten – eine davon war ein Vortrag der katholischen Theologin und bekannten Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann. Dort habe ich dann auch dieses Buch erstanden, nachdem mir die Autorin schon während ihres Vortrags sehr sympathisch war.

Kirchenkritik ist ja momenten en vogue, die Austrittszahlen zumindest der katholischen Kirche steigen seit Jahren (nicht erst seit Bekanntwerden verschiedener Missbrauchsskandale), und praktizierende Christen (und damit meine ich nicht die Fraktion, die nur an Weihnachten und zu Ostern den Gottesdienst besucht) findet man immer seltener.

Uta Ranke-Heinemann schwimmt beileibe nicht nur auf dieser Zeitgeist-Welle, im Gegenteil: Sie war die weltweit erste Frau (!), die in katholischer Theologie eine Professur innehatte – und verlor diese, weil sie sich mit der Kirche überwarf (konkret ging es darum, dass sie die Jungfrauengeburt Marias anzweifelte). Also eine (kritische) Frau vom Fach, und das merkt man in diesem Buch auf jeder Seite: Ranke-Heinemann will ergründen, wie sich die katholische Kirche in eine derartige Feindlichkeit gegenüber der menschlichen Sexualität hereinsteigern konnte, die sich zu einer Überhöhung der Keuschheit und einer wie aus der Zeit gefallenen Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit entwickelt hat. Dabei geht sie sehr detailreich vor und gerade am Anfang muss man als Nicht-Theologin hier und da etwas Geduld aufbringen, wenn es um Päpste und Gelehrte ferner Jahrhunderte geht. Aber das ist gar nicht als Kritik gemeint, im Gegenteil: Wer sich für die Thematik interessiert (ansonsten würde man sowas ja auch kaum lesen), findet hier viel Interessantes; oft blieb mir auch einfach die Spucke weg, wie menschen- und frauenfeindlich argumentiert wurde und wie sehr sich die Kirchenväter eigentlich von Jesus entfernten – dieser wird ja, wie Ranke-Heinemann auch betont, durchaus als Frauenfreund beschrieben.

Sowieso nimmt Ranke-Heinemann auch oft die Frauen in den Blick, die ja in der katholischen Kirche nichts zu melden haben. Sie weist sehr oft gesondert darauf hin, was bestimmte Regelungen und Meinungen speziell für Frauen bedeutet haben und immernoch bedeuten (in aller Regel nichts Gutes). Es tut mal ganz gut, das Schwarz auf Weiß zu lesen und auch festzustellen, dass mein eigenes Unbehagen über das Fehlen von Frauen in dieser immernoch wichtigen Institution auch von Fachleuten geteilt wird.

Ranke-Heinemann balanciert ihren sachlichen, faktenreichen Stil gut mit feiner Ironie und vereinzelten eigenen Anekdoten aus. Wenn sie einen Essener Bischof zitiert, der ihr Mitte der 1960er Jahre schrieb: „Ich freue mich, dass Sie als Frau und Mutter noch geistig tätig sind“, muss man erstmal schmunzeln. Dass einem kurz darauf das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man versteht, was für ein Weltbild dahintersteht, dafür kann Ranke-Heinemann ja nichts.

An wen richtet sich nun dieses Buch? Wer bereits kirchenkritisch eingestellt ist, findet hier einiges an Argumentationsstoff, für Praktizierende kann es Gedankenanstoß oder Diskussionsgrundlage sein (wobei ich persönlich fast nur Gläubige kenne, die selbst oft und gerne die Institution Kirche kritisieren). Ich denke, Ranke-Heinemann hatte auch gerade die Zweifelnden im Sinn – sie selbst ist ja trotz allem noch Katholikin (das sagte sie bei dem Vortrag, weil sie dort ebenfalls gefragt wurde, wieso sie denn bei aller Kritik noch nicht ausgetreten sei). Man muss nicht in allem mit ihr übereinstimmen, aber es ist immer gut, sich herausfordern zu lassen, sich vielleicht auch mal an Aussagen zu reiben und auf diese Weise die eigene Position zu prüfen. Und wenn es dann auf so scharfsinnige und oft witzige Weise geschieht wie mit diesem Buch – umso besser!

ISBN: 978-3453165052
592 Seiten
Heyne
€11,99

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